Sophies Welt

Über Sophie Hunger wird ja viel geschrieben. Die Rezension des letzten Albums im Spiegel ist wieder einmal der Versuch, den ganzen Kosmos ihres Kunstschaffens im Spannungsfeld zwischen steriler Eitelkeit, musikalischem Zeitgeist und Manierismen auf der einen Seite und der schlichten unbeirrbaren Natürlichkeit einer Überzeugungstäterin in feuilletonistischem Geschwurbel zu verarbeiten. Dabei kommen dann Sätze heraus wie der, den ich gerade geschrieben habe. Man kann das Zustandekommen solcher Sätze verstehen, wenn man mal ein TV-Interview mit Frau Hunger gesehen hat. Als hätte man Heidi von der Alm in den Dschungel der Großstadt verfrachtet – man möchte sich einerseits sofort als Geissenpeter verdingen, andererseits das zerbrechliche Pflänzlein auf keinen Fall bei der Entfaltung stören.

Man nimmt es der Frau Hunger gerne ab, wenn sie von den Schwierigkeiten berichtet, die den Weg von der Avantgarde zum Mainstream so steinig machen. Wer würde nicht dem Cäsarinnenwahn verfallen wollen, angesichts überbordender Lobhudeleien? Wer würde nicht die unmittelbare Einfachheit des Schaffensprozess herausstellen, an der sich angeblich nichts geändert hat? Zumindest das neue Album „Molecules“ verrät aber, dass die reizvollen Zwischenräume, in denen sich die Schweizerin bislang auszutoben pflegte, inzwischen spürbar verengt sind. Man kann das minimalistische Verknappung nennen, so wie der Kritiker bei SPON es lobend tut, man kann aber auch konstatieren, dass das neue Produkt sehr glatt und auf eine merkwürdige Art kalt daherkommt. Und das liegt eben nicht nur daran, dass es sich um durchprogrammierte Computermucke handelt, denn auch die kann enervierend reibungsvoll sein, die Musik zum gestrigen Tatort aus Berlin war da ein exzellentes Beispiel.

Keiner erwartet bei einem neuen Album von Sophie Hunger selig-schlichtes Geschrammel wie beispielsweise auf „Sketches on Sea“, ihrem im Wohnzimmer produzierten Erstling. Dazu ist sie schon viel zu lange im Geschäft und das meine ich gar nicht aus kommerzieller Perspektive, sondern eher handwerklich. Das vorletzte Album „Supermoon“ gefiel mir gerade wegen seiner unverwüstlichen Krautigkeit, dem neuen Tonträger mangelt es daran. Sophie Hunger schafft es immer noch melancholisch und gleichzeitig spröde zu sein, das „gewisse Etwas“ ist immer noch unverwechselbar und durchaus vorhanden, aber auf „Molecules“ kommt noch etwas anderes hinzu: Bemühte Eleganz. Ich gebe es offen zu: Mit eleganter Musik habe ich so meine Probleme, mag sie auch genial gemacht sein, sie nimmt mich nicht mit (wahrscheinlich, weil ich meinem ganzen Leben noch nie auch nur eine Zehntelsekunde elegant gewesen bin).

Das nächste Album von Frau Hunger wird vielleicht wieder ganz anders werden, das hoffe ich jedenfalls. Wenn das letzte Stück auf dem neuen Album namens „Coucou“ ein Ausblick darauf sein sollte, will ich mich nicht beschweren. Und zu hart abrechnen will ich auch nicht, dazu bin ich dann doch noch zu sehr Geissenpeter.

Note to self: Die einfachen Dinge tun. Unauffällig. Musik: Sophie Hunger.

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