Wessen Land?

Also, dass alle Online-Medien, die ich regelmäßig lese, heute den ersten Geburtstag von #metoo behandeln, ist ja klar. Für die Opfer sexualisierter Gewalt ist die „Bewegung“ sicherlich ein wichtiges Sprachrohr, wenn nicht sogar der Beginn einer neuen Epoche. Denn dass die Opfer einer vollzogenen oder versuchten Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung schwerste seelische Traumata erleiden, die sie bis zum Lebensende quälen können, kann niemand bestreiten. Ebenso wenig kann bestritten werden, dass in vielen der beschriebenen Fälle die ungleiche Verteilung von Macht mittelbare Ursache für die Übergriffe ist. Höchste Zeit, dass darüber geredet wird. Das sei mal vorangestellt.

Wenn ich den Pfad der politischen Korrektheit im Rahmen dieses Beitrags wieder einmal verlasse, dann hat das damit zu tun, dass mit #metoo einige mittelgroße Unappetitlichkeiten verbunden sind, die die Opfer möglicherweise als nachrangig empfinden mögen, die für mich aber extrem wichtig sind:

  1. mit Rechtsstaatlichkeit spielt man nicht, auch wenn sie unbequem ist: #metoo behandelt strafrechtlich relevante Sachverhalte ohne die Regeln des Rechtsstaats, allen voran die Unschuldsvermutung und das Verbot der Vorverurteilung
  2. ein Internet-Pranger lässt einem zu Unrecht Beschuldigten keine Möglichkeit für ein faires Verfahren. In diesem Zusammenhang sei an den Selbstmord von Benny Fredriksson erinnert
  3. die Anschuldigungen beziehen sich auf ein großes Spektrum von Vorfällen von der mehrfachen Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung bis zum unangemessen empfundenen Blickkontakt, die Behandlung unter einem Hashtag ist hochproblematisch
  4. auch wenn es uns schwerfällt: Auch Täter haben Rechte. Wird eine Tat nicht angeklagt, so verjährt sie irgendwann. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an den britischen Verteidigungsminister, der, 14 Jahre nachdem er einer Frau die Hand aufs Knie gelegt hatte, zurücktreten musste. Bei #metoo verjährt nichts

Oh, ich höre schon wieder den feministischen Furor: „Typisch männliches Nebenkriegsschauplatz-Aufgeheule“ aber genau damit sind wir am Kernpunkt meiner Kritik: In der Berichterstattung zu #metoo hieß es zunächst mal, mit dem vorliegenden Befund sei die Angelegenheit ja nun klar und die Männer (nicht etwa die Täter) hätten sich dazu zu verhalten. Selbstermächtigung ist das Eine, eine Beschlagnahme der Deutungshoheit etwas ganz anderes und geschlechtsspezifische Sippenhaft schreiendes Unrecht. Inzwischen hat sich ja zum Glück die Auffassung durchgesetzt, dass #metoo zuvorderst eine Gesprächsgrundlage sein kann, auch wenn das den Vertreterinnen der reinen Lehre nicht schmeckt: Was fordert die Queer-Theorie? „Die Betroffenen sollen sprechen, die anderen schweigen.“ Nein Frau Butler, ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Bei SPON werden anlässlich des Jahrestages 11 Forderungen gestellt und tatsächlich hätte ich zu jeder dieser Forderungen etwas zu schreiben, das würde dann aber ein bisschen lang werden. Deshalb nur so viel: Das, was die Autorinnen der Punkte 1,7 und 8 geraucht haben, würde ich im Leben nicht anfassen.

Aber das Schönste am soeben zitierten Artikel ist seine Überschrift, denn damit lassen die Urheberinnen die Katze aus dem Sack und sind schon mal ein ganzes Stück ehrlicher als Johanna Roth, die neulich in der Jugendabteilung der Süddeutschen dieses unerträgliche Geschreibsel (ein Paradebeispiel für den Unterschied zwischen Objektivität und sozialer Dekonstruktion, Gender-Forschungs-Wahrheitsverbiegung par excellence) absonderte. Die Überschrift lautet (festhalten bitte):

„Deutschland, Frauenland“

Noch Fragen?

Note to self: Mir fehlen zwei iMacs, Schweigen im Walde. Musik: Crippled Black Phoenix, Apocalyptica, Interpol, Defeated Sanity, Alkaline Trio.

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