Am Rand des schwarzen Waldes

Da bin ich wieder. Haltet euch fest: Ich habe tatsächlich ein paar Tage Urlaub am Stück, zum ersten Mal in diesem Jahr. Das war bitter bitter nötig. Und die erste Hälfte dieses Urlaubs habe ich bei einer lieben Freundin verbracht, die seit ein paar Monaten am Ostrand des Nordschwarzwalds, genauer in der Nähe der „Großen Kreisstadt Freudenstadt“ lebt. Es waren sehr intensive Tage und der Aufenthalt fern der Heimat hat mir unglaublich gut getan. Was gibt es im Einzelnen zu berichten? Na, so einiges:

Im Ländle
Mit Baden-Württemberg verhält es sich ja so ähnlich wie mit Nordrhein-Westfalen. In beiden Bundesländern sind Menschen zusammengefasst, deren Mentalität und Lebensart sich stark voneinander unterscheiden. Und so misstrauisch die lebenslustigen Rheinländer  den eher hölzernen Westfalen gegenüberstehen, so tief sind die Gräben zwischen den leutseligen Badnern und den überkorrekten Schwaben, also den Württembergern. Das liegt nicht nur am Dialekt, an den Expansionsplänen der württembergischen Herzöge, sondern auch an dem Prozess, der zur Bildung dieses deutschen Teilstaats geführt hat. Die Wikipedia weiß mehr.

Im Nordschwarzwald scheinen die nicht gerade sympathischsten Züge des schwäbischen Wesens aber vergleichsweise abgemildert zu sein: Der Zustand der Bürgersteige in Freudenstadt lässt jedenfalls vermuten, dass man es mit der berüchtigten Kehrwoche dort offenbar nicht so genau nimmt. Natürlich bevölkern Maultaschen, Käsespätzle, Wurstsalat und Schweinsbäckle die Speisekarten, doch muss man dazu keinen Trollinger trinken, sondern kann ein leckeres Alpirsbacher Klosterbräu Spezial genießen. Eines aber kann den Besucher aus nord-, west- und mitteldeutschen Gefilden schier in den Wahnsinn treiben und das ist der schwäbische Dialekt. Man verstehe mich nicht falsch, regionale Sprachfärbungen sind eine Bereicherung, keine Frage. Nur ist das Schwäbische für den Auswärtigen nicht nur sehr schwer verständlich, es nervt mit seiner merkwürdigen Sprachmelodie und vor allem der ständigen Verwendung des Diminutivaffix „-le“. Häusle, Schätzle, heilig’s Blechle, da rollen sich mir die Fußnägel hoch.

2016-10-31_11-39-26Bei Wittendorf

Was mir bis jetzt nicht klar war: Die Württemberger sind evangelisch. Das hat mit den Umtrieben eines gewissen Herzogs Ulrich zu tun, der jähzornig, wenig solide und verschwenderisch war und irgendwann von Kaiser Maximilian vertrieben wurde, nachdem er den Ehemann seiner Geliebten, den Rittmeister Hans von Hutten eigenhändig gemeuchelt hatte, woraufhin seine bayerische Gattin Sabina Reißaus nahm und die kaiserliche Heiratspolitik somit gescheitert war. Als Ulrich Jahre später wieder zum Herrn über das Ländle wurde, führte er schon zum Trotz gegen den katholischen Kaiser die Reformation ein, das allerdings vergleichsweise unblutig und mit Augenmaß. Ulrichs Sohn Christoph neigte zwar eher dem Katholizismus zu, wurde aber vom Vater aus dynastischen Gründen dazu verdonnert beim Protestantismus zu bleiben. Auf Christoph folgte Ludwig und als der starb ohne männliche Nachkommen zu hinterlassen, durfte Friedrich, sein Cousin, der dem weniger mächtigen Teil der Familie angehörte und eigentlich nur Graf von Mömpelgard war, den Laden übernehmen. Und genau dieser Friedrich I., Herzog von Württemberg ist Gründer der Planstadt Freudenstadt.

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Evangelische Kirche Wittendorf

Natürlich will jeder wissen, warum Freudenstadt so heißt, wie es heißt. Da kann ich aber nicht weiterhelfen. Die Geschichte der Stadt jedenfalls bot mitunter wenig, das zur Freude Anlass gegeben hätte: Heimgesucht vom Dreißigjährigen Krieg und von diversen Pestepidemien lebten zwischenzeitlich kaum mehr als zwei Dutzend Menschen in der Stadt. Der Landesherr gewährte Steuerfreiheit, verschenkte Grundstücke und Bauholz und siedelte Menschen aus der Steiermark und Kärnten an, die vor der Gegenreformation fliehen mussten. Und so konnte schließlich eine Bevölkerung von ca. 2500 Seelen etabliert werden. Aber die weiteren Ausbaupläne scheiterten: Weder wurden die umfangreichen Befestigungsanlagen um die Stadt herum jemals fertiggestellt, noch wurde das geplante Schloss auf dem zentralen Platz errichtet, weshalb Freudenstadt heute den größten unbebauten Markplatz Deutschlands hat.

Meine Gastgeberin arbeitet in Freudenstadt, wohnt aber in Loßburg (das „O“ spricht sich trotz „ß“ kurz wie in „Schlosserei“). Das sind schon ein paar Kilometer. Noch genauer: Sie wohnt in Wittendorf (wieder ein paar Kilometer). Verbunden ist das ganze durch nachts gänzlich unbeleuchtete, kurvige, enge Landstraßen (mit Schlaglöchern! Und das in Baden-Württemberg!). Und am Rande dieser Straßen sind Leitpfosten, die Anfang November mit Stangen ausgestattet werden, damit die Begrenzung auch dann noch erkennbar ist, wenn die weiße Pracht die Metergrenze überschreitet. Kein Wunder also, dass insbesondere die von auswärts Stammenden Wörter wie „Schnee“, „Winter“ und „Frost“ stets mit Ehrfurcht in der Stimme aussprechen.

Menschen im Moor
Nicht nur Touristen wollen im Schwarzwald wandern, auch die Einheimischen schätzen die Bewegung an der frischen Luft. Als wir uns dazu entschlossen an Allerheiligen das Kaltenbronner Moor zu besuchen, auch um in der nahegelegenen Grünhütte einzukehren und dort Kesselfleisch mit Sauerkraut zu uns zu nehmen, war uns nach stiller Beschaulichkeit zumute. Leider war das Wetter sehr gut, sonnig und windstill, und wir fanden vor Ort gut gefüllte Parkplätze und Scharen von schwäbelnden Fußgängern in der Größenordnung „Völkerwanderung“ vor. Teile des Weges im sumpfigen Gelände bestanden aus hölzernen Stegen, wie ich sie bisher nur vom Hohen Venn in der Nähe meiner Heimatstadt kannte. Die Stegbreite betrug unter 2 Meter. Man kann sich nun leicht vorstellen, wie entspannt es sich wandert, wenn ein Lindwurm von Schwaben nebst Kindern, Kinderwagen und Hunden sich über diese Stege vorwärts schiebt und man mitten darin ist. Die Grünhütte selbst befand sich im Belagerungszustand, so dass sich unser Kesselfleisch-Plan in Wohlgefallen auflöste. Wir wichen kurzentschlossen auf einen ganz menschenleeren Weg aus, einfach um der Meute zu entkommen.

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Wildsee bei Kaltenbronn

Meine Wanderbegleitung und ich haben eine lange Historie legendärer Verlaufungsereignisse hinter uns. Tatsächlich haben wir uns sogar einmal auf einem Rundweg um einen Stausee verlaufen, das schafft nicht jeder. Als wir ohne Wanderkarte in einem Gebiet mit sehr mäßigem Mobilfunknetz einen ganz unbekannten Weg betraten, waren eigentlich alle Voraussetzungen für eine weitere Sternstunde in dieser Rubrik erfüllt. Anne konnte es aber nicht unterlassen, einen drahtigen einheimischen Mountain-Biker (Mr. Spitzkehre) nach dem Weg zu unserem Ausgangspunkt zu fragen (Danke! Danke! Danke!), so dass wir nach einem Schlenker durch das Tal der Enz und der darauf folgenden Bergwertung wieder in den ausgeschilderten Bereich gelangten. Der letzte Teil des Weges bestand mithin erneut aus der Bewegung in der Masse, nur dass diese nun müder (untrainierte Büromenschen), quengeliger (Kinder) und verkniffener (hungrige Kesselfleisch-Liebhaber) war. Eine löbliche Ausnahme war ein freundlich lächelnder Einzelwanderer, der uns im letzten Abschnitt entgegenkam und ausgerechnet ein herzhaftes „Grüß Gott“ vernehmen ließ.

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Im Kaltenbronner Moor

Die Tour durchs Kaltenbronner Moor ist sicher empfehlenswert, es handelt sich wirklich um eine schöne Ecke. Vielleicht sollte man sie aber an einem Werktag bei kräftigem Dauerregen angehen und um halb vier morgens aufbrechen.

Von Tassen und Tulpen
Ich bin kein Wasserbauer, obwohl ich einige Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an genau diesem Institut der RWTH gearbeitet habe. Seit dieser Zeit habe ich ein Faible für Talsperren und Stauhaltungen. Als ich im Rahmen der Reisevorbereitungen bei Google Earth vorbeischaute, entdeckte ich bei Reinerzsau eine Talsperre mit einem kreisförmigen Gebilde in der Nähe des Absperrbauwerks. Aufgrund meiner wasserbaulichen Halbbildung konnte ich dieses Ding als Teil der Hochwasserentlastung identifizieren. Klar, ich wollte dieses Teil, das ich leichtfertig als „Einlauftasse“ bezeichnete, unbedingt aus der Nähe sehen. Meine Gastgeberin recherchierte daraufhin, dass man die Talsperre nicht nur besuchen kann, sondern dass sogar Führungen angeboten werden, in deren Rahmen man unterhalb des Stausees durch einen Tunnel zum Entnahmeturm gelangen und diesen besteigen kann. Meine Begeisterung kannte keine Grenzen. An dieser Stelle möchte ich mich noch mal bei Anne bedanken, auch dafür, dass sie meine einstündige Klugscheisserei am Vorabend der Besichtigung klaglos über sich ergehen ließ, als ich mich ausführlich über die konstruktive Ausführung von Hochwasserentlastungen, Fischbauchklappen, Verklausungsproblematiken und Wasserqualitätmanagement ausließ. Ja, ich bin ein bisschen irre.

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Talsperre Kleine Kinzig – Überströmungstulpe und Entnahmeturm

Am nächsten Tag waren wir schon zeitig an der Sperre, so dass ich ca. 250 Fotos von „meiner Einlauftasse“ und ihrer Umgebung machen konnte. Dann ging es Richtung Unterwasser, zum geführten Teil der Unternehmung. Im Rahmen der Besichtigung wurde unsere Gruppe, um die 30 Leute zumeist älteren Baujahrs, von Herrn Sommerfeld, einem pensionierten Elektroingenieur zunächst mit Einzelheiten zur Trinkwasserbereitstellung an der kleinen Kinzig vertraut gemacht. Zum Bau der Talsperre gab es auch ein paar Kerndaten, da hätte ich mir mehr Futter gewünscht, aber gut, informativ war es auf jeden Fall. Bevor wir dann den Stollen zum Entnahmeturm betraten brachte Herr Sommerfeld noch weitere Informationen zu Staumauer und Hochwasserentlastung und dann fiel es, das verhängnisvolle Wort. Meine Einlauftasse ist in Wirklichkeit eine Überströmungstulpe. Ich hätte vor Scham im Boden versinken mögen und konnte mich eines überraschten ächzenden Lauts nicht enthalten.

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Im Entnahmeturm der Talsperre Kleine Kinzig

Der Weg durch den Revisionsstollen endet an einer imponierend dicken Stahltüre. 351 Stufen führen bis zur Spitze des Entnahmeturms. Es geht vorbei an dicken Druckleitungen, verschiedenen Schiebern, Messgeräten und Motoren. Für mich war das Innere der Anlage eine Offenbarung, der Rest der Gruppe schien deutlich weniger begeistert zu sein. Tatsächlich gerieten die Schwaben erst viel später in Wallung, nämlich als bei der Besichtigung des eigentlichen Wasserwerks vom Preis für das abgegebene Trinkwasser die Rede war. Ein Volk von Krämerseelen, man fasst es nicht. Der Besuch der Talsperre „Kleine Kinzig“ ist jedenfalls absolut zu empfehlen und man sollte sich davor oder danach unbedingt diese Überströmungstulpe anschauen. Klasse, das Ding!

A night with Karl
Ein fahrender Musiker, der in deinem Wohnzimmer ein Konzert gibt. Wie hört sich das an? Lasst euch sagen, es hört sich verdammt gut an. Seit fünf Jahren ist Karl Scott nun unterwegs, mit Gitarren, einer Mandoline, einem Cajòn und seiner Stimme. Am letzten Donnerstag gastierte er in der schnuckeligen Dachgeschosswohnung meiner Gastgeberin. In seinem Konzertbericht (ja, ich verlinke ausnahmsweise mal auf Facebook) schreibt er, dass er noch nie in einem so kleinen Raum gespielt hat, aber auch dass die Stimmung während des Auftritts deswegen ganz besonders intim und inspirierend war. Das Publikum bestand aus vier Menschen, die aber ganz besonders intensiv zugehört haben. Für mich war es ein unvergessliches Erlebnis. Anne kennt Karl schon länger. Man muss ihn einfach mögen, seine entwaffnende Offenheit, die Geschichten mit denen er seine Songs einrahmt, seine unprätentiöse Art von seiner Sicht der Dinge zu berichten. Und auch vom Gespräch nach dem Auftritt in der Küche wird einiges bei mir hängen bleiben.

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Karl Scott

Dieser letzte Abend meines Schwarzwaldaufenthalts war aber noch nicht zu Ende als sich der Performer und die anderen Gäste verabschiedet hatten. Darüber will ich hier nur so viel schreiben: Es tut gut, wenn man mit jemandem Zeit verbringen kann, bei dem man kein Blatt vor den Mund nehmen muss. Dann wird man Sachen los, die einem heftig auf der Seele liegen, zum Teil schon seit vielen Jahren. Das geht, weil man inzwischen eine gemeinsame Geschichte hat, die viele Seiten füllt. Und auch wenn es dabei mitunter sehr kontrovers zugeht, gibt es immer die Zeit und den Raum miteinander klar zu kriegen, was eigentlich gemeint ist und das es nicht darum geht, einander zu verletzen, sondern die Verletzlichkeit des jeweils anderen zu erkennen, aber niemals auszunützen. Auch dafür will ich noch mal danke sagen. Mehr gehört nicht in diesen Blog.

Note to self: Warum bin ich so unfröhlich und warum sieht man mir das so deutlich an. Musik: Karl Scott.

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