Niederrheinische Niederungen

Neuss

Man muss schon ein bisschen bescheuert sein, wenn man einen immerhin 12 Kg schweren Drucker in der schönen Kaiserstadt auf eine Sackkarre packt, um ihn von Haus zu Haus, von Bahnhof zu Bahnhof, vom Westzipfel an den Niederrhein zu transportieren, dortselbst auszupacken und in Betrieb zu nehmen. Aber was tut man nicht alles für die geschätzte Kundschaft. Gut: In Krefeld war ich schon länger nicht mehr und die Reise dorthin verschafft ja auch Einsichten, die einem sonst entgehen würden. Zum Beispiel, dass es für erwachsene Männer jeden Alters, sobald man von Erkelenz weiter Richtung Nordosten vorstösst, offenbar zum gediegenen Auftreten gehört, schon Mittags eine offene Bierflasche in öffentlichen Verkehrsmitteln mit sich zu führen und zu verkonsumieren. Ich konnte mich zudem des Eindrucks nicht erwehren, dass in den rheinischen Niederungen noch mehr Freaks unterwegs sind, als in meiner Heimat. Lag vielleicht auch an der Reiseuhrzeit.

In Krefeld angekommen durfte ich zum ersten Mal seit ganz langer Zeit wieder mal Straßenbahn fahren: Noch mehr Freaks, noch mehr Flaschenhalter. Außerdem hat die „Elektrische“ einen gewaltigen Antritt, der mich und meine Sackkarre jedesmal aus der Balance brachte. Das gleiche bei jedem abrupten Abbremsen im Mischverkehr. Zum Glück sind es vom Hauptbahnhof bis zur Philadelphiastraße nur 3 Stationen. Knapp zwei Stunden später war die Arbeit getan und dann begann sie, die nervige Rückreise:

Wenn man von Krefeld nach Aachen möchte, kann man entweder über Mönchengladbach fahren, das ist von der Strecke her die günstigste, weil kürzeste Verbindung. Der DB-Navigator auf meiner Mobilfunke spuckte aber eine Reiseroute über Neuss als zeitlich passende Variante aus, mit der Option nicht nur den Schlenker nach Südosten zu machen, sondern eventuell bis Köln durchzufahren und dort einen -gestern verspäteten- RE abzupassen. Hätte gut klappen können, wirklich. Ich wollte Mut und Flexibilität beweisen und bestiegt -noch fröhlich- in K-Feld den nur 5 Minuten überfälligen RE Richtung Domstadt. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich in Köln immerhin noch 7 Minuten Spielraum gehabt. Aber Pustekuchen: Tatsächlich hielt der Zug gestern aus mir unerfindlichen Gründen auf freier Strecke und die 7 Minuten verrannen. Nun gut, dann eben gerade noch fristgerechter Umstieg in Neuss und die Reisezeit wäre mit rund 2 Stunden und 10 Minuten im Rahmen geblieben.

In Neuss hetzte ich mit meiner Karre auf den richtigen Bahnsteig und wurde dort mit einer Durchsage begrüßt: “ Der Regionalexpress Hastenichgesehen über Rheydt und Mönchengladbach nach Aachen, planmäßige Abfahrt 16:41 muss heute aus technischen Gründen entfallen. Wir bitten um Ihr Verständnis.“ Der nächste Zug nach Hause geht in 70 Minuten, die Alternative über Köln hat jetzt schon 20 Minuten Verspätung. Au Backe.

Der Hauptbahnhof in Neuss bietet wenig, um einem Reisenden den Aufenthalt angenehm zu machen: Das gastronomische Angebot ist bescheiden, eine richtige Wartehalle gibt es nicht, da es sich um einen Inselbahnhof handelt, der sozusagen von den Gleisen umschlossen ist. Alles wirkt ungemütlich, düster und vergammelt. Mich plagten Hunger und Durst. Und wenn man dann schließlich mit einem allenfalls lauwarmen Kaffee und einem nur mäßig belegten, pappigen Käsebrötchen wieder auf dem eiskalten und zugigen menschenleeren Bahnsteig steht und der Abenddämmerung dabei zusieht, wie sie die Konturen von ruinenhaften Gewerbebetrieben, die vor 45 Jahren sicher mal Speerspitze und Zierde der deutschen metallverarbeitenden Industrie waren, in den Schatten fallen lässt, dann stellt sich ein Gefühl großer Einsamkeit ein. Und wenn man dann schließlich in den völlig überfüllten Zug einsteigt und sich unter die übelstgelaunten Pendler mischt, die laut Fahrplan eigentlich schon alle zu Hause sein sollten, dann verflucht man sein Schicksal und wünscht sich eine Teilhabe an der automobilen Labsal um die herum unsere Gesellschaft nun mal organisiert ist. Ach ja.

Übrigens: Nächste Woche muss ich nach Niederkrüchten-Elmpt. Das wird bestimmt noch viel lustiger.

Note to self: Nicht besonders intelligent kopfgerechnet, die Wirtin freuts. Musik: Obscura, Hexvessel, Jesus Messerschmitt.

Salz auf meiner Haut

Wer an dieser Stelle -wegen der Überschrift- ein schlüpfriges, halbseidenes Elaborat erwartet, den muss ich enttäuschen. Die Rede wird vielmehr von einem grandiosen aber ganz alltäglichen Scheitern sein, das fast jeder so oder so ähnlich bereits erlebt hat. Das Ganze kurz und bündig:

Endlich wieder einkaufen, nach überstandenem Rosenmontag. Verschärft wurde die Leere des Kühlschranks durch die spontane Ausweitung meiner Dienstzeit am Freitag bis in den Abend (Chefs und ihre lustigen Ideen) und einen Kunden, der eine notorische Neigung besitzt, stets zu den ungünstigsten Zeitpunkten die erheblichsten Probleme zu vermelden und sofortige Bearbeitung derselben zu verlangen. So saß ich dann Samstag bis nach 22 Uhr in der Fernwartung und spätestens Sonntagabend nahrungsmittelmäßig ziemlich auf dem Trockenen. Und gestern Abend fand ich mich sogar in einer langen Schlange von mehr oder weniger kostümierten, durchweg alkoholisierten Menschen wieder, um nach ein paar pappigen Bulettenbrötchen anzustehen.

Man kann also nachvollziehen, dass der heutige Einkauf etwas üppiger ausfallen musste, sämtliche Resourcen waren erschöpft. Nun ist Einkaufen eine Tätigkeit, die bei mir in der Regel nach dem „schnell rein – schnell raus“- Prinzip abläuft. Auf einen Einkaufszettel verzichte ich. So kann es vorkommen, dass ich mein Wägelchen an einem Artikel vorbeischiebe und plötzlich die Frage auftaucht, ob ich noch genug davon zuhause bevorrate, oder ob ich lieber noch eine Einheit mitnehme. So ging es mir heute mit dem Artikel „Kochsalz“. Da ich mir wirklich nicht sicher war, packte ich ein Kartönchen in den Wagen und später dann in den pickepackevollen Rucksack. Dann eilte ich beschwingt nach Hause, da ich 1.) Lust auf die leckeren Sachen in meinem Rucksack hatte und 2.) just beim Verlassen des Supermarktes ein mittelschwerer Wolkenbruch einsetzte.

Zuhause angekommen wuchtete ich den Rucksack auf die Küchenzeile, um zu verstauen und sofort in die Zubereitung eines großen Schwungs an Frühstücksbroten nebst Kaffee (auch der war mir ausgegangen, grauenhaft) einzusteigen. Doch als ich das Transportbehältnis öffnete, bot sich mir ein tragischer Anblick: Der Salzkarton war von einem benachbart gelegenen Nahrungsmittel penetriert und aufgerissen worden und deshalb fast seines kompletten Inhalts verlustig gegangen. Zusätzlich war eine gute Portion des oben erwähnten Wolkenbruchs in den Rucksack gelangt. Das Ergebnis: Eine dickflüssige Salzlake umgab den gesamten Einkauf. Na spitze.

5 Minuten später war alles Eingeschweißte im Spülbecken, alles Nichteingeschweißte, also auch das Brot, entsorgt. Die Sole befand sich nunmehr auf meinen Pfoten, auf meinem Pulli, auf meiner Brille, hinter meiner Brille, in der gesamten Küchenecke, auf dem Boden vor der Küchenecke, auf meinen Schuhen und wer weiß wo sonst noch. Von Frühstück konnte keine Rede mehr sein. Draußen regnete es immer noch sehr heftig, egal. Mit dem Zweitrucksack auf den Schultern trat ich den Weg zum nächsten Bäcker an: „Ein Belegtes mit Rührei, ein Belegtes mit Schinken und einen großen Kaffee mit viel Milch bitte.“ Na also, geht doch.

Note to self: Hasskommentare auf Facebook? 10 Minuten Youtube reichen schon. Es kotzt mich an. Musik: Aluk Todolo, Textures.

Wohlfeiles Dreinschlagen

Das ganz grundsätzliche Problem des Feuilletons ist, dass es sich stets auf einer Gratwanderung befindet: Einerseits will es obergescheit sein und sich bloß nicht am Massengeschmack orientieren, andererseits will es von einem marktrelevanten Anteil der Konsumenten gelesen werden, sonst würde es abgeschafft. Für die Rubrik „Abgehört“ auf SPON gilt das auch, mal abgesehen davon, dass eine der meist aufgerufenen Internetseiten Deutschlands eigentlich kein Feuilleton haben kann: Welcher selbstreflektierte Mensch will schon zwischen den Hasstiraden eines Jan Fleischhauers und den Hasskommentaren selbsternannter „aufrechter Deutscher“ stehen? Ein klassischer Fall für die freiwillige Selbstkontrolle eigentlich, aber sie funktioniert halt nicht.

In der aktuellen Ausgabe der spiegelschen Musikecke arbeitet sich Tex Rubinowitz am neuen Album von Megadeth ab, nur deshalb habe ich sie gelesen. Von vorne herein war klar, dass nur ein vernichtender Verriss dabei herauskommen kann, dem ich mich gerne anschließe, ohne das Album überhaupt gehört zu haben. Als die letzte halbwegs originelle Platte von Dave Mustaines Kapelle herauskam, da hatte ich noch Haare. Wenn ich mich trotzdem über das Geschreibsel des Herrn zu Guttenberg -äh- Rubinowitz öffentlich empöre, dann liegt das vor allem am einleitenden Absatz:

„Metal als Formel ist ja im Prinzip ganz einfach: Alles ist kontrollierte Überraschung, zu der zunächst kokett der Zugang verweigert wird. Aber wenn man mal drin ist, wird man Teil der Zerstörung, das ist das Kapital, und dann bekommt man die Lösung (Katharsis) angeboten, sozusagen als Zinsen. Witz hat beim Metal genauso wenig verloren wie Kreativität. Bier gibt’s auch noch, auch nicht gerade das witzigste Getränk, deswegen schmeckt’s ja auch so gut. Dann könnte man noch über Toleranz reden, in Wacken sicher, ist ja auch ein Massenkuschelfestival, sonst aber eher nicht so.“

Selbst für einen unterdurchschnittlichen Beitrag auf SPON greift der Begriffsdreiklang: „Zerstörung, Bier, Wacken“ ein wenig kurz, nicht wahr. Selbstverständlich gibt es abseits des angetrunkenen, langhaarigen Kuttenträgers, der Luftgitarre spielt, noch andere Metalheads. Ja es gibt sogar Protagonisten des Genres, die nicht nur witzig, sondern sogar selbstironisch, höchst kreativ, kein bisschen kokett und in jeder Hinsicht tolerant sind. Nur scheint Rubinowitz von diesen avantgardistischen Speerspitzen keine Ahnung zu haben. Da ist es viel einfacher, einen abgehalfterten Ex-Junkie in die Pfanne zu hauen, auch wenn dieser -im Gegensatz zum Autor – durchaus Gitarre spielen kann.

Im letzten Absatz der Plattenkritik heißt es dann: „Die Metallica von heute heißen auch eher Volbeat“. Tja, da bleibt sogar mir fast die Spucke weg: Wer eine der richtungsweisenden Bands der Musikgeschichte in einem Atemzug mit dieser furchtbaren dänischen Schunkelkapelle nennt, sollte sich vielleicht besser ein anderes Thema suchen, über das er schreiben möchte.

Note to self: Feuchtigkeit unten drunter, passt mir gar nicht. Musik: Obscura, Salome.