Einen fahren lassen

„So ein Pech, jetzt haben wir ihn an der Backe.“ Ich schätze, genau das haben sich einige Mitglieder der neuen Bundesregierung gedacht, als sie von der Verhaftung Carles Piugdemonts erfuhren. Und direkt danach: Warum haben wir es nicht gemacht wie die Belgier und ihn einfach fahren lassen?

Es gehört zu den Absonderlichkeiten dieses Falls, dass in unserem westlichen Nachbarland ein europäischer Haftbefehl nicht vollstreckt, dieser dann von den Spaniern ausgesetzt und just vor Puigdemonts Grenzübertritt nach Deutschland wieder in Kraft gesetzt wurde. „Die Deutschen sind nicht so anarchistisch veranlagt wie die Frittenköpfe, die werden ihn pflichtgemäß kassieren.“ mögen sich die Iberer gedacht haben und sie haben richtig kalkuliert.

Seitdem sprießen Absonderlichkeiten im bundesdeutschen Internetseitenwald. Puigdemont sei „Deutschlands erster politischer Gefangener“, man solle ihm politisches Asyl gewähren, falls er es begehrt und Jakob Augstein schreibt heute, der Fall zwinge Deutschland, sich im Ringen um einen überkommenen Nationalstaatsbegriff im Sinne eines „Europas der Regionen“ zu positionieren. Richtig ist, dass ein Asylbegehren Puigdemonts zu prüfen wäre. Der Rest ist romantischer Käse.

Die juristischen Feinheiten des Falls sind bereits ausführlich beleuchtet worden. Mich erinnern sie an die Verurteilung Al Capones wegen Steuerhinterziehung, denn tatsächlich ist der Vorwurf der Veruntreuung öffentlicher Gelder der einzige, der auch im Rahmen des deutschen Strafrechts Bestand hat. Damit ist die Überstellung nach Spanien formaljuristisch nicht zu beanstanden. Dabei sollte man es belassen, denn alles andere käme einer Verunglimpfung der unabhängigen spanischen Justiz gleich. Man vergleiche an dieser Stelle mal mit dem politischen Wirbel, den die jüngste Gesetzgebung zur Besetzung des obersten Gerichtshofs in Polen zurecht verursacht hat. Eben: Entsprechendes kann man der spanischen Regierung nun wirklich nicht unterstellen oder gar nachweisen.

Puigdemont erwartet in seinem Heimatland ein faires Verfahren. Seine Durchführung ist vor dem Hintergrund Spaniens Ringen um seine staatliche Integrität unabdingbar. Augstein schreibt, dass nicht alles, was Recht ist, auch richtig sei. Das ist eine Binse. Aber genau darin offenbart sich das Kernproblem der Auseinandersetzung um die katalanische Unabhängigkeit: Seit dem Referendum von 1979 ist Katalonien Teil der spanischen Nation, auch weil die Katalanen selbst das so wollten. Seit dem Autonomiestatut von 2006 sind die Rechte der Katalanen im Sinne ihrer ethnischen und kulturellen Identität garantiert. Wenn Augstein schreibt: „Die Maßlosigkeit der Justiz bestätigt die Katalanen, die an die Ära der franquistischen Unterdrückung erinnern.“ , so befindet er sich damit auf Reichsbürgerniveau.

Note to self: Ich fand Tom Hanks ja viel überzeugender als Meryl Streep. Musik: Between the Buried and Me, Harakiri for the Sky, Rolo Tomassi, Fu Manchu.

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Durch die Türe

Du wirst das hier nicht lesen, wahrscheinlich genau so wenig, wie du die letzten E-Mails gelesen hast, die ich dir geschrieben habe. Ob du überhaupt noch irgendwas mit deinem Computer machst? Ich weiß es nicht, du fandest diesen ganzen digitalen Kram schon vor ein paar Jahren eigentlich komplett blöd, genau wie fernsehen, Zeitung lesen, ausgehen und so weiter. Eigentlich war dir damals schon alles, was nicht mit dir und deiner Krankheit zu tun hatte, zu viel.

Deine Krankheit. Mir fiel es immer schon schwer, sie richtig einzuordnen. Inzwischen weiß ich, dass man dir nicht vorwerfen darf, dass du dich hängen lässt, dass du die falschen Gegner bekämpfst, dass du eigentlich ausschließlich um dich selber kreist. Inzwischen weiß ich auch sicher, dass ich nicht mit dir tauschen wollte, auch wenn du schon seit Jahren mit den Alltagsproblemen wie „sich am Kacken halten“, den Konflikten nicht ausweichen, sondern durch Siege und Niederlagen weiser und reifer werden, die Faust in der Tasche machen usw., nichts mehr am Hut hast, sondern ganz gut versorgt bist und mit der „bösen Welt da draußen“ keine Kompromisse machen musst.

Unsere letzte Begegnung war so bizarr: Du am Anfang, ich am Ende des Wochenendeinkaufs. Du mit 12 Flaschen Wasser in Plastikflaschen im Wagen, ich mit 12 Flaschen Bier in Plastikflaschen und dem, was man sonst noch so braucht. Möglicherweise hast du noch ein bisschen mehr zugelegt als ich, so hüftabwärts. Ganz sicher hätte man sich auch spontan zu einer Tasse Kaffee und einer Kippe vor dem Supermarkt verabreden können. Aber ehrlich gesagt hat mich deine Reaktion auf mein Erzählen wirklich angekotzt. Du kannst mir glauben, dass ich eine sehr böse Zeit gehabt habe im letzten Jahr. Zumindest eine hingeheuchelte Bekundung des Mitfühlens hättest du dir ja rausquetschen können. Aber vielleicht ist es ja einfach außerhalb deines Vorstellungsvermögens, dass außer dir noch jemand leidet. Und zum Rest des Gesprächs: Ich bin echt nicht darauf angewiesen, dass jemand, der sich seit Jahren vor dem Leben versteckt, aus welchen Gründen auch immer, mir die Welt erklärt.

Der Kreis schließt sich. Angefangen hat alles am großen runden Tisch hinten in der Molkerei im ersten Semester. Du saßt hinter deiner verbeulten Lederschultasche und wirktest so schutzbedürftig und gleichzeitig so naiv-forsch – man musste sich einfach in dich verlieben, ich glaube jedem zweiten Kommilitonen ging das so. Auch wenn da nichts draus werden konnte, ein bisschen von dem Zauber blieb immer übrig für mich. Und dann immer ein bisschen weniger. Und jetzt ist nichts mehr davon da. Die Türe ist am Samstag hinter mir ins Schloss gefallen. Ich glaube nicht, dass du das bemerkt hast.

Note to self: War das jetzt eine halbe Stunde verbrannte Zeit? Was sagst du Bruder? Musik: The Dillinger Escape Plan, London Grammar, Harakiri for the Sky, Feed The Rhino.

Frau Rose-Möhring,

Sie haben es schwer zur Zeit, das tut mir kein bisschen leid. Gut, als Gleichstellungsbeauftragte (ein Job, den in Deutschland nur Frauen bekleiden dürfen, wie von Richtern und Richterinnen inzwischen mehrfach festgestellt) im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, weht einem mitunter eine steife Brise entgegen, da muss man sich auch schon mal Luft machen. Geschenkt. Das ist noch lange kein Grund, sich an unserer Nationalhymne vergreifen zu wollen. Bevor ich etwas weiter aushole, möchte ich Ihnen mitteilen, dass dies hier ein politisch ziemlich links eingestellter Mensch und überzeugter Europäer schreibt, der die in unserer Verfassung verbriefte Gleichberechtigung von Männern und Frauen für eine großartige Errungenschaft hält.

Wissen Sie, Frau Rose-Möhring, wir Deutsche haben es verdammt schwer mit unserem Vaterland und mit dem Begriff „Patriotismus“. Das liegt daran, dass die Abschnitte einer tatsächlich gemeinsamen Geschichte sehr kurz und im Grunde alles andere als ruhmreich waren. Wenn die Soziologen identitätsstiftende Mechanismen benennen wollen, die Völker  zusammenhalten, dann sprechen sie von Narrativen. Die Franzosen etwa haben es da einfach. Ihre Zusammengehörigkeit speist sich aus dem Erbe einer selbstbewußten Bürgerbewegung, die nicht nur den Kopf eines Königs rollen ließ, sondern die Welt veränderte. Die Amerikaner beschwören ihren gemeinsamen Traum, der verspricht, dass Jeder alles schaffen kann, wenn er nur hart genug arbeitet. Wir Deutsche waren ewig lange aufgesplittert in zum Teil winzige Territorien und so sehr wir auch eine historische Kulturnation herbeireden wollen, in der sich Heine, Goethe, Schiller, Kant, Leibnitz, Gaus, Hegel, Marx aber natürlich auch Lasker-Schüler und Luxemburg tummeln, so klar ist auch, dass damit ein Mangel bemäntelt werden soll. Welche Narrative haben wir denn, die uns zusammenhalten können?

Nun, einerseits die Überwindung einer fast globalen Spaltung durch eine friedliche Revolution, die einen moribunden Unrechtsstaat hinwegfegte, der sich sozialistisch nannte, aber vielleicht genau das Gegenteil war, und natürlich der Neubeginn nach und die Abgrenzung vom verbrecherischsten Regime, das die Welt je gesehen hat. Beides beschäftigt uns bis heute. In beidem vermögen manche Landsleute bis heute vor allem nur das Problematische und das Schmerzhafte zu sehen und das sind nicht nur Revanchisten und zu kurz Gekommene. Es gibt nicht viel, auf das wir uns wirklich einigen können. Das sollten Sie, Frau Rose-Möhring, sich hinter Ihre Ohren schreiben.

Die Geschichte unserer Hymne kennen wir beide nur zu gut, Frau Rose-Möhring. Sie ist eigentlich genau so kaputt und kompliziert wie unser Verhältnis zu unserer Nation. Sehen Sie, ich glaube daran, dass die Identifikation mit unserer Heimat zu einem guten Teil auf ganz emotionalen und einfachen Mechanismen beruht. Ein Beispiel:  Ich bin ein großer Sportfan und ich freue mich immer sehr, wenn Landsleute erfolgreich sind und bei Siegerehrungen unsere Hymne mitsingen, egal ob sie Felix Loch oder Mariama Jamanka heißen. Nicht nur, weil sie damit ihre Verbundenheit mit ihrem Heimatland ausdrücken, sondern weil sie damit dies bezeugen: Es ist nichts falsch an „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Im Gegenteil. Und, Frau Rose-Möhring, es ist auch nichts verkehrt an den Wörtern „Vaterland“ und „brüderlich“. Genau so wenig ist verkehrt am Begriff „Muttersprache“, nur kommt dieser in unserer Hymne nicht vor.

Sie, Frau Rose-Möhring, sind auf einem Kreuzzug. Sie behaupten, es gehe Ihnen um Gleichstellung. Ich nenne das, was Sie betreiben, Femifaschismus. Das, was Sie zur Disposition stellen, ist viel zerbrechlicher als Sie glauben. Nie zuvor in der Geschichte unseres Landes war der innerste Kern unserer Identität so bedroht. Das ist nicht Ihre Schuld, aber es ist nicht die Zeit, eine Hälfte der Bevölkerung gegen die andere auszuspielen. Ob wir gegen die Bedrohung wie Brüder, wie Schwestern, oder wie Brüder und Schwestern zusammenstehen, ist völlig egal. Sie sollten nicht dem Zeitgeist das Wort reden, der im Moment ein Klima schafft, in dem „Frau sein“ eine Qualifikation und „Mann sein“ eine Beleidigung ist. Das, was Sie wollen, ist nicht gerecht, es ist schlicht und einfach grenzenlos dumm. Sie sollten sich schämen, Frau Rose-Möhring.

Note to self: Arm drann. Musik: London Grammar, Doughter, Car Bomb, The Dillinger Escape Plan, The Tony Danza Tapdance Extravaganza.