Wenn die Blätter treiben

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Früher war der Herbst meine liebste Jahreszeit: Alles so schön bunt, alles so schön kühl, Grünkohl mit Mettwurst, Sauerkraut mit Kasseler, heisser Kakao und Tee mit Rum und im Stillen zählte man immer die Tage bis Weihnachten. Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher, ob der Herbst wirklich all das halten kann, was er noch vor wenigen Jahren versprach.

Sicher, der köstliche Apfelsaft aus eigenen Früchten, frisch geerntete Wurzelgemüse aus dem elterlichen Garten, dazu schwere, langsame Musik und der Lieblingspulli: All das wartet auf mich, wenn ich mit tropfender Nase und quatschnassen Füßen nach Hause komme. Aber diese ständige Dunkelheit setzt mir inzwischen zu, dazu der braune Brei, der übrig bleibt, wenn die halbe Stadt über frisch gefallene Blätter hinweg gebrettert ist. Der Geruch nasser Klamotten in überfüllten Bussen aus denen man dank beschlagener Scheiben nicht mal nach draußen gucken kann. Verlorene Mützen, Schals und Handschuhe (immer nur einer), die auf dem schmierigen Trottoir liegen. Kurz: In diesem Jahr fällt es mir erheblich schwerer als sonst, wenigstens meinen Frieden mit dem Herbst zu machen, so wie es der unvergleichliche Rainer Maria Rilke dereinst tat: „Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“

Woran das wohl liegen mag? Ob die Jahreszeit des Zerfalls vielleicht doch an Menschen wie mir, die nun mal unzweifelhaft in der zweiten Lebenshälfte angelangt sind, nicht mehr so spurlos und leicht vorbeigeht? Vielleicht, weil sich abzeichnet, dass der einst eingeschlagene Weg inzwischen wie mit Schienen gespurt ist und eine Kalkulation des Möglichen gegenüber dem Wahrscheinlichen immer auch ein Gran Torschlusspanik ausweist? Das könnte schon sein: „Befiehl den letzten Früchten voll zu sein.“ Ob der Sturm, der gerade draußen tobt, eben pünktlich kommt, mir mangelnde Verwurzelung, wenig ausgeprägte Standhaftigkeit aber auch nachlassende Biegsamkeit nachzuweisen, so dass das Selbst keine Wohnung, ja nicht einmal Fassade sein kann? „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ Ob es schließlich daran liegt, dass die gewählte Selbstgenügsamkeit des Singledaseins, dessen eifrigster Apologet ich doch stets gewesen bin, gerade jetzt weder Wärme, noch Halt, noch Trost zu geben vermag? Da hilft auch kein Trotz: „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“

Note to self: Ultimatum: Bis Ende des Monats neue Mobilfunke shoppen. Musik: Ahab, TesseracT, Isis, Taj Mahal & Ry Cooder.

 

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