Ol‘ Man Metal

Baton Rouge ist die Hauptstadt Louisianas, am Mississippi gelegen und mir bis jetzt nur dadurch bekannt, dass es die Heimat von Thou ist. Thou ist ein seit 2005 bestehendes Metal-Quintett, eine echte Untergrund-Combo und daran wird sich sehr wahrscheinlich auch nie etwas ändern. Wie wohl eine typische Probe aussehen könnte? Natürlich reine Spekulation, aber ich stelle mir das so vor:

Es ist heiß in Louisiana, heiß und feucht. Aufgrund jahrelanger Erfahrung kann ich mir den Geruch des Proberaums ungefähr ausmalen: Muffig, elektrisch, vor langer Zeit verschüttetes Bier, ein bisschen Fäule vom Fluss und vom Sumpf. Bryan Funck schlurft zum Mikro, schaut in die Runde, nickt. Josh Nee klopft die Vier an und dann rollen die ersten schweren Akkorde durch die Nacht. Thou spielen Drone Doom, eine Spielart des Metals, die mich einfach fasziniert: Turmhohe Ruinen aus dumpf grollenden Gitarren-Sounds, von Schlagzeug und Bass mühsam eingerüstet. Langsam, quälend, unerbittlich. Lange Stücke, die sich subtil entwickeln. Musik, in der man sich verlieren kann, wenn man nur gründlich genug zuhört. Sonst ist es Lärm.

Thou sind nicht ganz so orthodox wie, meinethalben, SunnO))). Man arbeitet etwas strukturierter, also songorientierter, verwendet wiederkehrende Parts und beschränkt die Länge der Stücke auf ein paar Minuten. Der Gesang ist beißend, kreischend, mitreißend ekstatisch. Die Texte handeln vom Kollaps der Gesellschaft und Verzweiflung. Das ganze eingebettet in die Schwüle der Südstaaten. Ein Alligator, der in Zeitlupe unaufhaltsam auf dich zu kriecht. So klingt Thou. Genau so verschroben wie die Musik ist auch die Webseite: Schwarz, weiß, eine einzige eingebettete Grafik. Es ist ein bisschen schade, dass sie aufgeräumt haben. Jahrelang und bis vor ein paar Wochen gab es dort unglaublich merkwürdige Texte zu lesen, die man wahrscheinlich nur dann verstehen konnte, wenn man selber Südstaatler ist, aber mit dem typischen Südstaatler (Smoked Ribs, F150 mit der bekannten Flagge usw.) so gar nichts zu tun hat.

Thou sind unglaublich produktiv und haben eine ganz merkwürdige Art, ihr Material zu veröffentlichen: Erstens gibt es sehr viele Splits und Kollaborationen: Man versteht sich eben als Teil eines Netzwerks, das im weitesten Sinne in der Region New Orleans-Baton Rouge angesiedelt ist, also in einer Gegend, in der Blues, Jazz, Cajun und Blue Grass die dominierenden Genres sind und Metal eine absolute Randerscheinung ist. Zweitens hauen sie in unregelmäßigen Abständen immer einen ganzen Schwung an Tonträgern raus, aber anders als alle anderen: Vor jedem Album gibt es mindestens eine EP, meistens mehrere, um die Fans anzufüttern. Die Cover dieser Scheiben sind so schwarz und weiß, wie die Webseite und ahmen mittelalterliche Holzschnitte oder Kupferstiche nach. Das neue Album erscheint erst im August aber die beiden begleitenden EPs liegen schon vor:

„The House Primordial“ ist eine klassische Thou-EP mit allen Zutaten, die bereits aufgezählt wurden. Wenn man sich mal einen Spaß macht und eine Playlist erstellt, die ganz altes und ganz neues Material der Kapelle enthält, dann kann man keinerlei Entwicklung heraushören, weder kompositorisch, noch produktionstechnisch, noch vom Sound her. Naja, Alligatoren gibt es ja auch schon ein bisschen länger (als Primaten beispielsweise). Solide, aber keine Überraschungen.

Dagegen ist „Inconsolable“ (=trostlos) ein ganz anderer Schnack. Es gibt keine verzerrte Gitarre auf der Scheibe, nur cleane und akustische Klampfen, sehr wenig Schlagzeug und nur Klargesang. Da sind wir schon beim Thema: Sollte Bryan diese EP wirklich ganz alleine eingesungen haben, samt der hohen Backings und Hooks, dann ist es eine Schande, dass er bislang nur geschrien hat. Abgesehen vom Arrangement bewegt man sich in bekannten Gefilden: Ganz einfache Melodielinien, sehr viele Wiederholungen, schwüle Schlichtheit und unendliche Traurigkeit. Man sollte diese Platte nicht hören, wenn man einen schlechten Tag hat, sonst springt man aus dem Fenster. Trotzdem ist es atemberaubend, wie viel Schönheit in dieser Abgrundtiefe steckt. Ich bin sehr, sehr gespannt auf das Album.

Note to self: Ich wusste nichts von deinem Backup. Musik: Thou.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.