Respekt Alter

Als ich zum ersten Mal im Leben, es muss so vor 7, 8 Jahren gewesen sein, eines Snookerspiels ansichtig wurde, handelte es sich dabei um eine WM-Begegnung von zwei Walisern: Mark Williams und Mathew Stevens. Damals waren beide Teil der absoluten Weltspitze und ihre Kugelbeherrschung trug dazu bei, dass ich auf dem Spiel mit den roten und den bunten Bällen kleben blieb. Seitdem hat sich in der Weltrangliste einiges getan, beide Spieler rutschten ab und für Furore sorgte eine neue Generation von Ausnahmekönnern: Trump, Hawkins, Murphy, Perry, Wilson.

Williams sah man immer seltener in den späteren Runden der Ranglistenturniere. Wollte ein britischer Regisseur einen scheinbar schwerfälligen Inspektor oder einen in Wahrheit grundguten kriminellen Mittvierziger besetzen, würde er so jemanden wie Mark Williams aussuchen. Ein großer, kantiger Mann mit Geheimratsecken und einem sehr beweglichen Mund. Williams gilt als „most laidback guy in snooker“, man kann Spaß mit ihm haben und das Publikum liebt ihn. Auch weil „the Welsh potting machine“ Stöße raushaut, wie kaum ein anderer.

Nur wenige Spieler waren über die ganze Zeit auf wirklichem Topniveau. Einer davon ist John Higgins. Eine etwas zwielichtige Gestalt, obwohl er immer seriös wie ein schottischer Banker daherkommt. Aber der gute John war vor einiger Zeit angeblich in Spielmanipulationen verwickelt, wurde sogar mal für einige Monate gesperrt. Abgesehen davon ist Higgins extrem erfolgreich, mit allen Wassern gewaschen und unangenehm zu bespielen. Und man hat den „Wizard of Wishaw“ erst besiegt, wenn er die Fliege abnimmt, ein zäher Bursche.

Dass sich bei der Snooker-WM in Sheffield, die vor wenigen Tagen zu Ende ging, ausgerechnet Higgins und Williams für das Finale qualifizieren würden, war überhaupt nicht abzusehen. Higgins war zwar gesetzt, hatte aber in der Saison noch nicht viel gerissen. Williams hatte die letzte WM in einem Wohnwagen beim Bier verfolgt, da er in der Vorrunde ausgeschieden war. Erst seit Anfang der Saison hatte er zu alter Form zurückgefunden und mehrere Ranglistenturniere gewinnen können.

Dieses Endspiel wird in Erinnerung bleiben, weil es aus emotionaler und psychologischer Sicht auf der Rasierklinge balancierte. Und ganz entscheidend für seinen Verlauf waren die Formschwankungen von Higgins, die man so von ihm nicht kennt. Die erste Session gehörte Williams, der das härtere Halbfinale spielen musste, ganz allein. Higgins gelang nichts, Williams gelang alles. Er war locker wie gewohnt, schnorrte sogar ein paar Süßigkeiten vom Publikum und verzehrte sie zwischen zwei Besuchen am Tisch. In der folgenden Session schlug Higgins mit 3:1 zurück. Irgendwann stand es 14:7 für Williams, die Sache schien gelaufen, aber Higgins kam noch mal und konnte seinerseits eine 4:0-Session für sich verbuchen. Am zweiten Tag des Finales spielte Higgins insgesamt etwas besser und erzielte bei 15:15 den Frame-Ausgleich. Williams blieb aber am Ball und war mental bärenstark, obwohl er viel „sitzen“ musste. Er gewann das Spiel 18:16 und wurde damit zum dritten Mal Weltmeister. Seit dem letzten Titel 2003 hat er insgesamt drei Kinder in die Welt gesetzt und ist inzwischen 43 und damit der zweitälteste Weltmeister überhaupt. Da kann man nur sagen: Respekt Alter!

Note to self: Die Schulter von La Rochette, zieht sich. Musik: Thou, Melvins, GoGo Penguin, Black Matter Device, Ihsan, Behemoth.

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