Schatten fangen

So, 13% für rechtsextreme Lautsprecher in der Bundesrepublik. Man muss sich daran abarbeiten, die Politik, die Medien, wir alle. Wir müssen erkennen, dass diese 13% keine Dämonen sind, erst recht kein Schicksal und man muss sie aufdröseln:

Die Nazis waren immer schon Teil der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Es gab immer schon sozialdarwinistisch-rassistische Splittergruppen, die völkisch motiviert sind. Vor ein paar Monaten schrieb ich in diesem Blog über das Pendel des Zeitgeistes, das sich zwischen linksliberalen und nationalistisch-konservativen Umkehrpunkten bewegt. Es kann keinen verwundern, dass die faschistoiden Anteile innerhalb der AfD, die in den letzten Monaten so stark geworden sind, aus der Deckung kommen und auf diesen Zug aufspringen. Wie groß ist der Anteil dieser Idioten an den 13%? Hoffentlich eher gering.

Die Gegner des so genannten politischen Establishments, die eine Verschwörung einer Kaste von Berufspolitikern in Zusammenarbeit mit so genannten Systemmedien herbeireden wollen, machen sicherlich einen größeren Anteil der AfD-Wähler aus. Sie sind Opfer der Schwarm-Dummheit und ihrer eigenen Dummheit geworden. Es ist eben sehr leicht, sich von Bots, Mietmäulern und Lohnschreibern in sozialen Medien desinformieren zu lassen. Politik ist kompliziert, Politik in einer Demokratie ist komplizierter, langsam und langweilig. Und die Fähigkeit, die Argumente der jeweils anderen Seite anzuhören und abzuwägen, scheint uns verloren zu gehen. Politik muss pragmatisch sein, sie wird getragen von der Kunst des Kompromisses, die eine gewisse Professionalität erfordert.

Die Wertkonservativen hätten keine politische Heimat bei den Altparteien mehr, heißt es. Ich kann diesem Argument nicht so recht folgen. Ist es nicht vielmehr so, dass der Konservativismus selbst in einer Krise sein muss? Das Bewahren der Heimat bedeutet auch eine entschlossene Umwelt- und Energiepolitik. Das traditionelle Familienbild stößt an  Grenzen, wenn es auf die Lebenswirklichkeit selbstbestimmter Frauen und Männer trifft. Religiöse Aspekte spielen zum Glück für immer weniger Menschen eine Rolle, die in erster Linie frei und nicht erlöst sein wollen. Patriotismus ist kein Vorrecht der rechten Mitte mehr, sondern wird auch von Leuten gelebt, die Herr Meuthen „links-grün-versifft“ nannte.

Die Ergebnisse in Ostdeutschland sind furchterregend. Sie sind aber keine Folge davon, dass sich die AfD-Wähler dort wirtschaftlich abgehängt und sozialpolitisch vergessen fühlen (Sachsen hat den höchsten Stimmenanteil, ist wirtschaftlich aber am erfolgreichsten, ähnliches gilt für das bayerische Ergebnis innerhalb der Altländer.) 25 Jahre sind eine kurze Zeit, wenn es darum geht zu begreifen, was ein demokratischer Staat wirklich zu leisten vermag und wo man selbst den Hintern hoch kriegen muss. Das Wahlverhalten ist fast reflexhaft, so wie Xenophobie, Abgrenzung und Selbstmitleid sozialpsychologische Reflexe sind. Da ist noch viel zu lernen, nicht nur in den neuen Ländern.

Zum Schluss: Herr Gauland hat am Wahlabend gesagt, man würde sich das Land und das Volk zurückholen. Dann bin ich offenbar kein Teil dieses Landes und dieses Volkes mehr. Und genau diese Ausgrenzung, die das widerlichste Prinzip der AfD ist, kann nicht akzeptiert werden. Wer jetzt meint, auf der „richtigen Seite“ zu stehen, wo sich die Aufrechten und Anständigen versammeln, sollte sich keine Illusionen machen:

„Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
(Martin Niemöller) 

Note to self: Ich träume von Äpfeln. Ich träume vom Schlafen. Musik: Arch Enemy, Enslaved, Pearl Jam, Foo Fighters, Circa Survive.

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