Wo Herr Dörr irrt

Es tut mir leid, dass ich schon wieder in die gleiche Kerbe hauen muss. Ehrlich gesagt sind  bei mir eigentlich auch andere Themen viel angesagter, über die sich das Bloggen anböte. Nur wird über sexualisierte Gewalt gerade so viel und so viel Unsinn veröffentlicht, da kann ich die Füße nicht stillhalten. Julian Dörr schreibt heute in der Süddeutschen über den Mythos der falschen Beschuldigung. Er hätte es besser nicht getan.

Seine Argumentation (oder besser Dekonstruktion, denn objektivierbar ist dabei gar nichts) geht so: Angesichts der sehr geringen Zahl von falsch Beschuldigten beim Straftatbestand Vergewaltigung und unter Berücksichtigung des Dunkelfeldes (nicht angezeigte Taten) sei es für einen Mann wahrscheinlicher, selbst vergewaltigt zu werden, als Opfer einer Falschbeschuldigung zu werden. Deshalb sei die Debatte überflüssig und die Angst vor der Falschbeschuldigung irrational. Überdies sei auch die häufige Reaktion des Bezweifelns der Richtigkeit der Vorwürfe zu verurteilen. Zur Untermauerung dienen einige populäre Einzelfälle von Kavanaugh bis Christiano Ronaldo.

Ich habe zwei prinzipielle Probleme mit dem Artikel, will aber eines vorausschicken: Wenn Frauen (oder Männer) Vergewaltigungsvorwürfe erheben, dann wäge ich nicht ab, ob ich sie für zutreffend halte, das führt zu nichts. Tatsächlich ist es so, dass manche Männer und Frauen an dieser Stelle ein ausgeprägtes Lagerdenken an den Tag legen, das nur schwarz und weiß kennt. Könnte das nicht daran liegen, dass die Geschlechterdiskussion zu einem konfrontativen Grabenkampf verkommen ist, der keinen vernünftigen Diskurs mehr zulässt? Und ist nicht der Artikel von Dörr ein spanischer Reiter in diesem Grabenkrieg? Für mich ist viel entscheidender, in welchem Rahmen Vorwürfe geäußert werden. Eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft ist da ein ganz anderer Schnack, als das Vorwürgen von 180 Zeichen auf einer Internetplattform, wobei der Täter namentlich genannt wird, das Opfer aber anonym bleibt. Letzteres ist aus prinzipiellen Gründen nicht zu akzeptieren.

Punkt1: Die Sache ist viel zu ernst, um hier Abzählspielchen zu veranstalten. Tatsache ist, dass Falschbeschuldigungen vorkommen. Tatsache ist auch, dass es eine merkwürdige Häufung von Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfen bei Scheidungs- und Sorgerechtsprozessen gibt. Im Einzelfall geht das Opfer einer Vergewaltigung und das Opfer einer entsprechenden Falschbeschuldigung durch die Hölle. Es bleibt Herrn Dörrs Geheimnis, warum er versucht, dies mit statistischen Kennziffern zu relativieren.

Punkt2: Die Angst vor einer Falschbeschuldigung war noch nie so wenig irrational wie heute. Dies gilt insbesondere, wenn man nicht nur Vergewaltigung, sondern auch sexuelle Nötigung und übergriffiges Verhalten in die Diskussion hineinnimmt. Das hat zwei Ursachen: Die Form der Verbreitung und die „Ausweitung der Kampfzone“. Zu ersterem hat Jan Fleischhauer (ja, ein reaktionärer Unsympath) gestern etwas Vernünftiges geschrieben. Zum zweiten sei dies hier angemerkt: Wer über einen längeren Zeitraum solche Webpublikationen wie das „Missy Magazin“ oder „Mädchenmannschaft“ liest, wird über kurz oder lang feststellen, dass es für Männer aus der Perspektive des extremen Neofeminisimus überhaupt nur eine Möglichkeit gibt, nicht übergriffig zu sein, nämlich zu gehorchen. Das ist kein leeres Geschwafel, man recherchiere mal zum Thema „Wickelerlaubnis“, oder zum Hashtag #menaretrash.

All dies mag für eine Frau, die Opfer einer Vergewaltigung wurde, keine Rolle spielen und sogar wie eine zynische Relativierung klingen. Das verstehe ich sehr gut. Trotzdem muss es erwähnt werden: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, das ist so wie mit Hitler und den Autobahnen.

Note to self: Es sind sieben und es sollte keiner sein. Gelb ist das Grauen. Musik: Seasick Steve, Dir en grey, A Forest of Stars, Revocation.

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Wessen Land?

Also, dass alle Online-Medien, die ich regelmäßig lese, heute den ersten Geburtstag von #metoo behandeln, ist ja klar. Für die Opfer sexualisierter Gewalt ist die „Bewegung“ sicherlich ein wichtiges Sprachrohr, wenn nicht sogar der Beginn einer neuen Epoche. Denn dass die Opfer einer vollzogenen oder versuchten Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung schwerste seelische Traumata erleiden, die sie bis zum Lebensende quälen können, kann niemand bestreiten. Ebenso wenig kann bestritten werden, dass in vielen der beschriebenen Fälle die ungleiche Verteilung von Macht mittelbare Ursache für die Übergriffe ist. Höchste Zeit, dass darüber geredet wird. Das sei mal vorangestellt.

Wenn ich den Pfad der politischen Korrektheit im Rahmen dieses Beitrags wieder einmal verlasse, dann hat das damit zu tun, dass mit #metoo einige mittelgroße Unappetitlichkeiten verbunden sind, die die Opfer möglicherweise als nachrangig empfinden mögen, die für mich aber extrem wichtig sind:

  1. mit Rechtsstaatlichkeit spielt man nicht, auch wenn sie unbequem ist: #metoo behandelt strafrechtlich relevante Sachverhalte ohne die Regeln des Rechtsstaats, allen voran die Unschuldsvermutung und das Verbot der Vorverurteilung
  2. ein Internet-Pranger lässt einem zu Unrecht Beschuldigten keine Möglichkeit für ein faires Verfahren. In diesem Zusammenhang sei an den Selbstmord von Benny Fredriksson erinnert
  3. die Anschuldigungen beziehen sich auf ein großes Spektrum von Vorfällen von der mehrfachen Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung bis zum unangemessen empfundenen Blickkontakt, die Behandlung unter einem Hashtag ist hochproblematisch
  4. auch wenn es uns schwerfällt: Auch Täter haben Rechte. Wird eine Tat nicht angeklagt, so verjährt sie irgendwann. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an den britischen Verteidigungsminister, der, 14 Jahre nachdem er einer Frau die Hand aufs Knie gelegt hatte, zurücktreten musste. Bei #metoo verjährt nichts

Oh, ich höre schon wieder den feministischen Furor: „Typisch männliches Nebenkriegsschauplatz-Aufgeheule“ aber genau damit sind wir am Kernpunkt meiner Kritik: In der Berichterstattung zu #metoo hieß es zunächst mal, mit dem vorliegenden Befund sei die Angelegenheit ja nun klar und die Männer (nicht etwa die Täter) hätten sich dazu zu verhalten. Selbstermächtigung ist das Eine, eine Beschlagnahme der Deutungshoheit etwas ganz anderes und geschlechtsspezifische Sippenhaft schreiendes Unrecht. Inzwischen hat sich ja zum Glück die Auffassung durchgesetzt, dass #metoo zuvorderst eine Gesprächsgrundlage sein kann, auch wenn das den Vertreterinnen der reinen Lehre nicht schmeckt: Was fordert die Queer-Theorie? „Die Betroffenen sollen sprechen, die anderen schweigen.“ Nein Frau Butler, ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Bei SPON werden anlässlich des Jahrestages 11 Forderungen gestellt und tatsächlich hätte ich zu jeder dieser Forderungen etwas zu schreiben, das würde dann aber ein bisschen lang werden. Deshalb nur so viel: Das, was die Autorinnen der Punkte 1,7 und 8 geraucht haben, würde ich im Leben nicht anfassen.

Aber das Schönste am soeben zitierten Artikel ist seine Überschrift, denn damit lassen die Urheberinnen die Katze aus dem Sack und sind schon mal ein ganzes Stück ehrlicher als Johanna Roth, die neulich in der Jugendabteilung der Süddeutschen dieses unerträgliche Geschreibsel (ein Paradebeispiel für den Unterschied zwischen Objektivität und sozialer Dekonstruktion, Gender-Forschungs-Wahrheitsverbiegung par excellence) absonderte. Die Überschrift lautet (festhalten bitte):

„Deutschland, Frauenland“

Noch Fragen?

Note to self: Mir fehlen zwei iMacs, Schweigen im Walde. Musik: Crippled Black Phoenix, Apocalyptica, Interpol, Defeated Sanity, Alkaline Trio.