Was geht, Sucker?

Äh ja. Also ich habe ja meine ganz eigene Meinung zur Firma von Herrn Zuckerberg und die führt dazu, dass ich kein Produkt dieser Firma nutze oder jemals nutzen werde. Kein Facebook, kein WhatsApp, kein Instagram – niemals. Klar, auch ich benutze einen Messenger, aber der ist nicht nur Ende-zu-Ende verschlüsselt, die Server stehen in der Schweiz, der hat vor allem keinen Zugriff auf mein Adressbuch. Bilder habe ich mal ein paar auf Panoramio hochgeladen, die fand ich dann später auf kommerziellen Internetseiten von Pensionen in der Eifel und war zu müde, rechtlich dagegen vorzugehen. Und statt dem Fratzenbuch schreibe ich lieber ab und zu was in ein Blog, das keiner liest. Ist schon OK so.

Zuckerberg hat jetzt angekündigt, die Nachrichtenfunktionen von Facebook, WhatsApp und Instagram zu verknüpfen. das kann niemanden mehr überraschen. Der Konzern ist ohnehin die größte Datamining-Schweinerei, die seit Erfindung des Internets existiert. Insofern ist dieser Schritt konsequent. Inkonsequent ist, dass es keinen politischen Willen gibt, dieser Schweinerei endlich Einhalt zu gebieten. Noch unverständlicher ist, dass die Nutzer dieser Plattformen sich wie die dümmsten Schafe dorthin führen lassen, wo die letzten Reste ihrer Privatsphäre blutig hingeschlachtet werden.

Ich fahre ja einigermaßen viel Omnibus. Dabei beobachte ich immer wieder das gleiche: Männer und Frauen jeden Alters, die permanent mit ihrem WhatsApp beschäftigt sind. Vielleicht ist mein Leben einfach zu trist und zu einsam, aber ganz ehrlich: Ich wüsste beim besten Willen nicht, was ich da die ganze Zeit reinklimpern sollte. Ich habe dem Internet noch nie mitgeteilt, was ich gleich essen werde. Wenn ich etwas kaufe, würde ich meine Homies nie über diese Anschaffung informieren. Ich glaube einfach nicht daran, dass wir uns durch Konsumentscheidungen profilieren können. Ich erlebe, dass Menschen, die sich sehr viele Gedanken über ihre Ernährung, die Energiepolitik und Mikroplastik machen, die Produkte von Herrn Zuckerberg völlig kritiklos benutzen und diejenigen, die dabei nicht mittun wollen, auch noch für ihre Randständigkeit schelten.

Mein Leben ist mein Leben. Es ist kein Auswertungsfall für irgendeine Scheißaktiengesellschaft. Es passiert, es ist kein Projekt und es wird nicht optimiert werden. Und obwohl oder gerade weil ich sehr viel Wert darauf lege, zu kontrollieren wer was über mich weiss, ist es kein bisschen weniger bunt und aufregend als das der Willigen, die sich selbst ausliefern.

Note to self: Jetzt wird es unangenehm. Schnall Dich an. Musik: K’s Choice, Altarage, Zaz, Voivod.

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Sich das Land zurückholen

Man liest und hört diese Formulierung immer wieder, vorzugsweise von Vertretern der politischen Rechten, national-konservativen und wirtschaftsliberalen Kreisen, aber beispielsweise auch von den Brexiteers vom Schlage eines Boris Johnson oder Nigel Farage oder der Tea-Party-Bewegung in den Vereinigten Staaten: Die Bürger sollten sich „das Land zurückholen“. Was soll das eigentlich bedeuten?

Es soll wohl zum Ausdruck gebracht werden, dass auch und gerade in den repräsentativen Demokratien des Westens eine Kaste von Politprofis, das so genannte Establishment, das Ruder übernommen hat und im wesentlichen eigene Interessen und nicht die derjenigen vertritt, denen sie ihren Posten verdankt. Was ist davon zu halten?

Ich finde es merkwürdig, dass von Politikern erwartet wird, sie mögen doch bitte perfekte Funktionsträger sein, fehlerlos, moralisch integer, Fachleute auf allen Gebieten, dazu telegen, eloquent und jederzeit gefasst. Menschen sind nicht so. Würden wir von unseren Nachbarn und Landsleuten erwarten, dass sie steuerehrlich sind, nie zu schnell fahren, ihren Müll perfekt trennen, die Hinterlassenschaften ihrer Hunde vorschriftsmäßig entsorgen und das alles selig lächelnd? Nein, denn wir kennen uns selbst. Zwar scheitern wir beispielsweise bei der Einrichtung und Bedienung unseres Multifunktionsdruckers, trauen uns aber ein sicheres Urteil über multilaterale Handelsverträge, NOx-Grenzwerte und die diplomatischen Beziehungen zu Turkmenistan durchaus zu, jedenfalls wenn wir unsere Partikularinteressen durch politische Entscheidungen beeinträchtigt sehen.

Sicher, das Prinzip der repräsentativen Demokratie setzt mündige Bürger voraus, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten um die eigene Willensbildung kümmern. Man muss aber konstatieren, dass diese oft genug im Bauchraum und nicht zwischen den Ohren stattfindet. Wenn Meinungen an uns herangetragen werden, die uns nicht schmecken, dann möchten wir nur zu oft den Überbringer der Nachricht töten oder zumindest als Teil der Systemmedien diffamieren. Die politischen Vertreter der Gegenseite werden dann zu Buhmännern, die nur ihren Posten und ihre Macht im Blick haben und sich um die Interessen des Volks nicht scheren.

Das politische Handwerk ist eine Kunst, die schwierig zu erlernen ist. Demokratie ist ein Modell, das kleine Schritte macht, manchmal nicht vorwärts, sondern zurück. Entscheidungen, die uns heute plausibel erscheinen, werden morgen verdammt werden, weil sich die politische Großwetterlage, aber auch unsere persönlichen Verhältnisse fortwährend ändern. Und mal ganz ehrlich: Wer würde sich nicht die Rosinen auf Kosten der anderen aus dem Kuchen picken, wenn er es könnte.

Eines eint die Bewegungen des Protests, die Gelbwestenträger, die „America-firsts“, die „Britannia-rule-the wavers“, die „White-supremacists“: Die Vorstellung nämlich, man habe ein natürliches Recht, sei auf Diskurs und Kompromiss nicht angewiesen. Das berechtigt dann auch zu Umsturzphantasien, die fatal an den revolutionären Mechanismus des Marxismus-Leninismus erinnern, den wir doch eigentlich hinter uns gelassen haben. Der politische Gegner kommt in diesem Bild gar nicht mehr vor. Dort, wo die Linke die Vorstellung verfolgt, man müsse möglichst alle mitnehmen, wenn nötig durch Belehrung, Sanktion und Zwang („Bestrafe einen, erziehe hundert.“), haben die Reaktionären ein argumentatives Loch.

Wer sich „das Land zurückholen will“ hängt der Vorstellung des besseren „Frühers“ an, einer Zeit, in der die Menschen anständig und ordentlich waren. Gleichzeitig reden die vorgeblich Ungehorsamen, die den Mainstream verachten, dem Ellenbogenmenschentum das Wort – in der zweifelhaften Gewissheit, sie würden dann schon auf der richtigen Seite stehen, auf der Seite der mächtigen Profiteure nämlich. Das Problem der Selbstermächtigung ist, dass sie kein Selbstzweck sein darf. Das Land, das man sich zurückholen will, hat nie existiert.

Note to self:  Telekomiker, ich hasse euch alle. Musik: Angus & Julia Stone, Shaving the Werewolf, Veldes, Arch Enemy.

Danke!

Nach längerer Blog-Pause (Erst Grippe, dann Jahresendstress, dann Winterschlaf zwischen den Jahren) beschäftigt sich der erste Beitrag des Jahres mit Musik, mit Gitarrenmusik genauer gesagt, aber auch mit einem Artikel von Jan Stremmel aus der Online-Ausgabe der Süddeutschen von heute. Dieser Artikel trägt die Überschrift:

„Als die Frauen die Rockmusik retteten“

Ganz ehrlich, was soll man als Liebhaber von handgemachter Mucke der eher rauen Gangart da anderes sagen als: „Danke Mädels!“

Der Artikel stellt einige, nun ja, steile Thesen auf, spart auch nicht mit klischeehaften Überspitzungen und entblödet sich nicht, den männlichen Rockmusiker auf ein testosterongesteuertes, grenzdebiles Abziehbild zu reduzieren. Wir lesen solche Sätze wie:

„Während weiße, männliche Rockmusik kaum noch junge Menschen interessiert, stammt Musik, die von Experten als relevant, hochwertig und besonders zeitgemäß eingestuft wird, überwiegend von Frauen.“

Ein interessanter rhetorischer Kunstgriff, nicht wahr? Bezeichnet wird ein Gegensatz, der keiner ist, denn die Experten dürften eher ältere, weiße Männer sein und eben nicht der Durchschnittsmensch unter 40, der, das ist die These des Artikels, sich ohnehin nicht mehr für Rockmusik interessiert. Also für von Männern gemachte Rockmusik. Aber was ist mit den Begriffen „relevant“, „hochwertig“ und „zeitgemäß“?

Nun, Relevanz kann sich ja an der Popularität und damit dem kommerziellen Erfolg bemessen, da ist allerdings, zumindest für das Jahr 2018, eine ziemlich eindeutige Verteilung von Männern und Frauen festzustellen. Ob Musik hochwertig ist, kann man zwar objektiv messen, allerdings hat bei der Schöpfungshöhe Populärmusik, egal ob von Frauen oder Männern gemacht, in der Regel keine Matte gegen Jazz und Klassik. Verlässt man diese objektivierbaren Parameter, so verkommt die Wertigkeitsdiskussion zu einer Huddelei, die mit dem Satz „über Geschmack lässt sich nicht streiten“ hinreichend ausgeleuchtet ist. Und schließlich: Warum soll man von Musik verlangen, dass sie zeitgemäß ist? Ist es nicht eher so, dass „gute Musik“ zeitlos ist bzw. die Zeit überdauert? Ich meine schon.

Aber Herrn Stremmels Mission ist ja auch nicht die Auseinandersetzung mit Musik, nein, er möchte gerne die Frauen in den Himmel schreiben und die Männer marginalisieren, weil sich das heutzutage so gehört, besonders wenn man Mitglied der Redaktion der „Süddeutschen“ ist, traurig, aber nur zu wahr. Entsprechend legt der Autor nach und beschreibt, wie sich Rockmusik in der Vergangenheit konstituiert hat:

„Hier die Band als rebellischer Männerbund – dort die Frau als konsumierbarer Groupie (wenige exotische Ausnahmen wie Janis Joplin oder Patti Smith mal ausgenommen).“

Hm. Jefferson Airplane? Fleetwood Mac? The Velvet Underground? Und mal ganz ehrlich Herr Stremmel: Ich kenne Ihre feuchten Träume nicht, aber wer wen konsumiert, wenn es zum einvernehmlichen Sex im Backstagebereich kommt, das sollten sie den Beteiligten überlassen, ohne genderfaschistische Zuschreibungen. Überlegen Sie mal, wieviele Rockstücke sich mit der Anbetung, Vergöttlichung und grenzenlosen Bewunderung eines geliebten, oftmals weiblichen Menschen beschäftigen.

Klar, wir leben in einer Zeit, in der beispielsweise der „Lemon Song“ von Led Zeppelin als frauenfeindliches Machwerk gebrandmarkt wird (ein Treppenwitz), aber diese Anschauung ist eben Resultat einer prüden, lustfeindlichen Geisteshaltung, die Moment zwar leider en vogue ist, aber völlig außen vor lässt, dass Rock’n Roll schon bei seiner Erfindung ganz eindeutig sexuell konnotiert war, das hört man schon am Namen. Und das wurde in den prüden und lustfeindlichen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts auch entsprechend kritisiert. Wollen wir wirklich dahin zurück?

Aber egal, jetzt haben ja weibliche Rockmusiker das Ruder übernommen. Der Artikel nennt Künstlerinnen wie St. Vincent, Courtney Barnett, Mitski oder Snail Mail. Ich bin ehrlich: Ich kannte keine dieser Musikerinnen, bin also ein Banause, habe mich aber mal ein bisschen auf Youtube umgetan:

 

Also, ganz ehrlich Herr Stremmel: Wenn so die Rettung der Rockmusik aussieht, dann gratuliere ich Jedem und Jeder, die nicht daran beteiligt sind. Und die Begriffe „relevant“, „hochwertig“ und „zeitgemäß“ erscheinen bei Ansicht dieser Grausamkeiten in einem ganz neuen Licht. Aber wie gesagt, um Musik geht es bei Ihrem strunzdummen Geschreibsel ja auch nicht. Es geht darum die Krise des Mannes herbeizuschreiben, der nicht mehr relevant sein kann, weil er nicht mehr relevant sein darf. Wir lesen:

„In dieses Vakuum, so sehen es Beobachter wie Anne Haffmans, sind nun die weiblichen Gitarrenbands gestoßen. Mit neuem Selbstbewusstsein und derselben Lust am Tabubruch, die vorher die langhaarigen Männer mit den penisbetonenden Jeans für sich beanspruchten.“

Einfallsloser und primitiver geht es kaum, aber was solls, die Richtung muss stimmen. Da erübrigt sich dann auch ein Vergleich, welche ihrer körperlichen Vorzüge die so hochgelobten Protagonistinnen beispielsweise in den oben eingefügten Videos betonen. Frauen dürfen so was.

Wissen Sie was Herr Stremmel: Bei Musik, die mir gefällt (und davon gibt es eine ganze Menge) unterscheide ich nicht, ob sie von Frauen oder Männern gemacht wurde. Mir ist egal, ob sie vor zwei Monaten oder vor 350 Jahren gemacht wurde. Es juckt mich nicht, ob die Künstler 500.000 Facebook-„Freunde“, oder überhaupt keine Seite in irgendeinem sozialen Netzwerk haben. Gute Musik kann mich emotional mitnehmen, sie kann zu wichtigen Momenten und Mitmenschen in meinem Leben gehören und sie kann meinen musikalischen Intellekt herausfordern.

Wenn ein mehrfach ausgezeichneter Journalist so eine hanebüchene Zumutung absondert, wie Sie, Herr Stremmel, dann wird mir Angst und Bange. Daran, und auch daran, dass die Süddeutsche derlei Schwachfug dann auch noch veröffentlicht, lässt sich nämlich ablesen, was derzeit so völlig falsch läuft: Hätten Sie einen Artikel über, Ihrer Ansicht nach, aufregende neue Gitarrenmusik geschrieben, ohne sich darauf zu kaprizieren, was die Musiker zwischen den Beinen haben, wäre es ja OK gewesen. Aber nein, es musste ja eine femifaschistische Kampfschrift werden. Und genau das empfinde ich als Beleidigung. Nicht als Mann, als Mensch:

 

Note to self: Ich will Schnee. Musik: Ach lassen wir das.