Video-Beweise

Kaum eine Regeländerung im internationalen Fußball-Business wird so kontrovers diskutiert wie der Videobeweis. Die Kritiker sehen nicht weniger als die Seele des Spiels gefährdet, die Befürworter argumentieren mit den wirtschaftlichen Folgen von Fehlentscheidungen, die auch schon mal im Millionenbereich liegen können. Das Spiel im DFB-Pokal zwischen den Bayern und RB Leipzig gestern hat diese Diskussion nochmals angeheizt. Wie ich das sehe?

Ich kann mich noch gut an den ersten Videobeweis der Fußballgeschichte erinnern. Bei einem Weltmeisterschaftsspiel ohne deutsche Beteiligung lief nach einer strittigen Strafraumaktion eine Wiederholung auf der Videowand im Stadion. Erst guckten nur die Spieler hin, dann auch der Schiedsrichter. Das ganze Stadion wusste, dass eine falsche Entscheidung getroffen worden war. Der Schiri nahm die Entscheidung zurück, die FIFA verbot das Zeigen von Zeitlupen und Wiederholungen im Stadion.

Seit der Videobeweis in der Bundesliga getestet wird, hat es einige heftige Turbulenzen gegeben: Wann wird der Video-Schiedsrichter konsultiert? Darf er sich einschalten, wenn der Feldschiedsrichter sich eigentlich sicher ist? Was ist, wenn auch das Bildmaterial keine eindeutige Entscheidung ermöglicht? Wie sollen Schiedsrichter damit umgehen, wenn Spieler den Videobeweis einfordern?

Mir geht es inzwischen so: In Wettbewerben, bei denen noch nicht nachgesehen werden kann, ärgere ich mich inzwischen maßlos, wenn die Fernsehbilder eine Fehlentscheidung nahelegen oder nachweisen. Andererseits habe ich mich gestern genau so maßlos darüber geärgert, dass der Leipziger Sportdirektor in der Pause mit seinem Mobifon zum Schiedsrichter rannte, um ihm eine umstrittene Szene vorzuführen.

Was jetzt getestet wird, muss noch angepasst und verfeinert werden, aber es gibt eigentlich kein Zurück mehr. Schon allein deshalb, weil eine der wichtigsten Regeln im Fußball, die Abseitsregel, nicht von den Feldschiedsrichtern beurteilt werden kann. Ein Mensch kann nicht zwei Ereignisse, die zig Meter voneinander entfernt stattfinden, genau gleichzeitig beobachten.

Das gestrige Spiel hätte mit Videobeweis möglicherweise nicht mit einem Elfmeterschießen geendet und Bayern München wäre vielleicht ausgeschieden. Der neutrale Fußballfan wäre ein bisschen versöhnter ins Bett gegangen.

Note to self: Aus den Puschen. Musik: The National, Belphegor, Mastodon.

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#metoo

Beim Kunden. Hektik, ist anscheinend viel kaputt gerade. Auch der Rechner der Chefsekretärin. Sie, eigentlich eher der Kumpeltyp, kommt auf mich zu. Legt mir die Hand auf den Arm. „Herr Skidman, meinen Rechner machen Sie aber als erstes, oder?“ Die Hand liegt immer noch auf dem Arm, sie steht ein bisschen zu nah. Soll ich jetzt zurückweichen, oder was soll ich machen? Ich mache ihren Rechner als erstes.

Beim anderen Kunden. Die Chef-MTA hat Probleme beim Faxen. Während ich mich an ihren Arbeitsplatz setze, legt sie mir die Hand auf die Schulter. Die bleibt da liegen. „Das kriegen Sie doch schnell hin, oder?“ Ich kriege es schnell hin.

Ich wollte wirklich nicht darüber schreiben, aber was inzwischen hierzulande abgeht, ist ja wohl nicht mehr normal. Nein, ich werde sexistische Übergriffe von der dummen Anmache bis hin zur Vergewaltigung natürlich nicht schönreden. Aber ich werde auch nicht akzeptieren, dass ich zum Täter gemacht werde, weil ich ein Mann bin.

Andere haben Glück bei der Partner- und Berufswahl. Ich hatte Glück mit meinen Eltern. Die haben mich zu einem Menschen erzogen, der Mitmenschen grundsätzlich mit Höflichkeit und Respekt begegnet, egal ob Frau, Mann, Leitender Angestellter, Penner, Deutscher, Ausländer, Hetero, Schwuler, Greis oder Kind. Sonst könnte ich nicht mehr in den Spiegel schauen.

Wenn ich Bus fahre, setze ich mich nie neben Frauen. Muss ich im Gang an ihnen vorbei, tue ich alles, um sie möglichst nicht zu berühren. Ich vermeide Blickkontakte mit ihnen. Meist gucke ich zu Boden. Nicht nur, weil ich ein fetter, kahler Sack bin, sondern weil ich voller Angst bin, eine könnte aus irgendeinem Grund anfangen wegen mir loszuplärren. Dann ist man nämlich final gearscht, egal was man sagt, egal, was man getan, oder eben nicht getan hat. Semper aliquit haeret.

Die pauschale Verächtlichmachung der Männer hat eine neue Stufe erreicht. Herzlichen Glückwunsch dazu, ihr kriegt uns schon noch ganz kaputt.

Note to self: Lass es raus, tut dir gut. Musik: Keine, Fußball.

Der katalanische Patient

Im 10. Jahrhundert vereinigte Graf „Wilfried der Haarige“ einige lokale Grafschaften zum Fürstentum Katalonien, das mehr oder weniger bis zum Ende des spanischen Erbfolgekrieges Anfang des 18. Jahrhunderts bestand. In dieser Zeit wurde Katalonien die beherrschende Handelsmacht im westlichen Mittelmeer. Man gehörte ab dem 16. Jahrhundert formal zum spanischen Königreich, später dann zum französischen Kaiserreich, dann zur zweiten spanischen Republik, bis diese von Francisco Franco zu einer faschistischen Diktatur gemacht wurde. 1978 gab sich Spanien eine neue demokratische Verfassung, die auch von den Bewohnern der autonomen Region Katalonien mit großer Mehrheit angenommen wurde. Dabei könnte man es eigentlich belassen, aber die Menschen sind komplizierte Tiere.

Niemand kann bestreiten, dass die Katalanen eine eigene kulturelle Identität haben. Ethnisch sind sie Nachfahren der Westgoten, also keine Iberer sondern Germanen. Geographisch teilen sie das Schicksal der Basken und Kurden, da sie immer von den Territorien großer Mächte umzingelt waren. Deshalb ist auch das Katalanische weder der galloromanischen, noch der iberoromanischen Sprachfamilie eindeutig zuzuordnen. All dies muss man berücksichtigen, wenn man die Befindlichkeit der Katalanen in der aktuellen Auseinandersetzung verstehen will. Es ist eine Befindlichkeit, die man als narzistische, kindlich-trotzige, rückwärtsgewandte Wagenburgmentalität charakterisieren muss.

Das derzeit gültige Autonomiestatut stammt aus dem Jahr 2006. Vor etwas mehr als 10 Jahren haben das spanische Parlament und auch die Katalanen in einem Referendum diesem Statut mit großer Mehrheit zugestimmt. Rund um Barcelona waren knapp 75% dafür, allerdings stimmten nur knapp 50% der Wahlberechtigten überhaupt ab. Wir sehen: Die Autonomie Kataloniens im Sinne einer eigenständigen Nation interessierte wenige, denn wesentliche Punkte waren längst festgeschrieben, allen voran der Gebrauch des Katalanischen als Amtssprache und die weitgehende Selbstverwaltung durch das Regionalparlament. Gegen dieses Statut wurde aber vom derzeit amtierenden Ministerpräsidenten Rajoy Klage beim Verfassungsgericht eingereicht. Das Gericht brauchte 4 Jahre, erklärte einen von über 200 Paragraphen als nicht verfassungsgemäß, bemängelte weitere 3 Teilparagraphen und einzelne Formulierungen in 27 Paragraphen, vor allem wurde aber eines festgestellt, die in der Präambel enthaltene Feststellung, Katalonien sei eine „Nation“, könne nicht so ausgelegt werden, dass daraus besondere Rechte im Vergleich zu den anderen autonomen Regionen Spaniens abzuleiten wären. Alles in allem ein salomonisches Urteil.

Was also ist in den Jahren zwischen 2006 und 2017 passiert? Weshalb gibt es inzwischen eine so laute und so unnachgiebige Fraktion innerhalb der Katalanen, die keine andere Konstellation als die der vollständigen Ablösung akzeptieren will? Ganz einfach: Die internationale Finanzkrise von 2008 ist passiert und damit das Ende der gesamtspanischen Bau- und Immobilienblase. Und in diesem Klima der Rezessionsangst haben manche Katalanen beschlossen, es sei doch blödsinnig als wirtschaftlich erfolgreiche Region die ärmeren Restspanier durchzufüttern. Über die spanische Variante des Länderfinanzausgleichs könnte man sich politisch streiten, das gibt die Verfassung des Gesamtstaates durchaus her. Aber verhandeln wollen die Katalanen nicht, sie wollen beleidigt sein. Deshalb wird alles Eigenständige so betont, deshalb wird das Kastilische im Schulunterricht immer weiter zurückgedrängt, deshalb werden Kaufleute, die ihre Waren in Spanisch auszeichnen, mit empfindlichen Geldstrafen belegt. Und deshalb werden Landsleute, die beides sein wollen, Katalanen und Spanier, gemobbt und ausgegrenzt.

Alles andere kann man weglassen: Das illegale Referendum, die Hilflosigkeit der spanischen Regierung, die unverhältnismäßige Reaktion der Polizeikräfte, die idiotische Forderung, die EU möge in diesem Konflikt Stellung beziehen, die blödsinnige rechts-links Einordnung der Konfliktparteien. Die Forderung nach der Loslösung vom Gesamtstaat speist sich aus Missgunst, mangelnder Solidarität und vor allem Angst. Angst ist ein miserabler Ratgeber. Die folkloristische Bemäntelung dieser Angst macht es nicht besser.

An jedem 11. September feiern die Katalanen ihren Nationalfeiertag. Sie erinnern sich damit gemeinsam daran, dass sich an diesem Tag im Jahr 1714 Barcelona den französischen Truppen Philipps V. ergeben musste. Es ist bezeichnend, dass dieses Volk eine Niederlage und den Verlust der Eigenständigkeit erinnern möchte und nicht die Entstehung von etwas Neuem.

Note to self: Entspannen. Sich Zeit lassen. Gut. Musik: All Them Witches, Opeth, ANNA1.

Gott existiert

Es ist Länderspielpause. Die Nationalmannschaften kämpfen um die Teilnahme an der WM nächstes Jahr in Russland. Die N11 hat es geschafft, die Holländer wieder mal nicht, die Amis auch nicht. Und Argentinien schlug gestern in Quito den Gastgeber Ecuador und qualifizierte sich auf den letzten Drücker dann doch noch. Das bewog Bono, der ja kein Sänger einer Band, die zufällig gestern in Argentinien auftrat, sondern inzwischen so eine Art Papst ist, zu der Aussage: „Danke Lionel Messi, Gott existiert.“

Besagter Messi schoss gestern drei Tore. Viele halten ihn für den besten Spieler aller Zeiten. Sicher ist, dass er ein wegen Steuerhinterziehung verurteilter Straftäter ist, aber gut, bei einem Messi-as wollen wir mal nicht kleinlich sein. Der beste Spieler aller Zeiten war übrigens sein Landsmann Diego Armando Maradona, aber das will ja heute keiner mehr hören, seit der alt und fett ist und sein loses Mundwerk nicht halten kann. Bleiben wir beim Thema: Gott mag also keine Chilenen, Ecuadorianer, Holländer, Tschechen, oder wie ist das?

Wenn in, sagen wir, 15.000 Jahren zukünftige Archäologen die Reste unserer Zivilisation ausgraben, werden sie Fußballplätze finden, im kleinsten Dorf in Afrika, in den Steppen der Mongolei, im Hochgebirge und auf entlegenen Inseln. Und sie werden sich fragen, was sie da gefunden haben. Sie werden diese Plätze zu Orten der Anbetung erklären, zu den Weihestätten einer globalen Religion. Und haben sie nicht recht? Nein, haben sie nicht.

Es mag Menschen geben, die glauben in Stadien ihr Seelenheil zu finden, die dort Gelübde ablegen, der Sünde abschwören und dem Bösen entsagen um ein vermeintliches Schicksal umzubiegen. Auf Fußballfeldern wird sich allenthalben bekreuzigt, es wird gebetet. Als könnte man auf diese Weise ein luftgefülltes rundes Plastikding über eine gekalkte Linie auf dem Gras zwingen. All das ist kolossaler Blödsinn.

Ich wiederhole mich, ich weiß: Fußball ist das beste Spiel, das die Menschen erfunden haben. Er versetzt uns in Ekstase, er beschert uns Momente abgrundtiefer Niedergeschlagenheit. Die, die ihn wirklich lieben, träumen von ihm. Aber das Treten gegen einen Ball hat absolut kein religiöses Potential und seine Heiligkeit Bono sollte sich hüten, den Argentiniern zu stecken, sie seien das auserwählte Volk. So was gibt immer Ärger, Kriege und ganz schlechtes Karma.

Wie man sich sehr emotional und berührend mit der Materie auseinandersetzen kann, ohne religiöse Flausen in Köpfen zu platzieren, hat neulich Ayla Mayer, eine Frau, die seit mehr als einem Jahrzehnt Dauerkartenbesitzerin und Anhängerin eines höchst sympathischen norddeutschen Vereins ist, in einem bemerkenswerten Artikel bei SPON unter Beweis gestellt:

„In den Gesichtern las man, dass jeder für eine glücklichen Sekunde genau da angekommen war, wo er immer hinwollte.“

Note to self: Keiner hat die Pflicht sich nur zu bücken. Keiner kommt gehorsam auf die Welt. Musik: Protomartyr, The Black Dahlia Murder, Kadavar, Benjamin Clementine, August Burns Red.