Ricky, Joe & Wolf

Hach, heute verreissen wir mal eine Platte, ach was sag ich, ein ganzes Genre steht zur Debatte. Und zwar ein ganz besonders nerviges, instrumentales Gitarrengöttergeschwurbel nämlich. Der Anlass zu diesem Flame ist die Neuerscheinung eines ganz und gar furchtbaren Albums, auf das ich weiter unten eingehen werde. Aber zunächst zu den Wurzeln.

Wesentliche Teile meiner frühkindlichen musikalischen Sozialisation fanden vor der Glotze statt: Öffentlich-rechtliches Schauderfernsehen wie beispielsweise die Hitparade, Samstagabend-Familienschows, Bananas, Formel 1 und so weiter. Wir hatten ja nischt. Rockpalast kam immer zu spät. Ein ganz besonders einschneidendes und aus heutiger Sicht bedrückendes Erlebnis waren die Auftritte eines sonnenbankgebräunten Grinsebärs, der auf einer Stratocaster herumdilettierte und dabei rumhampelte, als hätte er einen schizoiden Schub. Genau, ich meine Ricky King. Wer ihn nicht kennt, möge sich beim Konsum des folgenden Videos von Kaffeetassen und Tischkanten fernhalten:

Schlimm, nicht wahr? Ricky hatte, glaube ich, tatsächlich nur diesen einen Sound: Viel Hall, Chorus, das legendäre Ricky-King-Echo und natürlich nur den Hals-Pickup angeschaltet. Was er auf seinem Instrument darbot war nicht weiter erwähnenswert, aber das Publikum hielt ihn tatsächlich für einen Virtuosen. Ricky hatte Mitte der 90er ein Einsehen und belästigte die Welt seitdem nicht mit neuen Veröffentlichungen. Schön.

Mitte der 80er wurde dann ein kleiner Mann zum Star, der der halben Welt, oder jedenfalls der halben Westküste Gitarrenunterricht gegeben hat: Joe Satriani, den ein damaliger Freund heftig verehrte, weshalb ich zum profunden Kenner seines Werkes wurde. Joe posierte zunächst mit halb offenem Hemd und dunkler Matte auf Plattencovern, dann mit Hut, dann mit Komplettpläte (Follikelversagen kann grausam sein, da bin ich Insider).

Keine Frage, der Joe kann Gitarre spielen. Seine Melodien sind immer schön eingängig und rund und der fette Sound mit Monstersustain ist der Puderzucker auf dem Kuchen. Aber das obige Video zeigt ganz deutlich ein Grundproblem großer Gitarren-Solisten: Man muss ja beim Spielen auch irgendwie gucken und das geht bei Joe immer ein bisschen in die Hose. Zusammen mit den zuckenden Schultern wirkt es so, als wäre er ein fütternder Blaufußtölpel, der in seinem Nest einen kapitalen Beutefisch für den Nachwuchs hervorwürgen will.

Nun aber zum eigentlichen Grund für diesen Beitrag: Wolf Hoffmann, der Gitarrist von „Accept“, die ich nie leiden konnte, hat just ein neues Album herausgebracht, das den furchtbaren Titel „Headbangers Symphony“ trägt. Und furchtbar ist auch der Inhalt: Ein klassisches Orchester, das komplett nach Konserve klingt, spielt populäre Stücke klassischer Musik und Wolf überzieht das ganze mit schweren Gitarrenlinien, die allesamt irgendwie gleich klingen. Zielgruppe? Wahrscheinlich Leute, die auf Heavy Metal Kreuzfahrten gehen. Hier versaut er irgendwas von Beethoven:

Mir völlig unverständlich, warum man so eine Platte macht. Bei einer Veröffentlichung in der Vorweihnachtszeit hätte ich gesagt: OK, Geldschneiderei. Man darf davon ausgehen, dass dieses Album eine Herzensangelegenheit von Hoffman war. Sic transit gloria mundi. Es ist mir nicht gelungen die Platte zur Gänze durchzuhören. Warum war es mir trotzdem ein Bedürfnis darüber zu schreiben? Nun zum Schluss macht sich der Wolf über ein Stück her, das ich wirklich liebe: Das Air (auf der G-Saite) von Johann Sebastian Bach (Schnulze? Nein, genial.). Und er spielt es so unglaublich uninspiriert und gefühllos, dass ich wirklich aufgeheult habe. Was für ein Banause!

Note to self: Angst vor Italien, noch 8 Stunden. Musik: Ricky King, Joe Satriani, Wolf Hoffmann.

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