RUS vs. CRO 5:6

Gesehen: 120 Minuten, Drama Baby

Das Spiel: Keine Ahnung, warum sich die Kroaten den hektischen Stil der Russen aufzwingen ließen. Eine Mannschaft mit *der* Erfahrung und *den* Spielerpersönlichkeiten sollte abgeklärter sein (und in der Kabine keine faschistischen Lieder singen). Aber die Russen, getragen vom begeisterten Publikum, standen hoch, waren überall und gingen nach einer halben Stunden durch einen sehr schönen Fernschuss von Denis Cheryshev in Führung. Kroatien wirkte ein bisschen konsterniert, foulte ziemlich viel und kam gar nicht zurecht. Nach einer Viertelstunden kamen sie durch einen der wenigen strukturierten Angriffe zum Ausgleich, weil die Russen nicht verteidigten, sondern irgendwas anderes machten, vielleicht schon vom Finale träumen. So gings in die Pause. Die zweite Hälfte war ein grausames Stück Fußball fast ohne Torraumszenen. Schnell vergessen. Die Verlängerung begann mit einem schwer angeschlagen kroatischen Torwart (Oberschenkelzerrung), einem schwer angeschlagenen kroatischen Midfielder (auch was Muskuläres) und einem unrund laufenden kroatischen Stürmer. Und alle waren sie platt. Die Russen begannen sich aufs Elfmeterschießen zu freuen. Der Schiri, der 90 Minuten lang jeden Pups gepfiffen hatte, ließ jetzt alles laufen. Nach einer Ecke dann endlich der hoch, hoch, hochverdiente Führungstreffer für die Kroaten. Vida, der Mann mit dem Pferdeschwanz. Russland rannte jetzt mit Herz und Mut an, Kroatien verteidigte mit den letzten Körnern. Der Ausgleich nach einem ganz und gar überflüssigen Freistoß (Dummes Handspiel). Gut getreten, gut geköpft. 2:2. Hammer! Zum Elfmeterschießen nur so viel: Der Torschütze zum späten Ausgleich traf das Tor nicht. Hero to Zero in knapp 15 Minuten.

Ergebnis gerecht?: Oh ja. Russland hatte ein großes Herz, Kroatien die bessere Mannschaft.

Mann und Depp des Spiels: Mario Fernandez

Spruch des Spiels: „Tja, ist noch nicht so viel passiert in der zweiten Hälfte.“ (Gerd Gottlob in der 82. Spielminute)

Advertisements

SWE vs. ENG 0:2

Gesehen: 90 Minuten

Das Spiel: Kein großes Spiel. Die Engländer waren besser bei Standards und beim Kopfballspiel, brachten aber aus dem Spiel nicht viel zustande. Wesentlich schwächer als in den Spielen zuvor. Vor allem am Anfang merkte man der jungen Mannschaft ihre Nervosität an. Die Schweden agierten fleißig aber bieder und nutzen eben keine ihrer wenigen Chancen. Sie konnten nach dem Rückstand taktisch nicht adäquat reagieren und nicht noch einen drauf legen. England wurde eigentlich nicht gefordert, hat aber jetzt nach 28 Jahren wieder einmal ein Halbfinale bei einer WM erreicht und das verdient Anerkennung.

Ergebnis gerecht?: Jaja.

Mann und Depp des Spiels: Dele Ally: Beim Tor einfach riesig, bei seiner Auswechslung einfach ein Riesenarschloch.

Spruch des Spiels: „Der ging so ein bisschen in die Wolga.“ (Matthias Opdenhövel beschreibt einen Fehlschuss der Engländer)

BRA vs. BEL 1:2

Gesehen: 90 Minuten, tolles Fußballspiel

Das Spiel: Brasilien zunächst mit Vorteilen in einem offenen Schlagabtausch, da hatte die belgische Defensive ein wenig Glück. Die „roten Teufel“ wussten dann im Mittelfeld durch geschickte, höllisch flotte Kombinationen zu überzeugen, wobei sich besonders Hazard, De Bruyne und Lukaku hervortaten. Die Führung für Belgien durch ein Eigentor nach Ecke war glücklich, besser machen sie es kaum 15 Minuten später nach einem schnellen Vorstoß, einem sehr guten Pass von Lukaku auf Kevin De Bruyne, der mit einem trockenen, humorlosen Flachschuss aus 20 Metern neben den linken Pfosten abschloss. Die Führung zur Pause war verdient. Noch besser: Keine hässlichen Fouls, keine Schwalben, kein Hantier. Zwei Weltklassemannschaften die sich gegenseitig respektierten. Nach dem Pausentee zog sich Belgien zurück und Brasilien gab sich Mühe, in jeder Beziehung. Erster Tiefpunkt der Partie war Neymars Schwalbe in der 52. Minute. Vier Minuten später hätte es aber Strafstoß für Brasilien geben müssen. Die Selecao erhöhte den Druck und jetzt kam es schon zur einen oder anderen unschönen Szene mit Simulantentum und Zeitspiel. Belgien hatte unter anderem auch einen hervorragenden Schlussmann, der erst in der 76. Minute durch ein Kopfballtor von Renato Augusto überwunden wurde. Die Belgier waren in den letzten Minuten stehend K.O., konnten auch deshalb nicht clever den Ball halten und waren bis zum Schluss unter Druck. Es reichte nicht mehr, Belgien steht im Halbfinale.

Ergebnis gerecht?: Tja. Brasilien schoss 27 mal aufs Tor, Belgien 8 mal. Sagen wir mal so: Mich freuts für das tolle belgische Team, das glücklich gewann.

Mann des Spiels: Eden Hazard

Spruch des Spiels: „Aber er steht noch… …nee, jetzt nicht mehr.“ (Béla Réthy, Neymar wird an der Außenlinie behandelt)

URU vs. FRA 0:2

Gesehen: 90 Minuten

Das Spiel: Die Urus zu Anfang überhart und bemüht, den Franzosen den spielerischen Zahn zu ziehen. Der Schiedsrichter reagierte nicht. Warum nicht? Chancen waren auf beiden Seiten Mangelware. Bei den Südamerikanern merkte man, dass Edinson Cavani wegen Verletzung nicht mitspielen konnte. Die Führung nach einem Freistoß für die „Equipe Tricolor“, weil Uruguay nicht den Mann, sondern den Raum verteidigte. Der Verteidiger stand zwar genau richtig und hätte ihn sauber rausgeköpft, hatte dann aber keine Matte gegen den mit Wumms einrückenden Varane. Das Tor war so gesehen nicht zu verhindern. Nach der Pause bemühten sich die Südamerikaner um mehr Initiative. Was für ein Drama, dass ausgerechnet in dieser Drangphase Fernando Muslera, der Torwart Uruguays, seinen Loris-Karius-Gedächtnismoment hatte: Er lenkte einen haltbaren Fernschuss Griezmans in sein Tor. Uff. Die Celeste war ins Mark getroffen. Rudelbildungen, gelbe Karten, Schauspieleinlagen schlossen sich an. Frankreich wechselte jetzt in den Verwaltungsmodus, kalt wie eine Hundeschnauze, Uruguay rannte an, mit dem Mut der Verzweiflung, aber das Spiel war entschieden.

Ergebnis gerecht?: Nja. Ein Tor zu hoch.

Depp des Spiels: Fernando Muslera

Spruch des Spiels: „Da macht er die kleine Flugbewegung!“ (Oliver Schmidt über den Flatterball zum 0:2)

COL vs. ENG 4:5

Gesehen: 120 Minuten

Das Spiel: James konnte nicht spielen. Eine deutliche Schwächung für Kolumbien. Das Spiel zunächst temporeich mit mehr Spielanteilen für die Briten, die aber kaum gefährlich wurden. Kolumbien mit drei defensiven Mittelfeldspielern vor der Kette, so geht Beton. Das sah dann auch England ein und verlegte sich auf Ballkontrolle gegen hoch stehende Südamerikaner. Das Spiel verflachte. Außer ein paar dummen Fouls der Kolumbianer passierte bis zur Pause nix mehr. Zweite Hälfte mehr oder weniger Abnutzungskampf. England ging durch einen verdienten Strafstoß in Führung, Harry Kane, wer sonst. Kolumbien hatte nicht viele Chancen, erzielte aber in der Nachspielzeit den verdienten Ausgleich. Wenige Höhepunkte in der Verlängerung, kaum gute Torraumszenen. Dass die Briten sich im Elfmeterschießen zu recht durchsetzen konnten, ist eine historische Zäsur.

Ergebnis gerecht?: Nun ja, man gönnt es ihnen.

Männer des Spiels: Alle englischen Elfmeterschützen.

Spruch des Spiels: „Der wirft nen ganz schönen Schatten!“ (Steffen Simon über Harry Maguire: 100Kg, 1,94m)

SUI vs. SWE 0:1

Gesehen: 90 Minuten

Das Spiel: Eine Enttäuschung. Kontrolle und Sicherheit hatten sich beide Teams auf die Fahnen geschrieben. Bloß kein Risiko. Dass der Siegtreffer für Schweden durch einen abgefälschten Alibischuss fiel, passt ins Bild. Die Schweizer wollten ja, aber ein Shaqiri reicht eben nicht. In der Box waren sie harmlos und überhastet. Die Schweden traten selbstbewusst auf, brachten nach vorne aber auch nix. Wäre Deutschland Gruppenerster geworden, hätte man gegen die Schweiz gespielt und gewonnen. Da bin ich ziemlich sicher. Abhaken.

Ergebnis gerecht?: Pfft. Was solls.

Menschen des Spiels: Die schwedischen Fans. Wenigstens die hatten nachher ein gutes Gefühl.

Spruch des Spiels: „Au Möhr!“ (Der Autor beim 20. versemmelten Torschuss.)

BEL vs. JPN 3:2

Gesehen: 90 Minuten, tolles Spiel

Das Spiel: Ein Leckerbissen. ich weiß nicht, was mich mehr beeindruckte, japanische Kampfkraft, mannschaftliche Geschlossenheit und konditionelle Leistung, oder belgische Offensivgenalität, individuelle Klasse und der unbedingte Siegeswille der roten Teufel. Der Umkehrpunkt der Partie war Vertongens so nicht beabsichtigter Kopfball zum Anschlusstreffer für Belgien, vielleicht das bizarrste Tor des Turniers bisher. Trotzdem kämpfte Nippon weiter. Dieses Spiel sollte sich die deutsche Mannschaft demnächst bei jedem Lehrgang anschauen: 2 Mannschaften, die niemals aufsteckten, kämpften bis aufs Messer, ohne unfair zu spielen, mit einem verdienten Sieger, der in der Nachspielzeit die eigenen Vorteile ausspielte. Dieser letzte Angriff der Belgier war ein Musterbeispiel, wie attraktiver Angriffsfußball aussehen muss. Vom Torwart bis zum Schützen des Siegestors perfekte Annahmen und Abspiele, die Finesse von Lukako und der nervenstarke Abschluss des Nacer Chadli. Die Brasilianer sollten sich warm anziehen.

Ergebnis gerecht?: Ja, Belgien war das psychologisch und fußballerisch stärkere Team von zwei Klassemannschaften.

Mann des Spiels: Trotz der Niederlage Takashi Inui. Tolles Tor und japanischer Offensivmotor. Seine Tränen nach dem Abpfiff rührten mich.

Spruch des Spiels: vergessen.