Wir kleinen Menschen

Es gibt eigentlich keinen Grund, sich wegen des G20 Gipfels so zu überschlagen, wie es die Medien derzeit tun. Wer in welchem Hotel wohnt, ob jemand irgendwo campieren darf, wo man sonst auch nicht campen darf, ob irgendwelche Geschäftsinhaber weniger gute Geschäfte machen, ob man sich plötzlich ausweisen muss, bevor man nach der Arbeit in seine Wohnung zurückkehren kann, es interessiert mich nicht. Sicherlich gibt es Maßnahmen, die in einem demokratischen Rechtsstaat nicht vorkommen sollten, aber das gilt auch für die Schleier- und Rasterfahndung, die komplette Durchleuchtung unserer digitalen Kommunikation, die Anfertigung von Videoaufnahmen in meiner Stadt, während man einfach nur die Straße langgeht. Wir kleinen Menschen sind nur Risiko- und Kostenfaktoren. Wenn die wirklich Mächtigen mit den so genannten Mächtigen, die sich jetzt in Hamburg treffen werden, im Bett liegen, können wir nur Krümel sein, die allenfalls ein bisschen am Hintern scheuern. Krümel, die unsere Schwestern und Brüder (mit und ohne Uniform) alsbald beseitigen werden, weil es ihr Job ist. „Wie war dein Tag Schatz?“ „Ganz gut, ich hab sicher zwanzig linke Spinner verdroschen.“

Auf der Liste der zu ächtenden Steueroasen, die beim G20 verabschiedet werden soll, steht ein einziges Land „Trinidad und Tobago“. Mehr muss man nicht wissen, um zu erkennen, wie gründlich wir von morgens bis abends verarscht werden. China hat heute (im Gipfelrahmenprogramm) richtig viele Flugzeuge von Airbus gekauft. Bis sie ausgeliefert werden, werden sicherlich einige Regimegegner verhaftet, einige Verurteilte hingerichtet, ihre Organe zum Verkauf entnommen worden sein. Die Flugzeug-Ingenieurin kommt nach Hause, freudestrahlend. „Schatz, das klappt mit der Abteilungsleiterinnenstelle. Und wir können uns endlich die Tagesmutter leisten.“ Und er murmelt glücklich: „Dann kann ich ja wieder arbeiten gehen!“ Wir kleinen Menschen wissen zwar nicht so richtig, was wir wollen, umso besser aber, was wir sollen. Unsere Kanzlerin sprach vor ein paar Jahren mal von der „marktkonformen Demokratie“. Oh wir haben uns geschüttelt, aber tatsächlich glauben wir ganz fest an sie.

Uns kleinen Menschen hat man die neoliberale Denke inzwischen so gründlich eingebläut, dass wir uns nicht mehr zu zweifeln trauen. Zum Beweis kann man jede Leserdiskussion in jedem Onlinemedium zu den Themen Vermögens- und Erbschaftssteuer heranziehen.   Zwar stehen die Chancen nicht so gut, trotzdem warten wir immer noch auf den warmen Regen, der nicht kommen wird. Und wenn ein CDU-Generalsekretär sich nicht nur mal im Ton vergreift, sondern die Verachtung gegenüber denjenigen, die den Buckel krumm machen, mal einfach so ungefiltert rauslässt, so wie Herr Tauber jüngst, der übrigens nie in seinem Leben einen Job in der Realwirtschaft gemacht hat, dann werden sich immer genügend finden, die das auch noch feiern. Der kleine Mensch ist im Grunde doch auch nur ein Gernegroß. Die noch kleineren gehen nicht mal mehr wählen. Das ist übrigens eine Schande.

„Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen sie euch nie über das Wesentliche. Sie fragen euch nie: Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am meisten? Sammelt er Schmetterlinge? Sie fragen euch: Wie alt ist er? Wie viel Brüder hat er? Wie viel wiegt er? Wie viel verdient sein Vater? Dann erst glauben sie ihn zu kennen. Und wenn ihr den großen Leuten erzählt: »Ich habe ein sehr schönes Haus mit roten Ziegeln gesehen, mit Geranien vor den Fenstern und Tauben auf dem Dach …« werden sie sich das Haus nicht vorstellen können. Ihr müsst vielmehr sagen: »Ich habe ein Haus gesehen, das hunderttausend Franken wert ist.« Dann kreischen sie gleich: »Oh, wie schön!«“

(Der kleine Prinz, Antoine De Saint-Exupéry)

Note to self: Sommer, ich hasse ihn. Musik: Puts Marie, Beartooth, Jeb Loy Nichols, George Winston.

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