Das superfaule Ei

Spiele mit luftgefüllten, verlängerten Rotationsellipsoiden gibt es so einige: 15er Rugby (Rugby Union), 13er Rugby (Rugby League), 7er Rugby, Australian Football und eben auch American Football. Gestern war wieder einmal Superbowl, das (an der Zuschauerzahl gemessen) größte Einzelsportevent des Planeten. Schätzungsweise 1 Million Zuschauer gab es letzte Nacht allein in Deutschland. Man fragt sich, wieviele dieser Menschen am heutigen Montag nicht arbeiten mussten.

Ich musste heute arbeiten und habe das Super-Spiel mit dem Super-Ei deshalb auch nicht gesehen. Angeschaut habe ich mir aber eine ca. 26 minütige Zusammenfassung auf youtube heute morgen und ich glaube, dass dies die beste und für einen Menschen, der seine Sinne einigermaßen zusammenhat, einzig mögliche Art und Weise ist, den Superbowl anzuschauen. Warum?

  • Beim American Football passiert immer ca. 10 Sekunden enorm viel und dann nichts mehr. Dann passiert wieder für ca. 10 Sekunden etwas. Am Ende des Spielzugs passiert Werbung. Im Grunde genommen ist es eine Dauerwerbesendung mit ein bisschen Football zwischendrin.
  • Selbst wenn im deutschen Webstream keine Werbung läuft, werden die Pausen mit Füllfunk überbrückt, der vor allem daraus besteht, dem Zuschauer zu erklären, wie epochal der letzte Angriffszug gewesen ist.
  • Besagter Angriffszug besteht nur zu einem ganz geringen Teil aus Football, dazwischen sieht man Großaufnahmen vom Corner Back, der sich am Hintern kratzt, oder vom Tight End, der bedeutungsschwanger guckt.
  • Nach ein paar Sekunden Football, flippen entweder die Spieler der einen Mannschaft oder des anderen Teams so gründlich aus, als hätten sie gerade den dritten Hauptsatz der Thermodynamik gefunden, auch wenn nur ein ganz guter Tackle zu sehen war.

Es gibt noch eine ganze Reihe anderer Dinge, die mich am American Football nerven, dazu später mehr. Fans der Sportart werden mir entgegenhalten, dass ich die Raffinesse des Spiels nicht verstehe, das Schach-artige ausgucken der gegnerischen Verteidigung, die überraschende Wendung, die die Defensive-Line aushebelt und so weiter. Kann sein. Kann wirklich sein, dass Football zu subtil für mich ist.

Ich bin ein Rugby-Fan und habe schon öfters hier geschrieben, warum das so ist. Vergleicht man die beiden Sportarten, dann hat Rugby folgende unbestreitbare Vorzüge:

  • Rugbyspieler verstecken sich nicht hinter einer martialischen Ausrüstung. Allenfalls tragen die Protagonisten einen Zahnschutz und beispielsweise die 1.Reihe-Stürmer einen speziellen Kopfschutz, um zu verhindern, dass ihnen beim Gedränge ein Ohr abgerissen wird. Ein Rugby-Spieler würde niemals Strumpfhosen anziehen. Niemals.
  • Man konzentriert sich nicht auf einen bestimmten Spieler, wie den Quarterback beim Football. Sicher gibt es wichtigere Positionen, wie den Gedrängehalb, oder den Verbinder, aber es zählt die Teamleistung und ein extrem guter Innendreiviertel kann durchaus „Mann / Frau des Spiels“ sein. Beim Football wird nie ein Linebacker MVP werden.
  • Es gibt so etwas wie einen Spielfluss. Dadurch kommt es wesentlich mehr auf den konditionellen Zustand der Teams an. Beim Rugby sieht man Kerle wirklich pumpen, beim Football setzt sich die Offensive-Line nach dem Angriffszug am Rand des Spielfelds auch schon mal Sauerstoffmasken auf. Das ist lächerlich.
  • Rugby lebt vom Abwägen der Spielziele „Possession“ vs. „Territory“. Und selbst die alte Weisheit „wer zu viel kickt, verliert“ gilt nicht, wenn die Kicker extrem schnell und gründlich tackeln. Dagegen ist Football furchtbar eindimensional.

Ach noch was: Würde ein durchschnittlich guter Verbinder so schlecht kicken, wie die so genannten Special Teams gestern beim Superbowl, dann würden die Leute pfeifen und nach Hause gehen. Und würden beim Rugby Union die Tackles so lächerlich ritualisiert ablaufen, wie beim Football, würde kein Zuschauer hingehen. Rugby is a ruffian’s game played by gentlemen and American Football is a cream puff game played by wimps. Nuff said.

Note to self: Durchgebissen und oben geblieben. Musik: Car Bomb, Bloodshot Dawn, Daughter, Suffer Me.

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Pauls Dithyrambos

„Na dann, viel Spaß!“ Hatte er das wirklich gerade gesagt? Paul glaubte auf einem schwankenden Schiffsdeck zu laufen. Wabernde Nebel verhängten das Gesichtsfeld. Durch die Tür ins Büro. Ein Umschlag wurde ihm gereicht, jemand sprach mit sonorer Stimme. Paul nickte, zuckte gleichzeitig mit den Schultern. „Sieht bestimmt bescheuert aus“ dachte er sich. Draußen auf der Straße zerriß die halb transparente Membran, die ihn in den letzten Minuten umgeben hatte. Bumm! Realität!

Vor drei Monaten hatte alles angefangen. Die neue Kollegin sollte ihn „angesichts des stark  gestiegenen Arbeitsaufkommens“ entlasten, so hatte der Chef mit ungewohnt jovialem Unterton gesagt. Und Paul hatte innerlich einen Stoßseufzer der Erleichterung getan, denn im letzten Halbjahr hatte er trotz mancher Überstunde kaum das bewältigen können, was seinen Schreibtisch in Form von Aktenstapeln alpiner Größenordnung zu einem Ort des Grauens gemacht hatte.

„Ja super!“ Er schrie es fast heraus, während er Richtung Innenstadt stapfte. Um Abläufe zu vereinheitlichen und zu vereinfachen hatte er ein elektronisches Ablage- und Verarbeitungssystem ersonnen, der Abteilungsleitung vorgestellt, eigenverantwortlich implementiert und angepasst. Sogar am Wochenende hatte er über Skripten und Programmschnipseln gesessen, bis alles zu seiner Zufriedenheit lief. Genau zu diesem Zeitpunkt war sie dann aufgetaucht.

„Was war ich blöd!“ raunte er sich zu. Er dachte an den ersten Händedruck zurück, der sich angefühlt hatte, als hätte er in einen lauwarm-feuchten Putzfeudel gepackt. Genau so enttäuschend waren die ersten Wochen der Zusammenarbeit gewesen. Sie war mittelschlau, mäßig begeisterungsfähig und hatte generell etwas Baumstumpfhaftes. Meistens jedenfalls. Paul war in sich gegangen und hatte sich entschieden, das positiv aufzunehmen. Extrovertierte Fröhlichkeit und ausgeprägte Beredsamkeit hätte er weniger gut ertragen. Und dass die Finessen der elektronischen Datenverarbeitung nicht gerade orgiastische Stürme hervorriefen, konnte er auch irgendwie nachvollziehen.

Denn sie war verdammt jung und offenbar verdammt gut vernetzt. Jedenfalls machte ihr Mobiltelefon ständig Lärm, der Kommunikationsvorgänge signalisierte. Mit der Zeit lernte Paul die Töne zu unterscheiden: Eine WhatsApp von ihrem Freund machte „Olala“, eine Mail von ihrer Mutter ein Bellen, eine Nachricht von der besten Freundin einen spitzen Schrei. Und sobald die nächste Frühstücks- oder Mittagspause begonnen hatte, wurde das Mobifon zur Beantwortung gezückt. Dann klimperte sie mit den viel zu langen, vielfarbigen Nägeln auf dem Display herum und machte dabei Geräusche, die Paul einfach unerträglich fand. Ganz entgegen seiner Gewohnheit hatte er deshalb begonnen, in den Pausen die Kantine aufzusuchen, was die Kollegen zunächst überrascht und dann mit wissendem Grinsen zur Kenntnis genommen hatten.

„Du bist ein Schwachkopf“ ließ er sich wissen. Er hatte sich um äußerste Professionalität bemüht und sie mit einer Engelsgeduld eingearbeitet, die ihn selbst überraschte. Außerdem beruhigte ihn ungemein, dass die Zusammenarbeit frei von jeglicher sexualisierter Spannung war. Beide waren nicht interessiert. Er war zu alt und viel zu zynisch. Sie war zu jung und viel zu bräsig. Und siehe da: Die Höhe der Aktenberge verringerte sich in gleichem Maße, wie die Datenbank an Umfang zunahm. Das Ablagesystem bewährte sich bis auf Kleinigkeiten und die Abteilungen, denen sie zuarbeiteten, waren des Lobes voll.

„Na klar!“ brüllte Paul und erschreckte ein paar Passanten. Im Laufe der Zeit stellte sich nämlich heraus, dass die Kollegin nicht nur außerhalb des Betriebes gut vernetzt war. Auf den Fluren konnte man sie mit den höheren Chargen die Köpfe zusammen stecken sehen und „der schnelle Becker“ aus der Buchhaltung ließ sich zwischen zwei Bissen vom Käsebrötchen vernehmen, er habe gehört, sie sei die Großnichte von einem ganz hohen Tier. „Was solls“ hatte Paul sich gedacht „kann sie ja auch nichts für.“

Und heute morgen war sie dann sehr viel später und sehr viel lebhafter als sonst im Büro erschienen. Regelrecht aufgekratzt hatte sie auf ihr Handy eingetrommelt und gerade als Paul sich nach dem Grund für die gute Laune erkundigen wollte, hatte der Abteilungsleiter in der Türe gestanden. Er sprach von beachtlichen Leistungen, von frischem Wind. Dann änderte sich sein Ton, jetzt ging es um unausweichliche Veränderungen, neue Herausforderungen, denen man sich stellen müsse und Kapiteln in Büchern, die das Leben zu schreiben pflege. Paul verstand immer noch nicht. Der Chef hatte die Klinke schon in Hand, zu Paul gewandt sagte er: „Sie wollen sich sicher in Ruhe verabschieden. Und dann kommen Sie wegen Ihrer Papiere zu mir ins Büro, ja?“

„Verdammter Wichser!“ Paul war angekommen. Er stieß die Türe auf. „Hallo Karlchen“ sagte er leise. Charlotte sagte nichts. Sie legte das Spültuch weg, wischte sich die Hände an der Schürze trocken und stellte die Flasche und das Glas vor ihn auf die Theke. Und dann drückte sie kurz seinen Arm, der im Begriff war, sich einzuschenken.

Hasenpfade ins Gebirge

Anfang der Woche hatte ich dann die Faxen dicke. Der Anbieter von „Dropbox“ informierte mich, dass mein Betriebssystem nicht mehr unterstützt würde. Das wiederum gab mir endlich den Tritt in den Hintern, den es schon lange gebraucht hätte: Es war an der Zeit den Berglöwen, also MacOS 10.8, endlich zu verabschieden und ins Bergland aufzubrechen. Seit Jahren hatte ich mit veralteten Browsern rumhantiert, auf praktische Programme verzichtet und mit Darstellungsfehlern in anderen Applikationen gehadert, immer getreu dem Motto erfahrener IT-Supporter „Never touch a running system“.

Wieso habe ich nicht früher aktualisiert? Einerseits aus prinzipiellen Gründen. Ich sehe Apples Strategie bei der Einführung frischer Systemsoftware, die mehr oder weniger im Jahresabstand erfolgt, äußerst kritisch. Immer dann, wenn die gröbsten Fehler des Betriebsystems beseitigt sind, wird bereits das nächste avisiert, das dann natürlich als fehlerstrotzende Frühgeburt daherkommt. Die Unterstützung älterer Systemversionen durch die Softwareentwickler orientiert sich an diesem fatalen Zyklus, so dass aktuelle Programmversionen beispielsweise unter Windows 7 ohne Probleme installiert werden können, nicht aber auf einem Mac OS, das deutlich jünger als das Produkt aus Redmond ist. Ein großer Ärger.

Zwotens handelt es sich bei meinem Hauptrechner um einen Hackintosh. Folglich erfordert eine Aktualisierung gründliche Recherche, das Entwickeln eines Schlachtplans und gute Nerven, wenn besagter Schlachtplan sich als Sackgasse erweist, was die Regel ist. Im Falle von „Moses“ war der Umstieg vom klassischen BIOS auf UEFI und der Einsatz des neuen Bootloaders „Clover“, der die Legacy-Loader wie „Chimera“ in der Hackintosh-Szene abgelöst hat, erforderlich. Jede Menge lesen, verstehen, ausprobieren. Nicht so schön.

Drittens gilt immer noch das Sprichwort, wonach der Schuster die schlechtesten Schuhe hat: Ich löse den ganzen Tag irgendwelche Computerprobleme für meine Kunden. Wenn ich abends nach Hause komme, will ich meinen Privatrechner einschalten, damit fernsehen oder Musik hören und mich dabei auf einen problemlosen Betrieb und gewohnte Abläufe freuen. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich nie im Leben auf Windows umsteigen würde. Das verwende ich auf meinem Service-Laptop, OK. Windows 7 ist auch sicherlich inzwischen ein prima Betriebssystem (von Windows 10 schweige ich mal lieber), aber es riecht immer nach Arbeit und der nächste Ärger lauert stets hinter der nächsten Ecke. Also Ärger wollte ich nicht, bequem wollte ich es haben.

Als ich mich zum Update entschloss und den Boliden auf den Arbeitstisch gewuchtet hatte, baute ich erstmal ein Laptop auf meinem Wohnzimmer-Schreibtisch auf, schloss meine Eingabegeräte, Lautsprecher und Monitore an, um es während des Umstiegs möglichst kuschelig zu haben. Zu Anfang meiner Hackintosh-Zeit war ein Problem, dass ich beim Rumfummeln meistens keinen funktionierenden Rechner zur Verfügung hatte, um zwischendurch auch mal zu entspannen. Entsprechend legte ich Nachtschichten ein und war oft genug wirklich mächtig genervt. Diesmal wollte ich es mit Ruhe angehen und trotzdem eine funktionale Umgebung für Business und Bespaßung zur Verfügung haben.

Mit Glück fand ich einen Installationsbericht von einem User, der exakt meine Hardware verwendete, abgesehen davon dass er eine Nvidia eingebaut hatte und ich eine AMD-Grafikkarte. Dem maß ich keine große Bedeutung zu und las mit Freuden, dass er die Angelegenheit als „straight forward“ beschrieb und seinen Report mit „a cakewalk“ abschloss. Beschwingt machte ich mich ans Werk.

Am Abend des ersten Tages klappte dann irgendwann der Start vom Installationsmedium.

Am zweiten Tag konnte die frische Installation meine Grafikhardware nicht initialisieren.

Am dritten Tag brachte mich der Clover-Configurator fast zum Schreien.

Am vierten Tag entdeckte ich, dass auf der frisch partitionierten (!) SSD irgendwie Reste der alten Installation überlebt hatten (keine Ahnung, mir unbegreiflich) unter anderem auch ein gammeliger Grafikkartentreiber (Aha!).

Am fünften Tag formatierte ich gründlich, installierte nochmals, passte die Treiber an, richtete das OS ein und spielte meine Benutzerdaten zurück. Das ganze dauerte nicht mal 2,5 Stunden und war wirklich bamperl simpel.

So, jetzt rennt die Kiste. Und jetzt will ich wieder ein paar Jahre Ruhe haben und mit dem Rechner arbeiten und nicht an ihm. So, wie es sich auf einem Macintosh gehört.

Note to self: Et hätt noch immer joot jejange. Musik: Blues Pills, Beth Hart, Chiro, Morbid Angel, Thantifaxath.

Tschö dann, Genossen

Das Sondierungspapier! Was soll man dazu sagen? Waren die Sozen nicht extrem kämpferisch in die Verhandlungen gegangen, mit Äußerungen, die ein Scheitern sehr viel wahrscheinlicher machten, als die Einigung? So jedenfalls habe ich Bätschi-Nahles und den großen Würselner verstanden. Und das machte Hoffnung, insbesondere auch gerade Ankündigungen, sich für mehr Gerechtigkeit bei Einkommens- und Erbschaftssteuer, für eine tiefgreifende Reform der Krankenversicherung und für ein Einwanderungsgesetz einsetzen zu wollen. Man wollte den Kurs der bisherigen GroKo keinesfalls fortsetzen, weil man ihn zu recht für abgewählt hielt.

Das Verhandlungsergebnis spricht eine ganz andere Sprache. Es ist ein Dokument der Mutlosigkeit und des „weiter so“. Nun war die SPD ja immer schon sehr viel mehr eine Partei der Staatsräson, als viele im linken Lager wahrhaben wollen. Der Bundespräsident hat das gewusst, die europäischen Kollegen haben es gehofft und die Bundeskanzlerin, das politischste aller „political animals“, hatte es im Urin. Von einer Partei, deren Basis vor ein paar Jahren lieber für eine Juniorpartnerschaft als Wurmfortsatz der Union als für die Chefposition in einem Rot-Rot-Grünen Fortschrittsprojekt votierte, konnte man wohl auch nichts anderes erwarten. Hoffen durfte man trotzdem.

Schauen wir uns ein paar Kernpunkte der vorliegenden Vereinbarung im Detail an:

  • Die größte Enttäuschung ist der Stillstand bei der Steuerpolitik: Kalte Progression und die unzureichende Besteuerung von Kapitalerträgen gehören zu den größten Ärgernissen, die seit Jahrzehnten beklagt werden. Ändern wird sich daran nichts. Grauenhaft.
  • Eine Umwidmung des Solidaritätszuschlags, die keine geographische Lage, sondern die kommunale Bedürftigkeit adressiert, hat ebenfalls nicht stattgefunden. Hat man befürchtet, dass andernfalls der Osten endgültig in nationalistische Gefilde abdriftet?
  • Die paritätische Finanzierung der Krankenversicherung und die winzige Verringerung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung sind soziale Feigenblätter, die keine durchschlagende Abkehr vom neoliberalen Irrweg darstellen.
  • Der klima- und energiepolitische Offenbarungseid verhindert wichtige Weichenstellungen und das vor dem Hintergrund einer boomenden Volkswirtschaft. Einen besseren Zeitpunkt für mutige Entscheidungen in diesem Bereich hat es noch nie gegeben.
  • Schulz hatte im Vorfeld Aspekte des europäischen Einigungsprozesses in den Mittelpunkt gestellt. Zur längst überfälligen Verständigung über außen- und verteidigungspolitische Leitlinien, die sich in neu zu schaffenden Institutionen und Organisationsstrukturen niederschlagen muss, lesen wir nichts. Eine Schande!

Zwei Punkte sollte man ein bisschen ausführlicher diskutieren. Erst mal zur Migrationspolitik, die für viele Mitbürger zurzeit ja offenbar die alles entscheidende politische Frage darstellt. Dabei geht es doch nicht um Zahlen! Ob jetzt 220.000 oder nur die Hälfte kommt, ist im Grunde eigentlich egal. Am rechten Rand ist jeder Einwanderer einer zu viel, es sei denn, es handelt sich dabei um Norweger. Gebraucht hätte es Grundsatzentscheidungen, die Deutschlands Rolle als Einwanderungsland Rechnung tragen. Weiterhin wäre ein mutiges Bekenntnis angebracht gewesen, das völlige Versagen der Europäischen Union in diesem Bereich angehen zu wollen. Schließlich vermisse ich eine Strategie, Asylverfahren zu beschleunigen und dabei Fälle mit und ohne Bleibeperspektive deutlicher zu unterscheiden.

Und dann die Quote für Führungspositionen im öffentlichen Dienst: De facto ist es so, dass sich Männer bis 2025 auf solche Stellen nicht mehr zu bewerben brauchen, sie werden keine Chance auf Einstellung und Beförderung haben. Ob Frauen bei der Besetzung dieser Positionen in der Vergangenheit gezielt übergangen wurden, darüber kann man diskutieren. Dass aber nun Männer aufgrund ihres Geschlechts systematisch benachteiligt werden, ist eine Tatsache. Diese Regelung ist ebenso verfassungswidrig wie etwa das Landesgleichstellungsgesetz. Ich weiß, solche Äußerungen sind gerade nicht opportun. Dazu schweigen werde ich trotzdem nicht.

Note to self: Mohammed al Saud und das Polystyrol-Bruchstück. Ich habe Kaffee gespien. Musik: All Them Witches, Car Bomb, Daughter, Heidevolk.

Knick im Chip

Holla, das ist mal eine Nachricht: So ungefähr alle derzeit gebräuchlichen Prozessoren für Computer, Mobiltelefone und Tablets haben zwei Hardware-Sicherheitslücken, die Angreifer nutzen können, um Informationen von fremden Rechnern zu stehlen. „Meltdown“ und „Spectre“ heißen die beiden Szenarien, die sowohl alle gängigen Intel-Core-CPUs, als auch Handy-Rechenwerke betreffen, die auf der ARM-Architektur beruhen. Die Leute von AMD (dem einzigen ernsthaften Konkurrenten von Intel) behaupten zwar, ihre Produkte seien nicht betroffen, aber da möchte ich mal leise Zweifel anmelden (Denn an den entscheidenden Stellen unterscheidet sich ein Ryzen wenig von einem i5).

Die Lücken sind seit Monaten bekannt und an ihrer Behebung wird intensiv gearbeitet. Apple und die Linux-Leute haben bereits Updates veröffentlicht, Microsoft wird bald nachziehen. Allerdings sitzt der Fehler in der Hardware, bzw. im Microcode der CPU (also ihrer Firmware). Beides ist nicht veränderbar. Wenn man sich anschaut, wie langfristig die CPU-Entwicklung angelegt ist (Intels Roadmap schaut zB. immer ein paar Jahre in die Zukunft), dann kann man sich vorstellen, dass das Problem uns noch ziemlich lange beschäftigen wird. Zum technischen Hintergrund wurden inzwischen einige Artikel veröffentlicht, die die Angelegenheit auch für weniger Interessierte verständlich machen.

Interessanter als die technischen Aspekte, sind die gesellschaftlichen Auswirkungen des Debakels:

  • Wenn mich Kunden fragen, wie sie wirklich wichtige Informationen wirklich lange und wirklich sicher aufbewahren sollen, dann empfehle ich immer das Duo „toter Baum“ und Kugelschreiber. Machen die wenigsten, könnte aber wieder Mode werden.
  • Ein Sturm auf die Recyclinghöfe ist erwarten, denn die letzten Prozessoren ohne das Problem heißen Pentium (Windows) und PPC G5 (Mac) und die finden sich wirklich nur noch in uralt Möhren.
  • Wenn man Onlinebanking, sehr private Fotografie, Filmerei und Recherche, Einkäufe und Aktienhandel vernünftigerweise nicht mehr auf dem Smartphone macht, kann man dann nicht gleich seinen alten Nokia-Knochen reaktivieren?
  • Ist das berühmte Wort von Pierre-Joseph Proudhon, wonach Eigentum Diebstahl sei,  tauglich als allumfassendes Narrativ unserer Epoche, wenn auch genau anders herum, als vom Urheber gemeint? Deine Daten sind nicht deine Daten…

Wahrscheinlich werden die wenigsten unter uns irgendetwas ändern. Dazu sind die Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung einfach zu verlockend und wir von ihnen zu abhängig. Aber tatsächlich sollten wir überlegen, ob solche Dinge wie Bargeld, Eigentumsnachweise auf Papier oder Autofahrer aus Fleisch und Blut vielleicht erst mal besser nicht abgeschafft werden sollten.

Note to self: Die Kabelkiste! Jetzt! Musik: Poems For Laila, Enslaved, All Them Witches, The Pierces, Photek.

Vorsätze

Es ist nicht so, dass ich Ende des gerade vergangenen Jahres nichts zu schreiben gehabt hätte. Eigentlich im Gegenteil. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass durch das schriftliche Wiederkäuen von Dingen, die einen wirklich (!) aufregen nicht gerade ein Beitrag in Richtung Abstand, Seelenfrieden und Selbstzufriedenheit erreichbar gewesen wäre. Erfreuliches und Anregendes gab es nicht zu vermeldet, also habe ich mal eine Blogpause eingelegt. Die Welt hat sich weiter gedreht. Inzwischen sind ein Urlaub, viel zu viel Arbeit, ein Weihnachtsfest, ein Jahreswechsel und noch so manch anderes über die Bühne gegangen. Die dringend benötigten Kurzferien zwischen den Jahren enden heute Abend. Zeit also, auf die digitale Bühne zurückzukehren.

Meine guten Vorsätze für das neue Jahr? So, wie bei allen Anderen auch: Gesünder und bewusster leben, abnehmen, weniger Zeit vor Bildschirmen verbringen, sich weniger ärgern. Allerdings habe ich dieser Tage einen Artikel gelesen, in dem von Psychologen dargelegt wurde, dass das mit den guten Vorsätzen grundsätzlich nicht klappen kann und warum wir es trotzdem immer wieder versuchen wollen. Es ist kein Wunder, dass Albert Camus einst geschrieben hat, dass wir uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen müssen. Entsprechend habe ich in den knapp zwei Tagen seit dem „Rutsch“ weiterhin geraucht, genascht, Bier getrunken, ständig am Computer gehockt und nebenbei noch ferngesehen. Und mächtig geärgert habe ich mich auch schon, verrate aber nicht worüber. Also alles in Ordnung.

Normalerweise veröffentliche ich am Ende eines jeden Jahres eine Top 10 der Alben, die mich besonders beglückt haben. Auch darauf muss die geschätzte Leserschaft diesmal verzichten. Zwar gab es einige sehr schöne neue Scheiben (z.B.: von Converge, Thantifaxath, Hexis, Krallice, The Faceless), allerdings bin ich inzwischen zu der Erkenntnis gelangt, dass meine musikalischen Vorlieben so verschroben sind, dass außer mir keiner etwas von einer solchen Zusammenstellung hätte. Also werde ich demnächst wahrscheinlich nur dann auf exzellente neue Musik aufmerksam machen, wenn mich eine Platte sozusagen ganz und gar gepackt hat und ich nicht anders kann.

Note to self: Bis ins Mark. Musik: Beady Belle, At The Drive-In, B-Thong, Arctic Monkeys.