Unterirdische Berge

Die Kolumnen von Frau Berg auf SPON, lesen muss man sie nicht. Ob man ihre anderen Werke gelesen haben muss? Kann ich nicht beurteilen. Dafür bin ich zurzeit viel zu weit weg von feuilletonistischen Spleens (Das letzte, was ich länger als 10 Minuten gelesen habe, war das Manual eines SATO M10e. Das ist ein Etikettendrucker. Nein, ich bin ganz bestimmt nicht stolz darauf.) In ihrem aktuellen Machwerk beschäftigt sich die Sybille mit einem altbekannten Reizthema, der angeblichen Überbevölkerung nämlich. Ich bin übrigens sicher, dass sie eben jenen Text in nicht mal fünfzehn Minuten runter geklimpert hat, wahrscheinlich ohne ihre zweifellos intakten, kleinen grauen Zellen wenigstens einmal in Schwingung versetzt zu haben. Anders ist dieses armselige, von logischen Fehlern strotzende, peinlich ignorante, trotzige Elaborat nicht zu erklären. Bevor ich zum Inhalt komme: Frau Berg, Sie haben keine Kinder, ich habe keine, das ist mir Wumpe. Darum geht es überhaupt nicht. In medias res:

Frau Berg schreibt:

„Nehmen wir zum Beispiel das Thema Kinder. Kinder sind großartig. Sie schenken Freude, sind sinnstiftend für die Eltern, sie zu beobachten macht glücklich, und bevor Kinder von diversen Einflüssen versaut werden, kann man behaupten, dass sie die angenehmsten Menschen auf der Erde sind. Ihr einziger Nachteil: Es sind zu viele.“

Frau Berg, Sie haben nichts begriffen. Menschen pflanzen sich nicht mit einem analytischen Blick auf etwaige globale Kapazitätsgrenzen fort, sie verhalten sich in Summe vielmehr wie eine Bakterienpopulation in einem geschlossenen Kulturkolben. Was geht, das geht. Was nicht geht, geht leider nicht. Die Kapazität des Behälters ist eine variable Größe (Mutation, Selektion…  …kriegen Sie hin, Frau Berg). Wir alle sind Momentaufnahmen in einem evolutionären Kontinuum, in dem der Einzelne nicht zählt (Das ist übrigens auch der Grund dafür, warum Kinder nicht „die angenehmsten Menschen auf der Erde“ sein können. Keiner von uns kommt als leeres Blatt auf die Welt. Das schreibt ein alter Linker). Am Laufen gehalten wird dieses Kontinuum durch ganz und gar archaische, biochemische Prozesse, auf die wir, Sie und ich Frau Berg, überhaupt keinen Einfluss haben. Vielleicht versuchen Sie sich noch mal an die beunruhigende Zeit zurück zu erinnern, als Sie damit begonnen haben, Männern auf den Hintern zu gucken. Na, dämmert da was?

Sie, Frau Berg, schauen aber gerade jetzt vielleicht über den Zürichsee und fühlen sich meilenweit entfernt von diesen fundamentalen Mechanismen, haben vielmehr ein leichtes aber raffiniertes Menü bei Ihrem Lieblingsitaliener im Kopf. Danach noch einen Grappa, ist schließlich Wochenende. Dieses Wochenende (vielmehr dessen kümmerlichen Rest) sollten Sie, Frau Berg, mit einem Buch verbringen, das mein Leben, zumindest aber mein Denken radikal verändert hat. Geschrieben hat es Richard Dawkins und zwar bereits  1976. Es heißt „Das egoistische Gen“. Und auch wenn es, auf molekularer Ebene sozusagen, bestimmt nicht mehr up to date ist, so enthält es doch die Essenz dessen, auf das sich im Grunde alle Menschen vom ultrakatholischen Empfängnisverhütungsverweigerer bis zum eremitischen Nihilisten einigen können, nämlich eine plausible Antwort auf die Frage, warum wir alle gerade hier sind.

„Verstopfte Straßen in London, Wohnungsknappheit in Berlin, Arbeitslosigkeit in Italien. Die Erde ist, außer in Dresden, zu voll geworden. Der Stand unserer Technologien zur Gewinnung von Energie und Nahrungsmitteln – oder besser: deren Einsatz – bleibt hinter der Realität der Bedürfnisse zurück.“

Haben Sie das wirklich geschrieben, oder war das Ihre Katze? Wir wissen doch beide, dass es bei der Ungleichverteilung von globalen Ressourcen weder um technische Entwicklungen noch um deren Applikation geht, sondern um Gier, Neid, Macht und Angst. Davon abgesehen: Die Realität der Bedürfnisse ist eine Chimäre. Darüber sollten Sie sich mal mit einem HIV-Empfänger unterhalten, der sich in der Monatsmitte lieber noch ein Päckchen Tabak kauft, als sich wenigstens einmal in der Vierwochenfrist ein gesundes, aus so genannten Bio-Produkten bestehendes Mittagessen zu kochen. Übrigens: Die beifallerheischende Verwendung des Wortes „Dresden“ in diesem Zusammenhang ist so ziemlich das Peinlichste, was Sie je im Spiegel von sich gegeben haben.

„Denken war noch nie die Kernkompetenz der Reaktionäre. Denn wenn es darum geht, den neu erzeugten Kindern eine sichere Zukunft herzustellen, versagen sie. Denn die Vermittlung von Zukunftsszenarien ist zu kompliziert für Parolen. Die zielen nach wie vor auf die Angst und die Gier der Menschen ab. Alles soll so bleiben, wie es schon lange nicht mehr war. In einer mäßig besiedelten, patriarchalen Welt.“

Hat Ihr Logikmodul nur einen Schluckauf, oder eine chronische Diarrhö? Niemand auf diesem Planeten kann irgendjemandem eine sichere Zukunft herstellen, nicht einmal sich selbst. „Sichere Zukunft“ ist eine Worthülse, die Politiker verwenden, wenn sie in Talkshows sitzen oder auf Wahlkampfveranstaltungen auftreten. Alles, was wir tun können, ist uns einen Plan machen und das sollten wir auch, denn „Wer keinen Plan hat, wird zum Teil des Plans eines Anderen“. Mögen Ihnen die Pläne der Reaktionären auch abgefeimt und bösartig manipulativ erscheinen, sie sind nur ein Versuch der Einordnung des eigenen Denkens und Tuns in eine gewünschte Zukunft (die wir beide ziemlich sicher nicht wünschen, doch darum geht es überhaupt nicht). Ach so: Ihre „patriarchale Welt“ kommentiere ich nicht, nicht in diesem Beitrag. Außerdem heißt es nicht „ Alles soll so bleiben, wie es schon lange nicht mehr war.“ sondern „Es muss sich viel ändern, damit alles so bleibt, wie es ist.“

Im letzten Abschnitt Ihrer Kolumne sprechen Sie sich für das Recht auf Adoption von Kindern durch Homosexuelle aus. Da kann ich Ihnen von ganzem Herzen zustimmen, nur hat das mit dem Themenkreis „Überbevölkerung“  so rein gar nichts zu tun. Viel interessanter wäre in dem Zusammenhang nämlich das Thema „Homosexualität und Reproduktionsmedizin“ gewesen, das Sie aber ausgeklammert haben (Die Lücke ist sichtbar, sie ist Scheunentor-groß). Da hätten Sie dann nämlich über Ihren Schatten springen müssen, so oder so.

Note to self: Verzinkte Schwelle, fest gemörtelt in der Erden. Hab schon einen tollen Bruder. Musik: Opeth, Meek Is Murder, Alkerdeel, The Motion Mosaik.

 

 

 

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