Königlich

Ja ja, es ist der Tag der royalen Hochzeit in Großbritannien. Das Internet und Fernsehen sind voll davon, wobei ich mich immer frage, woran das liegt, dass so ein Ereignis solche Wellen schlägt. Die Faszination für den Hochadel – ich kann sie nicht nachvollziehen. Wir sollten froh sein, dass die Zeiten des Feudalismus, des Gottesgnadentums und der Herrschaft qua Erbfolge vorbei sind, auch wenn wir uns unaufhaltsam auf eine weniger durchlässige, quasi neofeudalistische Gesellschaft zu bewegen, in der der Geldadel nicht nur die ökonomische, sondern auch die gesellschaftliche Macht hat. Man frage mal in Neckarsulm nach.

In diesem Beitrag soll es aber nicht um blaues Blut, sondern um eine andere Flüssigkeit gehen: Im Freundeskreis gibt es einen Mann, der sich vortrefflich auf die Bereitung von Obstweinen versteht und inzwischen über jahrelange Erfahrungen auf diesem Feld verfügt. Für uns alle ist das eine Win-Win-Situation: Der Kellermeister kann seine önologischen Experimente durchführen und findet im Freundeskreis willige Verkoster der Produkte, die ihre Gaumen, Mägen und Lebern zur Verfügung stellen und selbst exzessiven Probier-Gelagen nicht abgeneigt sind. Wir dürfen die Weine genießen und dabei ihre spektakuläre Wirkung aufs Zentralnervensystem bis zur bitteren Neige auskosten. Dabei hat es schon einige Opfer gegeben. Mit nachträglichen Kopfschmerzen denke ich beispielsweise an den Jahrgang „Pomme fatal“ zurück: Ein Apfelwein, der mit Portweinhefe hergestellt wurde und sich als absoluter Killer erwies.

Das aktuelle Produkt wurde aus ganz besonderen Früchten gekeltert, nämlich aus unterschiedlichen Apfelsorten aus unserem Garten in Rollesbroich, die von allen gemeinsam an einem wunderschönen Herbsttag gepflückt und verarbeitet wurden. Daran denke ich inzwischen sehr gerne zurück. Die mit dem frisch gepressten Saft gefüllten Ballons wurden seitdem von Sascha liebevoll betreut und vor ein paar Wochen konnte der fertige Wein auf Flaschen gezogen werden. Hier ist er: Der König von Rollesbroich:

Schon bei der ersten Verköstigung vor ein paar Wochen, die im Rahmen unseres traditionellen Ardennenwochenendes vollzogen wurde, erwies sich der royale Tropfen als hochpotentes Stöffchen, das sich zunächst ganz gemütlich süffeln lässt, um dann irgendwann mit voller Wucht zuzuschlagen. Der Alkoholgehalt des Eifelkings ist nicht ermittelt worden. Da aber zum Zwecke der Gärung eine Sherry-Hefe zum Einsatz kam, die erst bei höheren Gehalten abnippelt als die sonst verfügbaren Hefepilze, dürfte das Resultat in etwa bei satten 15-16% liegen, auch wenn der König nicht mit Branntwein aufgesprittet wurde, wie dies bei richtigem Sherry der Fall ist.

Außerdem ist der whiskyfarbene Rollesbroicher lecker und ziemlich gut bekömmlich, jedenfalls gab es keine Meldungen über königliche Kater. Holz- und Mandelaromen sind unverkennbar vorhanden, Fruchtigkeit und feine Säure runden das ganze ab. Der Kellermeister, dem an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich gedankt sei, hat ein formidables Ergebnis seiner Kunst abgeliefert.

Note to self: Komm mal runter, es könnte schlechter laufen. Musik: Esbjörn Svensson Trio, Tom Waits, A Perfect Circle.

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Eifelschnell

Ehrlich gesagt hätte ich das 24h-Rennen auf dem Nürburgring beinahe verpasst, weil ich im Moment wirklich viel zu viel um die Ohren habe. Aber durch Zufall stolperte ich am Freitag über eine entsprechende Meldung, konnte sogar noch das Top30-Qualifying am gleichen Tag sehen und war voller Vorfreude auf ein Wochenende mit Langstreckenmotorsport.

Fristgerecht kam ich am Samstag vom Einkaufen zurück, kochte mir was nettes und saß pünktlich um halb vier vor meinem Life-Stream. Meine Leidenschaft für Multiklassen-Sportwagenrennen ist ja inzwischen Legion und ich sollte nicht enttäuscht werden. Die Ausgangslage vor dem Rennen ließ darauf schließen, dass Porsche diesmal von der BOP (Balance of Performance, Motorsportfans lieben oder hassen sie, meistens beides gleichzeitig) ein wenig bevorzugt wurde. Drei Fahrzeuge aus Zuffenhausen besetzten die vordersten Startpositionen. Die Audi, die mir ja immer besonders am Herzen liegen, rangierten unter „ferner liefen“.

Die ersten Stunden des Rennens hatten sich gewaschen, es wurde richtig hart gefahren und so gab es einige spektakuläre Kollisionen. Zahlreiche Autos mussten mit Gaffa-Tape wieder aufgepäppelt werden, der berühmte Manta mit dem Fuchsschwanz musste nach 2 Runden mit kapitalem Motorschaden aufgeben. Der Vorjahressieger von Land Motorsport lag meist in der Top10, ohne aber wirklich Boden gegenüber dem führenden Werks-Porsche gutmachen zu können. Mercedes kam besser zurecht, BMW enttäuschte. In der Abenddämmerung erwischte es schließlich den Audi Nr. 8, der spektakulär abflog und das Rennen aufgeben musste.

Entgegen meiner Vorsätze nahm ich ab 22 Uhr am Vodafone-Trinkspiel teil und es kam, wie es kommen musste: Um halb 1 war ich dann doch etwas beduselt und legte mich kurz aufs Ohr. Natürlich wachte ich erst gegen 7 wieder auf und siehe: Das bislang brauchbare Wetter hatte sich in eine dicke Suppe von Nebel und Regen verwandelt. Die Rundenzeiten waren folglich nicht  gut und Audi konnte, obwohl man den Regen herbeigesehnt hatte, auch bei diesen Bedingungen nicht wirklich überzeugen. Knapp 5 Stunden vor dem Ende kam es dann zu einem zwischenzeitlichen Rennabbruch wegen der widrigen Witterung. Beim Neustart war noch etwas mehr als eine Stunde zu fahren,

Letztendlich gewann der Porsche, verdient muss man sagen (auch wenn das entscheidende Überholmanöver meiner Ansicht nach nicht ganz sauber war.). Zwar folgte ihm der zweitplatzierte Benz auf dem Fuße, aber er konnte im entscheidenen Moment nichts mehr drauflegen. Die bestplatzierten Audi landeten auf den Plätzen 6 und 7 und zwar mit gehörigem Rückstand und das lag aus meiner Sicht diesmal an taktischen Fehlern (falscher Reifen zum falschen Zeitpunkt) und resultierenden Fahrfehlern. Es hätte noch schlimmer ausgehen können, wenn Christopher Mies bei seinem Einschlag in die Leitplanke nicht mehr Glück als Verstand gehabt hätte. So bleibt nur die Gratulation an Porsche und das schöne Gefühl, ein wirklich episches Rennen gesehen zu haben.

Noch ein Wort zur Übertragung: Inzwischen kann man sich das Rennen aus mehreren, frei wählbaren Onboardperspektiven anschauen. Das ist einfach Wahnsinn. Wenn man mal ein paar Runden durch die Nacht „mitgefahren“ ist, dann kann man die unglaublichen Leistungen der Fahrer auf der Nordschleife erst richtig würdigen. Die Bildqualität hat sich gegenüber dem Vorjahr nochmals erheblich gesteigert. Wenn man das Gebotene aber mal mit Übertragungen vergleicht, die zum Beispiel von den Leuten von radiolemans,com gemacht werden, dann ist noch Luft nach oben: Man sollte mehr Bilder von den kleinen Klassen zeigen, die Boxencrew wirkt wie ein Haufen pubertierender Blödler, generell wird den Interviews zu viel Platz eingeräumt. Die Internetseite für das Lifetiming sollte mehr Anpassungsmöglichkeiten bieten. Und vor allem: Diese permanente Selbstbeweihräucherung (Grüne Hölle, bestes Rennen, beste Strecke usw.) wirkt irgendwann peinlich. Gerade weil man ein absolutes Topprodukt hat, das Millionen von Menschen weltweit verfolgen, könnte man an der Stelle Zurückhaltung üben.

Note to self: Und schon wieder bis nach 22 Uhr gearbeitet. Ich muss bescheuert sein. Musik: Keine, Glotze.

Respekt Alter

Als ich zum ersten Mal im Leben, es muss so vor 7, 8 Jahren gewesen sein, eines Snookerspiels ansichtig wurde, handelte es sich dabei um eine WM-Begegnung von zwei Walisern: Mark Williams und Mathew Stevens. Damals waren beide Teil der absoluten Weltspitze und ihre Kugelbeherrschung trug dazu bei, dass ich auf dem Spiel mit den roten und den bunten Bällen kleben blieb. Seitdem hat sich in der Weltrangliste einiges getan, beide Spieler rutschten ab und für Furore sorgte eine neue Generation von Ausnahmekönnern: Trump, Hawkins, Murphy, Perry, Wilson.

Williams sah man immer seltener in den späteren Runden der Ranglistenturniere. Wollte ein britischer Regisseur einen scheinbar schwerfälligen Inspektor oder einen in Wahrheit grundguten kriminellen Mittvierziger besetzen, würde er so jemanden wie Mark Williams aussuchen. Ein großer, kantiger Mann mit Geheimratsecken und einem sehr beweglichen Mund. Williams gilt als „most laidback guy in snooker“, man kann Spaß mit ihm haben und das Publikum liebt ihn. Auch weil „the Welsh potting machine“ Stöße raushaut, wie kaum ein anderer.

Nur wenige Spieler waren über die ganze Zeit auf wirklichem Topniveau. Einer davon ist John Higgins. Eine etwas zwielichtige Gestalt, obwohl er immer seriös wie ein schottischer Banker daherkommt. Aber der gute John war vor einiger Zeit angeblich in Spielmanipulationen verwickelt, wurde sogar mal für einige Monate gesperrt. Abgesehen davon ist Higgins extrem erfolgreich, mit allen Wassern gewaschen und unangenehm zu bespielen. Und man hat den „Wizard of Wishaw“ erst besiegt, wenn er die Fliege abnimmt, ein zäher Bursche.

Dass sich bei der Snooker-WM in Sheffield, die vor wenigen Tagen zu Ende ging, ausgerechnet Higgins und Williams für das Finale qualifizieren würden, war überhaupt nicht abzusehen. Higgins war zwar gesetzt, hatte aber in der Saison noch nicht viel gerissen. Williams hatte die letzte WM in einem Wohnwagen beim Bier verfolgt, da er in der Vorrunde ausgeschieden war. Erst seit Anfang der Saison hatte er zu alter Form zurückgefunden und mehrere Ranglistenturniere gewinnen können.

Dieses Endspiel wird in Erinnerung bleiben, weil es aus emotionaler und psychologischer Sicht auf der Rasierklinge balancierte. Und ganz entscheidend für seinen Verlauf waren die Formschwankungen von Higgins, die man so von ihm nicht kennt. Die erste Session gehörte Williams, der das härtere Halbfinale spielen musste, ganz allein. Higgins gelang nichts, Williams gelang alles. Er war locker wie gewohnt, schnorrte sogar ein paar Süßigkeiten vom Publikum und verzehrte sie zwischen zwei Besuchen am Tisch. In der folgenden Session schlug Higgins mit 3:1 zurück. Irgendwann stand es 14:7 für Williams, die Sache schien gelaufen, aber Higgins kam noch mal und konnte seinerseits eine 4:0-Session für sich verbuchen. Am zweiten Tag des Finales spielte Higgins insgesamt etwas besser und erzielte bei 15:15 den Frame-Ausgleich. Williams blieb aber am Ball und war mental bärenstark, obwohl er viel „sitzen“ musste. Er gewann das Spiel 18:16 und wurde damit zum dritten Mal Weltmeister. Seit dem letzten Titel 2003 hat er insgesamt drei Kinder in die Welt gesetzt und ist inzwischen 43 und damit der zweitälteste Weltmeister überhaupt. Da kann man nur sagen: Respekt Alter!

Note to self: Die Schulter von La Rochette, zieht sich. Musik: Thou, Melvins, GoGo Penguin, Black Matter Device, Ihsan, Behemoth.

Abseitig

Oh, es hat schon so lange keine Plattenkritik mehr bei „Just Skidding“ gegeben, da muss ganz dringend Abhilfe geschaffen werden! Und da selbst langjährige Leser diesen Beitrag mit einem innerlichen „jaja, langweilig“ wegscrollen werden, kann ich auch ein Album rezensieren, das 99,9% der Weltbevölkerung als extrem nervig und überflüssig empfinden würden. Na, klingt das nicht vielversprechend?

Wenn man früher auf eine neue Band aufmerksam wurde, konnte man in der Regel eine mehr oder weniger gelungene Webseite und damit auch ein paar Hintergrundinformationen zu der Formation finden. Fand ich immer ganz nett: Wer sind wir, was inspiriert uns, was haben wir vorher gemacht, was haben wir in Zukunft vor, wo kann man unsere T-Shirts kaufen. Das ist Geschichte: Wer etwas auf sich hält, hat inzwischen eine Facebook-Seite (schaue ich mir nicht an. Und jetzt mal ehrlich: Angesichts der jüngsten Ereignisse muss man ja wohl komplett bescheuert sein, wenn man seinen Facebook-Account noch nicht gelöscht hat.) und eine Seite bei „Bandcamp“. So ist das auch bei „Aseitas“.

Die spärlichen Informationen zu dieser Kapelle, die gerade das erste, selbstbetitelte Album vorgelegt hat, um das es hier geht, sind folglich schnell zusammengefasst: Ein Quartett aus Portland, Oregon, das sich selbst stilistisch bei „Brutal Deathmetal“ einordnet, was ich so nicht unterschreiben würde, und sich gerne mit komplizierten Rhythmen und schrägen Harmonien beschäftigt, das kommt schon eher hin. Deshalb wurde die Scheibe auch auf einer Webseite, auf der ich gerne nach neuer Musik suche, als „Mathcore“ gelabelt.

Die Musik von Aseitas macht Knoten im Kopf, ist extrem abwechslungsreich und mit viel Liebe zum Detail gemacht. Mich überzeugen vor allem die kompositorische Reife und die ausgefeilten Arrangements, die man auf einem Debüt-Album nicht unbedingt erwarten kann. Zwar wird mitunter munter draufgehauen, gerne auch polyrhythmisch, aber es gibt auch Prog-Rock-Anteile, cleane Gitarren und lautmalerisches Schlagzeug. Das Tempo ist oft eher getragen. Um eine Leistungsschau, wie sie von Bands aus dieser Ecke gerne produziert wird, handelt es sich hier nicht. Man lässt sich Zeit, musikalische Ideen im Verlauf der längeren Stücke schlüssig zu entwickeln, und erzielt bei aller Frickelei eine dichte, in sich stimmige Atmosphäre. Vorbilder der Band könnten „Between The Buried And Me“ oder „Animals As Leaders“ sein. Man sieht: Aseitas legen die Latte ziemlich hoch, werden dem eigenen Anspruch aber ganz locker gerecht.

Man hört der Platte an, dass sie von einem kundigen Produzenten behutsam veredelt und nicht mit der Brechstange auf maximale Pegel und Druck getrimmt wurde. Das freut mich ungemein. Für Sound und Mix zeichnet der Sänger und Bassist Nathan Nielson verantwortlich, gemastert wurde das Album von Stephan Hawkes und er hat einen prima Job gemacht. Das Ergebnis ist eigenständig und souverän und klingt insgesamt eher wie ein Spätwerk von Leuten, die schon einige Jahre im Business auf dem Buckel haben. Ein Download lohnt sich. Für mich ist dieses Album das bisherige Highlight des Jahres.

Note to self: Headcrash beim Backup. Es ist wirklich zum Reihern. Musik: Aseitas

Einen fahren lassen

„So ein Pech, jetzt haben wir ihn an der Backe.“ Ich schätze, genau das haben sich einige Mitglieder der neuen Bundesregierung gedacht, als sie von der Verhaftung Carles Piugdemonts erfuhren. Und direkt danach: Warum haben wir es nicht gemacht wie die Belgier und ihn einfach fahren lassen?

Es gehört zu den Absonderlichkeiten dieses Falls, dass in unserem westlichen Nachbarland ein europäischer Haftbefehl nicht vollstreckt, dieser dann von den Spaniern ausgesetzt und just vor Puigdemonts Grenzübertritt nach Deutschland wieder in Kraft gesetzt wurde. „Die Deutschen sind nicht so anarchistisch veranlagt wie die Frittenköpfe, die werden ihn pflichtgemäß kassieren.“ mögen sich die Iberer gedacht haben und sie haben richtig kalkuliert.

Seitdem sprießen Absonderlichkeiten im bundesdeutschen Internetseitenwald. Puigdemont sei „Deutschlands erster politischer Gefangener“, man solle ihm politisches Asyl gewähren, falls er es begehrt und Jakob Augstein schreibt heute, der Fall zwinge Deutschland, sich im Ringen um einen überkommenen Nationalstaatsbegriff im Sinne eines „Europas der Regionen“ zu positionieren. Richtig ist, dass ein Asylbegehren Puigdemonts zu prüfen wäre. Der Rest ist romantischer Käse.

Die juristischen Feinheiten des Falls sind bereits ausführlich beleuchtet worden. Mich erinnern sie an die Verurteilung Al Capones wegen Steuerhinterziehung, denn tatsächlich ist der Vorwurf der Veruntreuung öffentlicher Gelder der einzige, der auch im Rahmen des deutschen Strafrechts Bestand hat. Damit ist die Überstellung nach Spanien formaljuristisch nicht zu beanstanden. Dabei sollte man es belassen, denn alles andere käme einer Verunglimpfung der unabhängigen spanischen Justiz gleich. Man vergleiche an dieser Stelle mal mit dem politischen Wirbel, den die jüngste Gesetzgebung zur Besetzung des obersten Gerichtshofs in Polen zurecht verursacht hat. Eben: Entsprechendes kann man der spanischen Regierung nun wirklich nicht unterstellen oder gar nachweisen.

Puigdemont erwartet in seinem Heimatland ein faires Verfahren. Seine Durchführung ist vor dem Hintergrund Spaniens Ringen um seine staatliche Integrität unabdingbar. Augstein schreibt, dass nicht alles, was Recht ist, auch richtig sei. Das ist eine Binse. Aber genau darin offenbart sich das Kernproblem der Auseinandersetzung um die katalanische Unabhängigkeit: Seit dem Referendum von 1979 ist Katalonien Teil der spanischen Nation, auch weil die Katalanen selbst das so wollten. Seit dem Autonomiestatut von 2006 sind die Rechte der Katalanen im Sinne ihrer ethnischen und kulturellen Identität garantiert. Wenn Augstein schreibt: „Die Maßlosigkeit der Justiz bestätigt die Katalanen, die an die Ära der franquistischen Unterdrückung erinnern.“ , so befindet er sich damit auf Reichsbürgerniveau.

Note to self: Ich fand Tom Hanks ja viel überzeugender als Meryl Streep. Musik: Between the Buried and Me, Harakiri for the Sky, Rolo Tomassi, Fu Manchu.

Durch die Türe

Du wirst das hier nicht lesen, wahrscheinlich genau so wenig, wie du die letzten E-Mails gelesen hast, die ich dir geschrieben habe. Ob du überhaupt noch irgendwas mit deinem Computer machst? Ich weiß es nicht, du fandest diesen ganzen digitalen Kram schon vor ein paar Jahren eigentlich komplett blöd, genau wie fernsehen, Zeitung lesen, ausgehen und so weiter. Eigentlich war dir damals schon alles, was nicht mit dir und deiner Krankheit zu tun hatte, zu viel.

Deine Krankheit. Mir fiel es immer schon schwer, sie richtig einzuordnen. Inzwischen weiß ich, dass man dir nicht vorwerfen darf, dass du dich hängen lässt, dass du die falschen Gegner bekämpfst, dass du eigentlich ausschließlich um dich selber kreist. Inzwischen weiß ich auch sicher, dass ich nicht mit dir tauschen wollte, auch wenn du schon seit Jahren mit den Alltagsproblemen wie „sich am Kacken halten“, den Konflikten nicht ausweichen, sondern durch Siege und Niederlagen weiser und reifer werden, die Faust in der Tasche machen usw., nichts mehr am Hut hast, sondern ganz gut versorgt bist und mit der „bösen Welt da draußen“ keine Kompromisse machen musst.

Unsere letzte Begegnung war so bizarr: Du am Anfang, ich am Ende des Wochenendeinkaufs. Du mit 12 Flaschen Wasser in Plastikflaschen im Wagen, ich mit 12 Flaschen Bier in Plastikflaschen und dem, was man sonst noch so braucht. Möglicherweise hast du noch ein bisschen mehr zugelegt als ich, so hüftabwärts. Ganz sicher hätte man sich auch spontan zu einer Tasse Kaffee und einer Kippe vor dem Supermarkt verabreden können. Aber ehrlich gesagt hat mich deine Reaktion auf mein Erzählen wirklich angekotzt. Du kannst mir glauben, dass ich eine sehr böse Zeit gehabt habe im letzten Jahr. Zumindest eine hingeheuchelte Bekundung des Mitfühlens hättest du dir ja rausquetschen können. Aber vielleicht ist es ja einfach außerhalb deines Vorstellungsvermögens, dass außer dir noch jemand leidet. Und zum Rest des Gesprächs: Ich bin echt nicht darauf angewiesen, dass jemand, der sich seit Jahren vor dem Leben versteckt, aus welchen Gründen auch immer, mir die Welt erklärt.

Der Kreis schließt sich. Angefangen hat alles am großen runden Tisch hinten in der Molkerei im ersten Semester. Du saßt hinter deiner verbeulten Lederschultasche und wirktest so schutzbedürftig und gleichzeitig so naiv-forsch – man musste sich einfach in dich verlieben, ich glaube jedem zweiten Kommilitonen ging das so. Auch wenn da nichts draus werden konnte, ein bisschen von dem Zauber blieb immer übrig für mich. Und dann immer ein bisschen weniger. Und jetzt ist nichts mehr davon da. Die Türe ist am Samstag hinter mir ins Schloss gefallen. Ich glaube nicht, dass du das bemerkt hast.

Note to self: War das jetzt eine halbe Stunde verbrannte Zeit? Was sagst du Bruder? Musik: The Dillinger Escape Plan, London Grammar, Harakiri for the Sky, Feed The Rhino.

Frau Rose-Möhring,

Sie haben es schwer zur Zeit, das tut mir kein bisschen leid. Gut, als Gleichstellungsbeauftragte (ein Job, den in Deutschland nur Frauen bekleiden dürfen, wie von Richtern und Richterinnen inzwischen mehrfach festgestellt) im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, weht einem mitunter eine steife Brise entgegen, da muss man sich auch schon mal Luft machen. Geschenkt. Das ist noch lange kein Grund, sich an unserer Nationalhymne vergreifen zu wollen. Bevor ich etwas weiter aushole, möchte ich Ihnen mitteilen, dass dies hier ein politisch ziemlich links eingestellter Mensch und überzeugter Europäer schreibt, der die in unserer Verfassung verbriefte Gleichberechtigung von Männern und Frauen für eine großartige Errungenschaft hält.

Wissen Sie, Frau Rose-Möhring, wir Deutsche haben es verdammt schwer mit unserem Vaterland und mit dem Begriff „Patriotismus“. Das liegt daran, dass die Abschnitte einer tatsächlich gemeinsamen Geschichte sehr kurz und im Grunde alles andere als ruhmreich waren. Wenn die Soziologen identitätsstiftende Mechanismen benennen wollen, die Völker  zusammenhalten, dann sprechen sie von Narrativen. Die Franzosen etwa haben es da einfach. Ihre Zusammengehörigkeit speist sich aus dem Erbe einer selbstbewußten Bürgerbewegung, die nicht nur den Kopf eines Königs rollen ließ, sondern die Welt veränderte. Die Amerikaner beschwören ihren gemeinsamen Traum, der verspricht, dass Jeder alles schaffen kann, wenn er nur hart genug arbeitet. Wir Deutsche waren ewig lange aufgesplittert in zum Teil winzige Territorien und so sehr wir auch eine historische Kulturnation herbeireden wollen, in der sich Heine, Goethe, Schiller, Kant, Leibnitz, Gaus, Hegel, Marx aber natürlich auch Lasker-Schüler und Luxemburg tummeln, so klar ist auch, dass damit ein Mangel bemäntelt werden soll. Welche Narrative haben wir denn, die uns zusammenhalten können?

Nun, einerseits die Überwindung einer fast globalen Spaltung durch eine friedliche Revolution, die einen moribunden Unrechtsstaat hinwegfegte, der sich sozialistisch nannte, aber vielleicht genau das Gegenteil war, und natürlich der Neubeginn nach und die Abgrenzung vom verbrecherischsten Regime, das die Welt je gesehen hat. Beides beschäftigt uns bis heute. In beidem vermögen manche Landsleute bis heute vor allem nur das Problematische und das Schmerzhafte zu sehen und das sind nicht nur Revanchisten und zu kurz Gekommene. Es gibt nicht viel, auf das wir uns wirklich einigen können. Das sollten Sie, Frau Rose-Möhring, sich hinter Ihre Ohren schreiben.

Die Geschichte unserer Hymne kennen wir beide nur zu gut, Frau Rose-Möhring. Sie ist eigentlich genau so kaputt und kompliziert wie unser Verhältnis zu unserer Nation. Sehen Sie, ich glaube daran, dass die Identifikation mit unserer Heimat zu einem guten Teil auf ganz emotionalen und einfachen Mechanismen beruht. Ein Beispiel:  Ich bin ein großer Sportfan und ich freue mich immer sehr, wenn Landsleute erfolgreich sind und bei Siegerehrungen unsere Hymne mitsingen, egal ob sie Felix Loch oder Mariama Jamanka heißen. Nicht nur, weil sie damit ihre Verbundenheit mit ihrem Heimatland ausdrücken, sondern weil sie damit dies bezeugen: Es ist nichts falsch an „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Im Gegenteil. Und, Frau Rose-Möhring, es ist auch nichts verkehrt an den Wörtern „Vaterland“ und „brüderlich“. Genau so wenig ist verkehrt am Begriff „Muttersprache“, nur kommt dieser in unserer Hymne nicht vor.

Sie, Frau Rose-Möhring, sind auf einem Kreuzzug. Sie behaupten, es gehe Ihnen um Gleichstellung. Ich nenne das, was Sie betreiben, Femifaschismus. Das, was Sie zur Disposition stellen, ist viel zerbrechlicher als Sie glauben. Nie zuvor in der Geschichte unseres Landes war der innerste Kern unserer Identität so bedroht. Das ist nicht Ihre Schuld, aber es ist nicht die Zeit, eine Hälfte der Bevölkerung gegen die andere auszuspielen. Ob wir gegen die Bedrohung wie Brüder, wie Schwestern, oder wie Brüder und Schwestern zusammenstehen, ist völlig egal. Sie sollten nicht dem Zeitgeist das Wort reden, der im Moment ein Klima schafft, in dem „Frau sein“ eine Qualifikation und „Mann sein“ eine Beleidigung ist. Das, was Sie wollen, ist nicht gerecht, es ist schlicht und einfach grenzenlos dumm. Sie sollten sich schämen, Frau Rose-Möhring.

Note to self: Arm drann. Musik: London Grammar, Doughter, Car Bomb, The Dillinger Escape Plan, The Tony Danza Tapdance Extravaganza.