Fäule im Metallkern

Metal und Hardcore? Es gab Zeiten, da hörten die Einen das Eine und verachteten das Andere. Und umgekehrt. Metal war für ältere Damen und Herren mit Bauch und Matte, die gerne Bier tranken und bei Konzerten „Slayer“ riefen (auch wenn Slayer gar nicht spielten, ein Klassiker). Thematisch ging es immer um Massenmord, Wikinger und reitende Leichen. Hardcore war für wütende junge Frauen und Männer mit Stoppelfrisur, Piercings und gesteigertem Bewegungsdrang, die sich vegetarisch ernährten. Thematisch ging es um Nihilismus, Ökologie und das Ende der letzten Beziehung. OK, warum sollte man daran etwas ändern?

Noch vor der Jahrtausendwende passierte dann das furchtbar Wunderbare. Junge Menschen, die von ihren Eltern mit Metallica und Anthrax konfrontiert worden waren, auf dem Schulhof Hiphop und Rap hören mussten und von ihren älteren Geschwistern zu Konzerten von Converge und Agnostic Front mitgenommen wurden, begannen mit der großen Fusion: Heraus kamen Crossover (Härte mit Rap) und eben Metalcore (Härte mit Emotion). Nun konnte man auf Festivals, gewandet in Baggy Pants und mit beliebig langen Haaren, beliebige Getränke konsumieren, dazu beliebige Tanzstile tanzen und in der Pause zwischen zwei Acts einen Veggieburger zu sich nehmen. Die Zeit des großen „Anything goes“ hatte begonnen.

Vom Crossover ist nicht mehr viel übrig, vom Metalcore umso mehr. Zahlreiche Gruppen sind inzwischen bei den Major Labels gelandet, jeden Monat werden ca. 10.000 neue Bands gegründet und die bringen auch alle zwei Monate eine neue Platte raus. Und sie klingen alle so verdammt gleich, nämlich ungefähr so wie Nickelback, wenn man ihnen jeweils am Ende des Chorus eine gute Prise mit Scheuermitteln gestrecktes kolumbianisches Marschierpulver verpassen würde. Und egal, ob diese Musik in professionellen Studios oder in einer Besenkammer auf einem Laptop produziert wird, sie ist immer auf rund und gefällig getrimmt, Gesang, Riffing und Schlagzeug sind absolut austauschbar, genau wie die im Hintergrund herumhängenden Synths und E-Pianos. Selbst die Plattencover sind gleich: Schwarz-Weiß oder Grautöne, geometrische Figuren. Das ganze vom Bruder, der „irgendwas mit Medien“ studiert, der Bassistin mit seinem iMac gebastelt. Ehrlich, ich kann inzwischen anhand der Abbildungen auf den Internetseiten, auf denen neue Musik gefeatured wird, genau sagen, wie sich die Musik anhören wird.

Nun gut, es ist moderne Stimmungs- und Gebrauchsmusik. Warum sich darüber aufregen? Wahrscheinlich kann man sie gut hören, während man bügelt oder die Weizenkeimlinge für einen Smoothie zerkleinert. Und da ich beides nicht tue, kann ich wahrscheinlich auch diese Art von Musik nicht goutieren. Und ich kann verstehen, dass junge Leute, die härtere Gitarrenmusik machen wollen und zwar mit dem Ziel, die dann auch in ausreichender Menge zu verkaufen, auf diesen Zug aufspringen, allein, es ist ein Zug nach Nirgendwo. Denn irgendwann werden die Konsumenten endgültig übersättigt sein, dann wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben und sie wird nach meiner Beobachtung Post-Metal oder Post-Hardcore heißen, das zeichnet sich bereits ab. Während dieser Beitrag geschrieben wurde, habe ich Metalcore gehört, bis es nicht mehr ging. Jetzt läuft klassischer Blackmetal aus Leipzig, zwar eine aktuelle Veröffentlichung, aber trotzdem zeitlos unverwundbar: Mäßig aufgenommenes Rumpelschlagzeug (immer ein bisschen spät dran), grade Primmitivriffs, nuschelnder Zischgesang, monotoner Pumpbass, grottige Produktion: Mann, tut das gut!

Note to self: Verschleimtes Denken. Macht es leichter? Musik: Sarea, Beartooth, SikTh, Zeit.

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