Der katalanische Patient

Im 10. Jahrhundert vereinigte Graf „Wilfried der Haarige“ einige lokale Grafschaften zum Fürstentum Katalonien, das mehr oder weniger bis zum Ende des spanischen Erbfolgekrieges Anfang des 18. Jahrhunderts bestand. In dieser Zeit wurde Katalonien die beherrschende Handelsmacht im westlichen Mittelmeer. Man gehörte ab dem 16. Jahrhundert formal zum spanischen Königreich, später dann zum französischen Kaiserreich, dann zur zweiten spanischen Republik, bis diese von Francisco Franco zu einer faschistischen Diktatur gemacht wurde. 1978 gab sich Spanien eine neue demokratische Verfassung, die auch von den Bewohnern der autonomen Region Katalonien mit großer Mehrheit angenommen wurde. Dabei könnte man es eigentlich belassen, aber die Menschen sind komplizierte Tiere.

Niemand kann bestreiten, dass die Katalanen eine eigene kulturelle Identität haben. Ethnisch sind sie Nachfahren der Westgoten, also keine Iberer sondern Germanen. Geographisch teilen sie das Schicksal der Basken und Kurden, da sie immer von den Territorien großer Mächte umzingelt waren. Deshalb ist auch das Katalanische weder der galloromanischen, noch der iberoromanischen Sprachfamilie eindeutig zuzuordnen. All dies muss man berücksichtigen, wenn man die Befindlichkeit der Katalanen in der aktuellen Auseinandersetzung verstehen will. Es ist eine Befindlichkeit, die man als narzistische, kindlich-trotzige, rückwärtsgewandte Wagenburgmentalität charakterisieren muss.

Das derzeit gültige Autonomiestatut stammt aus dem Jahr 2006. Vor etwas mehr als 10 Jahren haben das spanische Parlament und auch die Katalanen in einem Referendum diesem Statut mit großer Mehrheit zugestimmt. Rund um Barcelona waren knapp 75% dafür, allerdings stimmten nur knapp 50% der Wahlberechtigten überhaupt ab. Wir sehen: Die Autonomie Kataloniens im Sinne einer eigenständigen Nation interessierte wenige, denn wesentliche Punkte waren längst festgeschrieben, allen voran der Gebrauch des Katalanischen als Amtssprache und die weitgehende Selbstverwaltung durch das Regionalparlament. Gegen dieses Statut wurde aber vom derzeit amtierenden Ministerpräsidenten Rajoy Klage beim Verfassungsgericht eingereicht. Das Gericht brauchte 4 Jahre, erklärte einen von über 200 Paragraphen als nicht verfassungsgemäß, bemängelte weitere 3 Teilparagraphen und einzelne Formulierungen in 27 Paragraphen, vor allem wurde aber eines festgestellt, die in der Präambel enthaltene Feststellung, Katalonien sei eine „Nation“, könne nicht so ausgelegt werden, dass daraus besondere Rechte im Vergleich zu den anderen autonomen Regionen Spaniens abzuleiten wären. Alles in allem ein salomonisches Urteil.

Was also ist in den Jahren zwischen 2006 und 2017 passiert? Weshalb gibt es inzwischen eine so laute und so unnachgiebige Fraktion innerhalb der Katalanen, die keine andere Konstellation als die der vollständigen Ablösung akzeptieren will? Ganz einfach: Die internationale Finanzkrise von 2008 ist passiert und damit das Ende der gesamtspanischen Bau- und Immobilienblase. Und in diesem Klima der Rezessionsangst haben manche Katalanen beschlossen, es sei doch blödsinnig als wirtschaftlich erfolgreiche Region die ärmeren Restspanier durchzufüttern. Über die spanische Variante des Länderfinanzausgleichs könnte man sich politisch streiten, das gibt die Verfassung des Gesamtstaates durchaus her. Aber verhandeln wollen die Katalanen nicht, sie wollen beleidigt sein. Deshalb wird alles Eigenständige so betont, deshalb wird das Kastilische im Schulunterricht immer weiter zurückgedrängt, deshalb werden Kaufleute, die ihre Waren in Spanisch auszeichnen, mit empfindlichen Geldstrafen belegt. Und deshalb werden Landsleute, die beides sein wollen, Katalanen und Spanier, gemobbt und ausgegrenzt.

Alles andere kann man weglassen: Das illegale Referendum, die Hilflosigkeit der spanischen Regierung, die unverhältnismäßige Reaktion der Polizeikräfte, die idiotische Forderung, die EU möge in diesem Konflikt Stellung beziehen, die blödsinnige rechts-links Einordnung der Konfliktparteien. Die Forderung nach der Loslösung vom Gesamtstaat speist sich aus Missgunst, mangelnder Solidarität und vor allem Angst. Angst ist ein miserabler Ratgeber. Die folkloristische Bemäntelung dieser Angst macht es nicht besser.

An jedem 11. September feiern die Katalanen ihren Nationalfeiertag. Sie erinnern sich damit gemeinsam daran, dass sich an diesem Tag im Jahr 1714 Barcelona den französischen Truppen Philipps V. ergeben musste. Es ist bezeichnend, dass dieses Volk eine Niederlage und den Verlust der Eigenständigkeit erinnern möchte und nicht die Entstehung von etwas Neuem.

Note to self: Entspannen. Sich Zeit lassen. Gut. Musik: All Them Witches, Opeth, ANNA1.

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