Doppelte Standards

Eigentlich interessiere ich mich nicht für Tennis, aber natürlich habe ich den Ausflipper von Serena Williams im Finale der US Open im Fernsehen gesehen. Nun kann ich mangels Fachkenntnis nicht beurteilen, ob es gerechtfertigt war, dass Frau Williams den Stuhlschiedsrichter einen Lügner und Dieb nannte. Dass sie aber nicht so reagierte wie ein bedeutender Botschafter ihres Sports, der eine wirklich beeindruckende Karriere vorzuweisen hat und niemandem etwas beweisen muss, das war auch dem Unbedarftesten sonnenklar. Später warf sie eben jenem Schiedsrichter Sexismus vor. Das will ich aber an dieser Stelle gar nicht kommentieren (obwohl es mich erheblich juckt).

Nein, in diesem Artikel geht es um eine Karikatur, die ein australischer Zeichner, Mark Knight, fabriziert hat. Sie wurde in der Herald Sun veröffentlicht und löste einen so genannten Shitstorm aus. Heute wurde sie nochmals veröffentlicht, auf der Titelseite. Dazu möchte ich der Redaktion dieser Zeitung gratulieren. Hannah Pilarczyk nahm die Veröffentlichung heute auf SPON zum Anlass, den Urheber der Karikatur als rassistischen Amateur zu brandmarken.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich in einem Webstream das Finale der Australian Open zwischen Angelique Kerber und Serena Williams verfolgte. Der Stream lief auf einer Seite, auf der in Echtzeit Kommentare der User angezeigt wurden. Das Ausmaß der rassistischen Kommentare gegen Frau Williams hat mich damals unglaublich schockiert. Absolut unterste Schublade. Ich möchte im folgenden darstellen, warum die Karikatur von Mark Knight etwas völlig anderes ist und warum ich den Artikel von Frau Pilarczyk für eine ausgemachte Unverschämtheit halte:

Karikaturen sind satirische Überzeichnungen, sie verwenden nicht immer die feine Klinge, sondern bringen die in Rede stehende Begebenheit durch zeichnerische Vergröberung auf den Punkt. Sie trachten nicht danach, den Dargestellten zu schmeicheln. Wenn also ein afroamerikanischer Mensch gezeichnet wird, wird dieser Mensch mit dicken Lippen, krausem Haar und breiter Nase gezeigt. Frau Williams hat nach der Geburt ihres Kindes (die von erheblichen Komplikationen begleitet war, die ihren Gesundheitszustand bis heute beeinflussen) in die Weltspitze der Tennisprofis zurückgefunden. Für jeden ist sichtbar, dass sie ihr ideales Wettkampfgewicht noch nicht wieder erreicht hat. Sie spielt in einem figurbetonenden Ganzkörperanzug (in dem der Autor dieser Zeilen wie zweihundert Pfund Fleischwurst aussehen würde). Das ist die Serena Williams, die Mark Knight gezeichnet hat. Viel entscheidender ist aber die eigentliche Aussage der Karikatur. Sie zeigt nämlich einen Weltstar, der sich würdelos verhält, die Fassung verliert und den Erfolg ihrer japanischen Gegnerin nicht anerkennen kann. Insofern bringt sie ihre Botschaft überzeugend rüber: Da hat sich jemand zum Brot gemacht, jemand der in seinem Sport alles erreicht hat und für tausende Spielerinnen (und sehr viele Fans) auf der Welt bis jetzt ein Vorbild war.

Es ist überflüssig und peinlich, dass Frau Pilarczyk im Spiegel heute einer angeblichen rassistischen Ehrverletzung durch den Karikaturisten das Wort redet. Nicht nur das. Ihre Argumentation ist hanebüchen, oberflächlich und ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, warum der Begriff der „politischen Korrektheit“ inzwischen als Schimpfwort verwendet wird, obwohl er doch eigentlich das Gute und Richtige meinen will. Frau Pilarczyk überspannt den Bogen: Eine Darstellung, die die unverwechselbaren Merkmale der Physiognomie afrikanischstämmiger Menschen korrekt zeigt, ist mitnichten kolonialistisch, erst recht ist sie keine Wiedergabe eines „kulturell unbewussten Bildergedächtnisses“. Bleiben wir mal beim Sport: Bei den nächsten Olympischen Spielen wird es ein Finale über 100 Meter geben. Ich biete Frau Pilarczyk eine Wette an: Dieses Rennen wird von einem schwarzen Menschen gewonnen werden. Er wird dickere Lippen haben, als ein Weißer und krauseres Haar und eine breitere Nase. All das ist scheißegal: Er wird der schnellste Mensch der Welt sein und das Stadion wird toben und diesen Menschen feiern.

„Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung.“ So wird ein bekanntes Sprichwort verballhornt. Frau Williams hatte den Schaden und erst bei der Siegerehrung, als sie ihrer Kontrahentin sehr emotional und sehr ehrlich gratulierte, hatte sie ihre Größe wiedergefunden, für die sie die Welt eben auch liebt. Aber da war das Kind schon im Brunnen. Sei sollte sich entschuldigen, das wäre wirklich groß. Und vielleicht würde Mark Knight dann wieder eine Zeichnung machen: Eine Zeichnung einer großartigen Frau mit schwarzer Haut, etwas dickeren Lippen, krausen Haaren, breiter Nase, die einen Fehler einräumt. Eine Zeichnung einer der besten Tennisspielerinnen der Welt, die noch ein Stück größer geworden ist.

Note to self: Warm wird es, dann kneift es. Der Verfall bricht sich Bahn. Musik: Pantera, Geisterfahrer, Alice In Chains, Krisiun, Alkaline Trio, Thrice.

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