Tatschbar

Schreib doch noch mal was über Apple! Na gut, mach ich. Gestern hatte die wertvollste Firma der Welt zum zweiten Großereignis des Jahres geladen. Nachdem man kürzlich das neue iPhone nebst weiteren Neuerungen der iOS-Plattform vorgestellt hatte, sollte es gestern um den Macintosh gehen. Da ich mir im nächsten Jahr ein neues Laptop zulegen möchte, weil auf dem Macbook aus dem Jahr 2007 inzwischen kaum noch aktuelle Software läuft (und der eine oder andere Kunde sichtbar die Augenbrauen lupft), habe ich mir die Keynote nach einigen Jahren Pause tatsächlich live per Internet-Stream angeschaut. Das hätte ich auch lassen können.

Vorgestellt wurde hauptsächlich das neue MacBook Pro mit einem ganz und gar spektakulären Feature: Der Touchbar. Das ist ein OLED-Streifen oberhalb der Tastatur, auf dem bedienbare Elemente angezeigt werden, die sich natürlich je nach Programm ändern und vom Benutzer angepasst werden können. Daran will ich nichts kritisieren so lange ich die Berührbar noch nicht selbst unter den Fingern hatte, innovativ ist das Ganze sicherlich.

Die übrigen Features sprechen wieder mal eine eindeutige Sprache: Wenn es darum geht, die berühmten alten Zöpfe abzuschneiden, dann macht Apple keiner etwas vor. Das neue Pro-Laptop kommt ausschließlich mit Thunderbolt 3 Schnittstellen (USB-C-Buchse), davon gibt es zwei bis vier. Das größere Modell hat überdies eine 3,5″-Klinkenbuchse für Kopfhörer oder Boxen und das war es. Und natürlich wurde wieder mal ausführlich darüber berichtet, dass das neue Gerät dünner und leichter geworden ist. Das scheint bei den Cupertinos inzwischen ja am wichtigsten zu sein.

Die Systemarchitektur entspricht der Intel-Skylake-Plattform. Leider hat sich Apple beim Arbeitsspeicher erneut für lpDDR3 entschieden. Der spart Strom, muss aber fest verlötet werden und bei 16GB ist Schluss. Für ein Profigerät, das auch für Videoschnitt und Audiobearbeitung konzipiert sein soll, ist das ein bisschen mager. Außerdem stößt sauer auf, dass die Einstiegsmodelle mit nur 256GB SSD ausgeliefert werden. Das ist heutzutage einfach peinlich.

So, folgendes Szenario: Der motivierte IT-Dienstleister (das bin ich) bricht zum Kunden auf, weiß nicht genau, was dort auf ihn zukommt und rüstet sich entsprechend. Bis jetzt habe ich einfach mein Macbook nebst Netzteil, ein Netzwerkkabel, den dem MB beiliegenden MIni-DP-DVI-Adapter, einen Notizblock, einen Kuli und einen Kreuzschlitzschraubendreher mittlerer Größe eingepackt und habe eigentlich nie etwas vermisst.

Würde ich mir jetzt das neue MacBook Pro zulegen, müsste ich folgendes extra einpacken: Ein optisches Laufwerk (ja, das ist IT-Wirklichkeit), einen Adapter USB-C auf Ethernet, einen Adapter USB-C auf USB-A, einen Adapter USB-C auf DVI, einen Adapter USB-C auf Firewire. Würde ich das kleinere Modell wählen, müsste ich mir außerdem einen Multiadapter kaufen, um das Gerät im Bedarfsfall während der Arbeit aufladen zu können. Ich sage: Das ist ein klarer Rückschritt. Was Apple an Gewicht spart, wiegt der Adapterzoo locker auf.

Und zum Schluss: Was dürfte denn so ein Gerät kosten? Naja, aufgrund meiner täglichen Erfahrung mit so allen möglichen Laptops (Mac/PC) aller Preisklassen, vom Einsteigergerät bis zur mobilen Workstation sollte sich für um die 1000 Ocken eigentlich was machen lassen. Schauen wir mal in den AppleStore: Wenn ich 512GB Massenspeicher haben will, muss ich -Trommelwirbel- 2.199,- € auf den Tisch legen, dazu kommt noch ein optisches Laufwerk, ein Adapter USB-C auf Ethernet, ein Adapter USB-C auf USB-A….

Das ist, kurz und bündig, eine Unverschämtheit.

Das neue Laptop wird ein Thinkpad, fertig. Die spinnen doch komplett.

Note to self: Urlaub, Urlaub, Urlaub. Musik: Devin Townsend Project, Opeth, An Autumn For Crippled Children, Orphaned Land, The Motion Mosaic

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Unterirdische Berge

Die Kolumnen von Frau Berg auf SPON, lesen muss man sie nicht. Ob man ihre anderen Werke gelesen haben muss? Kann ich nicht beurteilen. Dafür bin ich zurzeit viel zu weit weg von feuilletonistischen Spleens (Das letzte, was ich länger als 10 Minuten gelesen habe, war das Manual eines SATO M10e. Das ist ein Etikettendrucker. Nein, ich bin ganz bestimmt nicht stolz darauf.) In ihrem aktuellen Machwerk beschäftigt sich die Sybille mit einem altbekannten Reizthema, der angeblichen Überbevölkerung nämlich. Ich bin übrigens sicher, dass sie eben jenen Text in nicht mal fünfzehn Minuten runter geklimpert hat, wahrscheinlich ohne ihre zweifellos intakten, kleinen grauen Zellen wenigstens einmal in Schwingung versetzt zu haben. Anders ist dieses armselige, von logischen Fehlern strotzende, peinlich ignorante, trotzige Elaborat nicht zu erklären. Bevor ich zum Inhalt komme: Frau Berg, Sie haben keine Kinder, ich habe keine, das ist mir Wumpe. Darum geht es überhaupt nicht. In medias res:

Frau Berg schreibt:

„Nehmen wir zum Beispiel das Thema Kinder. Kinder sind großartig. Sie schenken Freude, sind sinnstiftend für die Eltern, sie zu beobachten macht glücklich, und bevor Kinder von diversen Einflüssen versaut werden, kann man behaupten, dass sie die angenehmsten Menschen auf der Erde sind. Ihr einziger Nachteil: Es sind zu viele.“

Frau Berg, Sie haben nichts begriffen. Menschen pflanzen sich nicht mit einem analytischen Blick auf etwaige globale Kapazitätsgrenzen fort, sie verhalten sich in Summe vielmehr wie eine Bakterienpopulation in einem geschlossenen Kulturkolben. Was geht, das geht. Was nicht geht, geht leider nicht. Die Kapazität des Behälters ist eine variable Größe (Mutation, Selektion…  …kriegen Sie hin, Frau Berg). Wir alle sind Momentaufnahmen in einem evolutionären Kontinuum, in dem der Einzelne nicht zählt (Das ist übrigens auch der Grund dafür, warum Kinder nicht „die angenehmsten Menschen auf der Erde“ sein können. Keiner von uns kommt als leeres Blatt auf die Welt. Das schreibt ein alter Linker). Am Laufen gehalten wird dieses Kontinuum durch ganz und gar archaische, biochemische Prozesse, auf die wir, Sie und ich Frau Berg, überhaupt keinen Einfluss haben. Vielleicht versuchen Sie sich noch mal an die beunruhigende Zeit zurück zu erinnern, als Sie damit begonnen haben, Männern auf den Hintern zu gucken. Na, dämmert da was?

Sie, Frau Berg, schauen aber gerade jetzt vielleicht über den Zürichsee und fühlen sich meilenweit entfernt von diesen fundamentalen Mechanismen, haben vielmehr ein leichtes aber raffiniertes Menü bei Ihrem Lieblingsitaliener im Kopf. Danach noch einen Grappa, ist schließlich Wochenende. Dieses Wochenende (vielmehr dessen kümmerlichen Rest) sollten Sie, Frau Berg, mit einem Buch verbringen, das mein Leben, zumindest aber mein Denken radikal verändert hat. Geschrieben hat es Richard Dawkins und zwar bereits  1976. Es heißt „Das egoistische Gen“. Und auch wenn es, auf molekularer Ebene sozusagen, bestimmt nicht mehr up to date ist, so enthält es doch die Essenz dessen, auf das sich im Grunde alle Menschen vom ultrakatholischen Empfängnisverhütungsverweigerer bis zum eremitischen Nihilisten einigen können, nämlich eine plausible Antwort auf die Frage, warum wir alle gerade hier sind.

„Verstopfte Straßen in London, Wohnungsknappheit in Berlin, Arbeitslosigkeit in Italien. Die Erde ist, außer in Dresden, zu voll geworden. Der Stand unserer Technologien zur Gewinnung von Energie und Nahrungsmitteln – oder besser: deren Einsatz – bleibt hinter der Realität der Bedürfnisse zurück.“

Haben Sie das wirklich geschrieben, oder war das Ihre Katze? Wir wissen doch beide, dass es bei der Ungleichverteilung von globalen Ressourcen weder um technische Entwicklungen noch um deren Applikation geht, sondern um Gier, Neid, Macht und Angst. Davon abgesehen: Die Realität der Bedürfnisse ist eine Chimäre. Darüber sollten Sie sich mal mit einem HIV-Empfänger unterhalten, der sich in der Monatsmitte lieber noch ein Päckchen Tabak kauft, als sich wenigstens einmal in der Vierwochenfrist ein gesundes, aus so genannten Bio-Produkten bestehendes Mittagessen zu kochen. Übrigens: Die beifallerheischende Verwendung des Wortes „Dresden“ in diesem Zusammenhang ist so ziemlich das Peinlichste, was Sie je im Spiegel von sich gegeben haben.

„Denken war noch nie die Kernkompetenz der Reaktionäre. Denn wenn es darum geht, den neu erzeugten Kindern eine sichere Zukunft herzustellen, versagen sie. Denn die Vermittlung von Zukunftsszenarien ist zu kompliziert für Parolen. Die zielen nach wie vor auf die Angst und die Gier der Menschen ab. Alles soll so bleiben, wie es schon lange nicht mehr war. In einer mäßig besiedelten, patriarchalen Welt.“

Hat Ihr Logikmodul nur einen Schluckauf, oder eine chronische Diarrhö? Niemand auf diesem Planeten kann irgendjemandem eine sichere Zukunft herstellen, nicht einmal sich selbst. „Sichere Zukunft“ ist eine Worthülse, die Politiker verwenden, wenn sie in Talkshows sitzen oder auf Wahlkampfveranstaltungen auftreten. Alles, was wir tun können, ist uns einen Plan machen und das sollten wir auch, denn „Wer keinen Plan hat, wird zum Teil des Plans eines Anderen“. Mögen Ihnen die Pläne der Reaktionären auch abgefeimt und bösartig manipulativ erscheinen, sie sind nur ein Versuch der Einordnung des eigenen Denkens und Tuns in eine gewünschte Zukunft (die wir beide ziemlich sicher nicht wünschen, doch darum geht es überhaupt nicht). Ach so: Ihre „patriarchale Welt“ kommentiere ich nicht, nicht in diesem Beitrag. Außerdem heißt es nicht „ Alles soll so bleiben, wie es schon lange nicht mehr war.“ sondern „Es muss sich viel ändern, damit alles so bleibt, wie es ist.“

Im letzten Abschnitt Ihrer Kolumne sprechen Sie sich für das Recht auf Adoption von Kindern durch Homosexuelle aus. Da kann ich Ihnen von ganzem Herzen zustimmen, nur hat das mit dem Themenkreis „Überbevölkerung“  so rein gar nichts zu tun. Viel interessanter wäre in dem Zusammenhang nämlich das Thema „Homosexualität und Reproduktionsmedizin“ gewesen, das Sie aber ausgeklammert haben (Die Lücke ist sichtbar, sie ist Scheunentor-groß). Da hätten Sie dann nämlich über Ihren Schatten springen müssen, so oder so.

Note to self: Verzinkte Schwelle, fest gemörtelt in der Erden. Hab schon einen tollen Bruder. Musik: Opeth, Meek Is Murder, Alkerdeel, The Motion Mosaik.

 

 

 

Zersetzung

Was machst Du, wenn Deine Lieblingsband sich auflöst? Mit den Schultern zucken? Ein Tränchen verdrücken? Dir das Logo der Kapelle auf den Hintern tätowieren lassen? Ich habe nichts davon getan, sondern ein paar mal schwer geschluckt und dann begonnen, die unschlagbaren Platten noch mal durchzuhören. Auch wenn es schwer zu akzeptieren ist: Nach dem letzten Konzert im März nächsten Jahres, das ausgerechnet im „Kulturzentrum Schlachthof“ in Wiesbaden stattfinden soll, wird es „The Dillinger Escape Plan“ nicht mehr geben. Was ein Jammer! Ich habe in diesem Blog schon das eine oder andere zu den Großtaten der Dillingers geschrieben und will mich nicht wiederholen. Es ist eine Gruppe, die das Publikum spaltet: Ein kleiner Teil ist restlos von den Socken, für die überwiegende Mehrheit ist die Musik von DEP schlicht schlecht verdaulicher Lärm.

Für Insider ist die geplante Auflösung keine Neuigkeit. Bereits Mitte September hatte es entsprechende Äußerungen von Greg Puciato und Ben Weinman in Interviews gegeben. Zunächst war gemunkelt worden, die Band würde nach der Veröffentlichung des neuen Albums und der zugehörigen Tour lediglich eine längere Pause einlegen. Ein paar Tage später ließen die Herren dann die Katze aus dem Sack, wahrscheinlich auch, weil sie es leid waren ständig zur Länge des „Hiatus“ und den Gründen dafür befragt zu werden. Ganz interessant ist die offizielle Begründung für diesen Schritt: Man sei sich einig, dass man das eigene kreative Potential zur Gänze ausgeschöpft habe und nunmehr am Gipfel angelangt sei. Jede weitere Zusammenarbeit könne nur schwächere Ergebnisse erbringen. Dann sei es doch ehrlicher und besser für die Formation, aber auch für ihre Fans, konsequent zu sein und sich mit einem Knalleffekt zu verabschieden, statt als moribunder Schatten seiner selbst weiter zu machen. Für mich klingt das auch ein bisschen so, als müsste die Band ihrer bisherigen Schlagzahl Tribut zollen, denn eins ist klar: Anspruchsvollen Mathcore, so wie ihn DEP spielen, kriegt man irgendwann auch aus rein physischen Gründen einfach nicht mehr hin.serveimage

Also: Das neue Album namens „Dissociation“. Wie ist es denn? Fangen wir mal so an: Es wurde von Kurt Ballou produziert, den man auch als Gitarrist von „Converge“ kennt. Um es auf den Punkt zu bringen: Ballou ist für mich im Bereich Hardcore & Co schlicht und ergreifend der beste Plattenmacher weltweit. Er hat Hände aus Gold und was er anfasst („Meek Is Murder“, „All Pigs Must Die“, „Kvelertak“ und viele viele andere) wird zu Gold. Kein anderer schafft den Spagat zwischen erdiger Schwere und ätherischem Schweben so wie er. Supercrisp und voll in den Magen: Das kriegt so nur Ballou der Soundbär hin.

Repräsentiert das Album den Höhepunkt des musikalischen Schaffens der Dillingers, so wie sie es selber sehen? Nun, das ist schwer zu sagen. Zwar läuft die Platte bei mir in Dauerrotation, seit ich sie habe, trotzdem muss man sich die Veröffentlichungen des Quintetts aus New Jersey Stück für Stück erarbeiten, das war schon immer so und ist bei „Dissociation“ auch nicht anders. Natürlich wird jedes Album der Band immer an den Meilensteinen wie „Miss Machine“ oder „Calculating Infinity“ gemessen. Der mit „Ire Works“ vollzogene Stilwechsel hin zu variableren Arrangements, elektronischen Studiospielereien und Radiopop-artigen Versatzstücken hat einige Hardcorefans der ersten Stunde nachhaltig verschreckt. „Dissociation“ bietet genau diese Zutaten, wie sie auch schon auf „One of us is the Killer“ und „Option Paralysis“ zu hören waren. So gesehen bleibt sich die Kapelle treu. Vielleicht ist das Gesamtbild noch verdichteter und verschrobener als auf den vorausgegangenen Alben, aber hin und wieder hat man eben schon den Eindruck, dass DEP den gleichen Gaul zu Tode reiten. Und das deckt sich ja nun genau mit den oben angeführten Aussagen der Bandmitglieder. Dass „Dissociation“ eine der besten Math-/Chaos-/Jazzcore-Platten ist, die jemals aufgenommen wurden, steht außer Zweifel. Man ist eben auch ein bisschen verwöhnt.

Wie wird es weiter gehen? Ben Weinmann hat sich einer so genannten Supergroup mit Personal von „Mastodon“ und „Alice In Chains“ angeschlossen. Das Projekt firmiert unter dem Namen „Giraffe Tongue Orchestra“ und  das Debütalbum liegt bereits vor, haut mich aber nicht von den Socken. Die Anderen werden nachziehen. Außerdem soll irgendwann ein weiteres Album mit bereits aufgenommenem Material erscheinen. Solchen Veröffentlichungen stehe ich ziemlich kritisch gegenüber, aber die Resterampe von Dillinger Escape Plan ist wahrscheinlich immer noch um Längen besser als vieles, was sonst so mit dem Etikett Mathcore herauskommt.

Und? Was machst Du, wenn Deine Lieblingsband sich auflöst? Am 27. Januar 2017 spielen DEP im Poppodium013 in Tilburg, das sind schlappe 140 Kilometer mit dem Zug.

Note to self: Festhalten was geht, aus besseren Zeiten, während man dem allmählichen Verschwinden beiwohnt. Das Leben macht keine Gefangenen. Musik: The Dillinger Escape Plan.

 

Die B. gewinnt immer

Das wirkliche Leben und das Geschehen an einem Roulette-Tisch haben durchaus Gemeinsamkeiten. Eine dieser Binsen ist die Tatsache, dass die Bank immer gewinnt. Doch während das Glücksspiel nach strengen Regeln abläuft, die allen Teilnehmern bekannt sind, haben sich die Banken zu recht den Ruf erworben, dass sie mehr oder weniger nach dem Leitsatz „Wer kann, der kann“ agieren, dabei spielt das „dürfen“ eine untergeordnete Rolle. Die Zahl der Verfahren, in denen sich beispielsweise die „Deutsche Bank“ zurzeit verantworten muss, spricht Bände. Die Tatsache, dass diese Verfahren fast ausnahmslos in den USA anhängig sind, wo man ja im Allgemeinen das angelsächsische Loblied vom freien Spiel der Kräfte singt, sollte uns Europäern schwer zu denken geben.

Besonders unappetitlich wird es, wenn die Institute ihre Macht ausnutzen, um Marktteilnehmer in der Realwirtschaft, also da, wo keine Luft gebucht wird, sondern wirkliche Werte erschaffen und zerstört werden, in den Ruin zu treiben. Der SPON berichtet heute über entsprechende Umtriebe bei der Royal Bank of Scotland (die auch noch mehrheitlich in Staatsbesitz ist, ein Wahnsinn), aber so etwas passiert auch in Deutschland. Erinnert sich noch jemand an M+S Elektronik und die Commerzbank? Klar, so etwas läuft auch ohne Beteiligung von Banken (ich erinnere mich an eine Insolvenz, bei der ich an der Verwertung der Konkursmasse beteiligt war: Der Aufkäufer war der größte Schuldner des Pleitiers.), nur sind in den Geschäftsbeziehungen zwischen Bank und Kreditnehmer die Hebelverhältnisse besonders ungerecht.

Einer meiner Geographielehrer hat mich vor ca. 40 Jahren dahingehend eingenordet, dass Geld eben auch nur eine Ware sei, die man kaufen und verkaufen könne. Inzwischen habe ich dazu gelernt. Geld ist auch eine Ware, die man verkaufen kann, wenn man sie gar nicht hat. Das ist der Normalzustand. In echten Notlagen hat die Finanzwirtschaft darüber hinaus den Vorteil, vermittels öffentlicher Gelder (die übrigens zu diesem Zweck im Bedarfsfall von privaten Banken geliehen werden, unsere Welt ist ein Irrenhaus) gerettet zu werden. Diese Bankenrettungsentscheidungen werden in der Öffentlichkeit ja gerne kritisiert, dabei wird ausgeblendet, dass man die politisch Verantwortlichen mit einem Szenario stekum in den Wahnsinn treiben kann: Was wäre denn, wenn sich die Staaten nichts mehr leihen könnten? Also jetzt nicht Griechenland, sondern beispielsweise die USA. Kurze Antwort: Dann wäre der dritte und letzte Weltkrieg, ein globaler Bürgerkrieg nämlich.

Die in der Finanzwirtschaft umlaufende Geldmenge hat sich gegenüber der der Realwirtschaft zur Verfügung stehenden Geldmenge in den letzten 15 Jahren abenteuerlich entwickelt, auch die Finanzkrise von 2007/2008 hat daran nichts geändert, im Gegenteil, die Geldpolitik der EZB beispielsweise trägt entscheidend dazu bei. Und je weniger Renditechancen in seriösen Geschäften stecken, je größer ist die Versuchung ein größeres Risiko zu nehmen. Zumal es ja nicht das eigene Geld ist: Die Eigenkapitalquote der Deutschen Bank beispielsweise liegt derzeit bei 4%, ein Witz.

Das alles könnte man mit einem Schlag ändern: Kein Mensch auf dieser Welt braucht privatwirtschaftliche Banken. Wenn wir schon nicht so weit gehen wollen, Zins und Zinseszins abzuschaffen, was das vernünftigste wäre, dann lasst uns wenigstens Geldinstitute und Börsen in öffentliches Eigentum überführen: Wenn dann die Bank gewinnt, freut sich wenigstens der Bund der Steuerzahler.

Note to self: Noch knapp drei Wochen bis zum Urlaub. Musik: Norah Jones, Asphyx, Brant Bjork, As We Draw.

 

Das Ende des Schweigens

So. Nachdem mich in den letzten Wochen sogar vereinzelte Anfragen erreichten, die sich besorgt nach meinem Verbleib erkundigten angesichts des Mangels an neuen Beiträgen in diesem Blog, sei folgendes klargestellt: Mit geht es passabel, aber Ende August hat sich ein schlimmes Ereignis in der Familie zugetragen, das ich hier zunächst mal nicht thematisieren werde. Auch deswegen habe ich in der letzten Zeit sehr viel zu tun. Und wenn sich der Fokus des Lebens mehr oder weniger komplett verschiebt, hat man andere Sachen im Kopf als zu bloggen.

Wenn ich heute das Schweigen breche, so geschieht das in erster Linie um der sehr kleinen aber treuen Leserschaft von „Just Skidding“ zu signalisieren, dass es weiter geht. Vielleicht zunächst nicht ganz so launig und locker, wie ich es eigentlich am liebsten habe. Ich lege mal los:

Wie ist es eigentlich ganz generell mit dem Begriff „erwachsen werden“? Als Kind hatte ich die Vorstellung, ich würde eines morgens aufwachen und feststellen, dass ich jetzt erwachsen bin. Nun, ich habe dann im entsprechenden Alter beinahe täglich darauf gewartet, dass das passiert, aber weder der 18. Geburtstag noch die darauf folgenden Jahrestage brachten einen diesbezüglichen Fortschritt. Betrachtete ich dies erst als Mangel oder sogar Unfähigkeit, trat im Laufe der Zeit ein anderer Aspekt hinzu: Ich fühlte mich als heimlicher inverser Verbündeter von Oskar Matzerath, der zwar die Segnungen des Älterwerdens (Autofahren, Geld verdienen und ausgeben, Biertrinken, usw.) mit Freuden annahm, aber gleichzeitig einen kindlichen Kern konservierte. Während Oskarchen von außen Kind bleibt, das sein Talent als manipulativer Strippenzieher auch deswegen ungehemmter und erfolgreicher ausleben kann, verhielt es sich bei mir genau umgekehrt.

Beobachtungen im Freundes- und Bekanntenkreis über die Jahre bestärkten mich zudem in meiner Ansicht, dass für viele junge Väter und Mütter ihr eigenes Kindsein genau in dem Moment endete, als sich der Nachwuchs einstellte. Ein Freund bezeichnete dies mit der Formulierung, das eigene Leben sei plötzlich „wie auf Schienen gesetzt“ gewesen. Da ich keine Kinder habe, erschien mir das eine geeignete Erklärung zu sein, warum sich trotz eines Zuwachses an geistiger und moralischer Reife kein wirklicher Prozess des Abnabelns und der emanzipatorischen Läuterung bei mir einstellen wollte. Natürlich, die wesentlichen Entscheidungen für mein Leben traf ich selbst, trotzdem hatte ich stets das Gefühl auf einem Experimentierfeld ausgesetzt worden zu sein und zwar von denen, die Schuld an meiner Existenz waren. Und auf diesem Feld konnte man sich mehr oder weniger ungestraft verrennen, umkehren, Haken schlagen: Man würde schon dafür sorgen, dass ich nicht allzu hart fiel.

So und nun sind große Teile meines Lebens wie „auf Schienen gesetzt“. Im Beruf äußert sich das so, dass man ohne große Rücksicht auf die eigene Befindlichkeit funktioniert, in einem wichtigen Teil des Privatlebens ist es nun ebenso. Ist das nicht merkwürdig? Während man als Kind mit dem Begriff „erwachsen“ vor allem einen Zugewinn an Freiheit assoziiert, erfährt man als gerade erwachsen Gewordener, dass eigentlich das Gegenteil richtig ist. Und während man große Teile des Alltags mehr oder weniger mit dem Rückenmark bestreitet, scheinen die neocortikalen Zielneuronen in einer verwaisten Zone zu liegen: Mit der wenigen freien Zeit vermag ich gerade nicht wirklich etwas anzufangen, es stellt sich häufig ein Zustand dumpfen Brütens ein, den ich dann irgendwann zwecks Verrichtung einer meist häuslichen Verpflichtung mit dem immer gleichen Zwischenergebnis beende: Es ist gerecht und keiner hat Schuld.

Note to self: Das Ende des Sparkrümels nicht erschütternd finden! Musik: Meshuggah, Negura Bunget.