When men stop shaving

Haarpflege? Seit Jahrzehnten eigentlich kein Thema für mich. Als ich das letzte Mal einen Frisörsalon aufsuchte, um mein Haupthaar schneiden zu lassen, war ich Student im ersten Semester, das ist Jahrzehnte her. Die Hornzotten auf meinem Schädel hatten da schon beschlossen, sich zu verkrümeln. Mit Mitte Zwanzig war ich kahl. Es waren, das sei hier angemerkt, keine schönen Zeiten. Oft trug ich einen Hut, nahm ich ihn ab, fühlte ich mich nackt. Den immer schmaler werdenden Kranz stutzte ich selbst mit einem Aparillo (Diesen Ausdruck für alle Arten von elektrisch betriebenen Haarschneidern verwende ich exklusiv) und zwar völlig leidenschaftslos. Um alle Glatzenmythen endgültig zu entkräften: Nein, eine Pläte wirkt nicht besonders männlich. Nein, Haarausfall hat nichts mit einer überdurchschnittlichen Testosteronproduktion zu tun. Und nein, die Frauen stehen eher nicht drauf.

Inzwischen gehe ich stramm auf die 50 zu. Was ich schon hinter mir habe, machen viele Altersgenossen gerade in diesem Lebensalter durch. Lasst euch dies sagen: Nehmt es, wie es kommt. Vergesst Toupets, vergesst die ganzen Wundermittelchen, macht euch nicht verrückt. Der kahlen Kopfhaut muss man mit Gelassenheit begegnen und mit Würde. That’s it.

Einen richtigen Bart hatte ich nie. OK, einen erweiterten Dreitagebart, den schon. Das war aber keine bewusste Entscheidung, sondern entsprang einer gewissen Laxheit. Ich war Nassrasierer und jetzt mal ehrlich: Welcher Mann möchte denn frühmorgens, möglicherweise vor dem ersten Kaffee, im Halbschlaf mit einem höllisch scharfen Ding in seinem Gesicht rumfummeln? Also ich jedenfalls meistens nicht. Alle paar Tage wurden die Stoppeln entfernt, spätestens wenn es anfing zu jucken.

Vor einigen Monaten, es mag an dem zu kühlen Frühsommer gelegen haben, beschloss ich dann endgültig, den Bart wachsen zu lassen. Nicht, weil es momentan en vogue ist, nicht weil ich Lust auf was Neues hatte, nicht um einen hornigen Kontrapunkt zum haarlosen Schädel zu setzen. Nein, ich finde, dass der Bart ein gesellschaftspolitisches Statement ist. In einer Zeit, in der Männer oft genug als gewaltbereite, triebgesteuerte, intellektuell minderbemittelte, sozial verkrüppelte, ihre Macht missbrauchende Menschen zweiter Klasse dargestellt werden (Hallo, Frau Stokowski. Hallo, Frau Wizorek. Hallo, Frau Lantzsch. Hallo, Frau Schwesig) ist die persistente Gesichtsbehaarung eine Absage an jedwede androgyne Anbiederung.

Der Bart eignet sich nicht für Quoten-Diskussionen, er ist kein Thema für die unsägliche Genderforschung, er kommt in Landes- und Bundesgleichstellungsgesetzen (die alles mögliche einfordern, aber bestimmt keine Gleichstellung, man lese nach) nicht vor. Frauen können all das, was Männer können, aber sie können sich keinen Bart stehen lassen. Ob ich das ernst meine? Aber hallo, ich meine das sogar bart- äh bierernst. Und wenn ich bei einer steifen Brise draußen unterwegs bin und der Wind am Gesichtshaar zerrt, und wenn mein Spiegelbild die graumelierten Anteile der knapp 10cm langen Pracht offenbart, und wenn die Hand sanft streichend unters Kinn fährt, wo es vor kurzen noch borstig war inzwischen aber weich und geschmeidig ist, dann macht mich das sehr glücklich. Ja, ihr mich auch.

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Note to self: Distanz. Muss. Überlebenswichtig. Musik: Benjamin Clementine, Seasick Steve, Sufjan Stevens, Ion Dissonance, Gojira.

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10 unschlagbare Platten aus 2016

Doch doch, auch zum gerade vergangenen Jahreswechsel gibt es die gewohnte Zusammenstellung der aufregendsten Alben der letzten 12 Monate. Diesmal mit einiger Verspätung, weil der Alltag gerade unübersichtlich und fordernd ist und mir kaum Zeit lässt. Hier sind die Scheiben:

10
Platz 10: Entropia – Ufonaut
Das polnische Quintett „Entropia“ legt mit diesem Tonträger das bislang zweite Album vor. Das Etikett Post-Black-Metal klebt drauf. Nun muss man zugeben, dass in dieser Schublade relativ viel Müll veröffentlicht wird. Bei Entropia passen sphärische Keyboards, merkwürdig verschachtelte Songstrukturen und dynamisches Drumming und Riffing aber so gut zusammen, dass auf dem Album einige sehr schöne Momente versammelt sind. Dunkel und kalt, das können die Polen gut. Der Tonträger überzeugt außerdem durch einen mächtigen, grummelnden Sound. Da nimmt man auch hin, dass es einige kompositorische Schwächen gibt und die ganze Chose dann ein bisschen zerfasert: Ufonaut ist prima Musik für die erste Tasse Kaffee am Morgen. Entweder man geht zurück ins Bett, oder man gibt den schwarzen Rächer. Alles ist drin.

9Platz 9: Animals As Leaders – The Madness Of Many
Über dieses Projekt habe ich mich schon ausführlichst geäußert. Es handelt sich um Bastel-Djent mit großen progressiven Anteilen, der von der Virtuosität des Masterminds Tosin Abasi und seiner Gitarre bestimmt wird. Das neue Album ist vielschichtiger und abstruser als der Vorgänger, offenbar ist die zunehmende Popularität der Formation und damit auch der kommerzielle Erfolg für die Band kein Problem, wenn es darum geht sich im Studio kreativ bis zur Schmerzgrenze auszuleben. Es finden sich aber auch ganz klassische Solo-Stücke mit akustischer Klampfe – ein Riesenspektrum, immer gekonnt dargeboten und mit viel Liebe zum Detail zusammengefügt. Nein, Animals as Leaders sind keine nach Schweiß und Bier stinkende Metal-Kapelle. Das neue Album genießt man vielleicht besser mit einem schönen Glas Wein, auch gut.

8Platz 8: Kvelertak – Nattesferd
Ja, die Norweger wieder. Das neue, selbstproduzierte Album bietet zwar einerseits die schon gewohnte Mischung aus dunklem Metal und geradem Punk-Rock, ist aber trotzdem anders als die beiden Vorgänger: Klar, man hört, dass die Platte im wesentlichen live aufgenommen wurde, sie fällt entsprechend lebendig und kohärent aus. Dazu treten aber einige Studiospielereien, die mir zunächst nicht gefielen, weil sie ein bisschen aufgesetzt und beliebig daherkommen. Im Grunde genau das Problem, das sich ergibt, wenn eine Band den Produzenten-Job selbst erledigt. Inzwischen habe ich das Album wirklich gründlich gehört, es zählt zu den häufigst gespielten Scheiben in meiner Jahres-Playlist und überzeugt mich vor allem dadurch, dass man in jedem Takt den unkomplizierten, lockeren Ansatz hört, den das Sextett bei der Aufnahme wohl im Sinn gehabt hat, wahrscheinlich können sie auch gar nicht anders. Druck haben andere, Kvelertak hat Spaß.

7
Platz 7: Gojira- Magma
Und hier kommt das Kontrastprogramm zu Kvelertak. Alles, was Gojira macht, ist sehr ernsthaft, sehr überlegt und bedeutungsschwanger. Die Bandmitglieder sind schwer im Bereich Umwelt- und Naturschutz engagiert und machen Musik mit einer Message. Andererseits ist Gojira eine der Bands, die man stets schon nach wenigen Takten erkennt. Sie pflegt eben einen charakteristischen Stil, zitiert sich gerne selbst und wandelt auch auf dem neuen Album auf bekannten kompositorischen Pfaden. Den Platz 7 in dieser Zusammenstellung erringen die Franzosen dadurch, dass sie ihren Plan unbeirrt und sehr eigenständig durchziehen und dabei Stücke raushauen, die sehr wiedererkennbar und schmeichelnd sind, ohne abgegriffen zu wirken. Musik zum mitsummen, auch wenn sie zum Teil sehr technisch und durchdacht ist. Schafft auch nicht jeder.

6Platz 6: Periphery – III: Select Difficulty
Periphery ist vor allem eins: Sehr fleißig. Im vorletzten Jahr veröffentlichte man ein fulminantes Doppel-Konzeptalbum, dass hinsichtlich seiner Komplexität schon an die epochalen Platten von „Between The Buried And Me“ heranreichte. Das diesjährige neue Album ist dagegen eine reguläre Studioplatte, mit Stücken, die in erster Linie nur für sich selber stehen. Man hat jetzt ein Line-Up, das seit einigen Jahren stabil ist und man hat sich einiges vorgenommen. Diese Band will nach oben. Die Musik des amerikanischen Sextetts wirkt deshalb mitunter ein wenig bemüht und gekünstelt. Hört man die Stücke aber als Teil einer gemischten Playlist, dann bleibt beim Hörer bei Periphery eben doch einiges mehr hängen, als bei metallischer Durchschnittskost. Ja, die können es einfach und wer weiß, vielleicht wird man sie eines Tages in einem Atemzug mit den Göttern des Djent nennen. Die kommen weiter unten.

5Platz 5: Cobalt – Slow Forever
Diese Platte war für mich eine echte Überraschung. Viel schmutziger Rock, Südstaatenmetal, dazu ein bisschen Blues, Country und Rock’nRoll. Es handelt sich um die erste Platte seit 7 Jahren, ich kannte die Band vorher überhaupt nicht. Recherchiert man ein bisschen, dann kommt ein BlackMetal-Duo zum Vorschein, das in Colorado beheimatet ist und seit diesem Album einen neuen Sänger hat. Die beiden Protagonisten pendeln munter zwischen bodenständigen Elementen und frechen Einfällen hin und her, versuchen gar nicht bemüht böse rüberzukommen, sondern präsentieren sich als erdige Rednecks. Dass sie dann trotzdem ein Stück wie „Elephant Graveyard“ raushauen, das traditionell arrangiert, schräg komponiert und in der Gesamtschau ziemlich selbstironisch ist, verdient schon Bewunderung. Also: Wenn ich in den vergangenen Monaten im Bus wenigstens ein Headbangen angedeutet habe, dann lief in der Regel Cobalt.

4Platz 4: Aluk Todolo – Voix
Berühmte Trios der jüngeren Musikgeschichte? Klar, wir denken an Primus und  Motörhead. Mir fallen dann noch Ufomammut und ein paar andere ein. Auch Aluk Todolo bestehen aus Bass, Gitarre und Schlagzeug, aber von Berühmtheit kann keine Rede sein. Dabei hätten es die Franzosen schon lange verdient, denn ihre intelligente, avantgardistische Mischung aus Metal, Progressive und Dark Ambient ist nicht nur sehr eigenständig, sondern wird auch sehr gekonnt dargeboten. Sicher, es handelt sich um verkopfte Frickelmusik, nicht jedermanns Sache. Sicher, man pflegt seinen Ruf als Untergrundkapelle, die ohne Plattenvertrag unterwegs ist. Vielleicht stehen sich die Mitglieder der Band da auch ein bisschen selbst im Weg. „Voix“ ist jedenfalls die meiner Ansicht nach beste Platte bisher, man muss sich nur eben darauf einlassen, denn eigentlich handelt es sich nur um ein einziges Stück, das zwar in einzelne Tracks zerlegt wurde, aber nur als zusammenhängendes Werk verstanden werden kann und dann wirklich eine Menge Spaß macht.

3Platz 3: Meshuggah – The Violent Sleep Of Reason:
Wenn eine neue Platte von Meshuggah rauskommt, dann hält die Metal-Welt den Atem an.   Das schwedische Quintett kann sich zugute halten, dass man den modernen extremen Metal stärker geprägt hat als jede andere Band des Planeten. Wie kommt es dann, dass die neue Scheibe nicht den Spitzenplatz in dieser Aufreihung belegt? Nun, weil die Erwartungen so überaus hoch sind. Platten von Meshuggah sind sublime Kunstwerke, die den Hörer ungemein fordern. Das ist zwar auch dieses Mal der Fall, aber es fehlt einerseits ein Überstück wie „Bleed“ oder „Swarm“ und es gibt zu wenige Variationen auf der Scheibe: Klar, alles ist überschwer, gekonnt, im Grunde unantastbar, aber es fehlen diese Aha-Momente. Das Album ist nicht wirklich innovativ, es zeigt eher eine Konsolidationsphase an, so wie seinerzeit die „Catch Thirtythree“. Beides tolle Platten, aber man wandelt auf bereits bekannten Pfaden. Wenn man sehr genau hinhört, dann bekommt man schon mit, dass es sich bei „The Violent Sleep Of Reason“ um ein überdurchschnittliches Produkt von überdurchschnittlichen Musikern handelt. Aber man möchte halt gerne weggeblasen werden und das gelingt diesmal nicht.

2Platz 2: Textures – Phenotype
Progressive Metal aus den Niederlanden. Textures sind schon lange kein Geheimtipp mehr. Als ich hörte, dass nach dem letzten Album ein Wechsel in der Besetzung der Kapelle vorgenommen wurde, befürchtete ich Schlimmes. Immerhin waren die Alben der Band absolute Sternstunden des Genres. Die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet, im Gegenteil: Phenotype, das als erster Teil eines größeren Werks zu betrachten ist, ist eine großartige Platte geworden. Druckvoll und gleichzeitig mit dynamischen Zwischensphären, musikalisch beeindruckend und trotzdem nicht zu verbastelt und vor allem mit einigen Stücken und Passagen, die wegen ihrer Griffigkeit den Hörer mit offenem Mund zurücklassen. Perfektion kann langweilen. Was Textures hier anbieten, ist nahe an dieser Perfektion, trotzdem spannend und berührend. Sicher mit Abstand die beste Veröffentlichung dieser tollen Kapelle.

1Platz 1: The Dillinger Escape Plan – Dissociation
Ja, natürlich. Ich habe zu DEP und ihrem neuen und voraussichtlich letzten Album erst kürzlich einen Beitrag verfasst. Inzwischen habe ich „Dissociation“ selbstverständlich rauf und runter gehört. Lassen wir mal meinen Frust über die Auflösung der Band beiseite: Dissociation ist wirklich ein atemberaubendes Album: Geniale Einfälle, überragende Musikalität, ein Sänger, der selbst solche Größen wie Mike Patton blass aussehen lässt und eine Produktion, die man nur mit dem Begriff „Extraklasse“ bezeichnen kann. Außerdem bleibt die Scheibe vom ersten Takt bis zum letzten Fadeout auf einem konstant hohen Niveau. Ich habe mich mit Fans der Band unterhalten, die dieses Album sehr kritisch sehen. Kann ich absolut nicht nachvollziehen. Vieles, was auf den älteren Scheiben nur anklang, wird hier konsequent zu Ende geführt. Natürlich betreiben die Herren Dillinger hier auch Nabelschau, natürlich müssen sie hin und wieder ihrem Alter Tribut zollen, aber trotzdem: DEP hat in der Mathcore-Landschaft einen letzten, schwarz-glänzenden Monolithen aufgestellt. Neider gibt es viele, Könner auf diesem Niveau nur sehr wenige.

Wer hat es ganz knapp nicht geschafft: PJ Harvey mit „The Hope Six Demolition Project“, Benjamin Clementine mit seinem prima Debüt-Abum, Isahn mit „Arktis.“ und die Deftones mit „Gore“. Und die ärgerlichsten Platten des Jahres: Diese komische überflüssige Bluesplatte von den Rolling Stones, „Plastic House on Base of Sky“ von Kayo Dot (keine Lust mehr Mister Driver?) und „Basses Loaded“ von den Melvins, richtig übel.

Note to self: Vitamin-C, Tee, Nasenspray. Ätzend. Musik: All of the above.