The world’s greatest motor race

Tut mir leid, schon wieder ein Beitrag über Autorennen. Gestern und heute fand die 85. Ausgabe der 24 Stunden von Le Mans statt und die hatte es in sich. Mal kurz zur Einordnung: Was für Autos fahren da? Es gibt zwei Prototypen-Klassen: In der LMP1-Kategorie fahren im wesentlichen Benzin-Hybrid-Autos, die im kombinierten Verbrennungs/Elektrobetrieb eine Leistung von bis zu 1000PS entwickeln. Der Einsatz dieser Fahrzeuge durch die Werke (diesmal nur Porsche und Toyota) kostet die Hersteller mehrere Hundert Millionen Euro pro Saison. In der LMP2-Klasse fahren weitgehend standardisierte Fahrzeuge: Alle mit dem gleichen Motor, alle mit den gleichen Reifen, alle mit der gleichen Elektronik. Die Fahrzeuge selber kommen von vier Herstellern und kosten pro Stück ca. 1,5 Millionen Euro ohne Motor. Der Antrieb ist ein V8-Saugmotor mit ca. 600PS, stammt vom Amerikanischen Hersteller Gibson und wird an die Teams verliehen. Die Miete beträgt ca. 1300€. Pro Betriebsstunde. Außerdem fahren GTs, die annähernd der alten GT2-Konfiguration entsprechen. Diese Autos von Porsche, Ferrari, Aston Martin, Chrysler und Chevrolet kann man also eigentlich auch als Normalmensch kaufen, wenn man mehrere Hunderttausend Euro auf den Tisch legt.

Da Audi nicht mehr in Le Mans am Start ist, wusste ich wirklich nicht, wem ich die Daumen drücken sollte. Aber nach dem äußerst unglücklichen Verlauf der letztjährigen Veranstaltung, als Toyota ein paar Minuten vor Schluss in führender Position mit technischem Defekt liegenblieb, hätte ich den Japanern den Sieg durchaus gegönnt. Und zunächst sah es auch gut aus: Die Nummer 7 setzte sich ab und spulte Runde um Runde ab. Dagegen hatte Porsche schon nach wenigen Stunden mit einer defekten E-Maschine am Wagen Nummer 2 zu tun und musste knapp 1,5 Stunden reparieren. Man lag 20 Runden zurück. Der andere Wagen konnte die Pace der Japaner nicht mitgehen. Also war die Sache eigentlich gelaufen.

Die Nacht in Le Mans stellte dann die Verhältnisse auf den Kopf: Zwei Toyota schieden innerhalb von 30 Minuten aus (Kollision/Defekt). Das dritte Auto hatte ebenfalls Schaden am Hybridsystem. Plötzlich lag Porsche mit der Nummer 1 unangefochten an der Spitze. Die aussichtslos zurückliegende Nummer 2 kämpfte sich Platz um Platz Richtung Spitze vor, hatte aber im frühen Morgen immer noch 18 Runden Rückstand auf das Schwesterauto und 16 Runden Rückstand auf Platz 2. Im Ergebnis sah es so aus, dass zwei Fahrzeuge aus der LMP2-Klasse Chancen auf das Gesamtpodium hatten. Das hatte es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben: Standardisierte „Billig-Autos“ sind ausdauernder und stabiler als die Multimillionen-Euro-Kisten. In den Garagen von Toyota herrschte grenzenlose Niedergeschlagenheit.

Noch 3,5 Stunden zu fahren: Der Porsche Nummer 1 führt mit 11 Runden im Grunde uneinholbar vor den beiden Oreca/Gibsons. Dann versagt sein Benzinmotor und die Batterieleistung reicht nicht zur Rückkehr in die Box. Porsche Nummer 2 liegt immer noch 6 Runden hinter der Spitze, macht aber pro Runde ca. 12 Sekunden gut. Es könnte tatsächlich sein, dass ein LMP2-Auto das Rennen gewinnt, das wäre schier unglaublich. Alle rechnen hoch, wie es ausgehen könnte, die Kommentatoren sind völlig aus dem Häuschen. Knapp eine Stunde vor Rennende überholt Zuffenhausen den schwächeren Gegner und das Auto hält bis zum Schluss. Porsche gewinnt das beste Rennen der Welt mit einem Wagen, der knapp 90 Minuten repariert werden musste. Unfassbar!

„You cannot win Le Mans. Le Mans lets you win.“
(Jacky Ickx)

Note to self: Sektor zwei fertig. Lass Blumen sprechen. Musik: keine.

Pauls Klimakterium

„Weißt du, manchmal fühle ich mich schon ganz schön ausgebrannt.“ Niedergeschlagenheit schwang in Sebastians Stimme mit, das war ganz und gar untypisch für ihn. Man hatte sich für den Samstagnachmittag im Park verabredet. Sebastian brachte Leon, seinen sechsjährigen Sohn, und Knolle, einen alternden Dobermann mit, Paul eine Kühltasche voll Bier. „So gegen drei?“ hatte es am Telefon geheißen. „Passt mir gut. Rieke geht mit den Zwillingen schwimmen.“ Um kurz vor vier rückte das Trio dann an. Paul hatte gerade überlegt, in den Schatten zu flüchten. Seine Unterarme zeigten bereits eine leichte Rötung.

„Sorry Mann, der Rasenmäher hat gestreikt.“ rief Sebastian auf eine Entfernung von 50 Meter zur angestammten Bank. Er zerrte Leon (dicklich, blass, bescheuerter Sonnenhut) an der einen und Knolle (tapsig, hechelnd, fast blind) an der anderen Hand hinter sich her. „Puh angekommen!“ Er ließ sich auf das Parkmöbel fallen, um gleich darauf wieder aufzuspringen. „Leon warte, ich schmiere dich ein.“ Das tat er, während sein Sohn bereits sein Tablet ausgepackt und sich in ein Spiel vertieft hatte. Seinen Vater schien er gar nicht wahrzunehmen. Derweil drehte der orientierungslose Hund Kreise um sein Herrchen und wickelte dabei die Leine um Sebastians drahtige gebräunte Waden.

Wortlos reichte Paul eine Flasche rüber, die fast aus den sonnencremigen Händen seines Freundes geglitten wäre. Mit einer katzengleichen Bewegung verhinderte er das Missgeschick. Das war typisch Sebastian: Alles an ihm war federnd, quecksilbrig, stets zum Sprung bereit. Man stieß an und nahm einen guten Schluck. „Mensch, schön dass es mal wieder geklappt hat!“ Paul nickte nur, während Sebastian schon fortfuhr:

„Seit Rieke wieder arbeiten geht, komme ich zu nix mehr. Gestern Elternabend, vorgestern mit Leon zum Logopäden, nächste Woche kommen meine Eltern für ein paar Tage aus Hamburg, die haben es gerne ordentlich, weißt du.“ Er knuffte Paul kameradschaftlich in die Seite. Ein bisschen zu feste. „Und die Mädchen kommen jetzt in ein schwieriges Alter, geht los mit den Jungs, Klamotten sind ein Riesenthema, die ständigen Eifersüchteleien… …das schlaucht, sag ich dir.“ Diesmal traf er Pauls Schulter, noch ein bisschen fester. „Leon, lass den Hut auf, sonst wirst du rammdösig!“ („Noch rammdösiger?“ dachte sich Paul) Leon ließ ein leises Zischen hören und setzte den Deckel wieder auf.

Eine junge, äußerst attraktive Mulattin mit krausem Schopf schlenderte in sehr kurzen Hosen aufreizend lässig an der Bank vorbei. Sebastian schwieg plötzlich, Paul hatte genug damit zu tun, ihr nicht auf den Hintern zu starren. Sein Kumpel tat das, ganz ungeniert. Und dann kam der Satz:

„Weißt du, manchmal fühle ich mich schon ganz schön ausgebrannt.“ Er nahm ein weiteres Bier entgegen. „Ich meine, du hast es gut: Keine familiären Verpflichtungen, kein Haus, keinen Garten.“ („Und kein ehelicher Beischlaf“ ergänzte Paul im Stillen. Früher war Friederike eine absolute Wucht gewesen, inzwischen war sie eher eine Wuchtbrumme.) „Nach der Arbeit kannst du doch tun, was du willst. Jetzt mal unter Freunden, ich finde, du machst da zu wenig draus. Platz Knöllchen!“ Der Hund hatte einen gut getrimmten Pudel erschnüffelt, der gerade einen enormen Haufen in das benachbarte Beet geschissen hatte, vom Besitzer keine Spur. Knolle ließ sich wieder nieder, die Schnauze sank auf den Kies. „Ein guter Kerl, dieser Hund“ dachte sich Paul. Er räusperte sich, um Sebastian mit den Schattenseiten zu konfrontieren, die das Leben als alternder Single eben auch mit sich brachte, aber der ließ keine Lücke:

„Wenn ich mir schon deinen Wagen angucke und deine Bude! Und deine Klamotten. Alter, du lässt dich gehen. Weißt du, es gibt genügend Frauen, die auf den gemütlichen Typ stehen, aber man muss auch ein bisschen was dafür tun. Kochen können und sich für Weltmusik interessieren reicht da nicht.“ Und noch bevor Paul anmerken konnte, dass er in der letzten Zeit eher die Folgen des langsam aber sicher absinkenden Testosteron-Spiegels in sich und an sich beobachtet hatte und deshalb andere Probleme vordringlicher waren, ging es weiter: „Kennst du eigentlich die Gundula, die mit Rieke zusammen studiert hat? Redet zwar nicht viel („Wie das wohl kommt“ grummelte Paul innerlich) aber hat ein gutes Herz. Eine Frau zum Pferdestehlen. Die kommt übrigens zur Grillparty Ende Juli. Du bist doch auch dabei, oder?“ Der verschwörerische Unterton nervte Paul, er räusperte sich wieder.

„Ach Mensch, schon fast sechs. Wir müssen los. Die Zwillinge haben sich Lasagne gewünscht (ein heftiger Stoß in Pauls Bauch). Wenigstens ein Gericht, das ich kann“ Darüber konnte man geteilter Meinung sein. Paul hatte bei der letzten Verköstigung zum Glück ein Stück der hartgummiartigen Zumutung in einem Blumentopf verschwinden lassen können.

„OK Sepp, übernächsten Dienstag bei Timo zum Skat?“

„Nee Mist, klappt nicht, Leon hat Dienstags jetzt immer Posaunenchor, was Großer?“

Leon zischte etwas, das wie „Alles Blech!“ klang und dann waren sie weg. Paul machte sich noch eins auf. Dann noch eins. Die Dämmerung senkte sich über den Park, die Wiese leerte sich. Er blieb sitzen. Die Laternen gingen an. Er blieb sitzen. Die Ratten kamen raus.

Fäule im Metallkern

Metal und Hardcore? Es gab Zeiten, da hörten die Einen das Eine und verachteten das Andere. Und umgekehrt. Metal war für ältere Damen und Herren mit Bauch und Matte, die gerne Bier tranken und bei Konzerten „Slayer“ riefen (auch wenn Slayer gar nicht spielten, ein Klassiker). Thematisch ging es immer um Massenmord, Wikinger und reitende Leichen. Hardcore war für wütende junge Frauen und Männer mit Stoppelfrisur, Piercings und gesteigertem Bewegungsdrang, die sich vegetarisch ernährten. Thematisch ging es um Nihilismus, Ökologie und das Ende der letzten Beziehung. OK, warum sollte man daran etwas ändern?

Noch vor der Jahrtausendwende passierte dann das furchtbar Wunderbare. Junge Menschen, die von ihren Eltern mit Metallica und Anthrax konfrontiert worden waren, auf dem Schulhof Hiphop und Rap hören mussten und von ihren älteren Geschwistern zu Konzerten von Converge und Agnostic Front mitgenommen wurden, begannen mit der großen Fusion: Heraus kamen Crossover (Härte mit Rap) und eben Metalcore (Härte mit Emotion). Nun konnte man auf Festivals, gewandet in Baggy Pants und mit beliebig langen Haaren, beliebige Getränke konsumieren, dazu beliebige Tanzstile tanzen und in der Pause zwischen zwei Acts einen Veggieburger zu sich nehmen. Die Zeit des großen „Anything goes“ hatte begonnen.

Vom Crossover ist nicht mehr viel übrig, vom Metalcore umso mehr. Zahlreiche Gruppen sind inzwischen bei den Major Labels gelandet, jeden Monat werden ca. 10.000 neue Bands gegründet und die bringen auch alle zwei Monate eine neue Platte raus. Und sie klingen alle so verdammt gleich, nämlich ungefähr so wie Nickelback, wenn man ihnen jeweils am Ende des Chorus eine gute Prise mit Scheuermitteln gestrecktes kolumbianisches Marschierpulver verpassen würde. Und egal, ob diese Musik in professionellen Studios oder in einer Besenkammer auf einem Laptop produziert wird, sie ist immer auf rund und gefällig getrimmt, Gesang, Riffing und Schlagzeug sind absolut austauschbar, genau wie die im Hintergrund herumhängenden Synths und E-Pianos. Selbst die Plattencover sind gleich: Schwarz-Weiß oder Grautöne, geometrische Figuren. Das ganze vom Bruder, der „irgendwas mit Medien“ studiert, der Bassistin mit seinem iMac gebastelt. Ehrlich, ich kann inzwischen anhand der Abbildungen auf den Internetseiten, auf denen neue Musik gefeatured wird, genau sagen, wie sich die Musik anhören wird.

Nun gut, es ist moderne Stimmungs- und Gebrauchsmusik. Warum sich darüber aufregen? Wahrscheinlich kann man sie gut hören, während man bügelt oder die Weizenkeimlinge für einen Smoothie zerkleinert. Und da ich beides nicht tue, kann ich wahrscheinlich auch diese Art von Musik nicht goutieren. Und ich kann verstehen, dass junge Leute, die härtere Gitarrenmusik machen wollen und zwar mit dem Ziel, die dann auch in ausreichender Menge zu verkaufen, auf diesen Zug aufspringen, allein, es ist ein Zug nach Nirgendwo. Denn irgendwann werden die Konsumenten endgültig übersättigt sein, dann wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben und sie wird nach meiner Beobachtung Post-Metal oder Post-Hardcore heißen, das zeichnet sich bereits ab. Während dieser Beitrag geschrieben wurde, habe ich Metalcore gehört, bis es nicht mehr ging. Jetzt läuft klassischer Blackmetal aus Leipzig, zwar eine aktuelle Veröffentlichung, aber trotzdem zeitlos unverwundbar: Mäßig aufgenommenes Rumpelschlagzeug (immer ein bisschen spät dran), grade Primmitivriffs, nuschelnder Zischgesang, monotoner Pumpbass, grottige Produktion: Mann, tut das gut!

Note to self: Verschleimtes Denken. Macht es leichter? Musik: Sarea, Beartooth, SikTh, Zeit.

Die Grüne Hölle

Noch knapp eine Dreiviertelstunde zu fahren beim 24-Stundenrennen auf dem Nürburgring. Bislang eine Veranstaltung die man mit dem Begriff „Favoritensterben“ hätte überschreiben können. Auch mein Favorit, der R8 vom Team Phoenix, war bereits nach wenigen Stunden von einem Renault Clio abgeräumt worden und danach chancenlos. Audi war verdammt stark und führte zum Teil mit 4 Autos, allen voran die Nummer 29 vom Team Land Motorsport aus dem Westerwald. Auto und Mannschaft funktionierten wie ein Schweizer Uhrwerk, bis ca. 90 Minuten vor Schluss Probleme auftraten. Keine Leistung mehr nach einem regulären Boxenstop, das Rennen schien gelaufen. Die Belgier vom Team WRT übernahmen die Führung, ein BMW M6 hing ihnen bedrohlich im Nacken. Der musste zum turnusmäßigen Reifenwechsel mit Mindeststandzeit in die Box, wohingegen die Audi auf Position 1 und 3 in den letzten 30 Minuten der Distanz nur einen kurzen Splash and Dash zu absolvieren hatten.

Das ganze Wochenende war extrem heiß und trocken gewesen, doch fast genau eine halbe Stunde vor Rennende beginnt es über Teilen der Nordschleife wolkenbruchartig zu regnen. Fahrzeuge mit Trockenreifen sind plötzlich chancenlos. WRT und der BMW sind mit Slicks unterwegs, als die Nummer 29 zum Tanken und Reifenwechsel reinkommt. Der Kommentator zählt die Spritmenge mit, die ins Auto fließt, es geht um Sekunden. Dann reißt der Lollipop-Mann zu früh seine Tafel hoch, der Audi zuckt an, dabei ist noch nicht genügend Sprit in der Kiste. Hektisch wird er zurückgeschoben, es wird weitergetankt. Der Kommentator sagt: „Das war es!“ Jetzt ist das Tanken beendet, aber das Auto fährt nicht los, denn die Mechaniker springen plötzlich noch aufgeregter durch die Boxengasse. Die frisch montierten Trockenreifen gehen wieder runter, es kommen Regenreifen auf das Auto. Nach einer gefühlten Ewigkeit fährt der R8 weiter. Auf den dann noch folgenden zwei Runden versägt der Audi den vor ihm liegenden BMW und auch den in Führung liegenden Markenkollegen. Land Motorsport gewinnt das 24-Stundenrennen. Unfassbar. Das waren die besten 30 Minuten Motorsport, die ich bislang in meinem Leben gesehen habe.

Note to self: Nein, keine Trinkspielbeteiligung. Musik: Keine.

Der Teufel ist ein Eichhörnchen

„Ich glaube nicht an Gott.“ Bis zu dieser Aussage war es ein langwieriger, von Auseinandersetzungen begleiteter, hoch emotionaler Prozess, den ich nicht noch einmal durchleben möchte. Einzelheiten dazu werde ich hier nicht kundtun. Mir geht es heute um was anderes. Atheisten und Agnostiker gelten als verbohrte bzw. verkopfte Menschen, denen es an Sinnlichkeit und Spiritualität mangelt. Mag sein. Klar, die Erkenntnis, dass wir Menschen in Wirklichkeit nichts als Genbehälter sind, deren körperliche Hüllen irgendwann in die nächste Stufe des globalen Kohlenstoffkreislaufs eintreten, nachdem sich die Seele im großen Nichts aufgelöst hat, dessen Dimension wir nicht ermessen können, birgt wenig Tröstliches in sich. „Was soll nur aus dir werden?“ fragt die gutkatholische, streng evangelische, traditionell muslimische oder jüdische Mutter ihren gottlosen Sohn und der kann nur achselzuckend „Sternenstaub“ antworten.

Doch wo es keinen Himmel gibt, kein Paradies, kein Hosianna und kein ewiges Frohlocken, existiert auch das Andere nicht: Kein Fegefeuer, keine immer währende Verdammnis, kein jüngstes Gericht, keine Engel der Apokalypse, die die erste bis siebte Trompete blasen. Und natürlich gibt es auch keinen Teufel. Eigentlich. Das bedeutet nämlich: Wenn wir dem Bösen, der Niedertracht, dem Hass in unserer kleinen Welt und in uns selbst begegnen, dann ist das ein DIY-Produkt, etwas Selbstgekochtes aus der Küche unserer eigenen Spezies. Mit Hanns-Dieter Hüsch könnte man vielleicht formulieren: Jeder hat sein Rezeptbuch der Scheußlichkeiten im Tornister. Schön ist das nicht.

Wenn man sagt, dass der Teufel ein Eichhörnchen sei, dann meint man damit, dass das Übel in der Regel in einer niedlichen Verkleidung der Harmlosigkeit daherkommt, vielleicht weil es sich sonst vor sich selbst fürchten müsste. So verbirgt sich Ausbeutung und Versklavung hinter knietiefen Teppichen, chromblitzenden Karossen und Cashmere-Pullis, Massenmord hinter Orden und soldatischer Ehre, Ausgrenzung und Kleingeistigkeit hinter nationalem Stolz. Und wir selbst schaffen es immer noch, uns jede unserer Gemeinheiten, jeden Hieb, den wir führen, nicht nur als Überlebensnotwendigkeit, sondern sogar als Ausprägung einer gewieften Strategie der Lebenskunst zu verkaufen. Danach kuscheln wir uns in unseren samtweichen Kokon ein, nippen an einem Glas Rotwein und blinzeln eichhörnchengleich in den Sonnenuntergang. Dazu hören wir „Disarm“ von den „Smashing Pumpkins“: „The killer in me is the killer in you, my love.“

Das Böse ist durch uns in der Welt, weil wir das so wollen. Und nehmen wir mal kurz an, es gäbe ihn doch, den großen Programmierer, der es anders hätte bestimmen können. Warum hätte er es nicht getan? Agent Smith kann es uns sagen:

„Have you ever stood and stared at it? Marveled at its beauty, its genius? Billions of people just living out their lives, oblivious. Did you know that the first Matrix was designed to be a perfect human world, where none suffered? Where everyone would be happy? It was a disaster. No one would accept the program. Entire crops were lost. Some believed we lacked the programming language to describe your perfect world. But I believe that, as a species, human beings define their reality through misery and suffering. The perfect world was a dream that your primitive cerebrum kept trying to wake up from.“

Note to self. Dickere Haut, Mann, wo ist sie hin? Musik: Blues Pils, Graveyard, The Ting Tings.

Und jedem Ende wohnt ein Zauber inne

Wer dieses Blog regelmäßig liest, hat auch die bereits veröffentlichen Beiträge zum Thema Recycling / Entsorgung mitbekommen. Ich glaube, dass in unserer dekadenten Überflusskonsumgesellschaft ganz besonders große Glücksgefühle dadurch ausgelöst werden, dass man sich von dem materiellen Ballast trennt, der uns mehr beschwert als wir zugeben wollen. Vielleicht sind die Glücksgefühle sogar größer, als die, die durch Neuanschaffungen verursacht werden, mir geht es jedenfalls so. Wer also wirklich glückliche Menschen sehen will, sollte einen kommunalen Recyclinghof aufsuchen.

Unterschiedliche Menschen häufen unterschiedliche Produktgruppen an, je nach Neigung eben. Bei mir sind es nun mal  EDV-Komponenten aller Art. Klar, einerseits sammeln sich bei mir defekte Netzteile, Festplatten und so weiter aus dem Kundenkreis an. Andererseits werden mir oft alte Computer zur Entsorgung übergeben, die eigentlich noch voll funktionsfähig sind. Dann habe ich zuweilen wirklich große Probleme damit, diese Teile auch wirklich wegzuwerfen. Der 10 Jahre alte 08/15-PC mit verkratztem Gehäuse aus dem Haushalt eines rauchenden Hundehalters? Ja, der fliegt natürlich raus. Aber es gibt Grenzfälle. Die Grenzfälle meiner letzten Entrümpelungs-Tour? Hier sind sie:

Da war ein wirklich hässlicher Ex-Bolide in gelb-vergilbtem Beige, mit furchtbaren Aufklebern. Ich hatte in das Riesengehäuse ein Core2Duo-Board eingebaut, das DDR- und DDR2-RAM vertrug, Steckplätze für alle PCI- und PCI-E-Karten und AGP-Grafikkarten besaß und alle USB-Schnittstellen von 1-3 nebst Firewire aufwies. Damit testete ich Hardware, deren Funktionsfähigkeit unsicher war, das große Gehäuse machte Einbauten eben sehr einfach. Weg isser.

Dann einer der ersten Aldi-PCs in Bestzustand (mit Win98- und Pentium-III-Aufklebern!), den ich intern aufgerüstet hatte. Er gefiel mir wegen des Kultfaktors und den kompakten Maßen. Aber er stand rum. Und tschüss.

Ein G4-Cube von Apple, technisch intakt, aber mit total zersplittertem Plexiglas-Gehäuse. Ich habe den gleichen noch mal in gutem Zustand. Netzteil behalten, Rechner entsorgt. Und natürlich wurde er nach zwei Minuten aus der Gitterbox geklaubt, beguckt und wanderte in den Kofferraum eines Entsorgungskollegen. Viel Spaß damit!

25 absolut intake IDE- und SATA-Festplatten mit einer Kapazität kleiner/gleich 160GB. Warum soll man die Teile wegwerfen, die laufen ja einwandfrei? Ja, tun sie, aber man braucht sie nicht mehr. Es liegen außerdem noch rund ein Dutzend Modelle mit Kapazitäten ab 320 GB herum, die reichen. Fort damit.

Gleiches gilt für 10 optische Laufwerke, die heute niemand mehr einsetzt, sämtliches SCSI-Geraffel aus den ganz alten Macintosh-Tagen, alle DVBT-1-Geräte, zwei intakte SW-Laserdrucker und meinen treuen HP Deskjet 930c. Ja, der Kofferraum füllt sich.

Woran ich gescheitert bin? Ein Röhren-iMac in indigoblau. Ich benutze ihn nie, aber kann mich nicht trennen. Ein Shuttle-PC mit AMD-Sempron, den ich intern so gemoddet habe, dass zwei Festplatten reinpassen und Windows 7 passabel läuft. Da steckt einfach zu viel Arbeit drin, außerdem ist es der einzige Rechner mit Diskettenlaufwerk, den ich noch besitze. Ja, lächerlich.

Als ich vom Recyclinghof zurück in die Stadt fuhr tat ich das beseelt und zufrieden. Der jetzt frei gewordene Platz wird nicht wieder vollgestellt werden, hab ich mir versprochen. Das wird schwer, aber vorerst gilt:

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Note to self: Verdiente Distanz oder Kaltherzigkeit? Musik: OTEP, Soundgarden, Jeb Loy Nichols, Stonebride.

In Geiselhaft

Insidern ist das Problem „Ransomware“ nicht erst seit der WanaCry-Attacke am Wochenende sattsam bekannt: Ein Angriff führt zur Verschlüsselung der Daten auf dem eigenen Rechner, der sich damit in einen Ziegelstein verwandelt. Dahinter stecken nicht irgendwelche Scriptkiddies, die Viren und Trojaner aus Internetbaukästen zusammenklicken, sondern semiprofessionelle Seilschaften, die gut verdienen. Denn auch wenn man es natürlich nicht tun sollte, ein Teil der so Erpressten weiß sich nicht anders zu helfen, als die geforderte Summe in Bitcoins zu überweisen. Wir sehen gerade den Beginn einer Besorgnis erregenden Entwicklung, denn die Ursachen für den Erfolg der Erpresser wird man nur mit viel Mühe oder gar nicht beseitigen können:

The Tao of Backup
Eine Datensicherung durchführen? Ein großer Teil meiner Kundschaft hat sich mit diesem Thema noch nie beschäftigt. Man bekommt das mit bunten Aufklebern verzierte Laptop eines Teenagers mit defekter Festplatte auf die Werkbank und im Regelfall ist es das gewesen. Der Kunde hat mit Glück vielleicht noch die Fotos vom letzten Urlaub und die gerade in Entstehung befindliche Diplomarbeit auf einem USB-Stick. Der Rest der Daten ist futsch, denn die Preise der professionellen Datenwiederhersteller sind nicht von schlechten Eltern. Wurden die Daten von WanaCry & Co verschlüsselt, können nicht mal Profis weiter helfen. Man muss allerdings zugeben, dass eine Datensicherung, die professionellen Ansprüchen genügt, für den Brot-und-Butter-User auch nicht so leicht zu realisieren ist. Aus meines Sicht haben es die Benutzer von Apple Rechnern da noch am einfachsten, da Cupertino mit „Time Machine“ eine Funktion mitliefert, die ein Backup mit Versionierung, rotierenden Medien, Überprüfung der Datenintegrität und einfachem Restore ganzer Datenträger aber auch einzelner Dateien ohne viel Aufwand möglich macht: Man besorge sich zwei externe Festplatten, richte sie für Time Machine ein und verwahre eine davon immer außerhalb der eigenen Firma/Wohnung, dann ist man schon ganz gut dabei. Unter Linux muss man basteln, aber die, die es verwenden sind das ja in der Regel gewohnt. Und unter Windows? Ach ja. Natürlich, es geht, aber es geht halt auch oft in die Hose. Schweigen wir davon.

Security through Obscurity
Da beißt die Maus keinen Faden ab: Die Betriebsysteme aus Redmond werden am häufigsten angegriffen, weil die meisten eben irgendein Windows einsetzen und die Trefferwahrscheinlichkeit somit am höchsten ist. Exotischere Betriebssysteme (macOS, Linux, BSD, Solaris) werden seltener attackiert. Das führt aber eben auch bei deren Anwendern häufig zu leichtfertiger Sorglosigkeit. Übrigens: Die heute seltener verwendeten Windows-Varianten (XP, Vista, 8/8.1) gehören natürlich nicht zu den sicheren Systemen, im Gegenteil. Sie werden häufiger von Usern benutzt, die sich mit der Materie nicht beschäftigen können oder wollen. Ganz im Ernst: Auch Otto Normaluser kann sich heute ein Ubuntu aufs Laptop klatschen und damit im Web sicher unterwegs sein, Fotos und Filme verwalten und Briefe an Oma Lisbeth schreiben. Man muss sich ein bisschen mit der Materie beschäftigen, oder man sucht sich jemanden, der das für einen tut. Wer unbedingt bei Windows bleiben will, muss eben vorsichtig sein.

Patch as patch can
Die Updates, die Updates! Man sollte sie unbedingt einspielen und zwar zeitnah, von mir aus auch automatisch. Natürlich hat jeder, der schon eine Weile mit Rechnern hantiert, bereits mindestens einmal den Fall erlebt, dass ein fehlerhaftes Update den Rechner lahmlegt, da sind sich übrigens Microsoft und Apple sehr ähnlich, aber die Unsicherheit, sich auf einem ungepatchten System einen Schädling einzufangen ist einfach inzwischen viel zu groß. Und wenn der Hersteller doch mal Mist gebaut hat, hat man ja ein valides Backup, nicht wahr? Außerdem sollte man sich genau überlegen, ob man bestimmte Softwarekomponenten, deren Anfälligkeit und zahlreiche Sicherheitslücken schon Legende sind, wirklich einsetzten möchte. Das bekannteste Beispiel für so eine Software-Krücke dürfte Adobe Flash sein.

Rabbit and Hedgehog
Immer wieder liest man im Zusammenhang mit Computer-Sicherheit die Empfehlung, man möge doch ein gutes, kommerzielles Antivirenprogramm einsetzen. Daran habe ich erst mal gar nichts auszusetzen, nur wiegen sich viele Anwender dieser Programme in einer trügerischen Sicherheit. Es ist so: Selbst namhafte Hersteller solcher Lösungen können mit der Zahl an neu hinzukommenden Schädlingen aus prinzipiellen Gründen nicht mithalten, denn sie können ja nur auf Bedrohungen reagieren, die schon in freier Wildbahn anzutreffen sind. So gesehen sagen die eben stets zahlreicher werdenden Igel den wenigen Hasen: „Ich bin schon da.“, genau wie es in dem Märchen beschrieben ist.

Laziness and Ignorance
Das Grundproblem der ganzen Angelegenheit ist natürlich die menschliche Unvollkommenheit: Ein Anhang in einer gut gefälschten E-Mail ist schnell im Vorbeigehen angeklickt. Das Backup läuft nicht? Da kümmere ich mich morgen drum. Der Virenschutz ist abgelaufen? Ah, das Konto ist eh schon überzogen, nächsten Monat also. 30 Updates stehen zur Installation an? Jetzt nicht, die E-Mail muss bis heute mittag raus sein. Das alte XP endlich verabschieden? Ich bin ja froh, dass ich es einigermaßen beherrsche. Dauert ja ewig, bis ich Windows 10 gelernt habe. So sind wir und so werden wir leicht zum Opfer.

Sandboxing
Ich wage mal einen Ausblick: Wenn die Situation an der Schädlingsfront sich nicht ändert und das wird sie nicht (s. den vorausgegangenen Abschnitt), dann wird die Nutzung des Internets, so wir sie heute kennen, in wenigen Jahren ad acta gelegt sein. Ein möglicher Ausweg wäre, dass alle Funktionen, die mit der Datenübertragung aus dem und in das weltweite Netz zu tun haben,  in einem besonders geschützten Bereich, einer so genannten Sandbox ausgeführt werden. Dort, wo das nicht möglich ist, müssen die Hersteller von Betriebssystemen Lösungen etablieren, die Kanäle, über die die Daten fließen, abzuschotten und zu kontrollieren. Dann bleibt die E-Mail grundsätzlich auf dem Server des Anbieters,  Anhänge sind nur noch zugelassen, wenn sie von einer vertrauenswürdigen Stelle mit einem gültigen Zertifikat versehen werden, Programme werden nur noch auf Plattformen angeboten, die beispielsweise von Apple oder Microsoft kontrolliert werden. Das alles hört sich gut an, es ist aber mit einem erheblichen Verlust an Privatsphäre und Intimität verbunden, so ähnlich wie die Videoüberwachung des öffentlichen Raums. Ja schade, wird aber nicht anders gehen.

Note to self: Sektor zwei, Sektor zwei. mach schon. Musik: Johann Sebastian Bach.