Macht kaputt, was uns kaputt macht

Crushed-HDDs

Nein, nicht nur AnnenMayKantereit haben zu viel Rio Reiser und Ton Steine Scherben gehört. Auch der Autor pflegte die unschlagbaren Platten dieser Berliner Formation und ihres charismatischen Frontmanns mit Begeisterung zu konsumieren und zwar in allen Lebenslagen: Ob man frisch verliebt war („Komm schlaf bei mir“), sich eine Beziehung unaufhaltsam dem Ende zuneigte („Für immer und dich“), ob man gerade verlassen worden war („Junimond“), zwischenzeitlich dem Cäsarenwahn verfallen war („König von Deutschland“), sich mit seinen Eltern im Kriegszustand befand („Ich will nicht werden, was mein Alter ist“), oder eben Krieg mit der ganzen Welt hatte („Macht kaputt, was euch kaputt macht“).

Heute ist mal wieder einer dieser unbrauchbaren Montage: Die Nacht war offenbar zu kurz, der Kaffee schmeckt nach Essig, der Kühlschrank ist leer, man fühlt sich verkatert (dabei hat man gestern gar nichts getrunken), alle Lieblingspullis sind in der (Schmutz-)Wäsche (die man am Wochenende eben nicht erledigt hat), das Wetter ist mies, im Bus riecht es nach Kotze, die Laune des Chefs entspricht der eigenen. Immerhin passt das anstehende Programm genau zu diesem Tag: Ein großer Haufen Hardware ist zu entsorgen. Rechner, Bildschirme, Scanner und Tastaturen fliegen im hohen Bogen in die Gitterboxen, die Geschäftsführung behandelt derweil die Festplatten mit dem Maurerhammer (Ach, wenn doch alle Probleme Nägel wären!). Unser Eifer begeistert sogar die Mitarbeiter des Recyclinghofs. Eingedenk des ausgezeichneten Tatorts aus Erfurt von gestern Abend möchte man mit Goethes Mephistopheles ausrufen:

Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz, das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.

Zum Glück kann ich pünktlich Feierabend machen. Aber nach der Arbeit wird es auch nicht besser. Die Süddeutsche bringt auf ihrer Webseite einen ganzen Schwung pseudofeministischer Artikel. Sexistische Werbung, Beyoncé (= schwarze Frau) als Prototyp des gesellschaftlichen Verlierers (ausgerechnet Beyoncé, ein Treppenwitz), der weibliche Körper als Kampfzone, pseudostatistische Kennziffern zur angeblichen Benachteiligung des weiblichen Geschlechts (Musikerinnen bei „Rock im Park“ 8%!). Normalerweise würde ich derlei Scheiss gar nicht lesen, weil ich schon vorher weiss, was als Aussage unten rauskommt, nämlich, dass alle heterosexuellen weißen Männer Schweine sind, aber heute passt mir die Lektüre ausgezeichnet in den Kram: Erstens will ich mich aufregen, zweitens frage ich mich, um wie viel scheisser sich die armen Verliererinnen in unserer Gesellschaft fühlen können, wo ich mich doch schon so extrem scheisse fühle:

Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war
Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar
Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht
Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht,
Und doch gelingt’s ihm nicht, da es,
so viel es strebt,
Verhaftet an den Körpern klebt.

Eigentlich müsste ich jetzt einen fußkranken Mailserver befummeln, einen Kunden-PC umrüsten und mich dabei nebenbei um den Haushalt kümmern. Gerade letzteres kann ja durchaus kontemplativ sein. Aber die Antriebslosigkeit hat für heute gewonnen. Vielleicht sollte ich mich einfach hinlegen, heute Abend kurz vor Ladenschluss das Nötigste einkaufen, dann was Nettes kochen, mir einen Wein aufmachen und in aller Ruhe die Snooker-WM in Sheffield verfolgen. Morgen ist ein neuer Tag.

Ach wenn in unsrer engen Zelle
Die Lampe freundlich wieder brennt,
Dann wird’s in unserm Busen helle,
Im Herzen, das sich selber kennt.
Vernunft fängt wieder an zu sprechen
Und Hoffnung wieder an zu blühn;
Man sehnt sich nach des Lebens Bächen,
Ach! nach des Lebens Quelle hin.

Note to self: Wer lüftet, lebt. Musik: Nada Surf, Wormed, Explosions in the Sky, Aluk Todolo, AnnenMayKantereit, Textures, Voivod.

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Pursee

Das Wochenende nach Ostern ist der neue Termin für die jährliche Frühlingsfahrt unserer Clique. Und auch wenn wir es uns diesmal im Vorfeld ein bisschen schwer gemacht haben, oder vielleicht sogar deswegen gibt es jetzt eben einen festen Zeitpunkt und ein Organisationsteam, damit das nächstjährige „Gammelwochenende“ ein mindestens so großer Erfolg werden kann, wie das letzte, aber der Reihe nach:

Wasserbauliches
Also der Rursee, die vom Volumen her zweitgrößte Talsperre Deutschlands nach dem Bleilochsee in Thüringen, war diesmal Reiseziel, genauer das am Rande der Ortschaft Rurberg gelegene Ferienhaus „Fuchsloch“. Aufgrund der in der Gruppe formulierten (Halb-)Wahrheiten über dieses Gewässer, will ich mal ein bisschen ausholen: Die Rurtalsperre gliedert sich eigentlich in drei Teile: Den Eiserbachsee, den so genannten Obersee (dort fließt die Rur ein) und den eigentlichen Rursee. Die beiden erstgenannten können als Vorsperren betrachtet werden, wobei auch der Urftstausee dem Obersee sozusagen vorgeschaltet ist. Das Wasser des großen Rursees fließt am Wasserkraftwerk Schwammenauel in das Staubecken Heimbach ab. Klingt ganz einfach, aber in Wahrheit ist es ein bisschen komplizierter.

Als man zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Bau der Eifeltalsperren begann, ging es noch nicht mal in erster Linie um Trinkwassergewinnung oder elektrische Energie aus Wasserkraft, sondern um den Hochwasserschutz: An den Ufern der Rur gab es zahlreiche Papiermühlen, Hammerwerke und andere Kleinindustrie. Und wenn der Fluss Hochwasser führte, dann war nichts mehr mit Geldverdienen. Deshalb war das wesentliche Ziel die Verstetigung der Wasserführung. Dann ging alles ganz schnell: Der Bedarf an Elektrizität schnellte nach oben, Fortschritte im Leitungsbau machten die Versorgung großer Einzugsgebiete aus zentralen Trinkwasserspeichern möglich. Der Talsperrenverbund in der Nordeifel wurde entsprechend erweitert und angepasst. Ziemlich schnell war klar, dass die einzelnen Gewässer durch Stollen zusätzlich verbunden werden mussten, wollte man den vielfältigen Anforderungen Rechnung tragen. Heute verbindet der Kermeterstollen den Urftsee über eine Druckwasserleitung mit dem Jugendstilkraftwerk Heimbach. Der Obersee als Trinkwassertalsperre ist mit der bei Rollesbroich gelegenen Kalltalsperre verbunden. Von dort führt ein weiterer Stollen zur Dreilägerbachtalsperre bei Roetgen. Aha, ach so: Wenn der Aachener sagt, aus seinem Wasserhahn zuhause käme „Roetgener Wasser“, dann ist das nur die halbe Wahrheit, denn ursprünglich stammt dieses Wasser aus dem Obersee, also aus der Rur und den anderen Zuflüssen. Urftwasser wird nie allein und nur selten als anteiliges Rohwasser für das Wasserwerk Roetgen verwendet, das wiederum liegt an seiner vergleichsweise hohen Sedimentfracht. So, jetzt ist es genug, auch wenn ich noch ein paar Seiten füllen könnte.

Rursee_PanoramaStill und starr ruht der Rursee

Kulinarisches
In den vergangenen Jahren entfiel ein guter Anteil der insgesamt verfügbaren Reise-Freizeit auf die Zubereitung von Speisen und die Vertilgung derselben. Diesmal hatten wir uns vorgenommen, kochen und essen nicht auf die Spitze zu treiben. Der Autor beispielsweise bereitete drei Bleche Pizza zu und dies sogar unter Verwendung von praktischen Halbfertigprodukten. Ehrlich gesagt hätte ich etwas anderes nach einer 4stündigen Wanderung durch den strömenden Regen am Donnerstag auch nicht hinbekommen. Trotzdem haben wir nicht gedarbt, im Gegenteil: Es gab natürlich wieder ein englisches Frühstück (am Tag des Boatrace), einen extrem nahrhaften Grillabend und als Krönung ein exquisites „Ofenhuhn auf der Bierbüchse“.

2016-04-01_17-59-54Flattermänner vor dem Fegefeuer

Wassersportliches
Zur Ausstattung des Ferienhauses gehörte auch ein Tretboot. Bereits im Vorfeld trafen deshalb Patrick als „Chief Maritime Officer“ und der Autor als „Offshore Technician in Charge“ Vorbereitungen für den „Eastbeachcup 2016“ ein Einzelzeitfahren für pedalbetriebene Wasserfahrzeuge mit einer Verdrängung nicht über 0,5BRT und einer maximalen Länge von 12 Fuß. Damit es bei diesem Wettkampf nicht nur auf den Umfang der Oberschenkel ankam, wurden zahlreiche Sonderwertungen mit Zeitgutschriften ins Leben gerufen: Neben der Wertung „Best Outfit“ und der „Spirit of the Lake Challenge“ (Kleine Wertung: Mann über Bord. Große Wertung: Durchkentern, Bergung durch örtlichen DRLG, Bericht in der Lokalpresse) gab es auch musikalische Wettbewerbsanteile: Abgesehen von einem frei wählbaren Ablegelied mit seemännischem Charakter, wurde auch ein Anlegelied („Alle Meine Entchen“) seitens der Organisatoren vorgeschrieben.

2016-04-02_14-37-06Das drittplazierte Team „Die Bojenkratzer“ vor dem Wettkampf

2016-04-02_14-34-56Die späteren Sieger „Die Blaue Lagune“ machen sich warm

2016-04-01_11-32-24Test des Wettbewerbsfahrzeuges

Der Wettbewerb war eng und wurde auch durch eine kreative Interpretation des Regelwerks beeinflusst. Noch mal in aller Deutlichkeit: Es war nirgendwo die Rede davon, dass die Teilnehmer mit voller Kraft voraus starten sollten, die Rückwärtswende am Steg war folglich ein zulässiges taktisches Mittel, man muss nur darauf kommen, gell! Das Team „Rurthunder“, das sich aus den Organisatoren der Regatta zusammensetzte, belegte deshalb einen starken zweiten Platz und wurde nur durch die von auswärts angereisten Halbprofis „Die blaue Lagune“ geschlagen. Das Nachwuchsteam „Zwergpiraten“ sicherte sich durch ein selbst komponiertes Ablegelied und eine phantasievolle Kostümierung einen Sonderpreis. Hätten die Jungfreibeuter das Anschlagen am Bootssteg vor lauter „Entchen“ nicht fast vergessen, hätten sie auch eine ansprechende Wertungszeit anbieten können.

2016-04-02_16-06-59„Eastbeach Cup 2016“: Offizieller Wertungsbogen mit Endergebnis

Fazit
Insgesamt hat es uns im „Foxhole“ so gut gefallen, dass wir wohl nächstes Jahr zurückkehren werden. Termin und Location passen gut zusammen, weil die Segelsaison zwischen Woffelsbach und Rurberg im Frühjahr noch nicht richtig begonnen hat. Man kann sich gut vorstellen, was an einem Samstagmorgen im Sommer auf der Zufahrtsstraße zu den Segelclubheimen los ist. Und wenn man sich das Benehmen von manchen dieser Segler, insbesondere denen mit Monstertrailer am Monsterauto vor Augen führt (einer unserer Teilnehmer wurde von so einem Widerling erst von der Straße gehupt, dann fast überfahren, dann aufs Übelste beschimpft), will man mit ihnen lieber möglichst wenig zu tun haben.

Von allem anderen abgesehen, war das diesjährige Gammelwochenende wieder ein echter Bildungsurlaub. Alle Teilnehmer haben sicher das eine oder andere über sich selbst, aber auch über die Gesamtgruppe gelernt. Und außerdem durfte ich feststellen, dass es unumstössliche Wahrheiten gibt, von denen man auch im grauen Alltag profitieren kann:

2016-04-01_15-36-10Helfen wir der Landwirtschaft!

Note to self: Ein Bröckchen in den 14. Tag gerettet. Gut so! Musik: Georg Danzer, The Gossip, Gentle Giant, Genesis.

Taub

Ich komme nach Hause und bin nicht allein, da ist nämlich schon jemand oder etwas. Sie ist taubengroß, taubenblaugrau gefiedert und gibt ein nervöses Gurren von sich. Ach hätte ich doch heute morgen das Fenster nicht offen stehen lassen. Mein neuer Mitbewohner, ich nenne ihn wahlweise Norbert oder Tusnelda, ist offenbar schon eine ganze Weile in der Wohnung, davon zeugen zahlreiche schmierige Hinterlassenschaften: In der Diele, auf meinem Schreibtisch, auf meinem Wohnzimmerteppich, auf meiner Werkbank, auf der Tastatur vom Cube. Rats!

Ich überlege: Vielleicht ist Tusbert bzw. Nornelda ja jetzt, wo er oder sie festgestellt hat, dass meine Wohnung durchaus noch bewohnt ist und zwar von mir, bereit das Feld zu räumen, ganz freiwillig und ohne Druck? Das Fenster steht immer noch weit offen. Ich schütte mir also noch einen Kaffee ein, nicht ohne Tasse und Kanne auf Taubenspuren zu überprüfen, irgendwie ein Scheissgefühl (ich sehe mich schon Geschirr und Besteck komplett prophylaktisch spülen), mache mir fette Musik an und gebe mich auch sonst laut als Revierbesitzer zu erkennen. Nach 10 Minuten checke ich noch mal mein Schlaf/Arbeitszimmer.

Er ist immer noch da. Es muss ein „Er“ sein. Ein weibliches Wesen hätte längst Feinfühligkeit und mütterliche Güte unter Beweis gestellt und wäre schon aus Höflichkeit weggeflogen. Er nicht. Im Gegenteil: Er thront auf einem Macbook Pro, das nicht mir gehört, und ruft zärtlich und ermunternd nach draußen. Und dort sitzt tatsächlich eine weitere Taube auf der Regenrinne und schaut interessiert nach drinnen. „Nun komm‘ schon!“ scheint er zu gurren, „der Typ hier ist weichherzig und sozial veranlagt und wird sicher zwei Flüchtlinge aufnehmen. Beeil‘ dich und bring schon mal Material für den Nestbau mit.“

Ich muss meine Strategie ändern und mache einige entschlossene Schritte auf Norbert zu. Er hebt ab, fliegt einen eleganten Bogen und klatscht, den Kopf voran, gegen den geschlossenen Fensterflügel. Dann schmiert er ab, landet auf der Fensterbank und schaut mich halb verwundert, halb verärgert an. Draußen flippt seine Alte völlig aus. „Norbert, mein Süßer“ säusele ich „das war doch schon prima. Versuchs doch noch mal, diesmal ein bisschen weiter rechts.“ Er denkt gar nicht dran, sondern hüpft von der Fensterbank auf den Werkstattrechner, dann auf den Stuhl, dann auf den Teppich. Da bleibt er hocken.

Ein zweiter Versuch: Diesmal begleite ich meinen Vorstoß mit einem herzhaft gezischten „Verpiss dich!“. Norberts Katapultstart und Steilflug enden tragisch, erneut an der Fensterscheibe. Diesmal landet er, ganz offensichtlich heftig bematscht, auf dem Drucker. Er dreht sich, legt den Kopf schief und glotzt. Sein Blick heißt: „Ich würde dich töten, wenn ich könnte.“ Komisch, genau das habe ich auch gerade gedacht. Oh, und ich würde Norberts Kadaver auf einen Pfahl spießen und diesen zur Mahnung an alle Aachener Täuberiche und Tauben am Balkongitter befestigen. Mit weit ausgebreiteten Armen mache ich einen Schritt nach vorn und flüstere: „Letzte Chance, gleich ist Krieg!“ Norbert macht einen Hüpfer und scheisst in den Einzelblatteinzug.

Ich werde böse, jetzt echt und hole den Besen. Diesen wie einen Kriegshammer schwenkend bewege ich mich auf den renitenten Taubenmann zu. Der entleert sich auf das Bedienfeld des Druckers, hebt erneut ab, klatscht dreimal hintereinander an das Fensterglas, aber diesmal scheucht ihn der Besen immer weiter Richtung Freiheit. Leider wischt der Besenstiel dabei auch einen Schwung Kabel, Notizen und einen Karton mit PC-Komponenten vom Tisch. Davon lasse ich mich gar nicht beirren, gehe konsequent weiter mit meiner Hiebwaffe vor und trete dabei in eine Grafikkarte. Naja, ein bisschen Schwund ist ja immer. Norbert sitzt wieder auf der Fensterbank. Mit vorsichtigen Besenbewegungen treibe ich ihn in die richtige Richtung, jetzt trippelt er direkt vor dem offenen Fenster.

Ich stoße einen Schrei aus, stoße den Besen nach vorne und das Wunder geschieht: Er flattert rüber auf das Dach, wird dort direkt von seiner Liebsten beturtelt. Ich schließe das Fenster, bereite den Putzkram vor und krieche dann ein knappes Stündchen durch die Wohnung, um Norberts unappetitliche Hinterlassenschaften zu beseitigen. Ob die Tasten des Druckers seiner korrosiven Kacke auf Dauer standhalten, das muss sich noch zeigen. Die Grafikkarte ist übrigens hin.

Note to self: Ist der User beschränkt, hilft auch kein smartes Telefon. Musik: Nada Surf, Wormed, De-Phazz, Aluk Todolo.