Frau Rose-Möhring,

Sie haben es schwer zur Zeit, das tut mir kein bisschen leid. Gut, als Gleichstellungsbeauftragte (ein Job, den in Deutschland nur Frauen bekleiden dürfen, wie von Richtern und Richterinnen inzwischen mehrfach festgestellt) im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, weht einem mitunter eine steife Brise entgegen, da muss man sich auch schon mal Luft machen. Geschenkt. Das ist noch lange kein Grund, sich an unserer Nationalhymne vergreifen zu wollen. Bevor ich etwas weiter aushole, möchte ich Ihnen mitteilen, dass dies hier ein politisch ziemlich links eingestellter Mensch und überzeugter Europäer schreibt, der die in unserer Verfassung verbriefte Gleichberechtigung von Männern und Frauen für eine großartige Errungenschaft hält.

Wissen Sie, Frau Rose-Möhring, wir Deutsche haben es verdammt schwer mit unserem Vaterland und mit dem Begriff „Patriotismus“. Das liegt daran, dass die Abschnitte einer tatsächlich gemeinsamen Geschichte sehr kurz und im Grunde alles andere als ruhmreich waren. Wenn die Soziologen identitätsstiftende Mechanismen benennen wollen, die Völker  zusammenhalten, dann sprechen sie von Narrativen. Die Franzosen etwa haben es da einfach. Ihre Zusammengehörigkeit speist sich aus dem Erbe einer selbstbewußten Bürgerbewegung, die nicht nur den Kopf eines Königs rollen ließ, sondern die Welt veränderte. Die Amerikaner beschwören ihren gemeinsamen Traum, der verspricht, dass Jeder alles schaffen kann, wenn er nur hart genug arbeitet. Wir Deutsche waren ewig lange aufgesplittert in zum Teil winzige Territorien und so sehr wir auch eine historische Kulturnation herbeireden wollen, in der sich Heine, Goethe, Schiller, Kant, Leibnitz, Gaus, Hegel, Marx aber natürlich auch Lasker-Schüler und Luxemburg tummeln, so klar ist auch, dass damit ein Mangel bemäntelt werden soll. Welche Narrative haben wir denn, die uns zusammenhalten können?

Nun, einerseits die Überwindung einer fast globalen Spaltung durch eine friedliche Revolution, die einen moribunden Unrechtsstaat hinwegfegte, der sich sozialistisch nannte, aber vielleicht genau das Gegenteil war, und natürlich der Neubeginn nach und die Abgrenzung vom verbrecherischsten Regime, das die Welt je gesehen hat. Beides beschäftigt uns bis heute. In beidem vermögen manche Landsleute bis heute vor allem nur das Problematische und das Schmerzhafte zu sehen und das sind nicht nur Revanchisten und zu kurz Gekommene. Es gibt nicht viel, auf das wir uns wirklich einigen können. Das sollten Sie, Frau Rose-Möhring, sich hinter Ihre Ohren schreiben.

Die Geschichte unserer Hymne kennen wir beide nur zu gut, Frau Rose-Möhring. Sie ist eigentlich genau so kaputt und kompliziert wie unser Verhältnis zu unserer Nation. Sehen Sie, ich glaube daran, dass die Identifikation mit unserer Heimat zu einem guten Teil auf ganz emotionalen und einfachen Mechanismen beruht. Ein Beispiel:  Ich bin ein großer Sportfan und ich freue mich immer sehr, wenn Landsleute erfolgreich sind und bei Siegerehrungen unsere Hymne mitsingen, egal ob sie Felix Loch oder Mariama Jamanka heißen. Nicht nur, weil sie damit ihre Verbundenheit mit ihrem Heimatland ausdrücken, sondern weil sie damit dies bezeugen: Es ist nichts falsch an „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Im Gegenteil. Und, Frau Rose-Möhring, es ist auch nichts verkehrt an den Wörtern „Vaterland“ und „brüderlich“. Genau so wenig ist verkehrt am Begriff „Muttersprache“, nur kommt dieser in unserer Hymne nicht vor.

Sie, Frau Rose-Möhring, sind auf einem Kreuzzug. Sie behaupten, es gehe Ihnen um Gleichstellung. Ich nenne das, was Sie betreiben, Femifaschismus. Das, was Sie zur Disposition stellen, ist viel zerbrechlicher als Sie glauben. Nie zuvor in der Geschichte unseres Landes war der innerste Kern unserer Identität so bedroht. Das ist nicht Ihre Schuld, aber es ist nicht die Zeit, eine Hälfte der Bevölkerung gegen die andere auszuspielen. Ob wir gegen die Bedrohung wie Brüder, wie Schwestern, oder wie Brüder und Schwestern zusammenstehen, ist völlig egal. Sie sollten nicht dem Zeitgeist das Wort reden, der im Moment ein Klima schafft, in dem „Frau sein“ eine Qualifikation und „Mann sein“ eine Beleidigung ist. Das, was Sie wollen, ist nicht gerecht, es ist schlicht und einfach grenzenlos dumm. Sie sollten sich schämen, Frau Rose-Möhring.

Note to self: Arm drann. Musik: London Grammar, Doughter, Car Bomb, The Dillinger Escape Plan, The Tony Danza Tapdance Extravaganza.

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