Rockmusik

Wer ist Sven Pohl? Ein junger Mann, der Musik rezensiert, zum Beispiel bei SPON und in der Spex, also dem vielleicht meist gelesenen Musik-Magazin in der deutschen Medienlandschaft für aktuelle Veröffentlichungen von Mainstream bis maximal verschroben. In seiner Plattenkritik zum neuen Album von „Protomartyr“ schreibt er, dass Rockmusik in der Kolumne „Abgehört – neue Musik“ beim Online-Spiegel einen schweren Stand hätte, weil sie „in der Masse furchtbar alt, männlich, weiß und heterosexuell – und damit – scheinbar – meilenweit vom state of the art des Jahres 2017 entfernt“ sei. Diese Aussage muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Der Autor dieser Zeilen ist furchtbar alt, männlich, weiß und heterosexuell und er gibt zu, den Anschluss zumindest an aktuelle Chartmusik schon lange verloren zu haben. Früher kannte ich zwar nicht die Titel, aber wenigstens noch die Interpreten, inzwischen nicht mal mehr die. Und wenn Genres wie Rap/Hiphop und  Techno/Elektro tatsächlich und ausschließlich „state of the art“ sein sollten, dann hat Sven Pohl recht, denn damit kann ich wenig anfangen. Zwei Fragen stellen sich mir:

1.) Ist es nicht ein Armutszeugnis, bestimmte musikalische Genres mangelnder Modernität zu zeihen, angesichts der Tatsache, dass wohl noch nie so viel Musik veröffentlicht wurde wie zurzeit und zwar über alle Stilgrenzen hinweg, mit sehr unterschiedlichem Anspruch an  Komplexität, Innovation und Kommerzialisierbarkeit? Ich bin kein Musikredakteur, nur interessierter Laie und trotzdem kriege ich jeden Monat eine Menge neue Musik zu hören, die man im weitesten Sinne als Rock bezeichnen könnte und die frisch, gewagt und aufregend ist. Warum gelingt das dem Herrn Pohl nicht?

2.) Gehört es beim Spiegel inzwischen zu einer angesagten Schreibe dazu, sich einer offen rassistischen und unverhohlen sexistischen Wortwahl zu bedienen? Den Eindruck hatte ich bis jetzt nicht, aber gut, man lernt dazu.

Aber Herr Pohl begnügt sich nicht damit, Teile seiner Leserschaft aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts und ihrer sexuellen Orientierung als rückwärtsgewandt, randständig und damit irrelevant zu brandmarken, nein er geht noch weiter:

„Auf ganzer Länge klingt „Relatives in Descent“ jedoch wie ein Remix vergangener Erfolge – und zeichnet damit frappierend genau das Schicksal von Gitarrenmusik als Ganzes nach: Die Geschichte ist erzählt, der Zenit überschritten, die Pointen angestaubt. Als Momentaufnahme einer kaputten Gegenwart funktioniert das, klar. In die Zukunft führen aber andere.“

Wissen Sie was Herr Pohl? Man hat Rockmusik schon so oft für tot erklärt: Ende der 70er, dann kam der Punk, Mitte der 80er, dann kam New Wave, Mitte der 90er, dann kamen Grunge und Crossover. Und wer gerade die Gitarre wegen ihrer Limitierung an musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten kritisiert, möglicherweise auch und gerade im Gegensatz zur gerade so populären Loop- und Sample-Musik, dem ist ohnehin nicht zu helfen.

Sven Pohl hat ein erschütterndes Dokument der Oberflächlichkeit und der Ignoranz vorgelegt und es damit auf eine der beliebtesten Webseiten Deutschlands geschafft. Das aktuelle Album von Protomartyr bewertet er immerhin mit 7 von 10 möglichen Punkten, das ist eine passable Note, kein Wunder: Sven Pohl ist zumindest ziemlich weiß, ziemlich männlich und möglicherweise auch ziemlich heterosexuell. Kauf Dir ne Gitarre, Sven.

Note to self: Einkaufen ist das Schwerste. Musik: Protomartyr, Wolves in the Throne Room, Celeste, The Great Hollow.

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Schatten fangen

So, 13% für rechtsextreme Lautsprecher in der Bundesrepublik. Man muss sich daran abarbeiten, die Politik, die Medien, wir alle. Wir müssen erkennen, dass diese 13% keine Dämonen sind, erst recht kein Schicksal und man muss sie aufdröseln:

Die Nazis waren immer schon Teil der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Es gab immer schon sozialdarwinistisch-rassistische Splittergruppen, die völkisch motiviert sind. Vor ein paar Monaten schrieb ich in diesem Blog über das Pendel des Zeitgeistes, das sich zwischen linksliberalen und nationalistisch-konservativen Umkehrpunkten bewegt. Es kann keinen verwundern, dass die faschistoiden Anteile innerhalb der AfD, die in den letzten Monaten so stark geworden sind, aus der Deckung kommen und auf diesen Zug aufspringen. Wie groß ist der Anteil dieser Idioten an den 13%? Hoffentlich eher gering.

Die Gegner des so genannten politischen Establishments, die eine Verschwörung einer Kaste von Berufspolitikern in Zusammenarbeit mit so genannten Systemmedien herbeireden wollen, machen sicherlich einen größeren Anteil der AfD-Wähler aus. Sie sind Opfer der Schwarm-Dummheit und ihrer eigenen Dummheit geworden. Es ist eben sehr leicht, sich von Bots, Mietmäulern und Lohnschreibern in sozialen Medien desinformieren zu lassen. Politik ist kompliziert, Politik in einer Demokratie ist komplizierter, langsam und langweilig. Und die Fähigkeit, die Argumente der jeweils anderen Seite anzuhören und abzuwägen, scheint uns verloren zu gehen. Politik muss pragmatisch sein, sie wird getragen von der Kunst des Kompromisses, die eine gewisse Professionalität erfordert.

Die Wertkonservativen hätten keine politische Heimat bei den Altparteien mehr, heißt es. Ich kann diesem Argument nicht so recht folgen. Ist es nicht vielmehr so, dass der Konservativismus selbst in einer Krise sein muss? Das Bewahren der Heimat bedeutet auch eine entschlossene Umwelt- und Energiepolitik. Das traditionelle Familienbild stößt an  Grenzen, wenn es auf die Lebenswirklichkeit selbstbestimmter Frauen und Männer trifft. Religiöse Aspekte spielen zum Glück für immer weniger Menschen eine Rolle, die in erster Linie frei und nicht erlöst sein wollen. Patriotismus ist kein Vorrecht der rechten Mitte mehr, sondern wird auch von Leuten gelebt, die Herr Meuthen „links-grün-versifft“ nannte.

Die Ergebnisse in Ostdeutschland sind furchterregend. Sie sind aber keine Folge davon, dass sich die AfD-Wähler dort wirtschaftlich abgehängt und sozialpolitisch vergessen fühlen (Sachsen hat den höchsten Stimmenanteil, ist wirtschaftlich aber am erfolgreichsten, ähnliches gilt für das bayerische Ergebnis innerhalb der Altländer.) 25 Jahre sind eine kurze Zeit, wenn es darum geht zu begreifen, was ein demokratischer Staat wirklich zu leisten vermag und wo man selbst den Hintern hoch kriegen muss. Das Wahlverhalten ist fast reflexhaft, so wie Xenophobie, Abgrenzung und Selbstmitleid sozialpsychologische Reflexe sind. Da ist noch viel zu lernen, nicht nur in den neuen Ländern.

Zum Schluss: Herr Gauland hat am Wahlabend gesagt, man würde sich das Land und das Volk zurückholen. Dann bin ich offenbar kein Teil dieses Landes und dieses Volkes mehr. Und genau diese Ausgrenzung, die das widerlichste Prinzip der AfD ist, kann nicht akzeptiert werden. Wer jetzt meint, auf der „richtigen Seite“ zu stehen, wo sich die Aufrechten und Anständigen versammeln, sollte sich keine Illusionen machen:

„Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
(Martin Niemöller) 

Note to self: Ich träume von Äpfeln. Ich träume vom Schlafen. Musik: Arch Enemy, Enslaved, Pearl Jam, Foo Fighters, Circa Survive.

Dann halt nicht

OK, wir wollen in Wirklichkeit ja gar keine Politiker, die uns die Wahrheit sagen, jedenfalls würden wir sie nicht wählen, denn „die Wahrheit ist trocken und selten geschmackvoll“ wie schon die Fantastischen 4 uns lehrten. Davon mal abgesehen: Ich gebe zu, kurz gezuckt zu haben und eine Stimmabgabe für die alte Tante „SPD“ bei der anstehenden Bundestagswahl zumindest zwischendurch in Erwägung gezogen zu haben. Immerhin hätten wir ohne sie immer noch keinen Mindestlohn und die sozialdemokratischen Mitglieder der derzeitigen Regierung outperformen die Unionsversager eindeutig, das könnte man ja mal honorieren. Kurz danach kam ich in der Stadt an diesem Wahlplakat vorbei:

Also, vielleicht lasse ich mich ja gerne belügen, so wir wir alle, aber so plump verarschen lasse ich mich nicht. Der Gender-Pay-Gap von 21% existiert nicht, jedenfalls nicht so, wie von der SPD hier insinuiert. Und wer damit auf Stimmenfang geht, bekommt meine ganz bestimmt nicht.

Nachtrag vom 12. September (auch wenn hier so etwas normalerweise nicht gemacht wird):

Margarete Stokowski weist heute auf SPON nach, dass diese Lügenmärchen durchaus verfangen. Ihre Kolumne besteht aus männerfeindlichen Überspitzungen, ist argumentativ drittklassig und blendet Tatsachen konsequent aus. Bezeichnenderweise erschien der Beitrag zunächst als Headline, 30 Minuten später wurde er bereits unter „ferner liefen“ eingeordnet und nach ein paar Stunden ist er nur noch über das Kolumnenmenü erreichbar. Frau Stokowski, Ihre Beiträge sind ohnehin inhaltlich und stilistisch unterdurchschnittlich, aber der Müll, den Sie diesmal abgesondert haben, war wohl selbst Ihrem Arbeitgeber zu idiotisch.

Note to self: Weiß, weiß, weiß ist meine Wohnküche. Musik: Beyond Grace, Klamath, Steven Wilson, Decrepit Birth, Prong.

Eifelsteigchen

Eine Urlaubswoche wandern? Schon im Vorfeld der Veranstaltung kamen leise Zweifel angesichts meiner derzeitigen Kondition bei mir auf. Aber immerhin diese verdammte 3. Etappe des Eifelsteigs mit ihren knapp 25 Kilometern Strecke und 800 Höhenmetern Anstieg hatte ich mir verordnet, Kampf dem inneren Schweinehund!

Um es vorweg zu nehmen: Die Erlebnisse dieses Wandertages und auch die Zipperlein danach haben dazu geführt, dass ich seitdem zwar noch 3 ziemlich lange Spaziergänge im Aachener Wald und in der Nähe von Roetgen unternommen, aber weitere Gewaltmärsche unterlassen habe. Und dazwischen habe ich lange geschlafen, viel in der Sonne gesessen und über so manches gründlich nachgedacht. Anyway: Anbei einige Impressionen von der Killer-Etappe:

Note to self: Immer mit der Ruhe. Musik: Integrity, Enslaved.

Alive

OK, zwar ist es schon ein paar Tage her, aber Ende August hat es tatsächlich ein Konzert von ANNA1 gegeben, im Rahmen der so genannten Abrissfete im Gymnasium Alsdorf-Ofden. Es gab immerhin einige neue Stücke zu hören und die Welturaufführung von „Don’t You Dare“.

Foto: Anne Welling

Auch wenn es auf dem Foto vielleicht nicht so aussieht, wir hatte trotz kleinerer Pannen ziemlich viel Spaß und der Publikumszuspruch war fast schon rekordverdächtig. Ganz klar: Es lag an den zahlreichen Zuschauern und nicht an den Bands, dass dem Veranstalter zwischendurch das Bier ausging. Ein schöner Abend!

Note to self: Abstand ohne Smartphone, klappt doch. Musik: Decrepit Birth, Hundred Suns, The Hirsch Effekt.