Durch die Türe

Du wirst das hier nicht lesen, wahrscheinlich genau so wenig, wie du die letzten E-Mails gelesen hast, die ich dir geschrieben habe. Ob du überhaupt noch irgendwas mit deinem Computer machst? Ich weiß es nicht, du fandest diesen ganzen digitalen Kram schon vor ein paar Jahren eigentlich komplett blöd, genau wie fernsehen, Zeitung lesen, ausgehen und so weiter. Eigentlich war dir damals schon alles, was nicht mit dir und deiner Krankheit zu tun hatte, zu viel.

Deine Krankheit. Mir fiel es immer schon schwer, sie richtig einzuordnen. Inzwischen weiß ich, dass man dir nicht vorwerfen darf, dass du dich hängen lässt, dass du die falschen Gegner bekämpfst, dass du eigentlich ausschließlich um dich selber kreist. Inzwischen weiß ich auch sicher, dass ich nicht mit dir tauschen wollte, auch wenn du schon seit Jahren mit den Alltagsproblemen wie „sich am Kacken halten“, den Konflikten nicht ausweichen, sondern durch Siege und Niederlagen weiser und reifer werden, die Faust in der Tasche machen usw., nichts mehr am Hut hast, sondern ganz gut versorgt bist und mit der „bösen Welt da draußen“ keine Kompromisse machen musst.

Unsere letzte Begegnung war so bizarr: Du am Anfang, ich am Ende des Wochenendeinkaufs. Du mit 12 Flaschen Wasser in Plastikflaschen im Wagen, ich mit 12 Flaschen Bier in Plastikflaschen und dem, was man sonst noch so braucht. Möglicherweise hast du noch ein bisschen mehr zugelegt als ich, so hüftabwärts. Ganz sicher hätte man sich auch spontan zu einer Tasse Kaffee und einer Kippe vor dem Supermarkt verabreden können. Aber ehrlich gesagt hat mich deine Reaktion auf mein Erzählen wirklich angekotzt. Du kannst mir glauben, dass ich eine sehr böse Zeit gehabt habe im letzten Jahr. Zumindest eine hingeheuchelte Bekundung des Mitfühlens hättest du dir ja rausquetschen können. Aber vielleicht ist es ja einfach außerhalb deines Vorstellungsvermögens, dass außer dir noch jemand leidet. Und zum Rest des Gesprächs: Ich bin echt nicht darauf angewiesen, dass jemand, der sich seit Jahren vor dem Leben versteckt, aus welchen Gründen auch immer, mir die Welt erklärt.

Der Kreis schließt sich. Angefangen hat alles am großen runden Tisch hinten in der Molkerei im ersten Semester. Du saßt hinter deiner verbeulten Lederschultasche und wirktest so schutzbedürftig und gleichzeitig so naiv-forsch – man musste sich einfach in dich verlieben, ich glaube jedem zweiten Kommilitonen ging das so. Auch wenn da nichts draus werden konnte, ein bisschen von dem Zauber blieb immer übrig für mich. Und dann immer ein bisschen weniger. Und jetzt ist nichts mehr davon da. Die Türe ist am Samstag hinter mir ins Schloss gefallen. Ich glaube nicht, dass du das bemerkt hast.

Note to self: War das jetzt eine halbe Stunde verbrannte Zeit? Was sagst du Bruder? Musik: The Dillinger Escape Plan, London Grammar, Harakiri for the Sky, Feed The Rhino.

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