18 Thrilling Years

OK, es heißt Hosen runter lassen: Ich schaue Motorsport. Genauer: Ich mag Prototyp- und Sportwagenrennen. Noch genauer: Ich liebe Multiklassen-Langstrecken Prototyp- und GT-Rennen. Ich weiß, ich weiß, Männer mit Benzin im Blut haben nicht den besten Ruf, Geschwindigkeitsjunkies erst recht nicht. Im Kreis rumfahren, jede Menge Lärm machen und dabei nutzlos Sprit verbrennen ist irgendwie idiotisch – geschenkt, denn es wird noch schlimmer: Ich bin Audi-Fan. Uff, jetzt ist es raus. Übrigens, ich besitze nicht mal ein Auto, will mir auch keines kaufen. Aber zu einer Taxi-Runde auf der Nordschleife mit einem Profi am Lenkrad in einem R8 könnte ich nicht nein sagen.

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Audi R10 TDI

Wie kam es dazu? Nun im Sommer 2010 bin ich beim Rumzappen bei Eurosport hängengeblieben, übertragen wurden die 24 Stunden von Le Mans. „Wie kann man sich so etwas stundenlang anschauen?“ habe ich mir erst gedacht, dann habe ich es mir stundenlang angeschaut, die ganze Nacht hindurch bis zum frühen Nachmittag des nächsten Tages, als ein R15 TDI plus als Sieger über die Linie fuhr. Seit dem bin ich infiziert. Wenn ich kann, schaue ich die Hankook 24hrs-Serie, die Blancpain-Endurance-Serie, natürlich die VLN und die 24 Stunden auf dem Nürburgring, die American-LeMans Serie, die IMSA Sportscar Championchip  und natürlich die Königsklasse: Die World Endurance Championchip (WEC), unter anderem mit den 24 Stunden von Le Mans, dem besten Rennen mit den schönsten Autos, die es auf der Welt gibt. Wie schaut man ein solches Rennen? Im Live-Stream auf einem Bildschirm, mit dem Live-Timing auf einem zweiten Bildschirm und mit mehreren Kannen Kaffee. Ich liebe es.

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Audi R15 TDI

Was ist so faszinierend an Langstrecken-Rennen? Sie repräsentieren die Essenz des Motorsports: „To finish first, you have to finish first.“ Die Belastung für Mensch und Material ist einfach unbeschreiblich. Hunderte von Kilometern im Renntempo zu fahren, dabei nicht nur Reifen, sondern auch andere Verschleißteile routinemäßig zu wechseln, über Stunden in jeder Kurve, bei jedem Überholmanöver voll da zu sein, das ist großer Sport, egal, ob man einen LMP1-Prototypen mit knapp 500 PS, oder einen Seat Leon steuert. Jedes Team, das sein Fahrzeug über die Renndistanz bringt, ist ein Siegerteam. Gerade bei den unterklassigen Rennen sind Enthusiasten am Start, die oft genug mit minimalem Budget unglaubliches leisten. Die Autos sehen nach 12 oder 24 Stunden aus wie Sau: Schmutzig, gezeichnet von Kollisionen. Oft werden sie mehr oder weniger von Klebeband zusammengehalten, weshalb man diese Rennen auch „Gaffa-Tape-Racing“ nennt. Und wenn ein Team den ramponierten Boliden ab halb vier morgens ein paar Stunden repariert und dann kurz vor 14 Uhr rausfährt und das Auto mit 80 Runden Rückstand über die Linie bringt, dann stehe ich auf und klatsche Beifall.

Die WEC ist auch vom Reglement her so, wie beispielsweise die Formel 1 sein sollte. Bei den Prototypen gilt im wesentlichen eine entscheidende Regel, diese schreibt vor, wie viel Energie in Kilojoule ein Fahrzeug pro gefahrener Strecke verbrauchen darf. Ob das Auto 4 oder 6 Räder hat, ob es mit Diesel, Benzin, Wasserstoff oder alten Filzstiefeln betrieben wird, ist egal. Diese maximale Energiemenge wird regelmäßig reduziert. Noch vor ein paar Jahren fuhren 900PS-Monster um die Meisterschaft. Heute schaffen die Hybridfahrzeuge von Porsche, Toyota und Audi schnellere Rundenzeiten mit der halben Spritmenge.

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Audi R18 TDI

Audi hat in den letzten 18 Jahren im Langstreckensport Maßstäbe gesetzt: Der erste Le Mans Sieg mit einem Diesel, die 9 Triumphe der Marke mit Tom Kristensen bei diesem Rennen, die epochalen Duelle mit Peugeot, Toyota und zuletzt Porsche. Zum Teil haben sie die Konkurrenz nach Belieben beherrscht, zuletzt waren die Benzin-Hybriden aus Zuffenhausen meist besser. Die Herren der Ringe haben unglaubliche Geschichten geschrieben: Zum Beispiel, als die Crew in Texas einen kompletten Antriebsstrang in unter 20 Minuten wechselte, zum Beispiel der legendäre Abflug von Allan McNish in den Dunlop-Kehren. Jetzt ist Schluss. Nach 18 Jahren steigt Ingolstadt aus finanziellen Gründen aus der WEC aus. Le Mans ohne Audi, eigentlich undenkbar. Im letzten Rennen der Saison, den 6 Stunden von Bahrain, verabschiedete sich das Team standesgemäß mit einem Doppelsieg, Porsche gewann trotzdem die Langstreckenweltmeisterschaft. Sogar Dr. Wolfgang „Timo-schieb-ihn-raus“ Ullrich, der Motorsportchef (den man nicht mögen muss) hatte Tränen in den Augen. Im Grunde genommen ist Audi jetzt, nach einem Jahr mit dem runderneuerten R18, der am Anfang der Saison eben noch nicht ausgereift war, wieder in der Position um den Sieg auf der Mulsanne Straight mitzufahren. Ausgerechnet jetzt macht die Betrugsaffäre im VW-Konzern, in der auch Audi bis über die Ohren drinsteckt, diese Hoffnung zunichte. Die Krawattenträger haben den ehrlichen Arbeitern in den feuerfesten Overalls den Dolch in den Rücken gestoßen, das ist bitter. Und wem soll ich jetzt die Daumen drücken, wenn es am 17. Juni 2017 um 15 Uhr losgeht?

Note to self: Hat er nicht so böse gemeint, weiß ich doch. Gemein wars trotzdem. Musik: Animals As Leaders, Ion Dissonance.

Fest verdrahtet

20160818_193928_7549_939483Alle schreiben sie über das neue Album von Metallica, eigentlich sollte ich zu dem Thema einfach die Fresse halten. Geht aber irgendwie nicht. Ist so wie der wiederholte Griff in die Chipstüte. Wenn sie dann leer ist, sitzt man mit einem mit Salz, Glutamat und gehärteten Pflanzenfetten gefüllten Magen da und ist irgendwie unglücklich. Wenigstens nehme ich mir folgendes vor: Ich werde „Hardwired…To Self-Destruct“ nicht mit irgendeiner anderen Veröffentlichung der „4 Horsemen“ vergleichen und ich werde mich aller Gemeinplätze zu der Bedeutung der Kapelle für die neuere Musikgeschichte enthalten. Nehmen wir einfach mal an, es handele sich um ein Debüt-Album.

Noch bevor der erste Ton erklingen darf, wird der Rezensent enttäuscht: Das Cover ist scheußlich. Nette Idee vielleicht, aber mies umgesetzt, spricht mich absolut nicht an. Aber jetzt legen wir die Scheibe mal ein (ein Wirklichkeit klicken wir sie an, geschenkt!). So, geht los:

Ja, das rumpelt ordentlich: Der Opener kommt in beschwingtem Tempo daher, das Riffing ist nicht unbedingt überoriginell, aber gefällig. Klassischer Thrash Metal eben. Bass ist mir ein bisschen zu wenig, überhaupt ist der Sound vielleicht ein wenig zu trocken, aber gut: Alles klar definiert, gilt auch für den Gesang. Der klingt frisch und einigermaßen naturbelassen, gefällt mir gut. Tja und dann das Schlagzeug. Sehr bestimmend im Gesamtmix und jemand, der wirklich sehr viel harte Musik hört fragt sich unwillkürlich: Was ist hier alles getriggert? Was ist wenigstens halbwegs unbearbeitet aus dem Raum aufgenommen? Bass, Snare und Toms kommen stark verfremdet rüber und das Ergebnis ist das gleiche wie bei allen zugetriggerten Schlagzeugaufnahmen: Das Drumset zerfällt förmlich in die Becken und den Rest. Handwerklich ist auch Luft nach oben und es wird ein sehr eigener Stil gepflegt, den man mögen kann, aber nicht muss.

So, inzwischen ist die Platte ein paar mal durchgelaufen. Bei einer Spielzeit von 80 Minuten kann nicht jedes Stück ein Knaller sein. Die Scheibe hat sehr viel Midtempo, da wird es schon hin und wieder ein wenig langweilig. Passagen, die fett und getragen sein sollen, leiden unter der trockenen Produktion. Einige sehr schöne Breaks mit überraschenden harmonischen Wendungen gibt es aber auch. Und die zweistimmigen Gitarrenabschnitte mit kleiner und großer Terz dazwischen erwärmen das Herz des fast haarlosen Metal-Opas. Das gleiche gilt für die Soli. Mögen die ganzen Jungspunde auch aufheulen: Gegen das klassische Solo mit Skalengefliege, Hammering und Bendings ist absolut nichts einzuwenden. Der rhythmische Verschiebe-Trick mit der vorgezogenen Eins kommt ein bisschen zu häufig. Überhaupt, die Wiederholungen. Manche Stücke sind einfach zu lang geraten. Und  der relativ beschränkte Tonumfang des Sängers macht es auch nicht besser.

Vorläufiges Fazit: Wären die Musikanten nicht so wahnsinnig populär, würde diese Platte sicher nicht gehypt werden. Es gibt im Bereich Neothrash vieles, das origineller und aufregender ist. Man hört, dass es sich hier um ein Spätwerk handelt. Das Album ist reif, es spielt mit Selbstzitaten und es ist grundsolide. Mehr aber auch nicht.

Note to self: Jakob, lohnt die Baustelle? Musik: Metallica.

FUD

Man hört und liest in den letzten Monaten immer wieder, die Menschheit befinde sich inzwischen im postfaktischen Zeitalter. Es gehe nicht mehr darum, was real, wahrscheinlicher, glaubwürdiger sei. Vielmehr würden sich die Menschen nur zu gerne denjenigen anschließen, die ihnen einerseits das Blaue vom Himmel versprechen und andererseits die Schuldigen an der selbstempfundenen Misere ohne zu zögern benennen. Die Schuldigen sind jeweils die „Anderen“, nämlich die politisch Andersdenkenden, die Etablierten, die Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften, oder einfach die Ausländer. Das Verrückte daran ist, dass wir noch nie auf ein so breites Informationsangebot zurückgreifen konnten. Das Allzumenschliche ist, dass kaum jemand die Zeit und den Durchblick hat, aus diesem Informationsangebot ein für sich schlüssiges Bild ableiten zu können, das Wahrheit heißen könnte. Diese Welt ist ein verdammt unübersichtlicher Ort geworden.

Es nur zu verständlich, dass Kommunikationsstrategen und PR-Profis sich dieser Unübersichtlichkeit bedienen. Ihr wichtigstes Werkzeug ist FUD: Fear, Uncertainty and Doubt. Angst ist die wohl wichtigste Triebfeder menschlichen Handelns. Viele dieser Ängste sind irrational und sie lassen sich fast beliebig induzieren. Unsicherheit begleitet uns von der Wiege bis zur Bahre. Wir möchten gern „das Richtige“ tun, können aber nicht wissen, was „das Richtige “ ist. Und kaum haben wir etwas gefunden, was wir für unumstößlich halten, wird sofort jemand um die Ecke kommen, um Zweifel zu säen und uns damit im Innersten zu treffen. All das macht uns zu Opfern geschickter Manipulatoren. Wir werden dazu abgerichtet, bereits bei bestimmten akustischen Signalen einzuspeicheln. Wir sind Pawlowsche Hunde. Der Napf bleibt in der Regel leer.

Donald Trump wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein. Meiner Meinung nach hat sich damit der schlechtere von zwei miserablen Kandidaten durchgesetzt. Beide sind im Grunde genommen Charakterschweine, doch scheint das inzwischen ja fast notwendige Voraussetzung zu sein, um in einer gekauften Demokratie an die Spitze zu kommen. Was also hat den Ausschlag gegeben, dass die militärisch und wirtschaftlich stärkste Nation demnächst von einem narzisstischen, inkompetenten Haudrauf gelenkt werden wird? Die Antwort ist simpel. Die Mehrheit der Wähler wollte vor allem eines, nämlich mit dem Establishment abrechnen. Das übrigens ist zutiefst demokratisch. Ich will versuchen zu erläutern, was daran in diesem Fall so hochproblematisch ist:

Das Misstrauen gegenüber staatlicher Bevormundung ist tief verankert in der amerikanischen Gesellschaft. Tatsächlich ist es eine der Grundfesten eines individualistischen Konzeptes, das sich unter dem Begriff des „American Dream“ subsumieren lässt. Grundvoraussetzung für ein solches Selbstverständnis ist das (Ur-)Vertrauen in die eigene Stärke als Individuum und als Nation. Mag uns Europäern das Bild eines Rednecks, der mit seiner Halbautomatik in der Hand inbrünstig die Nationalhymne singt, fremd und bedrohlich erscheinen, es ist doch Ausfluss eines in sich geschlossenen, stimmigen Weltbildes. Dieses Weltbild hat für viele Amerikaner aufgehört zu existieren. An seine Stelle ist das Gefühl getreten, ausgeliefert zu sein, zu kurz zu kommen, seiner Chancen beraubt zu sein. Noch vor wenigen Jahren hätten sich die Gebeutelten ein herzhaftes „Try harder“ zugerufen. Inzwischen ist man gekränkt, das ist ganz und gar unamerikanisch.

Wer gekränkt ist, sucht nach Schuldigen. Da kommt das Establishment gerade recht. Nun, ist es nicht verrückt, die Schuld ausgerechnet bei denen zu suchen, die es wegen ihres Talents und geschicktem strategischem Handeln geschafft haben, zur Elite zu gehören (das ist nicht meine Sicht der Dinge, verstehen wir uns richtig. Es gehört aber zum Fundament des „American way of life“.)? Wäre es nicht viel schlüssiger, das Establishment für seine Durchtriebenheit und Rücksichtslosigkeit zu feiern und sich im Stillen „Da will ich auch hin!“ zu denken? So hat Amerika seit mehr als 200 Jahren funktioniert. Wie konnte es dazu kommen, dass sich die Amerikaner durch genau die Eigenschaften verraten sehen, die sie eigentlich mit der Muttermilch eingeflößt bekommen? Wie konnte es dazu kommen, dass sie einem selbstgefälligen Stümper zur Macht verhelfen, der ein rotes Käppi mit dem vagen Versprechen trägt, er würde das Land zurück zu alter Stärke führen? Die Antwort ist einfach. Die Amerikaner sind auch nur Menschen. Sie sind in ihrer Mehrheit Opfer einer manipulativen Strategie, die sich dreier Werkzeuge bedient: Fear, Uncertainty and Doubt.

Note to self: Auf diesen Anruf hatte ich gewartet und bin erleichtert. Musik: Opeth, Orphaned Land, Devin Townsend Project, An Autumn For Crippled Children, Alkerdeel.

Am Rand des schwarzen Waldes

Da bin ich wieder. Haltet euch fest: Ich habe tatsächlich ein paar Tage Urlaub am Stück, zum ersten Mal in diesem Jahr. Das war bitter bitter nötig. Und die erste Hälfte dieses Urlaubs habe ich bei einer lieben Freundin verbracht, die seit ein paar Monaten am Ostrand des Nordschwarzwalds, genauer in der Nähe der „Großen Kreisstadt Freudenstadt“ lebt. Es waren sehr intensive Tage und der Aufenthalt fern der Heimat hat mir unglaublich gut getan. Was gibt es im Einzelnen zu berichten? Na, so einiges:

Im Ländle
Mit Baden-Württemberg verhält es sich ja so ähnlich wie mit Nordrhein-Westfalen. In beiden Bundesländern sind Menschen zusammengefasst, deren Mentalität und Lebensart sich stark voneinander unterscheiden. Und so misstrauisch die lebenslustigen Rheinländer  den eher hölzernen Westfalen gegenüberstehen, so tief sind die Gräben zwischen den leutseligen Badnern und den überkorrekten Schwaben, also den Württembergern. Das liegt nicht nur am Dialekt, an den Expansionsplänen der württembergischen Herzöge, sondern auch an dem Prozess, der zur Bildung dieses deutschen Teilstaats geführt hat. Die Wikipedia weiß mehr.

Im Nordschwarzwald scheinen die nicht gerade sympathischsten Züge des schwäbischen Wesens aber vergleichsweise abgemildert zu sein: Der Zustand der Bürgersteige in Freudenstadt lässt jedenfalls vermuten, dass man es mit der berüchtigten Kehrwoche dort offenbar nicht so genau nimmt. Natürlich bevölkern Maultaschen, Käsespätzle, Wurstsalat und Schweinsbäckle die Speisekarten, doch muss man dazu keinen Trollinger trinken, sondern kann ein leckeres Alpirsbacher Klosterbräu Spezial genießen. Eines aber kann den Besucher aus nord-, west- und mitteldeutschen Gefilden schier in den Wahnsinn treiben und das ist der schwäbische Dialekt. Man verstehe mich nicht falsch, regionale Sprachfärbungen sind eine Bereicherung, keine Frage. Nur ist das Schwäbische für den Auswärtigen nicht nur sehr schwer verständlich, es nervt mit seiner merkwürdigen Sprachmelodie und vor allem der ständigen Verwendung des Diminutivaffix „-le“. Häusle, Schätzle, heilig’s Blechle, da rollen sich mir die Fußnägel hoch.

2016-10-31_11-39-26Bei Wittendorf

Was mir bis jetzt nicht klar war: Die Württemberger sind evangelisch. Das hat mit den Umtrieben eines gewissen Herzogs Ulrich zu tun, der jähzornig, wenig solide und verschwenderisch war und irgendwann von Kaiser Maximilian vertrieben wurde, nachdem er den Ehemann seiner Geliebten, den Rittmeister Hans von Hutten eigenhändig gemeuchelt hatte, woraufhin seine bayerische Gattin Sabina Reißaus nahm und die kaiserliche Heiratspolitik somit gescheitert war. Als Ulrich Jahre später wieder zum Herrn über das Ländle wurde, führte er schon zum Trotz gegen den katholischen Kaiser die Reformation ein, das allerdings vergleichsweise unblutig und mit Augenmaß. Ulrichs Sohn Christoph neigte zwar eher dem Katholizismus zu, wurde aber vom Vater aus dynastischen Gründen dazu verdonnert beim Protestantismus zu bleiben. Auf Christoph folgte Ludwig und als der starb ohne männliche Nachkommen zu hinterlassen, durfte Friedrich, sein Cousin, der dem weniger mächtigen Teil der Familie angehörte und eigentlich nur Graf von Mömpelgard war, den Laden übernehmen. Und genau dieser Friedrich I., Herzog von Württemberg ist Gründer der Planstadt Freudenstadt.

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Evangelische Kirche Wittendorf

Natürlich will jeder wissen, warum Freudenstadt so heißt, wie es heißt. Da kann ich aber nicht weiterhelfen. Die Geschichte der Stadt jedenfalls bot mitunter wenig, das zur Freude Anlass gegeben hätte: Heimgesucht vom Dreißigjährigen Krieg und von diversen Pestepidemien lebten zwischenzeitlich kaum mehr als zwei Dutzend Menschen in der Stadt. Der Landesherr gewährte Steuerfreiheit, verschenkte Grundstücke und Bauholz und siedelte Menschen aus der Steiermark und Kärnten an, die vor der Gegenreformation fliehen mussten. Und so konnte schließlich eine Bevölkerung von ca. 2500 Seelen etabliert werden. Aber die weiteren Ausbaupläne scheiterten: Weder wurden die umfangreichen Befestigungsanlagen um die Stadt herum jemals fertiggestellt, noch wurde das geplante Schloss auf dem zentralen Platz errichtet, weshalb Freudenstadt heute den größten unbebauten Markplatz Deutschlands hat.

Meine Gastgeberin arbeitet in Freudenstadt, wohnt aber in Loßburg (das „O“ spricht sich trotz „ß“ kurz wie in „Schlosserei“). Das sind schon ein paar Kilometer. Noch genauer: Sie wohnt in Wittendorf (wieder ein paar Kilometer). Verbunden ist das ganze durch nachts gänzlich unbeleuchtete, kurvige, enge Landstraßen (mit Schlaglöchern! Und das in Baden-Württemberg!). Und am Rande dieser Straßen sind Leitpfosten, die Anfang November mit Stangen ausgestattet werden, damit die Begrenzung auch dann noch erkennbar ist, wenn die weiße Pracht die Metergrenze überschreitet. Kein Wunder also, dass insbesondere die von auswärts Stammenden Wörter wie „Schnee“, „Winter“ und „Frost“ stets mit Ehrfurcht in der Stimme aussprechen.

Menschen im Moor
Nicht nur Touristen wollen im Schwarzwald wandern, auch die Einheimischen schätzen die Bewegung an der frischen Luft. Als wir uns dazu entschlossen an Allerheiligen das Kaltenbronner Moor zu besuchen, auch um in der nahegelegenen Grünhütte einzukehren und dort Kesselfleisch mit Sauerkraut zu uns zu nehmen, war uns nach stiller Beschaulichkeit zumute. Leider war das Wetter sehr gut, sonnig und windstill, und wir fanden vor Ort gut gefüllte Parkplätze und Scharen von schwäbelnden Fußgängern in der Größenordnung „Völkerwanderung“ vor. Teile des Weges im sumpfigen Gelände bestanden aus hölzernen Stegen, wie ich sie bisher nur vom Hohen Venn in der Nähe meiner Heimatstadt kannte. Die Stegbreite betrug unter 2 Meter. Man kann sich nun leicht vorstellen, wie entspannt es sich wandert, wenn ein Lindwurm von Schwaben nebst Kindern, Kinderwagen und Hunden sich über diese Stege vorwärts schiebt und man mitten darin ist. Die Grünhütte selbst befand sich im Belagerungszustand, so dass sich unser Kesselfleisch-Plan in Wohlgefallen auflöste. Wir wichen kurzentschlossen auf einen ganz menschenleeren Weg aus, einfach um der Meute zu entkommen.

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Wildsee bei Kaltenbronn

Meine Wanderbegleitung und ich haben eine lange Historie legendärer Verlaufungsereignisse hinter uns. Tatsächlich haben wir uns sogar einmal auf einem Rundweg um einen Stausee verlaufen, das schafft nicht jeder. Als wir ohne Wanderkarte in einem Gebiet mit sehr mäßigem Mobilfunknetz einen ganz unbekannten Weg betraten, waren eigentlich alle Voraussetzungen für eine weitere Sternstunde in dieser Rubrik erfüllt. Anne konnte es aber nicht unterlassen, einen drahtigen einheimischen Mountain-Biker (Mr. Spitzkehre) nach dem Weg zu unserem Ausgangspunkt zu fragen (Danke! Danke! Danke!), so dass wir nach einem Schlenker durch das Tal der Enz und der darauf folgenden Bergwertung wieder in den ausgeschilderten Bereich gelangten. Der letzte Teil des Weges bestand mithin erneut aus der Bewegung in der Masse, nur dass diese nun müder (untrainierte Büromenschen), quengeliger (Kinder) und verkniffener (hungrige Kesselfleisch-Liebhaber) war. Eine löbliche Ausnahme war ein freundlich lächelnder Einzelwanderer, der uns im letzten Abschnitt entgegenkam und ausgerechnet ein herzhaftes „Grüß Gott“ vernehmen ließ.

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Im Kaltenbronner Moor

Die Tour durchs Kaltenbronner Moor ist sicher empfehlenswert, es handelt sich wirklich um eine schöne Ecke. Vielleicht sollte man sie aber an einem Werktag bei kräftigem Dauerregen angehen und um halb vier morgens aufbrechen.

Von Tassen und Tulpen
Ich bin kein Wasserbauer, obwohl ich einige Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an genau diesem Institut der RWTH gearbeitet habe. Seit dieser Zeit habe ich ein Faible für Talsperren und Stauhaltungen. Als ich im Rahmen der Reisevorbereitungen bei Google Earth vorbeischaute, entdeckte ich bei Reinerzsau eine Talsperre mit einem kreisförmigen Gebilde in der Nähe des Absperrbauwerks. Aufgrund meiner wasserbaulichen Halbbildung konnte ich dieses Ding als Teil der Hochwasserentlastung identifizieren. Klar, ich wollte dieses Teil, das ich leichtfertig als „Einlauftasse“ bezeichnete, unbedingt aus der Nähe sehen. Meine Gastgeberin recherchierte daraufhin, dass man die Talsperre nicht nur besuchen kann, sondern dass sogar Führungen angeboten werden, in deren Rahmen man unterhalb des Stausees durch einen Tunnel zum Entnahmeturm gelangen und diesen besteigen kann. Meine Begeisterung kannte keine Grenzen. An dieser Stelle möchte ich mich noch mal bei Anne bedanken, auch dafür, dass sie meine einstündige Klugscheisserei am Vorabend der Besichtigung klaglos über sich ergehen ließ, als ich mich ausführlich über die konstruktive Ausführung von Hochwasserentlastungen, Fischbauchklappen, Verklausungsproblematiken und Wasserqualitätmanagement ausließ. Ja, ich bin ein bisschen irre.

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Talsperre Kleine Kinzig – Überströmungstulpe und Entnahmeturm

Am nächsten Tag waren wir schon zeitig an der Sperre, so dass ich ca. 250 Fotos von „meiner Einlauftasse“ und ihrer Umgebung machen konnte. Dann ging es Richtung Unterwasser, zum geführten Teil der Unternehmung. Im Rahmen der Besichtigung wurde unsere Gruppe, um die 30 Leute zumeist älteren Baujahrs, von Herrn Sommerfeld, einem pensionierten Elektroingenieur zunächst mit Einzelheiten zur Trinkwasserbereitstellung an der kleinen Kinzig vertraut gemacht. Zum Bau der Talsperre gab es auch ein paar Kerndaten, da hätte ich mir mehr Futter gewünscht, aber gut, informativ war es auf jeden Fall. Bevor wir dann den Stollen zum Entnahmeturm betraten brachte Herr Sommerfeld noch weitere Informationen zu Staumauer und Hochwasserentlastung und dann fiel es, das verhängnisvolle Wort. Meine Einlauftasse ist in Wirklichkeit eine Überströmungstulpe. Ich hätte vor Scham im Boden versinken mögen und konnte mich eines überraschten ächzenden Lauts nicht enthalten.

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Im Entnahmeturm der Talsperre Kleine Kinzig

Der Weg durch den Revisionsstollen endet an einer imponierend dicken Stahltüre. 351 Stufen führen bis zur Spitze des Entnahmeturms. Es geht vorbei an dicken Druckleitungen, verschiedenen Schiebern, Messgeräten und Motoren. Für mich war das Innere der Anlage eine Offenbarung, der Rest der Gruppe schien deutlich weniger begeistert zu sein. Tatsächlich gerieten die Schwaben erst viel später in Wallung, nämlich als bei der Besichtigung des eigentlichen Wasserwerks vom Preis für das abgegebene Trinkwasser die Rede war. Ein Volk von Krämerseelen, man fasst es nicht. Der Besuch der Talsperre „Kleine Kinzig“ ist jedenfalls absolut zu empfehlen und man sollte sich davor oder danach unbedingt diese Überströmungstulpe anschauen. Klasse, das Ding!

A night with Karl
Ein fahrender Musiker, der in deinem Wohnzimmer ein Konzert gibt. Wie hört sich das an? Lasst euch sagen, es hört sich verdammt gut an. Seit fünf Jahren ist Karl Scott nun unterwegs, mit Gitarren, einer Mandoline, einem Cajòn und seiner Stimme. Am letzten Donnerstag gastierte er in der schnuckeligen Dachgeschosswohnung meiner Gastgeberin. In seinem Konzertbericht (ja, ich verlinke ausnahmsweise mal auf Facebook) schreibt er, dass er noch nie in einem so kleinen Raum gespielt hat, aber auch dass die Stimmung während des Auftritts deswegen ganz besonders intim und inspirierend war. Das Publikum bestand aus vier Menschen, die aber ganz besonders intensiv zugehört haben. Für mich war es ein unvergessliches Erlebnis. Anne kennt Karl schon länger. Man muss ihn einfach mögen, seine entwaffnende Offenheit, die Geschichten mit denen er seine Songs einrahmt, seine unprätentiöse Art von seiner Sicht der Dinge zu berichten. Und auch vom Gespräch nach dem Auftritt in der Küche wird einiges bei mir hängen bleiben.

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Karl Scott

Dieser letzte Abend meines Schwarzwaldaufenthalts war aber noch nicht zu Ende als sich der Performer und die anderen Gäste verabschiedet hatten. Darüber will ich hier nur so viel schreiben: Es tut gut, wenn man mit jemandem Zeit verbringen kann, bei dem man kein Blatt vor den Mund nehmen muss. Dann wird man Sachen los, die einem heftig auf der Seele liegen, zum Teil schon seit vielen Jahren. Das geht, weil man inzwischen eine gemeinsame Geschichte hat, die viele Seiten füllt. Und auch wenn es dabei mitunter sehr kontrovers zugeht, gibt es immer die Zeit und den Raum miteinander klar zu kriegen, was eigentlich gemeint ist und das es nicht darum geht, einander zu verletzen, sondern die Verletzlichkeit des jeweils anderen zu erkennen, aber niemals auszunützen. Auch dafür will ich noch mal danke sagen. Mehr gehört nicht in diesen Blog.

Note to self: Warum bin ich so unfröhlich und warum sieht man mir das so deutlich an. Musik: Karl Scott.