Yetki yasası

Nun, eins ist jedenfalls klar: Die „Schmähkritik“ von Jan Böhmermann ist in einem Punkt ganz offensichtlich falsch, nämlich da, wo sich dieses im Grunde doch ziemlich geschmacklose „Gedicht“ mit der Größe der primären Geschlechtsorgane von Recep Tayyip Erdoğan befasst. Nein, von „Schrumpel-Klöten“ kann beim starken Mann vom Bosporus keine Rede sein. Im Gegenteil: Der Präsident der Türken „hat Eier“ (wie es ein deutscher Torwart-Titan formulieren würde). Und inzwischen ist es auch völlig klar, wo Erdoğan hin will: Mit der heutigen Entscheidung des türkischen Parlaments zur Aufhebung der Immunität von oppositionellen Kollegen, gegen die nun wegen Verrat, Beleidigung des Türkentums, oder anderer vorgeblicher Gesetzesverstöße ermittelt werden kann, hat die Türkei und ihre islamistische Regierungspartei AKP den Rubikon überschritten. Man muss das mal ein bisschen aufdröseln:

Erdoğan ist einerseits ein paranoider Choleriker, der zugleich dünnhäutig und ungerecht wie ein trotziges Kind ist und rhetorisch nicht die feine Klinge, sondern die Panzerfaust bevorzugt. Andererseits ist er ein kalt berechnender Stratege, der seinen Plan mit sturer Unnachgiebigkeit verfolgt. Das Ziel dieses Plans -das dürfte inzwischen auch dem Gutmütigsten klar sein- ist nicht weniger als die Abschaffung der von Mustafa Kemal Atatürk begründeten Republik laizistischer Prägung. Wie macht er das? Zunächst mal profitiert er immer noch vom beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung, den die Türkei in den ersten Jahren seiner Zeit als Ministerpräsident ab 2002 geschafft hat. Gerade in den ländlichen Regionen, die von seiner Infrastrukturoffensive am stärksten profitierten, hat er einen unglaublichen Rückhalt. Zweitens nutzt er geschickt den in weiten Teilen der konservativen Bevölkerung erstarkten religiösen Identifikationsmechanismus. Dabei sind die neuen Gesetze zur Bedeckung des weiblichen Haupthaars in öffentlichen Gebäuden und zum Ausschank alkoholischer Getränke nur eine Seite der Medaille, die heimliche Unterstützung des IS ist die andere (Dies bestärkt mich übrigens in meiner Ansicht, dass Religion zu allererst ein Mittel der sozialen Kontrolle ist, das darauf abzielt, Menschen klein und unfrei zu machen.). Und drittens nutzt er den seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt zwischen Kurden und Türken, um ein Klima von Hass und Gewalt zu erzeugen, das den sich nach Frieden sehnenden Teil des liberalen Bürgertums in seine Arme treibt. Machen wir uns nichts vor: Recep Tayyip Erdoğan ist einer der gefährlichsten Männer im nahen Osten (und eben nicht Europas. Die Türkei Erdoğans hat mit Europa so viel zu tun wie eine Kreidler Mustang mit Bundesautobahnen).

Die heutige Entscheidung des türkischen Parlaments entlarvt die AKP als willenlosen Wurmfortsatz eines ausgezeichnet vernetzten Möchtegern-Diktators, der immer schon von einem islamistischen Gottesstaat geträumt hat. Das ist übrigens auch überhaupt kein Geheimnis, er wurde deswegen zu zehn Monaten Gefängnis und lebenslangem Politikverbot verurteilt (kommt das irgendjemandem bekannt vor?). Aus seinen wahren Absichten hat er nie einen Hehl gemacht:

„Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“

Recep Tayyip Erdoğan, 1998

Die Abgeordneten der AKP haben heute unter Beweis gestellt, dass sie nicht einen Funken Ehre im Leib haben. Es sieht schlimm aus für die Türkei. Sollte unsere Regierung dies nicht zum Anlass nehmen, unser Verhältnis zu diesem Land von Grund auf zu überdenken? Ich meine schon. Übrigens: Der Titel dieses Beitrags ist die türkische Übersetzung des Worts „Ermächtigungsgesetz“.

Note to self: 10faches Schlüsselkind, „Benehmt euch!“ Musik: Mogwai, Cobalt, Aborted, Deftones, Fallujah.

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The Jester from Leicester

Der Turnierverlauf bei der diesjährigen Snooker-WM stellte die Welt des Spiels mit den bunten Kugeln auf grünem Stoff ein kleines bisschen auf den Kopf: Der amtierende Weltmeister schied bereits in der ersten Runde aus. Wenig besser ging es einigen hoch gewetteten Konkurrenten, die zum Teil gegen Qualifikanten spektakulär verloren. Das Spielniveau war insgesamt sehr hoch, dafür bürgt die hohe Zahl an Century-Breaks, der Rekord aus dem letzten Jahr wurde knapp übertroffen. Das Endspiel über 35 Frames erreichten schließlich der Engländer Mark Selby, der Marco Fu in einem knappen Spiel niederrang und der Chinese Ding Junhui, der den Altmeister Allan McManus relativ deutlich besiegen konnte. Beide Finalisten konnten im bisherigen Verlauf der Saison nicht wirklich überzeugen. Und beide Spieler könnten kaum unterschiedlicher sein:

Mark Selby, the Jester from Leicester (zum Glück wissen jetzt, nach dem Gewinn der Meisterschaft durch den lokalen Fußballclub, fast alle in Deutschland, wie man diesen Ortsnamen ausspricht) war bereits Weltmeister und er ist derzeit Nummer 1 der Weltrangliste. Allerdings spielte er bei den letzten Turnieren wenig überzeugend. Selby kann man sich gut im mittleren Management eines Unternehmens vorstellen, vielleicht im Bereich Controlling: Ein hochaufgeschossener, drahtiger, durchaus attraktiver Mann. Sein Spitzname (jester = Hofnarr) ist ein bisschen irreführend: Zwar ist er am Tisch schon auch extrovertiert, macht gerne mal ein Späßchen mit dem Publikum, aber wenn er zum Stoß runtergeht, dann setzt er ein Gesicht auf, das die Hölle zum Einfrieren bringen könnte. Kein Snooker-Profi spielt gerne gegen Mark Selby. Er ist sicher ein großartiger Longpotter und Breakbuilder, aber seine größte Stärke ist das Safety-Spiel, denn er versteht es meisterlich den Spielball so zu platzieren, dass es seinen Gegner zur Verzweiflung treibt. Mark Selby gibt nie auf, er hat Nerven aus Stahl. Vielleicht weil er aus ganz kleinen Verhältnissen stammt und sich seinen Erfolg wirklich hart erarbeiten musste. Sein Talent wurde früh erkannt, so dass er von privaten Sponsoren gefördert wurde. Die Mitgliedsbeiträge des örtlichen Snooker-Clubs konnte sich Selby nämlich nicht leisten. Mark Selby ist unter den Snooker-Fans nicht sonderlich beliebt. Der Grund dafür ist leicht zu benennen und wurde auch gestern bei den Interviews nach dem gewonnenen Titel offenbar: Er hat das Charisma eines Turnschuhs.

Ding Junhui, the Dragon, ist der derzeit beste chinesische Snooker-Profi. Das Spiel ist in seinem Land unglaublich populär und Ding ist in China ein großer Star. Umso peinlicher für ihn, dass er bei der diesjährigen China-Open bereits in der ersten Runde ausschied. Er musste sich für die Endrunde der WM erst qualifizieren, weil er über den Saisonverlauf nicht zu den 16 besten Spielern der Welt zählte, diese sind für die WM gesetzt. Ding wirkt auf den Beobachter zunächst mal maskenhaft asiatisch, vor allem, wenn er sich nicht wohl fühlt und das ist oft der Fall. Sein anfälliges Nervenkostüm ist vielleicht seine größte Schwäche. Wenn er sich aber sozusagen in Phasen der himmlischen Harmonie befindet und richtig „in den Bällen ist“, dann locht er die Kugeln wie eine Maschine und ist wirklich schwer zu schlagen. Er hat bereits 6 Maximum-Breaks in seiner Karriere gespielt, das ist ein unglaublicher Wert. Aber auch wenn er bereits in der Saison 2014/15 eine Zeit lang Weltranglistenerster war, hat er das nicht geschafft, was ihm vielfach prophezeit wurde, nämlich, dass er der bestimmende Spieler auf der Maintour sein könnte. Sein Gestus am Tisch wirkt oft ein bisschen arrogant und wenn es hart auf hart geht, dann sieht man ihm seine physische Erschöpfung überdeutlich an.

Das Finale nahm einen ungewöhnlichen Verlauf, denn nach 6 Frames lag Ding, der im Halbfinale eine Session weniger als Selby spielen musste, also eine längere Pause hatte, mit 0:6 zurück. Bei der Snooker-Welmeisterschaft gilt eine eiserne Regel: Du kannst die Partie nicht in der ersten Session gewinnen, aber Du kannst sie in der ersten Session verlieren. Ding sagte nach dem Spiel, er sei ein bisschen nervös gewesen, wer wollte ihm das verübeln: Es war sein erstes Endspiel. Und auch wenn er im weiteren Verlauf zweimal bis auf einen Frame an Selby herankam, konnte er nie gleichziehen, oder gar die Führung übernehmen. Auch wenn es im Finale einige sehr lange Frames gab, war es keine epische Schlacht, wie man sie schon im Crucible-Theater in Sheffield gesehen hat. Dazu war Selby doch zu bestimmend. Er hätte noch deutlicher gewinnen können, wenn er nicht einige üble Kicks gehabt hätte. Ein Kick ist ein unsauberer Kontakt von Spiel- und Objektball, also das Gegenteil von einem idealen nichtelastischen Stoß, wie er eigentlich von der Physik vorgegeben ist. In extremen Fällen sieht man das daran, dass der Spielball am Objektball „hochklettert“.

Ding versuchte einiges, um Selbys Rhythmus zu brechen: Mal attackierte er, als gäbe es kein Morgen, mal versuchte er Selby in dessen Lieblingsdisziplin, dem Safety-Spiel, zu schlagen. Entscheidend waren vielleicht die Fehler, die Ding bei Stößen mit dem Hilfsqueue machte, da war seine Quote einfach unterirdisch. Dazu kamen einige Fehlentscheidungen, bei denen der Chinese stets den riskanteren Stoß wählte, Drachenmut gewinnt keine Turniere. Ich glaube jedenfalls, dass das gestrige WM-Finale nicht das letzte von Ding Junhui gewesen ist. Nächstes mal wird er schwerer zu schlagen sein.

World Snooker hat gestern bekannt gegeben, dass auch die kommenden 10 Weltmeisterschaften im Crucible-Theater ausgetragen werden, dazu kann man den Verband nur beglückwünschen, die Stimmung dort unterscheidet sich dermaßen von anderen Veranstaltungen, wo oft in großen Mehrzweckhallen gespielt wird. Sicher, man könnte wesentlich mehr Tickets verkaufen, aber man würde niemals die unvergleichliche Stimmung bekommen, die durch die Nähe des Publikums zum Tisch entsteht. Der Schmelztiegel ist und bleibt der Tempel des Snooker-Sports. Der Vorverkauf der Karten für das Turnier im kommenden Jahr begann gestern. Das Finale war nach nicht mal zwei Stunden ausverkauft.

Note to self: Tigermücken auch in Burtscheid? Hurt me plenty. Musik: AC/DC, Abnormallity, Aborted, Altarage.