Terrestrische Schwärze

Ich war live dabei. Auf meinem Rechner lief das Programm für die DVBT-Wiedergabe und so um Mitternacht kam dann das, was in den letzten Wochen mehrfach jeden Abend per Einblendung angekündigt worden war: Kein Signal mehr, Schwärze. Mir kommt es vor, als wäre es gestern gewesen, als ich in der TV-Abteilung des hiesigen Ich-bin-doch-nicht-blöd-Marktes war, um einen der letzten vorrätigen Empfänger einzusacken, weil das analoge Fernsehsignal aus dem Äther verschwunden war. Die Zeit rauscht an mir vorbei, gerade ganz besonders schnell.

Weil das Ereignis lange angekündigt war, hatte ich mich natürlich irgendwie vorbereitet und die Optionen abgewogen: Öffentlich-Rechtlich reicht mir, für den RTL und Co.-Dreck auch noch zu zahlen fiele mir nicht im Traum ein. Logisch, es gibt so einen USB-Empfänger für den Mac (bzw. meinen Hackintosh), aber den finde ich unverschämt teuer, die beiliegende Software scheint auch nicht der Brüller zu sein. Und selbstverständlich will ich mir eigentlich einen schicken flachen Fernseher kaufen, der die hier verstaubende Röhre ersetzen soll, ich habe sogar schon ein Modell im Blick. Aber dann kämen kurzfristig Wandmontage und Einrichtung auf mich zu und dazu fehlt momentan, lacht nicht (denn es ist nicht zum Lachen), einfach die Zeit.

Was also tun? Ich will einfach am Computer ein bisschen fernsehen. Die Wiedergabe soll auf Wunsch Pause machen, nix Wildes. Herausgekommen ist jetzt eine Bastellösung für Internet-basiertes Glotzen: Das gute alte VLC und eine m3u-Datei mit den gängigen URLs für meine Sender und nach vorläufigem Testbetrieb kann ich nur sagen: Das reicht mir. OK, es ist nicht ganz so komfortabel wie EyeTV: Ein EPG wäre schön. Aufgenommen habe ich vorher auch nicht, wann soll ich den ganzen Mist denn anschauen? Tatsächlich habe ich jetzt sogar mehr Programme als vorher. Beim Programmwechsel wird immer erst mal gebuffert, das dauert ein paar Sekunden, aber damit kann ich leben. Insofern bin ich jetzt erst mal gelandet und habe mir unnötig Gedanken gemacht.

Auf SPON war heute ein Erfahrungsbericht, wie es verschiedene Redakteure jetzt seit der DVBT-2 HD-Umstellung handhaben. Und siehe da, die meisten machen es so ähnlich wie ich. 5 Euro extra im Monat für die Privaten will keiner abdrücken. Das finde ich deshalb witzig, weil der Spiegel als kommerzieller Anbieter auch von Video-Inhalten bislang immer so heftig auf die Öffentlich-Rechtlichen eingedroschen hat, vor allem, weil diese ihre Angebote zunehmend auch übers Netz verbreiten. Jaja, das Hemd ist eben doch näher als der Rock. Dann glotzen wir mal schön…

Note to self: Am Anschlag. Musik: Mutinity Within, Norma Jean, Annihilator, Decimated Humans, Joshua Radin.

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Verloren

Eine Brille, ein Ehering, ein elektrischer Rasierer, das Heute, das Gestern, das Vorgestern, das „Eben gerade“, das „Hier kenne ich mich aus“, das „Hier bin ich zuhause“, ein hochproduktiver Garten, mehr als 50 Jahre glückliche Ehe, ein Grab, 150 Gläser selbstgekochte Marmelade, der letzte kümmerliche Rest an Würde.

Ich renne Straßen rauf und runter, spähe in jede Gasse, jede Einfahrt, befrage Briefträger, mit hochrotem Kopf, schweissüberströmt. Nach einer Stunde kreuz und quer über die Hörn wirst Du gefunden. Bus bist Du gefahren bis nach Schleckheim. Als ich Dich in den Arm nehme, macht die Erleichterung mich zittern. Und drei Stunden später, wieder hinter verschlossenen Türen, klagt Dein Blick mich an, als ich gehe.

„Die Liebe macht, dass man mutig sein kann.“
Anjezë Gonxha Bojaxhiu

Note to self: Kotz Dich selber an. Musik: keine.

Godspeed Chuck

 

His mother told him, „Someday you will be a man,
And you will be the leader of a big old band.
Many people coming from miles around
To hear you play your music when the sun go down.
Maybe someday your name will be in lights
Saying ‚Johnny B. Goode tonight‘

Charles Edward Anderson „Chuck“ Berry 18.10.1926 – 18.03. 2017

Kinder zweiter Klasse


Foto: Silke Wichert

Silke Wichert hat einen Artikel auf süddeutsche.de veröffentlicht. Darin beschäftigt sie sich mit Kindern, mit ihren Kindern. Frau Wichert ist Mutter zweier Söhne. Das ist hart, sie hätte lieber Töchter gehabt. Das schreibt sie zwar nicht explizit, aber man kann es zwischen den Zeilen deutlich herauslesen.

Sie beschreibt, wie in Mütter-Foren Tipps ausgetauscht werden, wie frau es anstellen kann, Töchter zu gebären, also was man an welchem Tag des Zyklus essen muss, so ungefähr. Die Frauen in diesen Foren sind wahrscheinlich keine Medizinerinnen oder Biologinnen, deshalb noch mal kurz die Grundbegriffe: Ob ein Nachkomme männlich oder weiblich wird, hängt davon ab, ob in der Samenzelle, die die Eizelle befruchtet, ein X- oder Y-Chromosom vorliegt. Es liegt also ausschließlich am Mann und die Frau kann an allen Tagen des Zyklus essen, was sie möchte. Ob Frauen ihren Partnern wirklich an bestimmten Tagen vor dem Eisprung bestimmte Nahrungsmittel verabreichen, um dafür zu sorgen, dass seine X-chromosomalen Samenzellen beschleunigt werden, entzieht sich meiner Kenntnis, ich halte die Vorstellung aber für ganz und gar bescheuert.

Warum nur hätte Frau Wichert lieber Töchtern das Leben geschenkt? Sie schreibt: „Weil das eigene Geschlecht einem nun mal näher, vertrauter ist.“ Das ist zweifellos richtig, aber in diesem Zusammenhang eine erzieherische Bankrotterklärung. Ob das nämlich klappt mit der Herstellung des Urvertrauens zwischen Kindern und Eltern, der unerschütterbaren Geborgenheit, die Kinder brauchen, damit aus ihnen brauchbare Erwachsene werden können, das hat mit allem möglichen zu tun, aber sicher nicht mit der Selbstähnlichkeit. Diese Begründung ist folglich vorgeschoben. Im nächsten Absatz kommt Frau Wichert dann zu Potte, sie schreibt:

„Jungen haben momentan keine besonders gute Lobby. Sie sind laut, anstrengend und angeblich die Verlierer unserer Zeit, weil sie sich in der Schule im Vergleich weniger anstrengen und weniger lesen. Die Shell-Studie von 2015 befand, die Gesellschaft werde immer weiblicher, klassische männliche Eigenschaften verlören an Bedeutung.“

Da haben wir es. In dem Zusammenhang fällt mir ein Telefonat vor ein paar Tagen mit einer befreundeten Lehrerin ein, die einen Stoßseufzer ausstieß, als sie meinte, die Neuaufnahmen in ihre Klasse seien „alle Jungs“. Ja, nicht nur Journalistinnen tun sich hervor, wenn es darum geht männliche Kinder ohne Ansehen der Person zu stigmatisieren.  Besagte Freundin meinte es wahrscheinlich nicht mal böse, offenbar ist es unter Erziehenden inzwischen Konsens: Jungs sind schwieriger, weniger kompatibel usw. Wenn es da ein Problem gibt, muss das adressiert werden. Dazu einen Hinweis: Wenn man Menschen unterschwellig oder explizit zu verstehen gibt, sie seien weniger wert, weniger liebenswert, weniger leistungsfähig, dann werden sie Opfer einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Sie werden nicht annehmen, dass es sich um ein erhebliches Defizit desjenigen handelt, von dem diese unzulässige Zuschreibung kommt, obwohl es natürlich genau so ist. Und sie werden sich einigeln, abwenden, trotzig werden.

Konstantin Wecker hat mal geschrieben: „Alle, die erziehen wollen, sind zu feige von denen zu lernen, denen sie sich vermitteln sollten.“ Das ist vielleicht ein bisschen zu idealistisch gedacht, geschenkt. Vielleicht sollte man besser formulieren „Alle, die erziehen müssen, sollten darauf achtgeben, nicht Gefangene ihrer eigenen Erfindungen zu werden. Erst recht sollten sie sich nicht zum Büttel von Chimären machen, die der Zeitgeist gebiert.“

So was ist leicht hingeschrieben, wenn man seinen Lebensunterhalt mit Hard- und Software bestreitet, das gebe ich zu. Aber es kann doch nicht sein, dass man einen bestehenden erzieherischen Rahmen, der einer Hälfte der Klienten deutlich schlechter passt, nicht hinterfragt und anpasst, damit er besser passt. Es hat sich so viel getan bei der schulischen Erziehung seit der Zeit, als ich selbst noch zur Schule ging. Wir hatten stumpfen Frontalunterricht, die üblichen Sanktionen vom Klassenbucheintrag bis zum Verweis usw. Man hat seitdem so einiges unternommen, damit Schule den Beschulten gerechter werden kann, nur die Jungs hat man dabei irgendwie vergessen. Dann kommt eins zum anderen, Frau Wichert (Sie bearbeitet das Ressort „Mode“) schreibt im letzten Absatz:

„Natürlich ist es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass das Angebot an Mädchenkleidern bei H&M viel größer ist als das für Jungsklamotten. Aber ich tröste mich: Das gesparte Geld kann ich ja später in Nachhilfe investieren.“

Zack! Der Kreis schließt sich: Nicht nur, dass Erziehende Jungs für schwieriger halten, sie denken auch, dass sie schlechtere Leistungen abliefern werden. Auch das ist inzwischen offenbar Konsens. Und auch an dieser Stelle wird nichts getan, um Jungs gezielter zu fördern. Warten wir noch ein paar Jahre, dann wird Allgemeingut werden, dass männliche Schüler weniger leisten, weil sie blöder sind als Mädchen. Auf genau dem Weg sind wir gerade.

Ich wünsche der Frau Wichert, dass ihre Söhne, wenn sie irgendwann mal zufällig die Urfassung des veröffentlichten Artikels auf dem alten Laptop ihrer Mutter finden, schon in einem Alter sind, das ihnen gestatten wird, ihre Mutter ein bisschen weniger zu hassen, als sie es eigentlich verdient hätte. Und allen Männern rufe ich hiermit zu: Lasst uns feste zusammenhalten und lasst uns endlich anfangen, uns zu wehren. Für uns ist es wahrscheinlich schon zu spät, aber nicht für unsere wunderbaren, sperrigen, nonkonformistischen, lauten, schrillen Söhne, Neffen und Enkel.

Note to self: Mindestens bis zum Wochenende. Besser bis zum Monatsende. Passt schon. Musik: The Flaming Lips, Joshua Radin, Hour Of Pennance, Annihilator, Fink.