Dumm und oberflächlich

Und wieder so ein Artikel in der Onlinepresse, bei dem man sich nur an den Kopf fassen kann, diesmal von Till Raether im Magazin der Süddeutschen: Hört auf zu jammern, alte weiße Männer. Raether ist in meinem Alter, offensichtlich weiß und offensichtlich ein Mann. Und er stört sich nicht daran, dass „alte, weiße Männer“ inzwischen als sexistischer und rassistischer Kampfbegriff verwendet wird. Raether schreibt:

Ich gehöre zur Altersgruppe jener Männer, die derzeit in der westlichen Welt weit überwiegend das Sagen hat. Männer, die in den Sechzigern geboren wurden, und die jetzt an den kleinen und großen Schaltstellen der Macht angekommen sind (etwa jener, hier für Geld seine Meinung schreiben zu können). Aus Sicht aller, die nicht an diesen Schaltstellen sind, ist das alt.

Herr Raether, zählen Sie mal rasch durch: Auf jeden alten, weißen Mann, der gerade auf der Welt das Sagen hat, kommen ungefähr wieviele, die am Rand der Gesellschaft stehen, die schlecht bezahlte Ausbeuterjobs machen, keine gute Schulbildung bzw. Berufsausbildung haben, nicht für gutes Geld Artikel schreiben, sondern täglich ihre Knochen hinhalten? Das sind eben auch alte, weiße Männer und die sind immer auch gemeint, wenn der Begriff verwendet wird. Und genau darin liegt die Unsäglichkeit, der abgefeimte Chauvinismus. Warum blenden Sie das völlig aus?

Der Gedanke, dass man wegen seiner Privilegien Vorteile hatte und hat, ist unheimlich, weil dieser Gedanke die eigene Lebensleistung in Frage zu stellen scheint: Eigentlich, so hat es Sophie Passmann gerade schön formuliert, müsste man sich doch als Mann immer fragen, ob man einen Job nur bekommen hat, weil man ein Mann ist, und nicht wegen der Qualifikation. Warum ist es so schwierig, das einzusehen?

Weil es nicht stimmt. Habe ich es als Arbeiterkind auf das Gymnasium geschafft, weil ich ein Junge war? Aus meiner Grundschulklasse schafften es 7: 4 Mädchen, 3 Jungs, ich war der einzige Proletarier. Konnte ich mir nach dem Abitur meinen Studienort im gewünschten Fach aussuchen, weil ich männlich war? Nein, ich hatte einfach den nach NC vorgegebenen Notenwert. Die meisten, die besser waren, waren junge Frauen. Habe ich einen Diplomabschluss „cum laude“, weil ich ein Mann bin? Nein, ich habe gegen Ende der Studienzeit hart dafür gearbeitet, in meinem Semester waren 7 von 10 Absolventen weiblich. Habe ich jetzt einen schlecht bezahlten Job und einen entsprechend bescheidenen sozialen Status, obwohl ich ein Mann bin? Nein, mir fehlte es an Biss und Einsicht und ich kann deshalb gut damit leben, dass im Freundes- und Bekanntenkreis im Durchschnitt die Frauen die besseren Jobs haben. Ich hatte insgesamt Glück, in einem wohlhabenden Land in Europa geboren zu sein, muss ich mich dafür rassistisch beleidigen lassen?

Und noch etwas zum Thema „Einsehen“: Wenn man es im Leben nicht packt und zufällig schwarz ist, dann liegt das Scheitern immer darin begründet, dass man Rassismusopfer ist. Kriegt man es nicht hin und ist eine Frau, dann ist man stets Opfer von sexistischer Diskriminierung. Scheitert man und ist weiß und männlich, dann ist man selber schuld. Denken Sie da mal gründlich drüber nach.

Unsere Gesellschaft beruht auf dieser ungleichen Machtverteilung, von den Bildungs-, Job- und Wohnungschancen, der politischen Repräsentation, der Wohlstandsverteilung, der Strafverfolgung bis hin zum medialen Echo auf »MeTwo«. Und nicht nur das: Jeder weiße Mensch ist hierzulande in dem unausgesprochenen Bewusstsein aufgewachsen, dass weiß zu sein die Norm ist, und dass alle anderen anders sind. Wir Weißen konnten uns erlauben, den Rassismus um uns herum nicht wahrzunehmen, weil wir nie unter ihm zu leiden hatten.

Das ist kompletter Blödsinn. Die Norm in der Straße, in der ich groß geworden bin, war eben genau nicht deutscher Abstammung zu sein. Wir waren ein bunter Haufen. Als Gymnasiast bekam man auch schon mal auf die Fresse, eben weil man nicht auf die Hauptschule ging. In meiner Gymnasialklasse waren Griechen, Italiener, ein Afghane, Türken und Spanier und es gab nie auch nur eine rassistische Beleidigung. Es waren die frühen 80er, man hatte anderes im Kopf, Umweltzerstörung und atomare Überrüstung und uns war klar, dass es uns erwischen würde, egal welche Wurzeln wir hatten. Und egal welche Abstammung, alle sprachen deutsch, so wie Muttersprachler es tun, denn das war eine wichtige Norm. Und die allermeisten strengten sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten an, etwas aus sich zu machen, denn auch das war normativ. Natürlich, auch zu dieser Zeit gab es Mobbing und Ausgrenzung, aber mit dem Geschlecht oder mit der Abstammung hatte das nichts zu tun. Xenophobie erzeugt Rassismus (vielleicht auch Sexismus?), und sie ist ein sozialpsychologischer Reflex, von dem man sich im Grunde genommen kaum freimachen kann. Insofern ist Xenophobie kein Vorrecht der Weißen.

»Weiße Zerbrechlichkeit«, das trifft sehr gut, was passiert, wenn alte weiße Männer sich dagegen wehren, alte weiße Männer genannt zu werden. Es tut weh, weil es sich ungerecht anfühlt, für etwas angegriffen zu werden, das man sich nicht ausgesucht hat, und was ja per se auch nichts Schlechtes ist, und deshalb reagiert man empfindlich und zerbrechlich und beleidigt zurück, von oben nach unten. Ja, keiner von uns hat es sich ausgesucht, alt, weiß und ein Mann zu sein. Aber jeder einzelne sucht sich aus, ob er weiter auf Kosten anderer davon profitieren möchte.

Sie verstehen es nicht, Herr Raether. *Sie* befinden sich in der Filterblase der Privilegierten. *Sie* haben profitiert, oder glauben das wenigstens. *Sie* haben den Begriff bereits als disqualifizierendes Etikett für Menschen abgespeichert, die ihre Macht missbrauchen, manipulativ und ungerecht und eben nicht schwarze Frauen sind, und können seinen rassistischen und sexistischen Kern gar nicht mehr erkennen. Ich bin bestimmt kein  Fan von Jan Fleischhauer, aber seine jüngste Kolumne zu doppelten Standards, die sich mit den zutiefst rassistischen Tweets einer „Woman of colour“ beschäftigt, sei Ihnen zur Lektüre empfohlen. Und ganz zum Schluss: Wer wie Sie Äußerungen, die eine faire und von gegenseitigem Respekt geprägte Debatte an dieser Stelle einfordern, als „Jammern“ abqualifiziert, der sollte sich mal an den Hintern fassen und nachschauen, ob er noch da ist.

Note to self: Ein Drittel ist geschafft. Durchhalten. Musik: Frontierer, Babes in Toyland, Backyard Babies, Geisterfahrer, Thou.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.