Pauls Klimakterium

„Weißt du, manchmal fühle ich mich schon ganz schön ausgebrannt.“ Niedergeschlagenheit schwang in Sebastians Stimme mit, das war ganz und gar untypisch für ihn. Man hatte sich für den Samstagnachmittag im Park verabredet. Sebastian brachte Leon, seinen sechsjährigen Sohn, und Knolle, einen alternden Dobermann mit, Paul eine Kühltasche voll Bier. „So gegen drei?“ hatte es am Telefon geheißen. „Passt mir gut. Rieke geht mit den Zwillingen schwimmen.“ Um kurz vor vier rückte das Trio dann an. Paul hatte gerade überlegt, in den Schatten zu flüchten. Seine Unterarme zeigten bereits eine leichte Rötung.

„Sorry Mann, der Rasenmäher hat gestreikt.“ rief Sebastian auf eine Entfernung von 50 Meter zur angestammten Bank. Er zerrte Leon (dicklich, blass, bescheuerter Sonnenhut) an der einen und Knolle (tapsig, hechelnd, fast blind) an der anderen Hand hinter sich her. „Puh angekommen!“ Er ließ sich auf das Parkmöbel fallen, um gleich darauf wieder aufzuspringen. „Leon warte, ich schmiere dich ein.“ Das tat er, während sein Sohn bereits sein Tablet ausgepackt und sich in ein Spiel vertieft hatte. Seinen Vater schien er gar nicht wahrzunehmen. Derweil drehte der orientierungslose Hund Kreise um sein Herrchen und wickelte dabei die Leine um Sebastians drahtige gebräunte Waden.

Wortlos reichte Paul eine Flasche rüber, die fast aus den sonnencremigen Händen seines Freundes geglitten wäre. Mit einer katzengleichen Bewegung verhinderte er das Missgeschick. Das war typisch Sebastian: Alles an ihm war federnd, quecksilbrig, stets zum Sprung bereit. Man stieß an und nahm einen guten Schluck. „Mensch, schön dass es mal wieder geklappt hat!“ Paul nickte nur, während Sebastian schon fortfuhr:

„Seit Rieke wieder arbeiten geht, komme ich zu nix mehr. Gestern Elternabend, vorgestern mit Leon zum Logopäden, nächste Woche kommen meine Eltern für ein paar Tage aus Hamburg, die haben es gerne ordentlich, weißt du.“ Er knuffte Paul kameradschaftlich in die Seite. Ein bisschen zu feste. „Und die Mädchen kommen jetzt in ein schwieriges Alter, geht los mit den Jungs, Klamotten sind ein Riesenthema, die ständigen Eifersüchteleien… …das schlaucht, sag ich dir.“ Diesmal traf er Pauls Schulter, noch ein bisschen fester. „Leon, lass den Hut auf, sonst wirst du rammdösig!“ („Noch rammdösiger?“ dachte sich Paul) Leon ließ ein leises Zischen hören und setzte den Deckel wieder auf.

Eine junge, äußerst attraktive Mulattin mit krausem Schopf schlenderte in sehr kurzen Hosen aufreizend lässig an der Bank vorbei. Sebastian schwieg plötzlich, Paul hatte genug damit zu tun, ihr nicht auf den Hintern zu starren. Sein Kumpel tat das, ganz ungeniert. Und dann kam der Satz:

„Weißt du, manchmal fühle ich mich schon ganz schön ausgebrannt.“ Er nahm ein weiteres Bier entgegen. „Ich meine, du hast es gut: Keine familiären Verpflichtungen, kein Haus, keinen Garten.“ („Und kein ehelicher Beischlaf“ ergänzte Paul im Stillen. Früher war Friederike eine absolute Wucht gewesen, inzwischen war sie eher eine Wuchtbrumme.) „Nach der Arbeit kannst du doch tun, was du willst. Jetzt mal unter Freunden, ich finde, du machst da zu wenig draus. Platz Knöllchen!“ Der Hund hatte einen gut getrimmten Pudel erschnüffelt, der gerade einen enormen Haufen in das benachbarte Beet geschissen hatte, vom Besitzer keine Spur. Knolle ließ sich wieder nieder, die Schnauze sank auf den Kies. „Ein guter Kerl, dieser Hund“ dachte sich Paul. Er räusperte sich, um Sebastian mit den Schattenseiten zu konfrontieren, die das Leben als alternder Single eben auch mit sich brachte, aber der ließ keine Lücke:

„Wenn ich mir schon deinen Wagen angucke und deine Bude! Und deine Klamotten. Alter, du lässt dich gehen. Weißt du, es gibt genügend Frauen, die auf den gemütlichen Typ stehen, aber man muss auch ein bisschen was dafür tun. Kochen können und sich für Weltmusik interessieren reicht da nicht.“ Und noch bevor Paul anmerken konnte, dass er in der letzten Zeit eher die Folgen des langsam aber sicher absinkenden Testosteron-Spiegels in sich und an sich beobachtet hatte und deshalb andere Probleme vordringlicher waren, ging es weiter: „Kennst du eigentlich die Gundula, die mit Rieke zusammen studiert hat? Redet zwar nicht viel („Wie das wohl kommt“ grummelte Paul innerlich) aber hat ein gutes Herz. Eine Frau zum Pferdestehlen. Die kommt übrigens zur Grillparty Ende Juli. Du bist doch auch dabei, oder?“ Der verschwörerische Unterton nervte Paul, er räusperte sich wieder.

„Ach Mensch, schon fast sechs. Wir müssen los. Die Zwillinge haben sich Lasagne gewünscht (ein heftiger Stoß in Pauls Bauch). Wenigstens ein Gericht, das ich kann“ Darüber konnte man geteilter Meinung sein. Paul hatte bei der letzten Verköstigung zum Glück ein Stück der hartgummiartigen Zumutung in einem Blumentopf verschwinden lassen können.

„OK Sepp, übernächsten Dienstag bei Timo zum Skat?“

„Nee Mist, klappt nicht, Leon hat Dienstags jetzt immer Posaunenchor, was Großer?“

Leon zischte etwas, das wie „Alles Blech!“ klang und dann waren sie weg. Paul machte sich noch eins auf. Dann noch eins. Die Dämmerung senkte sich über den Park, die Wiese leerte sich. Er blieb sitzen. Die Laternen gingen an. Er blieb sitzen. Die Ratten kamen raus.

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