Nachschlag

Ja sorry, dass ich noch mal in die gleiche Kerbe hauen muss. Ich bin noch nicht fertig mit dem gestrigen Abstimmungsergebnis in der Türkei. Aus mehreren Gründen:

1.) Es macht mich immer misstrauisch, wenn Menschen angeblich freiwillig Macht abgeben, wie es die Mehrheit der Wähler gestern getan hat. Selbst wenn man unterstellt, dass einige dabei waren, die das für gottgefällig, wahrhaft patriotisch oder einfach nur aus Gehorsamkeit für angezeigt halten. Diese drei Motive halte ich für das Abstimmungsverhalten innerhalb der Türkei für ausschlaggebend. Die AKP hat immer schon auf Anhänger gesetzt, die vorrangig religiös motiviert, also zu ungebildet und zu ängstlich zum eigenständigen Denken sind. Das übersteigerte Nationalbewusstsein vieler Türken ist legendär und in erster Linie ein Ausfluss eines Unterlegenheitsgefühls, das historisch durch das wenig ruhmreiche Ende des osmanischen Reiches bedingt ist. Und schließlich zeigt die Kampagne der systematischen Verängstigung seit dem letzten Putschversuch nun auch Wirkung. Der Rest ist Gehirnwäsche: Die Regierung beherrscht die Medien, ist auf Plakatwänden und Fassaden omnipräsent, wird gerade auf dem Land aber nach wie vor als sympathischer Underdog wahrgenommen, der der urbanen verwestlichten Elite zeigt, wo Bartel den Most holt. In dem Zusammenhang ist die geografische Verteilung der Ja/Nein-Stimmbezirke aufschlussreich.

2.) Besonders ärgerlich für mich ist, dass angesichts des knappen Ergebnisses wahrscheinlich die Stimmen aus dem Ausland, allen voran der Deutschtürken den Ausschlag gegeben haben. Dazu hat Hasnain Kazim im SPON einen bemerkenswert guten Kommentar verfasst, der das Lesen wirklich unbedingt lohnt. Kazim schreibt vom Trotz, der viele türkischstämmige Menschen hierzulande antreibt und gleichzeitig behindert. Das ist gut und genau beobachtet. Dieser Trotz ist übrigens bei den Ex-Migranten nicht anzutreffen, die es in Deutschland geschafft haben und davon gibt es viele. Wenn man Berichte von Deutschtürken liest, die sich in Deutschland gegen die Verfassungsänderung eingesetzt haben und dann vom politischen Gegner als Kollaborateure und Volksverräter beschimpfen lassen mussten, dann ist dies ein besonders finsteres Kapitel einer misslungenen politischen Auseinandersetzung, das vor allem eines zeigt: Erstaunlich viele Türken (als solche wollen sie wohl selbst bezeichnet werden) haben mit dem Bauch abgestimmt und dass bei einem politischen Vorhaben, das das Schicksal der Türkei für Jahrhunderte bestimmen könnte. Und an dieser Stelle muss man dann nicht mehr von Trotz und pomadiger Rosinenpickerei sprechen, sondern von einer bemerkenswerten Dummheit.

3.) Die Frage nach den außen- und innenpolitischen Konsequenzen steht nun im Raum wie ein 600 Pfund schwerer Gorilla im Wohnzimmer. Auf 66 Kommentarseiten überschlagen sich derzeit die Enttäuschten und die, die es schon immer gewusst haben, dass Ausländer nix taugen. Populäre Forderungen: Raus mit den Demokratiefeinden, kein Urlaub mehr in der Türkei, Deutsche: Kauft nicht beim Türken. Das alles ist natürlich Quatsch, lasst uns woanders ansetzen: Die Aktivitäten der Ditib sollten als verfassungsfeindlich eingestuft und untersagt werden, gleiches gilt für die Umtriebe der islamistischen AKP. Die teils gewaltsame Einschüchterung von türkischstämmigen Menschen hierzulande, die dem demokratischen Lager zuzuordnen sind, müssen von deutschen Sicherheitsorganen eingedämmt werden. In der Außenpolitik ist ein pragmatisches Vorgehen gefragt, bei dem rote Linien aber für die Gegenseite klar erkennbar sind. Eine Einführung der Todesstrafe sollte mit wirtschaftlichen Sanktionen und dem Ende der EU-Beitrittsverhandlungen beantwortet werden. Die visumfreie Einreise in die EU sollte aus sicherheitspolitischen Gründen ad acta gelegt werden. Schließlich sollten alle NATO-TRuppen aus der Türkei abgezogen werden. All das gebietet nicht der Wunsch nach Vergeltung, sondern der gesunde Menschenverstand.

Note to self: Ein Silberstreif? Erst mal morgen und übermorgen überstehen. Musik: Suicidal Tendencies, Kings Of Leon, The Pierces, Stonesour.

Hayir!

Tja, nur die dümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selber. Die Türkei ist damit auf dem Weg ins Mittelalter. Ihr werdet euch noch wundern.

Note to self: Silverstone. 6 Stunden Spaß. Musik: Joy Denalane, The Obsessed, Imelda May, Milking The Goat Machine.

IM19

Man hat ein Röhrchen in ein Herzkranzgefäß eingeführt und wartet ab. Man beobachtet die zahlreichen Monitore, protokolliert die Werte, dokumentiert den zufriedenstellenden Verlauf. Ein leichter Hinterwandinfarkt, das ist nichts, was ein Team von hochspezialisierten, ausgebufften Kardiologen in Schwingung versetzen würde. 48 Stunden zur Beobachtung, wird schon. Bereits kurze Zeit nach dem Eingriff ist der Rücktransport eigentlich beschlossene Sache. Man tut, was man gut kann, die Fallzahlen, die statistisch nachgewiesenen Behandlungserfolge sprechen für sich.

Im Bett liegt ein Mensch, der seit Monaten in seiner ganz eigenen Welt lebt, der nicht mal versteht, wo er ist, warum es überall blinkt und tutet, dass er dem Tod vielleicht gerade noch mal von der Schippe gesprungen ist. Auch deshalb ist er so unruhig und aufgeregt, er kann nicht begreifen, was die komischen Figuren in den grünen Klamotten an seinem Bett wollen, warum sie ihn mit Schläuchen und Sensoren behängen. Er wehrt sich, nicht mit Worten, das kann er nicht mehr. Er wehrt sich wie ein Tier, das sich eingesperrt fühlt. Die Anderen sind in der Überzahl, sehen sich aber trotzdem bedroht. Der Mensch wird an Händen und Füßen festgebunden, für insgesamt mehr als 36 Stunden. Er kann sich nicht mehr kratzen, wenn es irgendwo juckt. Damit er nicht mehr schreit, wird er bis zum Anschlag mit Haloperidol vollgepumpt. Das macht den Mund trocken und das Schlucken schwer, aber jetzt kann er nicht mal mehr um etwas zu Trinken bitten. 36 Stunden können verdammt lang sein.

Vor Deinem Bett fühle ich mich als Mittäter. Ich möchte Dich so gerne losmachen, aber traue mich nicht. Draußen auf dem Gang wird kollegial gefrotzelt und gelacht. Ja, ihr habt euch einen verdammt harten Beruf ausgesucht, den macht man sich gerne so leicht wie möglich. Das kann ich verstehen. Ich könnte die Verantwortung übernehmen und bei Dir bleiben, bis zum Abtransport, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das gerade schaffe. Schlecht schlafen und träumen, das fühlt sich schon gewohnt an. „Halt durch!“ flüstere ich in Dein Ohr. Dann gehe ich. Der Fahrstuhl ist leer, die Tür schließt sich. Da heult es sich gut.

„Und die Tanzenden wurden für verrückt gehalten von denjenigen, die die Musik nicht hören konnten.“
Friedrich Wilhelm Nietzsche

Note to self: Angst vorm Fahren. Musik: ASG, Filter, Norma Jean, Tracer, Mastodon

At your service

Ah, mal so ein ganz unspektakulärer Beitrag, nach einem sonnigen Tag in der Nordeifel, an dem ich bis gerade eben weder Maus noch Tastatur angefasst habe: Gestern habe ich mal endlich wieder was ganz für mich gemacht, nämlich mein neues Laptop abgeholt, aufgebohrt und eingerichtet. Das hat richtig gut getan.

Vielleicht noch mal kurz zur Ausgangslage. Nach der für mich durch und durch enttäuschenden Vorstellung der neuen Macbook Pro Modelle von Apple vor ein paar Monaten kam ich zunächst mal schwer ins Grübeln, welches Gerät mich demnächst hauptsächlich bei meinen Kunden begleiten soll. Das Anforderungsprofil liest sich so:

  • robustes Business-Gerät mit guter, beleuchteter Tastatur
  • Schnittstellen: mindestens 2 x USB 3, VGA, Displayport
  • eingebauter DVD-Brenner, entnehmbarer Akku
  • mindestens 8 GB RAM und 250 GB SSD, beides von mir selbst aufrüstbar
  • intel Core i5 mit Hyper-Threading oder i7, Turbo-Boost mindestens 3 GHz
  • Kompakt (höchstens 14 Zoll) und leicht (nicht über 2,5 Kg)

Außerdem gab es noch ein paar Randbedingungen: Das Gerät sollte mit Windows 7 laufen, mich finanziell nicht ruinieren und dann gibt es ein paar Hersteller, von denen ich nie ein Laptop kaufen würde, weil ich diese Geräte oft als Patienten auf die Werkbank bekomme und sie nach ungefähr zweijähriger Nutzung nur noch für die Gitterbox taugen. Geworden ist es ein Lenovo Thinkpad T430, das ich als Leasingrückläufer bei ebay geschossen (Gewerblicher Verkäufer, also 12 Monate Gewährleistung) und selber mit einer SSD ausgestattet habe. Hoppla, das ist ein Gerät aus dem Jahr 2013, das kanns doch nicht sein! Naja, es sieht nach mehrjähriger Nutzung aus wie neu, der Akku hat 99% seiner Nennkapazität, die Tastatur ist ein Träumchen und dank der SSD ist sichergestellt, dass der limitierende Geschwindigkeits-Faktor während der Dienstleistung in der Regel der Dienstleister sein wird. OK, das Display (1900×600 Pixel) ist von einer „Retina“-Auflösung weit entfernt und kann mit einem IPS-Panel nicht mithalten, aber es ist matt, hat keine toten Pixel und eine solide LED-Hintergrundbeleuchtung.

Dazu kommen einige Nettigkeiten, die typisch für die Profi-Thinkpads sind: Der Fingerabdrucksensor (an den ich mich innerhalb von 4 Stunden Einrichtung und den damit verbundenen häufigen Neustarts so gewöhnt habe, dass ich ihn nicht mehr missen möchte), der Trackpoint (das ist der rote Nippel auf der Tastatur) den ich schon immer liebte und die mittlere Trackpad-Taste für die Funktion „Blättern“. Spitze!

Insgesamt bin ich von der Schwupdizität des Mobilrechners schwer angetan, im Vergleich zu aktuellen Modellen, die ich regelmäßig für die Kundschaft einrichte, gibt es da nichts zu bemäkeln (und ich will ja keine Videos mit dem Gerät schneiden). Selbst wenn man das Laptop primeln lässt (Prime95 torture test) ist das Lüftergeräusch gut erträglich, gerade auch im Vergleich zu den schmalen Flundern mit dem Apfel drauf. Und von allem anderen abgesehen: Der Bang-for-the-buck-Faktor (Preis/Leistungsverhältnis) ist unschlagbar. Damit bin ich dann also glücklich gelandet.

Note to self: Motorpflug, Schlepper, der Garten will es doch auch. Musik: Ion Dissonance, Sellah Sue, Glossom, Dan Baird, Mors Principium Est.

Dem Carl seine Straße

Wirklich, ich will eigentlich gar nicht mehr über dieses Thema schreiben. Es tut mir nicht gut, es ist ein aussichtsloser Kampf gegen den Zeitgeist (mancher würde sagen gegen Windmühlen) und es führt zu nichts (es ist zu spät). Aber hin und wieder zeugt die political correctness Missgeburten, die in mir die blanke Wut aufsteigen lassen.

In Freiburg ist eine Straße nach Carl von Linné benannt. Wer ist das? Nun, Carl von Linné ist der Erfinder der binären wissenschaftlichen Nomenklatur der Tiere, Pflanzen, Pilze usw. Wenn wir beim Menschen von der Spezies Homo sapiens sprechen, dann verwenden wir diese Nomenklatur: Der wissenschaftliche Name einer Art setzt sich aus einer Gattungs- und einer Artbezeichnung zusammen. Von Linné war der erste große Systematiker in den Naturwissenschaften, seine Leistungen hinsichtlich der Einordnung der Lebewesen sind epochal und gar nicht hoch genug einzuschätzen. Ein großartiger Forscher, ein Universalgenie, das war Carl von Linné. Sein wichtigstes Werk, die Systema Naturae erschien 1735.

Nun hat sich in Freiburg eine Kommission zusammengesetzt, um zu überprüfen, ob die Carl-von-Linné-Straße (und weitere) ihren Namen behalten darf, oder nicht (Kategorie A) oder ob ein Zusatzschild unter dem Straßennamen anzubringen ist, das auf problematische Ansichten des Mannes hinweist (Kategorie B). Von Linné war ein Kind seiner Zeit, sein Männer- und Frauenbild (und seine Ansichten zu den menschlichen Rassen) waren falsch. Wir sind diesbezüglich weiter gekommen und das ist gut so.

In dieser Kommission hat nun das Mitglied Nina Degele, eine Soziologin und Genderforscherin sich dafür stark gemacht, dass von Linné in die Kategorie B einzuordnen ist: Seine Einteilung und Hierarchisierung der Pflanzen in männlich und weiblich sei im 18. Jahrhundert Versuch und Grundlage dafür gewesen, wie die Geschlechter von den Menschen im Alltag wahrgenommen wurden und werden – die Frau als dem Mann untergeordnete Kreatur. Diese Einteilung habe sich bis ins 20. Jahrhundert als vorherrschend behauptet – sie habe als selbstverständlich gegolten und sich in der Gesellschaft festgesetzt.

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Von Linné verfasste seinen Geniestreich rund 100 Jahre bevor Charles Darwin „The Origin of the Species“ veröffentlichte. Er hatte genug damit zu tun, sich von religiösen Vorstellungen zu emanzipieren und ordnete beispielsweise den Menschen klipp und klar als dem Tierreich zugehörig ein. Das hatte seit Aristoteles‘ Historia animalium (4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung) niemand mehr gewagt. Auch darin liegt von Linnés Brillanz. Die Stellung von Mann und Frau war für ihn nicht mal ein Nebenkriegsschauplatz, er folgte dabei den damals vorherrschenden Vorstellungen. Und dass die Frau Degele Carl von Linné für all das in Haftung nimmt, was zwischen Männern und Frauen seit dem späten 18. Jahrhundert schief gelaufen ist, das zeugt davon, dass Genderforschung sich um Evidenz nicht schert, methodisch unzureichend, argumentativ bizarr und bibliographisch unterirdisch ist.

Londa Schiebinger, eine Historikerin und Genderforscherin stößt ins gleiche Horn: Die Systematik von Linnés sei sexistisch. Zum Glück hat sie wenigstens nicht „übergriffig“ geschrieben (denn merke: Männer sind grundsätzlich übergriffig, es sei denn, sie gehorchen). Sagen wir es mal so: Carl von Linné war ein ausgezeichneter Beobachter und ein Meister der Deduktion. Er besaß das, was Genderforscherinnen grundsätzlich abgeht: Er suchte nach der Wahrheit und versuchte nicht ein krudes Dogma wissenschaftlich zu bemänteln.

Was hat Carl eigentlich Böses getan? Nun, er ordnete bestimmte anatomische Merkmale in Blütenpflanzen dem weiblichen und männlichen Geschlecht zu. Den Stempel bzw. die Narbe nannte er weiblich, die Staubfäden männlich. Von Linné erkannte aber beispielsweise nicht, dass es einhäusige, also zwittrige Pflanzen gibt, seine Zuordnung anatomischer Merkmale begründete er mit der morphologischen Ähnlichkeit zu den primären Geschlechtsorganen bei Säugetieren. Würde er seine Systema heute schreiben, sähe sie anders aus, denn Carl von Linné war ein blitzgescheiter, großartiger Mann. Was würde er wohl über so genannte Genderforscherinnen denken? Ich glaube es zu wissen.

Note to self: Einsatz, der sich lohnt. Musik: Selah Sue, Ion Dissonance, Nine Inch Nails, Nirvana.