Deadly Hambi

Heute Nachmittag um kurz vor vier ändert sich alles. Ein Sturz aus 15 Metern Höhe von einer Hängebrücke eines Protestcamps auf den Boden des Hambacher Forstes unter dem die Braunkohle liegt. Der Verunfallte, ein junger Journalist, erliegt wenig später seinen Verletzungen.

Die Auseinandersetzung um die Abholzung der letzten 120 Hektar des ehemals 4100 Hektar großen Waldgebiets spaltet meine Heimatregion und das schon seit Jahren. Wer die Gegend kennt, der kennt auch die Wunden, die der Braunkohleabbau in Hambach, Garzweiler, Inden und den anderen Tagebauen ihr zugefügt hat: Die Zerstörung der Landschaft, die Umsiedlung ganzer Ortschaften, die Folgen der Grundwasserabsenkung. Gleichzeitig ist die RWE (früher Rheinbraun) einer der größten Arbeitgeber der Region und viele andere Arbeitsplätze bei den Zulieferern hängen am Kohleabbau. Der Computer, auf dem dieser Text gerade geschrieben wird, läuft mit Strom aus Braunkohle.

So klar die Sache mit dem Hambacher Forst aus rechtlicher Sicht ist, so widersprüchlich ist sie gleichzeitig. Die Abholzgenehmigung der RWE wurde von zahlreichen Gerichten bestätigt. Der Widerstand der Baumschützer („Hambi bleibt“), oder jedenfalls das Errichten von Baumhäusern, ist illegal, dazu kommen zahlreiche Straftaten, eben nicht nur der berüchtigte Landfriedensbruch, sondern auch Sachbeschädigungen und Körperverletzungen. Aber fast jeder in meiner Heimat weiß, dass der Braunkohleabbau ein Auslaufmodell ist, dass die Kohle unter dem Hambacher Forst nicht benötigt wird, um die Versorgung der Region sicherzustellen, dass die alten Kraftwerke zu den größten Dreckschleudern in Deutschland gehören. Viele sind geistig flexibel genug, um einzusehen, dass mit Braunkohle betriebene Großblöcke in intelligenten, zukunftssicheren Versorgungskonzepten keinen Platz haben. Und deshalb betrachten viele den Widerstand als legitim und sympathisieren mit den „Aktivisten“. Zu einer Kundgebung am letzten Wochenende kamen Tausende.

Der tragische Unfalltot eines jungen Mannes hätte eine Zäsur sein können: Die Polizei, die zurzeit die Baumhäuser der Protestler im Wald mit riesigem Aufwand räumt, hat sich bis auf weiteres zurückgezogen. Momentan gibt es also auch Niemanden, den man mit Fäkalienbeuteln bewerfen oder mit Zwillen beschießen könnte. Aber schon wenige Stunden nach dem Tod eines Menschen wird dieser von beiden Seiten instrumentalisiert. Im Webforum des Lokalblatts werden die schwersten Geschütze aufgefahren. Der verstorbene Journalist wird zum linksgrünen Schmierfinken mit gefälschtem Presseausweis, Belege dafür werden nicht vorgelegt. Mit Häme wird angemerkt, dass der nicht bauordnungsamtlichen Vorschriften genügende Zustand der Baumhaussiedlungen wohl doch kein vorgeschobener Grund für die Räumung gewesen sei. Das Aktionsbündnis wiederum fordert die Einstellung aller staatlichen Maßnahmen „um keine weiteren Menschenleben zu gefährden“ und empfiehlt den „Aktivistis“ keine Aussagen bei der Polizei zu machen, die den Vorfall untersucht.

Heute Nachmittag um halb sechs hat sich nichts geändert. Die Angehörigen und Freunde des Toten werden hoffentlich den Zynismus der Debattenbeiträge auf beiden Seiten nicht mitbekommen. Ihr Leid und ihre Trauer wird bleiben, egal was mit Hambi wird…

Note to self: Langeweile, das ist ein gutes Zeichen. Musik: Sophie Hunger, Crippled Black Phoenix, Thou, Thrice, Clutch, Fixation On Suffering, Manes.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.