Ich war dann mal weg

Der erste richtige Urlaub des Jahres, Ende Oktober, es wurde Zeit. Ob jeder, der eine Reise tut, nachher etwas zu erzählen hat, das sei mal dahingestellt, mir fehlen noch entsprechende Erfahrungen aus den Pauschalurlauber-Ghettos rund ums Mittelmeer, vielleicht sollte ich mal welche sammeln. Aber vom jüngst vergangenen Trip gibt es jedenfalls das eine oder andere zu berichten: Lustiges, Beeindruckendes und auch ein wenig Deprimierendes. Denn man los:

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Eine Stadt in OÖ
Ich war nicht zum ersten Mal in Linz, sondern zum zweiten Mal. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass es nicht mein letzter Aufenthalt in dieser schönen Stadt an der Donau gewesen ist. Wenn man ein Reiseziel bereits kennt, sich nicht mehr unfreiwillig verläuft, sondern die wichtigsten Orientierungsmarken kennt, dann ist zwar weniger Aufregung und Spannung geboten, aber einem pseudo-sessilen Organismus wie mir fällt das Wohlfühlen leichter. Was spricht dagegen, den gleichen Trafikanten wie beim letzten Mal aufzusuchen, bereits bekannte Wege durch die Flussaue zurückzulegen und sich, genau wie beim letzten Mal, darüber zu freuen, dass man auch in diesem Herbst im Kurzarmhemd am sonnigen Donaustrand sitzen konnte, ohne dass es ungemütlich kalt wäre? Sogar das Fotografieren der gleichen Motive finde ich nicht befremdlich, da der Reisende ohnehin stärker als im Alltag der Erkenntnis teilhaftig wird, dass man nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen und diesen folglich auch nicht zweimal auf die Speicherkarte bannen kann. Von gewässermorphologischen Spitzfindigkeiten einmal abgesehen ist das Licht und die Farbe des Wassers doch stets anders, die Verfärbung des Laubs mehr oder weniger weit fortgeschritten und auch der Fotograf sieht Anderes, weil er eben auch nicht mehr der gleiche ist.

Nach dem Ergebnis der letzten Landtagswahlen wird Oberösterreich demnächst von einer blau-schwarzen Koalition regiert. Auch wenn ich die Einheimischen ganz überwiegend als herzliche und aufgeschlossene Leute kennengelernt habe, ertappte ich mich doch des öfteren bei der Frage, ob mein jeweiliger Gegenüber wohl FPÖ gewählt haben könnte. Dazu trugen vielleicht auch die Spannungen bei, die angesichts der aktuellen Migrationsproblematik zwischen den beiden Nachbarländern existieren. Dazu später noch ein bisschen mehr.

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Weil er da ist
Meine bergsteigerischen Erfahrungen beschränken sich auf den heimischen Lousberg, den Hoven auf den Lofoten, das Alplköpferl bei Kleinstockach und einen offenbar namenlosen und ziemlich vernebelten Gipfel in der Telemark. Zwar habe ich im Frühjahr John Krakauers „In eisige Höhen“ gelesen, doch hat dies nicht zum Wunsch geführt, eigene alpinistische Großtaten vorweisen zu wollen. Als meine Gastgeberin eine Tagestour auf den Untersberg bei Salzburg vorschlug, sorgte das Wort „Seilbahn“ denn auch dafür, dass ich ohne zu zögern und gerne zustimmte. Es wurde ein wunderschöner Tag bei bester Fernsicht, das Panorama war wirklich atemberaubend: Kleiner und großer Watzmann, hoher Dachstein und die anderen Gipfel des Hochkönigs und des steinernen Meers waren mindestens ebenso beeindruckend wie die winzig kleinen Klötzchen, die der Karte nach Salzburg, Freilassing und Bad Reichenhall darstellten.

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Wir wanderten von der Bergstation zum Salzburger Hochthron und schon diese im Grunde kurze Strecke zeigte mir, dass es sich lohnen könnte, die eigene Fitness und Ausdauer zu verbessern und die Hangabtriebskraft zu verringern. Und wenn ich daran denke, dass ein naher Verwandter vor kurzem zum Trecking in Nepal war und dort 4000 Meter über dem Meer körperliche Höchstleistungen vollbrachte, dann nötigt mir das angesichts der eigenen Erfahrungen grenzenlose Bewunderung ab.

Meine Begleitung wusste von merkwürdigen und sagenhaften Geschichten zu berichten, die sich um den Untersberg ranken. Zeitphänomen und Bergentrückung kamen darin vor. Und für einen Aachener ist natürlich vor allem bemerkenswert, dass Kaiser Karl unter dem Gipfel darauf warten soll, die Seinen irgendwann zum letzten Gefecht  zu führen, allerdings erst, sobald sein Bart dreimal um einen ominösen Tisch gewachsen ist. Wenn man mich fragt, kann es sich bei dieser Sage nur um ein Nebenprodukt karolingischer Italienpolitik handeln, offensichtlich hat der große Franke auf seinem Weg zur Kaiserkrönung in Rom in den Kalkalpen Station und richtig Eindruck gemacht.

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Hauptplätzlich auf die Löffel
Mein Eindruck ist möglicherweise oberflächlich, aber mir scheint Linz gegenüber meiner etwas größeren Heimatstadt ein sehr viel reichhaltigeres kulturelles Angebot zu haben, jedenfalls was alternative Musik anbelangt. Im Kulturcafé „Alte Welt“, das am Hauptplatz gelegen ist, sollte am Donnerstag ein „Rockkonzert“ stattfinden. Zwar sagte uns der Name der Band nichts, aber laut meiner Gastgeberin war die Kneipe gemütlich und unbedingt einen Besuch wert, also gingen wir hin. Zwar war der Laden bei unserem Eintreffen ziemlich leer, aber das eiskalte Helle wurde in großen Krügen ausgeschenkt, Musik und Mobiliar waren in Ordnung und das Konzert im Gewölbekeller sollte auch erst gegen 20 Uhr anfangen. Wir gingen dann mal runter. Die anwesenden Jungspunde entpuppten sich im wesentlichen als die Protagonisten des Abends, die Dosenbier tranken und das redeten, was junge Leute heute so reden. Wir hoben den Altersdurchschnitt beträchtlich und schienen mehr oder weniger die einzigen zahlenden Gäste zu sein. Die Vorgruppe ungarischer Provenienz, deren Namen ich nicht richtig mitbekommen und auch nachher nicht ergoogeln konnte, absolvierte einen ziemlich liederlichen Soundcheck und ließ uns weiter warten. Als sie dann endlich loslegten lieferten sie den bizarrsten Gig ab, den ich in meinem Leben bislang besucht habe.

Gespielt wurde gerader, minimalistischer, kaum strukturierter Hardcore in unglaublicher Lautstärke und mit -hm- Nebengeräuschen („We have technical problems“). Die Stücke unterschieden sich hauptsächlich in der Länge, diese betrug zwischen 15 Sekunden und 1,5 Minuten, und sie wurden mit dem Rücken zum inzwischen etwas zahlreicheren Publikum vorgetragen. Kurz nach dem dramaturgischen Höhepunkt (Der Sänger und Gitarrist entledigte sich seiner Mütze), meine Fassungslosigkeit war inzwischen der Heiterkeit gewichen, war es dann auch schon wieder fast vorbei. Der Frontmann, der ein bisschen sehr nölig rüberkam und dessen Körperhaltung auf chronische Schmerzen hindeutete, begann nach dem obligatorischen „Danke“ die noch verbleibenden Stücke runterzuzählen. Ich schätze die Gesamtdauer des -hm- Konzerts auf 20 Minuten, über die Schöpfungshöhe will ich mich lieber nicht auslassen, aber immerhin wurde nach der -hm- Präsentation des letzten Werks darauf hingewiesen, dass man sich über reißenden Absatz beim Merchandising („We have T-Shirt“) freuen würde. Also, sollte das die Antwort auf Viktor Orban sein, geht es in Ordnung. Der gute Wille und die Chuzpe zählen ja auch.

Headliner des Abends waren „I Saw Daylight“ aus Ulm. Und wenn man auf „Emotional Hardcore“ a la Defeater steht, dann kam man voll auf seine Kosten. Mich begeisterte neben dem prima Sound, der Hingabe des Frontmanns und den kleinen kompositorischen Schmankerln vor allem die Spielweise der Schlagzeugerin: Sehr eigen und sehr gekonnt. Die Kapelle wirkte gut eingespielt, familiär und sehr sympathisch. Entsprechend beseelt traten wir danach den Heimweg an. Ich wünsche den Ulmern jedenfalls „Alles Gute“ und bleibt dran, da ist was drin. Und weil ich kein eigenes Fotos gemacht habe, hier ein geklautes:

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Reisende dritter Klasse
Schon im Vorfeld meiner Reise hatte ich mir Gedanken gemacht, inwieweit die Heimfahrt per Nachtzug auf dem Endstück der inzwischen so genannten Balkanroute zwischen Wien und Passau von der aktuellen Flüchtlingssituation betroffen sein würde. Ich hätte mir aber nicht träumen lassen, dass die Auswirkungen so drastisch sein könnten. Als ich in Linz einstieg, war der Zug (mit Reservierungspflicht) pickepacke voll, die Flüchtlinge waren eindeutig in der Überzahl. Und auch auf „meinem Platz“ saß bereits ein Mann arabischer Abstammung mittleren Alters. Was tun? Deutsch und Englisch verstand er nicht, ich kein Arabisch. Ich zeigte ihm mein Ticket, er mir seines, das tatsächlich eine Reservierung für eben jenen Platz auswies, allerdings für den Folgetag. Das fiel zunächst nicht mal dem hinzugezogenen Schaffner auf, der also einen Buchungsfehler vermutete, mir aber auch keinen Ersatzplatz anbieten konnte. Ich hatte keine Lust 8 Stunden auf dem Gang zu stehen, daher insistierte ich. Als sich die Sache dann klärte, fühlte sich der Schutzsuchende, der nichts verstand, natürlich übervorteilt. Ein kleiner, sehr müder Mann, der sicher heilfroh war, endlich im Warmen zu sitzen und sein Handy aufladen zu können und ich habe ihn vertrieben. Manchmal hilft es nicht, im Recht zu sein.

Mitten in der Nacht erreichten wir Passau und die Bundespolizei tat wie ihr geheißen. Der Bahnsteig füllte sich, die Beamten bildeten ein Karree in dem Männer, Frauen und sehr viele Kinder eingeschlossen wurden. Die Müdigkeit, das ärmliche Gepäck und die stumpfe Gleichgültigkeit dieser Menschen hat mich sehr berührt. Applaudiert hat in Passau keiner und als die Flüchtlinge dann zu der dem Bahnhof angegliederten Aufnahmestation geführt wurden, war nichts von Erleichterung zu spüren, dass sie nun im gelobten Land angekommen wären. Beeindruckt hat mich die Professionalität und Höflichkeit der dort eingesetzten Beamten, die meinen Ausweis nicht sehen wollten, ich sah deutsch genug aus. Von der Urlaubsleichtigkeit war in diesem Moment nicht mehr viel übrig und als eine Österreicherin in meinem Abteil meinte, jetzt könne sie endlich wieder richtig durchatmen, gab es einen scharfen Einwurf von mir und es entspann sich eine verbissen geführte und teilweise sehr hässliche Diskussion. Ich hätte mir ein anderes Ende des Urlaubs gewünscht.

Note to self: Alles pünklich, alles easy, alles roger. Musik: I Saw Daylight, TesseracT, Ahab.

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