Menschen und Maschinen

Unternehmensberatungen und Soziologen stimmen uns auf folgendes Szenario ein: Was im Bereich Fertigung/Produktion schon lange gang und gäbe ist, wird auch in den angegliederten Prozessen Platz greifen: Die menschliche Arbeitskraft wird durch immer leistungsfähigere Roboter und Software ersetzt werden. Also werden in Zukunft Autos nicht nur von Maschinen montiert werden, auch ihre Vermarktung, die zugehörige Bedarfsplanung und Prozesskontrolle wird maschinell bewerkstelligt werden. Für das denkende und fühlende Individuum bedeutet das folgendes: Wir werden uns demnächst nicht nur mit  Rationalität (Einsicht) und Bauernschläue (Beharrlichkeit), sondern auch mit Maschinenschläue auseinandersetzen müssen. Was das heute schon bedeutet, will ich an einem kleinen Beispiel erläutern:

1.) Der Kunde braucht einen neuen Drucker und lässt sich von seinem IT-Dienstleister ein Modell empfehlen. Der Dienstleister bestellt den Drucker bei einem großen Online-Händler. Der automatisierte Bestellvorgang spuckt nach wenigen Minuten eine E-Mail aus. Als voraussichtlicher Zustelltermin wird der gerade vergangene Samstag mitgeteilt. Prima, da bin ich zu Hause.

2.) Bereits am Freitag Nachmittag finde ich den berühmten gelben Zettel im Briefkasten: Man habe mich nicht angetroffen, der Drucker (ein ausgewachsenes Exemplar mit erklecklichem Gewicht) könne am Samstag in der angegebenen Filiale abgeholt werden. Maschinenschläue bedeutet in diesem Fall: a) Schneller ist besser b) Wat jeht mich mein Jeschwätz vunn Jestern an c) Wat fott ess, ess fott.

3.) Besagte Filiale ist am Samstag chronisch überlaufen, der Drucker ist schwer. Ich beauftrage also eine Zweitzustellung zu einem mir genehmen Zeitpunkt. Der Auftrag wird wiederum per E-Mail bestätigt. Alles Brause.

4.) Der mir genehme Zeitpunkt ist bereits verstrichen. Ich befrage die maschinenschlaue Internetseite nach dem Verbleib meiner Sendung. Dort steht: „Der Abholauftrag wurde zur Durchführung am nächsten Werktag an den Zusteller übermittelt.“ Außerdem: „Die Sendung wird beim Absender abgeholt.“ Maschinenschläue bedeutet hier: „Wo wir sind, ist vorn. Wenn wir hinten sind, ist hinten vorn.“

5.) Ich versuche mich telefonisch zu erkundigen. Natürlich ist nur ein Ansageroboter dran, der mich zunächst befragt. Ich gebe Auskunft, nenne auch die Sendungsnummer, die sogar von der Robotik verstanden wird. Als nächstes soll ich meine Postleitzahl nennen. Das mache ich auch, mündlich und per Tasteneingabe. Die Maschine sagt: „Diese Postleitzahl stimmt nicht mit der der Sendung überein.“ Soso. Wie hat mich dann der gelbe Zettel erreicht? Normalerweise wird man in so einem Fall mit einem Menschen verbunden, mit dem man den Sachverhalt klären kann. Hier nicht. „Vielen Dank für Ihren Anruf“, dann legt die Anlage auf. Maschinenschläue bedeutet hier: „Et hätt noch immer joot jejange.“

6.) Eine weitere Servicenummer lässt sich mit Mühe ermitteln. Nach dem Vorspiel mit dem Telefonroboter bekomme ich tatsächlich einen Menschen ans Rohr. Zwar spricht er nicht so gut Deutsch und nuschelt ziemlich, aber OK, wir kommen voran. Ich schildere den Sachverhalt, er bestätigt meinen Befund. Das ist schön, aber trotzdem irgendwie unzureichend. Ich frage: „Was machen wir denn jetzt?“ Er sagt: „Ich schreibe einen Kommentar ins System.“ Zack! Jetzt sind wir beim Kern des Problems, der Übermacht des Systems nämlich. Maschinenschläue bedeutet auch: „Wir sind die Borg. Sie werden assimiliert werden. Deaktivieren Sie Ihre Schutzschilde und ergeben Sie sich.“

7.) Was ich jetzt nicht tun werde: Zur Filiale laufen und dort nach meiner Sendung fragen. Das tat ich letztes Mal: Zettel vorgelegt, Problem beschrieben, gefragt: „Wo ist denn mein Paket jetzt?“ Antwort (nach Prüfung im System): Schulterzucken, „Das weiß ich auch nicht.“ (Nein, das ist leider kein Witz.) Frage: „Wann kommt es denn voraussichtlich?“ Antwort: „Das müssen Sie abwarten.“ Maschinenschläue bedeutet eben auch: „Et kütt wie et kütt.“

8.) Mein Kunde ruft an, er will vermutlich seinen Drucker. Ich lasse meinen Anrufbeantworter den Anruf beantworten. Maschinenschläue bedeutet letztenendes: „Was ihr könnt, kann ich schon lange.“

Note to self: Wird es dir jetzt nicht selber zu kaputt? Musik: Protest the Hero, Agoraphobic Nosebleed, Entropia.

Kein Beitrag

Ludwig Wittgenstein und Anicius Boethius könnten Pate stehen für diese Zeilen, die eben eigentlich gar nicht zu lesen sein sollten. Sie sind Ergebnis einer flüchtigen Durchsicht der üblichen Online-Medien an einem Sonntag Vormittag, mit dem ersten und dem zweiten Kaffee. Das zugrunde liegende Problem ist bekannt, es nennt sich „horror vacui“, die Angst vor der leeren Leinwand. Verschärft wird es noch, wenn es um regelmäßig wiederkehrende Ereignisse und Publikationen geht, das kennen vor allem Kolumnisten und Leitartikler, aber auch die Komitees für alljährlich zu vergebende Preise und Ehrungen. Sybille Berg und der Elferrat des Aachener Karnevalsvereins wissen Bescheid. Was man diesen Menschen wünscht, ist ja im Grunde der vielbeschworene „Mut zur Lücke“, denn diese Lücke könnte sowohl auf der Sender- als auch auf der Empfängerseite Gelegenheit für eine fruchtbare Phase der Kopfentleerung, meinethalben im Sinne der buddhistischen Einsichtsmeditation sein.

Wer glaubt, dieser Mangel an Mut zur Enthaltsamkeit sei nicht der Rede wert, der mag sich die letzten Ausgaben des „Schwarzen Kanals“ auf SPON oder die jüngsten Einträge auf der Liste der Friedensnobelpreisträger zu Gemüte führen, dann wird die ganze grausame Tragweite offenbar. Doch es fehlt nicht nur an Courage: Geltungssucht und Narzissmus sind Treibstoff für das große Scheitern, wenn die Auslassung nicht gelingt. Und weil uns diese Charakterlosigkeiten nicht auszutreiben sind, sollten wir zumindest eine thematische Beschränkung mit uns ausmachen, damit es nicht ganz so peinlich wird.

Deshalb will ich mal kurz aufzählen, worüber bei „Just Skidding“, zumindest mittelfristig, nicht geschrieben werden wird: Flüchtlinge, die SPD, das Dschungel-Camp, die derzeitige Regierung Polens, der Klimawandel und Alemannia Aachen. Allen diesen ist eines gemeinsam: Es gibt es nichts hinein zu geheimnissen.

Seit ich diesen (Nicht)-Beitrag begonnen habe, sehe ich einen leicht dicklichen Gymnasiasten mit angeklebtem Bart vor meinem geistigen Auge. Er heißt Matz und hier ist sein Text:

„Forscht, wo ihr was zum Forschen findet.
Das Unerforschbare lasst unergründet.
Wir kennen euch. Ihr seid entrüstet,
wenn euch etwas verboten ist.
Ihr tut, als ob ihr alles wüsstet.
Obwohl ihr noch viel wissen müsstet,
bevor ihr nur ein Zehntel wisst.“

(Erich Kästner, „Das fliegende Klassenzimmer“)

Note to self: Aufgelaufen, abgesessen, eingefädelt. Und dann noch daneben getippt. Musik: Baroness, Mother’s Cake, Hercyn.

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Ah ja. Für mich ist der dreckige Hardrock dieses Trios untrennbar mit meiner Zivildienst-Zeit verbunden. Wir hingen ständig bei einem Kumpel ab, der seinen Dienst am Staat in einem Altersheim in der Innenstadt versah. Seine Zivibude war im gleichen Gebäude und so großzügig bemessen, dass immerhin eine Sitzgruppe hineinpasste, kein Vergleich zu meinem Hühnerkäfig im Schwesternwohnheim. Und er hatte die „Edelstahl“ als LP (damals ein gängiges Verbreitungsformat und noch kein profilneurotisches Hipster-Ding).

Jeder, der die Platte kennt, liebt sie. Sie ist ein klassischer Geheimtip. Bis gestern hatte ich nur zwei, drei Stücke dieses Albums, die den übrig gebliebenen Platz einer Kassetten-Aufnahme einer Frank Zappa Platte ausfüllten. Kostenbewusste Musikliebhaber machten das damals so, keine Minute Spielzeit sollte verschwendet werden. In den vergangenen Jahren habe ich hin und wieder nach dem Album im Internet gesucht, aber es wurde nur selten angeboten: Die CD war kaum zu bekommen, LPs wurden zu ziemlichen Wucherpreisen feilgeboten. Aber letzte Woche schauten mein Bruder und ich zufällig bei ebay rein und tatsächlich gab es eine günstige Offerte. Ödli schlug zu und machte mir das gute Stück zum Geschenk – dafür nochmals verbindlichsten Dank.

Jetzt bin ich stolzer Besitzer eines Tonträgers, der irgendwo auch Bestandteil meiner Vita ist. Besagter Zivi-Kumpel ist seit Jahren aus meinem Gesichtsfeld verschwunden, darüber könnte ich auch eine Menge schreiben, aber sicherlich nicht an dieser Stelle. Wenn man ihn googelt, findet man einen italienischen Basketballtrainer gleichen Namens. Ansonsten gibt es keine digitalen Spuren. Sollte er tatsächlich über diesen Beitrag stolpern: Der Skidman steht im Telefonbuch. Ein gemeinsamer Kaffee dauert eine Viertelstunde.

Note to self: Spielen wir Schreinerquartett. Das ist lustiger als nicht bezahlter Plattentausch. Musik: Jesus Messerschmitt.

Frau Vahabzadeh,

auch wenn ich mir vorgenommen habe, mich in das Gender-Thema nicht mehr so verbeißen zu wollen, Ihr heutiger Debattenbeitrag in der Süddeutschen erfordert wenigstens eine Kurzreplik. Sie schreiben:

„Haben Frauen wirklich Rechte – oder nur eine Arbeitserlaubnis? Die Frage stellt sich auch nach den Übergriffen von Köln.“

Liebe Frau Vahabzadeh, zunächst empfehle ich Ihnen einen kurzen Blick ins Grundgesetz. Sodann sollten Sie sich mit Ihren Geschlechtsgenossinnen mal über deren Lebenswirklichkeit unterhalten. Ansonsten nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass in der Bundesrepublik seit Anfang 2005 keine Arbeitserlaubnis mehr erteilt wird, sondern die Aufnahme entgeltlicher Arbeit mit einem Aufenthaltstitel gestattet werden kann, so steht es im Zuwanderungsgesetz. Wie man daraus einen Zusammenhang zu allgemein geltenden Menschen- und Bürgerrechten herstellt? Das wird wohl für immer Ihr Geheimnis bleiben.

Frau Vahabzadeh, die Berichterstattung und Kommentare zu den Verbrechen der Kölner Silvesternacht sind auch ohne Ihren peinlichen Beitrag ganz bestimmt kein Ruhmesblatt für Ihre Zunft, im Gegenteil. Zwo Dinge interessieren mich besonders: Was muss man rauchen, um so einen geistigen Dünnpfiff abzusondern? Und was reitet die Online-Redaktion einer reputierlichen Zeitung, diesen Misthaufen dann auch noch zu veröffentlichen? Wenn Dummheit auf Scheuklappendenken trifft, kommen Dokumente spektakulären Scheiterns dabei heraus. Sie, Frau Vahabzadeh, beweisen das in nicht mal 20 Worten, unterirdischer geht es kaum.

Note to self: Dreimal ist göttlich, aber jetzt ist es auch gut. Musik: Keine, Wintersport.

OK, Freunde

Eigentlich ist es doch gar nicht so schwer, oder? Jeder Mitmensch hat das Anrecht auf ein Mindestmaß an Respekt und damit auch auf ein Mindestmaß an Höflichkeit. Dazu gehört zum Beispiel, dass man das Rückgeld auf die gereichte Hand fallen lässt und nicht auf die Theke, von der die Münzen einzeln mit spitzen Fingern aufgeklaubt werden müssen. Dazu gehört, dass man offensichtlich gehbehinderten Menschen seinen Platz im Bus anbietet und Rollstuhlfahrern die Rampe runterklappt. Und dazu gehört auch, dass man erst alle Passagiere, die aussteigen möchten, tatsächlich aussteigen lässt und sich nicht an ihnen vorbei in den Bus drängelt. Dazu gehört, dass man sich am Telefon nicht mit „Ja?“, sondern mit „Hallo Skidman“ meldet, wenn die bekannte Nummer auf dem Display erscheint. Und dazu gehört, dass man die Tageszeit sagt, wenn man einen Raum betritt und zurück grüßt, wenn man gegrüßt wird. All das hat nichts mit Wertschätzung oder Sympathie zu tun, sondern mit den absoluten Basics, die uns das Leben auf diesem Planeten halbwegs erträglich machen.

Keine Ahnung was sich meine Mitmenschen fürs neue Jahr so vorgenommen haben, aber mit dem, was ich immer Minimalrespekt nenne, können ihre guten Vorsätze nichts zu tun haben. Ja, ich weiß, die Zeit nach Silvester ist für uns alle nicht einfach: Der Alltag hat uns wieder, das Wetter ist meist bescheiden, einige sehnen sich nach Nikotin, andere nach einem Stück Kuchen, wieder andere wünschen sich nichts mehr, als dass Karneval vorbei sein möge. Das Leben ist kein Ponyhof und der Teufel ist ein Eichhörnchen, aber trotzdem muss man sich zusammen reißen.

Die Zyniker unter uns haben schon lange beschlossen, dass der Ehrliche der Dumme ist (Das ist natürlich Blödsinn: Der Ehrliche ist der Ehrliche und der Dumme im Gegensatz zu ihm meist glücklicher als der durchschnittlich intellektuell Begabte. Beide würden nicht miteinander tauschen wollen.). Lassen wir es nicht so weit kommen, dass auch noch der Freundliche als der Dumme verschrien wird.

So, ich gehe heute Abend mit ein paar netten Menschen ein gepflegtes Bier trinken. Und bis auf weiteres halte ich es mit Tocotronic: „Ich mach‘ meinen Frieden mit euch“.

Note to self: Ein Schein, ein NAS, ein Damenunterrock und vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran. Musik: Abbath, Anthrax, Wailin Storms, Lychgate.

Westmalle Triple

WestmalleJaja, da werden Erinnerungen wach: An die belgische Küste natürlich. Nach dem Frühstück (die Eier schmeckten immer ganz deutlich nach Fischmehl, das hasse ich ja) ein, zwei Stündchen am Wasser entlang und dann zum gepflegten Frühschoppen in irgendeine Strandbar. Nach einem Gläschen von obigem Gesöff war der Tag eigentlich schon gelaufen. „Westmalle“ ist folglich nicht nur der Name einer Starkbierspezialität, sondern auch kennzeichnend für einen Geisteszustand. „Sich westmalle fühlen“, das bedeutet eben genau ziemlich angeschickert zu sein und das zu einer eigentlich dafür nicht geeigneten Tageszeit. Keine Markenbezeichnung könnte besser zu diesem Produkt passen. An den Geschmack des Gebräus konnte ich mich bis gestern Abend gar nicht mehr so genau erinnern. Uff!

Note to self: Genau 4,0 und keine Minute länger. Bestrafe keinen, erziehe Einen. Musik: Kill It Kid, Baroness, Sikth, Mother’s Cake.

Die 10 besten Alben des Jahres 2015

Doch, es muss sein, ihr kommt nicht drum herum. Und da ich bislang im Dezember in diesem Blog auch noch nicht so besonders viel veröffentlicht habe, kommt der Beitrag erstens in extremer Länge (durchhalten!), zweitens fristgerecht und drittens sozusagen als krönender Abschluss des fast vergangenen Jahres. Folgendes vorweg: 2015 war aus musikalischer Sicht für mich ein enorm ergiebiges Jahr mit einigen sehr schönen Überraschungen und wenigen Ausrutschern nach unten. Nun denn, auf geht’s:

Platz 10: Iwresteledabearonce – Hail MaryHail_Mary_(IWABO)Sollten die aus Louisiana stammenden Bärenringer sich vorgenommen haben, sich von dem Vorurteil zu befreien, sie seien ja in Wirklichkeit eine Spaßband, der es nur darum geht, möglichst viele durchgeknallte Einfälle in möglichst verschrobene Stücke zu verpacken und das Publikum zu vergackeiern, dann ist dieser Plan mit „Hail Mary“ aufgegangen. Das neue Album ist bretthart, unbarmherzig bis zur Schmerzgrenze und auch für jemanden, der gerne Mathcore hört, eine wirkliche Herausforderung. Man kann darüber denken, was man will: Liegt es an Courtney LaPlante, die seit 2012 Krysta Cameron am Mikro ersetzt? Liegt es daran, dass die Band beschlossen hat, erwachsen zu werden (klappt eh nicht, Leute!)? Oder liegt es einfach daran, dass man sich vorgenommen hat, ein möglichst heftiges Album zu schreiben? Was auch immer der Grund ist, das Ergebnis beeindruckt. Abgesehen davon, dass „Hail Mary“ technische Finessen, ausgereifte Arrangements und die typischen verschachtelten Songstrukturen bietet, und dabei den Vorgänger in all diesen Disziplinen schlägt, zeigt die Platte, dass es auch Bands gibt, die mit der Zeit nicht zahmer, sondern wilder und extremer werden.

Platz 9: Faith No More – Sol InvictusFaith-No-More-Sol-InvictusEigentlich war mit diesem Album nicht zu rechnen. Ich hätte keinen roten Heller darauf gesetzt, dass „Faith No More“ sich noch mal zusammenraufen und nach 18 Jahren eine neue Studioplatte herausbringen. Die Reaktionen des Publikums waren vorhersehbar: 1.) „Sol Invictus“ ist nicht so gut wie „Angel Dust“ (Ja, wie auch?) 2.) Die Musik passt gar nicht mehr in unsere Zeit 3.) Mike Patton ist ein arrogantes Arschloch (Stimmt vielleicht sogar, aber er singt jeden Chartbreaker in Grund und Boden). Jetzt mal ehrlich: Auf dem neuen Album sind einige herausragende Stücke: Kompositorisch ungeheuer reif, perfekt arrangiert und mit viel Liebe und großem handwerklichen Geschick aufgenommen. Und obwohl seit „Album Of The Year“ fast 20 Jahre vergangen sind, klingt jeder Takt absolut unnachahmlich nach der Band, die uns ab Mitte der 80er so gründlich weggeblasen hat. Deshalb kann es auch nicht verwundern, dass genau dieses Jahrzehnt mitunter überdeutlich durchschimmert. Na und? Hätte man ihnen etwas anderes, stilistisch völlig neues denn überhaupt abgenommen? „Faith No More“ müssen niemandem mehr etwas beweisen, sie haben es aber mit „Sol Invictus“ trotzdem getan.

Platz 8: John Zorn – The True Discoveries of Witches and Demons1440400650_frontNein, das hätte ich auch nicht gedacht, dass es mal eine Platte von John Zorn in meine Bestenliste schafft. Seit den gloriosen Anfängen mit „Naked City“ ist dieser Ausnahmemusiker wegen seines Muts zur kompromisslosen Vermöbelung des Publikums zwar Bewohner meines persönlichen Schreins, aber die letzten Veröffentlichungen, vor allem die der Neoklassik zuzurechnenden, gerieten leider meist doch arg sperrig und bemüht und besaßen fast durchweg eine nicht zu leugnende, gekünzelte Langatmigkeit. „The True Discoveries of Witches and Demons“ ist dagegen eine amtliche, harte Jazz Rock-Scheibe, die das große Können der gesamten Band (Simulacrum) um Matt Hollenberg (g), Kenny Grohowski (dr) und John Medeski (kb) unter Beweis stellt. Spannende Dialoge zwischen Gitarre und Orgel, eine gnadenlos pochende Rhythmusgruppe und zappaeske Momente hysterischen Geschwurbels: Mag das alles auch nicht unbedingt modern und mitunter sogar konventionell klingen, was solls? Denn altersmilde ist diese Musik ganz bestimmt nicht, eher aggressiv und extrem fordernd. Und einige Stücke würden sich auch auf den eingangs erwähnten Platten von „Naked City“ gut machen.

Platz 7: Krallice – Ygg huura0218194258_10Wer die verschlungenen Pfade des experimentellen Black Metals erforschen möchte, kommt an Krallice nicht vorbei. Das inzwischen fünfte Album des Quartetts aus NYC ist natürlich wieder mal sehr anstrengend, vielleicht nicht ganz so technisch wie „Years Past Matter“ aus dem Jahr 2012, aber meilenweit entfernt von metallischer Durchschnittskost.  Fast alle Stücke auf „Ygg huur“ haben einen beachtlichen Wiedererkennungswert, obwohl sie bis auf zwei Ausnahmen die exakt gleiche Länge aufweisen. Kennern der Band werden hier Parallelen zur Benamsung der Titel auf dem schon genannten Vorgängeralbum auffallen. Handwerklich ist die neue Platte grundsolide und der Sound von „Krallice“ wird immer besser. Aber vor allem strotzt „Ygg huur“ nur so vor großartigen Einfällen, eingebettet in eine wunderbar dichte Atmosphäre, in der alles zusammenpasst. Auch die quasikakophonen Schlenker im ansonsten schon fast symphonischen Grundgerüst. Die New Yorker haben ohne Zweifel ihr bislang stärkstes Werk vorgelegt und wir dürfen noch einiges von ihnen erwarten.

Platz 6: Sophie Hunger – Supermoonsophie_hunger-supermoon_aDoch, wenigstens eine Platte in dieser Bestenliste ist Mainstream und radiotauglich. Sophie Hunger ist nicht nur eine nette Person, sondern hat es faustdick hinter den Ohren. Die polyglotte Schweizerin macht das, was Musikredakteure in ihren schwächsten Stunden „intelligente Popmusik“ nennen. Tatsächlich ist es eher so eine Art Elektrofolk, zuweilen eher schräg arrangiert. Und es passt ganz ausgezeichnet zu den zuweilen schrägen Textideen der Frau Hunger. Insgesamt findet sich eine ziemlich große Bandbreite von tanzbaren bis meditativen Stücken auf dem neuen Album, aber alle haben das gewisse Etwas. Wenn Fans der ersten Stunde die Produktion und das Gesamtergebnis als zu glatt und Ausverkauf kritisieren, verkennen sie das Recht einer Ausnahmekönnerin, sich weiter zu entwickeln. Davon mal abgesehen: Mit „Heicho“ ist das berührendste Stück des Jahres auf „Super Moon“. Was will man mehr?

Platz 5: The Hirsch Effekt – Holon: AgnosieThe-Hirsch-Effekt-HOLON-AGNOSIE_BINARY_725276Musik aus Hanover – nein keine Bange, nicht die Scorpions! „The Hirsch Effekt“ gibt es seit 2009 und sie machen verdammt merkwürdige Musik, so merkwürdig, dass sie bereits als Support für „The Dillinger Escape Plan“ fungieren durften. Auch wenn damit das Label „Mathcore“ auf dem niedersächsischen Trio klebt, tatsächlich lässt sich weder das neue Album, noch seine beiden Vorgänger auf ein Genre einengen. Wer wilde Experimente mag, wird dem rohen Charme von „Holon: Agonie“ erliegen. Ein Hang zur großen Geste schadet auch nicht, vor allem wenn es um eine Analyse der Texte geht. Offensichtlich trauen sich „The Hirsch Effekt“ eine ganze Menge zu und schrammen manchmal fast an der roten „gewollt aber nicht gekonnt“-Linie vorbei. Aber eben nur fast. Genau so verhält es sich auch bei allen Passagen bzw. Stücken, die Richtung Emo-Teenie-Ballade gehen. Man muss es eben aushalten können, wenn junge Leute über ihre Gefühle singen. Und über den Weltuntergang. Kleiner haben sie es nicht, sonst würden sie ja auch nicht das dritte Konzeptalbum veröffentlichen. Am stärksten sind zweifellos die flotten und abwechslungsreicheren Stücke, dann klingen „The Hirsch Effekt“ wirklich erwachsen. Ach so: Das Cover? Spitze!

Platz 4: Between The Buried And Me – Coma EclipticcomaDie Fans von „Between The Buried And Me“ sind alle mindestens 35, die Matte ist oder wird schütter und gewisse Ausbuchtungen deuten auf zu wenig Bewegung hin. Ja, wie im Himmel sollte es denn auch anders sein? Wer diese Band mag, muss lernen, konzentriert zuzuhören, er muss sich für wahre Monolithen von Konzeptalben mit langer Spieldauer erwärmen können und er wird sich immer wieder die Haare raufen, wenn die Genialität des Quintetts aus North Carolina den eigenen musikalischen Horizont einfach überschreitet. Alle Scheiben, die nach dem wahrhaft epochalen „Colors“ aus dem Jahr 2007 herauskamen, sind heftig verwobene, frickelige Meisterwerke, die kein Genre von Progressive Rock bis Mathcore auslassen. Wurde die Kopflastigkeit und der ProgRock-Anteil auf dem Vorgänger auf die Spitze getrieben, präsentiert sich „Coma Ecliptic“ zum Glück wieder etwas kompakter, griffiger und dadurch zugänglicher. Zuweilen fühlt man sich an den rauen Charme der ganz frühen Veröffentlichungen erinnert und wie immer bei „Between The Buried And Me“ bleibt dem geneigten Hörer vor Ehrfurcht hin und wieder einfach die Spucke weg. Wer keine „Türmchen- und Erkerchenmusik“ mag, soll halt was anderes hören.

Platz 3: Ahab – The Boats of The Glen CarrigoriginalWenn eine Formation ihren Weg unbeirrbar geht, dabei mit so viel Sorgfalt und Können glänzt und es dann noch schafft, den bereits vorliegenden Klassescheiben mit dem neuen Silberling die Krone aufzusetzen, dann kann man nur den Hut ziehen. „Ahab“ muss man einfach mögen, wenn man auf langsam und schwer steht. Das Quartett aus Deutschland bleibt sich thematisch auf „The Boats of The Glen Carrig“ natürlich treu und erzählt eine weitere abseitige maritime Geschichte nach. Auch wenn es diesmal nicht ganz so düster zugeht und viele schwebende Passagen mit cleanen Gitarren das Doom-Gewitter auflockern, das unnachahmlich tiefe Grollen bleibt natürlich Markenzeichen der Kapelle. Der erstmals in aller Ausführlichkeit zu hörende Klargesang von Daniel Droste ist durchaus bemerkenswert. Das neue Album ist wieder ein kleines Soundwunder, handwerklich über jeden Zweifel erhaben und unglaublich gekonnt produziert, aber etwas anderes erwartet man bei „Ahab“ eigentlich auch nicht. So können sich auch 15 minütige Brocken zu Ohrwürmern entwickeln. Mit dem Midtempo-Song „Red Foam“ mit einer Länge von etwas mehr als 6 Minuten befindet sich sogar so eine Art Hitsingle auf dem Album. Von mir aus.

Platz 2: Liturgy – The Ark Workscreen-shot-2015-01-20-at-12-36-19-pmEine wirklich innovative Platte aus dem Jahr 2015? Diese hier! Liturgy kommen natürlich aus Brooklyn, sie machen hochmodernen Black Metal, oder schnellen Post Rock, oder Blackgaze. Wie auch immer. Das neue Album ist jedenfalls ein monumentaler Fiesling und zündete auf meinem iPhone irgendwann im Frühsommer so gründlich durch, dass ein ganz besonders schwer verdauliches Stückchen auf den Skidsampler 2015 durchgerutscht ist. Einerseits überzeugen Liturgy mit einem originellen (Studio-)sound, andererseits haben sie die Eier, wirklich was neues zu versuchen: Hymnisch, opulent, stur und humorlos ist diese Musik. Und wenn man sich an die Stimme von Hunter Hendrix gewöhnt hat, der den großen Schmerzensmann gibt, dann kann man sich beruhigt in den schrägen Tonwolken von „Ark Work“verfangen. Für Head-Banger bietet die Scheibe nicht viel, entsprechend wurde sie sehr kontrovers diskutiert, wie es sich bei ganz eigenständigen, mutigen Produktionen gehört. Aber in diesem Fall ist es keine Schande, wenn ein Album von den eher konservativen Metal-FanZines und Blogs zerrissen wird. Im Gegenteil.

Platz 1: Lamb Of God – Sturm und DrangLamb_of_God_-_VII_Sturm_und_DrangWie schafft es eine durch und durch konventionelle Groove Metal Platte an die Spitze dieser Bestenliste? Na ja, „Lamb Of God“ haben immer schon einen Ausnahme-Sänger, einen Ausnahme-Gitarristen und einen Ausnahme-Schlagzeuger. Und endlich haben sie wieder die Durchschlagskraft der frühen Alben bis einschließlich „Sacrament“ (2006) gefunden. „Sturm und Drang“ reicht durchaus an Meilensteine wie „Ashes of the wake“ und „New American gospel“ heran. Es knallt gewaltig, Riffing und Blasting gehören zum besten, was der extreme Metal zu bieten hat und diesmal hat die Band ein paar kompakte, richtig böse Stücke zusammenbekommen. Außerdem ist es natürlich schön, wieder Musik von der Kapelle zu hören, anstatt schlechte Nachrichten über sie zu lesen. Die durch den Gerichtsprozess erzwungene Pause scheint ihnen gut getan zu haben und der Gefängnisaufenthalt von Randy Blythe schlägt sich in den Texten und im Wutlevel nieder. Die Formation klingt erwachsener, aber keineswegs zahmer. „Sturm und Drang“ ist ein amtliches Brett, um im Jargon zu bleiben. Die Platte macht einfach Spaß.

So, ganz kurz: Wer hat es knapp nicht geschafft? Cyptopsy lieferten mit „The Book of Suffering- Tome 1“ leider nur eine EP ab, die ist aber wirklich ganz ausgezeichnet. Und auch Joanna Newsom mit „Divers“ und Periphery mit ihrem Doppelschlag „Juggernaut: Alpha/Omega“ waren in der Verlosung. Beachtenswert außerdem: Prodigy mit „The Day Is My Enemy“ und Rolo Tomassi mit „Grievances“.

Und die größten Ärgernisse des Jahres? Joss Stone und „Water for Your Soul“: Zu viel schlechter weißer Reggae. Iron Maiden und „The Book of Souls“: Langweilig und uninspiriert. Mit den neuen Platten von Slayer, Nile, Gorgoroth und Melechesh habe ich inzwischen meinen Frieden gemacht, auch wenn ich auf ein bisschen mehr als Hausmannskost gehofft hatte.

Note to self: Geschafft! Musik: All of the above.