Königlich

Ja ja, es ist der Tag der royalen Hochzeit in Großbritannien. Das Internet und Fernsehen sind voll davon, wobei ich mich immer frage, woran das liegt, dass so ein Ereignis solche Wellen schlägt. Die Faszination für den Hochadel – ich kann sie nicht nachvollziehen. Wir sollten froh sein, dass die Zeiten des Feudalismus, des Gottesgnadentums und der Herrschaft qua Erbfolge vorbei sind, auch wenn wir uns unaufhaltsam auf eine weniger durchlässige, quasi neofeudalistische Gesellschaft zu bewegen, in der der Geldadel nicht nur die ökonomische, sondern auch die gesellschaftliche Macht hat. Man frage mal in Neckarsulm nach.

In diesem Beitrag soll es aber nicht um blaues Blut, sondern um eine andere Flüssigkeit gehen: Im Freundeskreis gibt es einen Mann, der sich vortrefflich auf die Bereitung von Obstweinen versteht und inzwischen über jahrelange Erfahrungen auf diesem Feld verfügt. Für uns alle ist das eine Win-Win-Situation: Der Kellermeister kann seine önologischen Experimente durchführen und findet im Freundeskreis willige Verkoster der Produkte, die ihre Gaumen, Mägen und Lebern zur Verfügung stellen und selbst exzessiven Probier-Gelagen nicht abgeneigt sind. Wir dürfen die Weine genießen und dabei ihre spektakuläre Wirkung aufs Zentralnervensystem bis zur bitteren Neige auskosten. Dabei hat es schon einige Opfer gegeben. Mit nachträglichen Kopfschmerzen denke ich beispielsweise an den Jahrgang „Pomme fatal“ zurück: Ein Apfelwein, der mit Portweinhefe hergestellt wurde und sich als absoluter Killer erwies.

Das aktuelle Produkt wurde aus ganz besonderen Früchten gekeltert, nämlich aus unterschiedlichen Apfelsorten aus unserem Garten in Rollesbroich, die von allen gemeinsam an einem wunderschönen Herbsttag gepflückt und verarbeitet wurden. Daran denke ich inzwischen sehr gerne zurück. Die mit dem frisch gepressten Saft gefüllten Ballons wurden seitdem von Sascha liebevoll betreut und vor ein paar Wochen konnte der fertige Wein auf Flaschen gezogen werden. Hier ist er: Der König von Rollesbroich:

Schon bei der ersten Verköstigung vor ein paar Wochen, die im Rahmen unseres traditionellen Ardennenwochenendes vollzogen wurde, erwies sich der royale Tropfen als hochpotentes Stöffchen, das sich zunächst ganz gemütlich süffeln lässt, um dann irgendwann mit voller Wucht zuzuschlagen. Der Alkoholgehalt des Eifelkings ist nicht ermittelt worden. Da aber zum Zwecke der Gärung eine Sherry-Hefe zum Einsatz kam, die erst bei höheren Gehalten abnippelt als die sonst verfügbaren Hefepilze, dürfte das Resultat in etwa bei satten 15-16% liegen, auch wenn der König nicht mit Branntwein aufgesprittet wurde, wie dies bei richtigem Sherry der Fall ist.

Außerdem ist der whiskyfarbene Rollesbroicher lecker und ziemlich gut bekömmlich, jedenfalls gab es keine Meldungen über königliche Kater. Holz- und Mandelaromen sind unverkennbar vorhanden, Fruchtigkeit und feine Säure runden das ganze ab. Der Kellermeister, dem an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich gedankt sei, hat ein formidables Ergebnis seiner Kunst abgeliefert.

Note to self: Komm mal runter, es könnte schlechter laufen. Musik: Esbjörn Svensson Trio, Tom Waits, A Perfect Circle.

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Eifelschnell

Ehrlich gesagt hätte ich das 24h-Rennen auf dem Nürburgring beinahe verpasst, weil ich im Moment wirklich viel zu viel um die Ohren habe. Aber durch Zufall stolperte ich am Freitag über eine entsprechende Meldung, konnte sogar noch das Top30-Qualifying am gleichen Tag sehen und war voller Vorfreude auf ein Wochenende mit Langstreckenmotorsport.

Fristgerecht kam ich am Samstag vom Einkaufen zurück, kochte mir was nettes und saß pünktlich um halb vier vor meinem Life-Stream. Meine Leidenschaft für Multiklassen-Sportwagenrennen ist ja inzwischen Legion und ich sollte nicht enttäuscht werden. Die Ausgangslage vor dem Rennen ließ darauf schließen, dass Porsche diesmal von der BOP (Balance of Performance, Motorsportfans lieben oder hassen sie, meistens beides gleichzeitig) ein wenig bevorzugt wurde. Drei Fahrzeuge aus Zuffenhausen besetzten die vordersten Startpositionen. Die Audi, die mir ja immer besonders am Herzen liegen, rangierten unter „ferner liefen“.

Die ersten Stunden des Rennens hatten sich gewaschen, es wurde richtig hart gefahren und so gab es einige spektakuläre Kollisionen. Zahlreiche Autos mussten mit Gaffa-Tape wieder aufgepäppelt werden, der berühmte Manta mit dem Fuchsschwanz musste nach 2 Runden mit kapitalem Motorschaden aufgeben. Der Vorjahressieger von Land Motorsport lag meist in der Top10, ohne aber wirklich Boden gegenüber dem führenden Werks-Porsche gutmachen zu können. Mercedes kam besser zurecht, BMW enttäuschte. In der Abenddämmerung erwischte es schließlich den Audi Nr. 8, der spektakulär abflog und das Rennen aufgeben musste.

Entgegen meiner Vorsätze nahm ich ab 22 Uhr am Vodafone-Trinkspiel teil und es kam, wie es kommen musste: Um halb 1 war ich dann doch etwas beduselt und legte mich kurz aufs Ohr. Natürlich wachte ich erst gegen 7 wieder auf und siehe: Das bislang brauchbare Wetter hatte sich in eine dicke Suppe von Nebel und Regen verwandelt. Die Rundenzeiten waren folglich nicht  gut und Audi konnte, obwohl man den Regen herbeigesehnt hatte, auch bei diesen Bedingungen nicht wirklich überzeugen. Knapp 5 Stunden vor dem Ende kam es dann zu einem zwischenzeitlichen Rennabbruch wegen der widrigen Witterung. Beim Neustart war noch etwas mehr als eine Stunde zu fahren,

Letztendlich gewann der Porsche, verdient muss man sagen (auch wenn das entscheidende Überholmanöver meiner Ansicht nach nicht ganz sauber war.). Zwar folgte ihm der zweitplatzierte Benz auf dem Fuße, aber er konnte im entscheidenen Moment nichts mehr drauflegen. Die bestplatzierten Audi landeten auf den Plätzen 6 und 7 und zwar mit gehörigem Rückstand und das lag aus meiner Sicht diesmal an taktischen Fehlern (falscher Reifen zum falschen Zeitpunkt) und resultierenden Fahrfehlern. Es hätte noch schlimmer ausgehen können, wenn Christopher Mies bei seinem Einschlag in die Leitplanke nicht mehr Glück als Verstand gehabt hätte. So bleibt nur die Gratulation an Porsche und das schöne Gefühl, ein wirklich episches Rennen gesehen zu haben.

Noch ein Wort zur Übertragung: Inzwischen kann man sich das Rennen aus mehreren, frei wählbaren Onboardperspektiven anschauen. Das ist einfach Wahnsinn. Wenn man mal ein paar Runden durch die Nacht „mitgefahren“ ist, dann kann man die unglaublichen Leistungen der Fahrer auf der Nordschleife erst richtig würdigen. Die Bildqualität hat sich gegenüber dem Vorjahr nochmals erheblich gesteigert. Wenn man das Gebotene aber mal mit Übertragungen vergleicht, die zum Beispiel von den Leuten von radiolemans,com gemacht werden, dann ist noch Luft nach oben: Man sollte mehr Bilder von den kleinen Klassen zeigen, die Boxencrew wirkt wie ein Haufen pubertierender Blödler, generell wird den Interviews zu viel Platz eingeräumt. Die Internetseite für das Lifetiming sollte mehr Anpassungsmöglichkeiten bieten. Und vor allem: Diese permanente Selbstbeweihräucherung (Grüne Hölle, bestes Rennen, beste Strecke usw.) wirkt irgendwann peinlich. Gerade weil man ein absolutes Topprodukt hat, das Millionen von Menschen weltweit verfolgen, könnte man an der Stelle Zurückhaltung üben.

Note to self: Und schon wieder bis nach 22 Uhr gearbeitet. Ich muss bescheuert sein. Musik: Keine, Glotze.

Respekt Alter

Als ich zum ersten Mal im Leben, es muss so vor 7, 8 Jahren gewesen sein, eines Snookerspiels ansichtig wurde, handelte es sich dabei um eine WM-Begegnung von zwei Walisern: Mark Williams und Mathew Stevens. Damals waren beide Teil der absoluten Weltspitze und ihre Kugelbeherrschung trug dazu bei, dass ich auf dem Spiel mit den roten und den bunten Bällen kleben blieb. Seitdem hat sich in der Weltrangliste einiges getan, beide Spieler rutschten ab und für Furore sorgte eine neue Generation von Ausnahmekönnern: Trump, Hawkins, Murphy, Perry, Wilson.

Williams sah man immer seltener in den späteren Runden der Ranglistenturniere. Wollte ein britischer Regisseur einen scheinbar schwerfälligen Inspektor oder einen in Wahrheit grundguten kriminellen Mittvierziger besetzen, würde er so jemanden wie Mark Williams aussuchen. Ein großer, kantiger Mann mit Geheimratsecken und einem sehr beweglichen Mund. Williams gilt als „most laidback guy in snooker“, man kann Spaß mit ihm haben und das Publikum liebt ihn. Auch weil „the Welsh potting machine“ Stöße raushaut, wie kaum ein anderer.

Nur wenige Spieler waren über die ganze Zeit auf wirklichem Topniveau. Einer davon ist John Higgins. Eine etwas zwielichtige Gestalt, obwohl er immer seriös wie ein schottischer Banker daherkommt. Aber der gute John war vor einiger Zeit angeblich in Spielmanipulationen verwickelt, wurde sogar mal für einige Monate gesperrt. Abgesehen davon ist Higgins extrem erfolgreich, mit allen Wassern gewaschen und unangenehm zu bespielen. Und man hat den „Wizard of Wishaw“ erst besiegt, wenn er die Fliege abnimmt, ein zäher Bursche.

Dass sich bei der Snooker-WM in Sheffield, die vor wenigen Tagen zu Ende ging, ausgerechnet Higgins und Williams für das Finale qualifizieren würden, war überhaupt nicht abzusehen. Higgins war zwar gesetzt, hatte aber in der Saison noch nicht viel gerissen. Williams hatte die letzte WM in einem Wohnwagen beim Bier verfolgt, da er in der Vorrunde ausgeschieden war. Erst seit Anfang der Saison hatte er zu alter Form zurückgefunden und mehrere Ranglistenturniere gewinnen können.

Dieses Endspiel wird in Erinnerung bleiben, weil es aus emotionaler und psychologischer Sicht auf der Rasierklinge balancierte. Und ganz entscheidend für seinen Verlauf waren die Formschwankungen von Higgins, die man so von ihm nicht kennt. Die erste Session gehörte Williams, der das härtere Halbfinale spielen musste, ganz allein. Higgins gelang nichts, Williams gelang alles. Er war locker wie gewohnt, schnorrte sogar ein paar Süßigkeiten vom Publikum und verzehrte sie zwischen zwei Besuchen am Tisch. In der folgenden Session schlug Higgins mit 3:1 zurück. Irgendwann stand es 14:7 für Williams, die Sache schien gelaufen, aber Higgins kam noch mal und konnte seinerseits eine 4:0-Session für sich verbuchen. Am zweiten Tag des Finales spielte Higgins insgesamt etwas besser und erzielte bei 15:15 den Frame-Ausgleich. Williams blieb aber am Ball und war mental bärenstark, obwohl er viel „sitzen“ musste. Er gewann das Spiel 18:16 und wurde damit zum dritten Mal Weltmeister. Seit dem letzten Titel 2003 hat er insgesamt drei Kinder in die Welt gesetzt und ist inzwischen 43 und damit der zweitälteste Weltmeister überhaupt. Da kann man nur sagen: Respekt Alter!

Note to self: Die Schulter von La Rochette, zieht sich. Musik: Thou, Melvins, GoGo Penguin, Black Matter Device, Ihsan, Behemoth.