Pauls Dithyrambos

„Na dann, viel Spaß!“ Hatte er das wirklich gerade gesagt? Paul glaubte auf einem schwankenden Schiffsdeck zu laufen. Wabernde Nebel verhängten das Gesichtsfeld. Durch die Tür ins Büro. Ein Umschlag wurde ihm gereicht, jemand sprach mit sonorer Stimme. Paul nickte, zuckte gleichzeitig mit den Schultern. „Sieht bestimmt bescheuert aus“ dachte er sich. Draußen auf der Straße zerriß die halb transparente Membran, die ihn in den letzten Minuten umgeben hatte. Bumm! Realität!

Vor drei Monaten hatte alles angefangen. Die neue Kollegin sollte ihn „angesichts des stark  gestiegenen Arbeitsaufkommens“ entlasten, so hatte der Chef mit ungewohnt jovialem Unterton gesagt. Und Paul hatte innerlich einen Stoßseufzer der Erleichterung getan, denn im letzten Halbjahr hatte er trotz mancher Überstunde kaum das bewältigen können, was seinen Schreibtisch in Form von Aktenstapeln alpiner Größenordnung zu einem Ort des Grauens gemacht hatte.

„Ja super!“ Er schrie es fast heraus, während er Richtung Innenstadt stapfte. Um Abläufe zu vereinheitlichen und zu vereinfachen hatte er ein elektronisches Ablage- und Verarbeitungssystem ersonnen, der Abteilungsleitung vorgestellt, eigenverantwortlich implementiert und angepasst. Sogar am Wochenende hatte er über Skripten und Programmschnipseln gesessen, bis alles zu seiner Zufriedenheit lief. Genau zu diesem Zeitpunkt war sie dann aufgetaucht.

„Was war ich blöd!“ raunte er sich zu. Er dachte an den ersten Händedruck zurück, der sich angefühlt hatte, als hätte er in einen lauwarm-feuchten Putzfeudel gepackt. Genau so enttäuschend waren die ersten Wochen der Zusammenarbeit gewesen. Sie war mittelschlau, mäßig begeisterungsfähig und hatte generell etwas Baumstumpfhaftes. Meistens jedenfalls. Paul war in sich gegangen und hatte sich entschieden, das positiv aufzunehmen. Extrovertierte Fröhlichkeit und ausgeprägte Beredsamkeit hätte er weniger gut ertragen. Und dass die Finessen der elektronischen Datenverarbeitung nicht gerade orgiastische Stürme hervorriefen, konnte er auch irgendwie nachvollziehen.

Denn sie war verdammt jung und offenbar verdammt gut vernetzt. Jedenfalls machte ihr Mobiltelefon ständig Lärm, der Kommunikationsvorgänge signalisierte. Mit der Zeit lernte Paul die Töne zu unterscheiden: Eine WhatsApp von ihrem Freund machte „Olala“, eine Mail von ihrer Mutter ein Bellen, eine Nachricht von der besten Freundin einen spitzen Schrei. Und sobald die nächste Frühstücks- oder Mittagspause begonnen hatte, wurde das Mobifon zur Beantwortung gezückt. Dann klimperte sie mit den viel zu langen, vielfarbigen Nägeln auf dem Display herum und machte dabei Geräusche, die Paul einfach unerträglich fand. Ganz entgegen seiner Gewohnheit hatte er deshalb begonnen, in den Pausen die Kantine aufzusuchen, was die Kollegen zunächst überrascht und dann mit wissendem Grinsen zur Kenntnis genommen hatten.

„Du bist ein Schwachkopf“ ließ er sich wissen. Er hatte sich um äußerste Professionalität bemüht und sie mit einer Engelsgeduld eingearbeitet, die ihn selbst überraschte. Außerdem beruhigte ihn ungemein, dass die Zusammenarbeit frei von jeglicher sexualisierter Spannung war. Beide waren nicht interessiert. Er war zu alt und viel zu zynisch. Sie war zu jung und viel zu bräsig. Und siehe da: Die Höhe der Aktenberge verringerte sich in gleichem Maße, wie die Datenbank an Umfang zunahm. Das Ablagesystem bewährte sich bis auf Kleinigkeiten und die Abteilungen, denen sie zuarbeiteten, waren des Lobes voll.

„Na klar!“ brüllte Paul und erschreckte ein paar Passanten. Im Laufe der Zeit stellte sich nämlich heraus, dass die Kollegin nicht nur außerhalb des Betriebes gut vernetzt war. Auf den Fluren konnte man sie mit den höheren Chargen die Köpfe zusammen stecken sehen und „der schnelle Becker“ aus der Buchhaltung ließ sich zwischen zwei Bissen vom Käsebrötchen vernehmen, er habe gehört, sie sei die Großnichte von einem ganz hohen Tier. „Was solls“ hatte Paul sich gedacht „kann sie ja auch nichts für.“

Und heute morgen war sie dann sehr viel später und sehr viel lebhafter als sonst im Büro erschienen. Regelrecht aufgekratzt hatte sie auf ihr Handy eingetrommelt und gerade als Paul sich nach dem Grund für die gute Laune erkundigen wollte, hatte der Abteilungsleiter in der Türe gestanden. Er sprach von beachtlichen Leistungen, von frischem Wind. Dann änderte sich sein Ton, jetzt ging es um unausweichliche Veränderungen, neue Herausforderungen, denen man sich stellen müsse und Kapiteln in Büchern, die das Leben zu schreiben pflege. Paul verstand immer noch nicht. Der Chef hatte die Klinke schon in Hand, zu Paul gewandt sagte er: „Sie wollen sich sicher in Ruhe verabschieden. Und dann kommen Sie wegen Ihrer Papiere zu mir ins Büro, ja?“

„Verdammter Wichser!“ Paul war angekommen. Er stieß die Türe auf. „Hallo Karlchen“ sagte er leise. Charlotte sagte nichts. Sie legte das Spültuch weg, wischte sich die Hände an der Schürze trocken und stellte die Flasche und das Glas vor ihn auf die Theke. Und dann drückte sie kurz seinen Arm, der im Begriff war, sich einzuschenken.

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