Pauls Akathisie

„Geh mir weg!“ Dachte oder sagte er es? Pauls Telefon hatte schon den ganzen Tag verrückt gespielt und gerade lag er in der Badewanne, die er so bald nicht zu verlassen beabsichtigte. Seit einiger Zeit verdingte er sich auf einer Internetplattform, die Dienstleistungen im weitesten Sinne vermittelte, in Pauls Fall ging es um IT-Dienstleistungen, und dafür eine fette Provison kassierte. Diese Form des modernen Unternehmertums hatte er als adäquate Reaktion auf den Verlust seiner Stellung ausgemacht.

Zunächst hatte er sich mit mäßigem Fleiß auf dem gewöhnlichen Arbeitsmarkt versucht. Einige Vorstellungsgespräche waren im Grunde erfolgreich verlaufen, auch wenn dabei schmerzhafte Sticheleien der Form „Ich sehe, Sie werden nächstes Jahr 50.“ oder „Der Sportlichste sind sie eher nicht, oder?“ zu verbuchen gewesen waren. Immerhin, Angebote gab es, aber Paul nahm sie nicht wahr. Wochenlang hatte er sinniert, bis er in einem romantischen Anfall den Deckel draufgemacht hatte: Sein eigener Herr sein, nicht länger fremdbestimmtes Objekt burgeoiser Ausbeutung, darin lag seine sicherlich güldene Zukunft. Ein Gewerbeschein war schnell besorgt, einige schicke Flussdiagramme und die Skizze eines Businessplans gingen ihm leicht von der Hand. Er hatte beim abendlichen Bier im Freundeskreis in flammenden Reden dem Leben als Entrepreneur das Wort gesungen und seine Bestimmung als Businessmann in rosigsten Farben gemalt.

Seitdem hatte er Drucker in Betrieb genommen und vor allem in den 5. Stock geschleppt, mumifizierte Windows-Installationen wieder zum Leben erweckt, an Laptops herumgelötet, defekte Mainboards ausgetauscht, Viren und Würmer entfernt und vor allem beraten, besänftigt, mit Engelsgeduld zugehört und verständnisvoll genickt. Lang waren die Tage und kurz die Nächte gewesen und als er sich nach 4 Wochen zum ersten Mal seinen Stundenlohn ausgerechnet hatte, hätte er am liebsten bittere Tränen geweint. Aber just in diesem Moment, es war an einem Freitag um kurz nach zehn abends, hatte ein Neukunde mit einem abgerauchten Netzteil seine Nummer gewählt. Ehrensache, dass er sich noch in den Skoda warf und die Angelegenheit schnell regelte, auch wenn er dazu mit der Handyfunzel in das dichteste Kabelgewirr unter einem chaotischen Schreibtisch eintauchen musste, dorthin wohin wohl noch nie ein Staubsauger oder Besen vorgedrungen war.

Paul hatte immer schon eine leichte misanthropische Ader gehabt und die neue Betätigung bot großzügige Gelegenheit, dieses zarte Pflänzchen zu einem Mammutbaum heranwachsen zu lassen. Da waren die Saboteure, die ihn stets mit einem munteren „Ich habe doch gar nichts gemacht.“ konfrontierten, weiterhin die Pseudobegabten, die den Hinweis auf das Handbuch mit Schulterzucken quittierten, dazu die Ungeduldigen, die nach fünf Minuten bereits ein „Na hören Sie, das dauert aber“ vernehmen ließen und die Traditionalisten, die immer ein „Unter XP wäre das nicht passiert!“ parat hatten. Aber am schlimmsten waren Spielkinder mit zu viel Zeit, die eine perfekte Installation innerhalb von zwei Tagen in einen Kübel Mist verwandeln konnten. Paul lernte eine neue Seite an sich kennen: Die insgeheim alles verachtende, vorgespielte Gelassenheit, die einen kugelsicheren neutralen Gesichtsausdruck vor sich hertrug. Für alles andere war er meist zu müde.

Das Telefon klingelte erneut. Fluchend arbeitete er sich aus der Wanne, tapste triefend und frierend ins Arbeitszimmer und nahm den Apparat zur Hand. Nanu? Die Nummer kannte er doch. Das war der kaufmännische Leiter seiner alten Firma…

„Computer-Nothife, was kann ich für Sie tun?“

„Mensch Schneider, das ist ja eine Überraschung. Wie gehts denn?“

„Jaja. Selbständig.“

„Ach so. Neue Laserdrucker. Sechs Stück.“

„Das sind die großen mit den Extra-Papierkassetten, oder?“

„Aha, in den Altbau. Einer pro Etage.“

„Nee, geht klar. Schaffe ich bis morgen mittag.“

„OK, bis dann.“

Er ließ die Mobilfunke aufs Sofa fallen. Das enge steile Treppenhaus kannte er noch zu gut. Die Drucker auch. Inzwischen stand er in einer kleinen Pfütze. Er dachte an die Gesichter der ehemaligen Kollegen, die ihn morgen begrüßen und dann sicher die Köpfe zusammenstecken würden. Draußen jaulte ein Hund, als hätte man ihn getreten.

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