Pauls Analysis

Puppe

„Denkste, Puppe!“ Irgendwas wollte nicht stimmen, dabei war es eigentlich ein perfekter Vormittag. Was hinderte Paul also daran, sich mit der ihm eigenen gemütlichen Trägheit in seinem Sessel zu räkeln, als wäre er allein zu Hause? Dies war sein Stammplatz in seinem Lieblingscafé an seinem Lieblingstag, einem freien Tag nämlich. Mit einer Hand hangelte er nach seiner Tasse, die andere fuhr unter Pulli und Hemd und schubberte das behaarte Bäuchlein. „Komplette Übersprungshandlung“ durchfuhr es ihn. Er verhielt sich wie ein Huhn, das nach nicht vorhandenen Würmern pikt.

Das Café war nur sehr mäßig besucht. Durch die beschlagenen Fensterscheiben konnte man dem unappetitlichen Mix aus Regen, Schnee und Graupel, der draußen vor sich hin wütete, kaum beim Niederschlagen zuschauen. Die einzigen Gäste außer ihm ein Grüppchen Studenten, die ausführlich und bemüht beredsam irgendwelche Praktikumsergebnisse verglichen und einander dabei an Lautstärke und Originalität zu überbieten suchten. Und ganz hinten links, auf einem abgewetzten Sofa, das mit Kuhfellen belegt war, saß sie.

Las sie wirklich, oder tat sie nur so? Paul versuchte, die Sekunden zwischen dem Umblättern der Seiten mitzuzählen: „Achtundsechzig, neunundsechzig…“ Sie blätterte, Paul begann von vorn: „Einundzwanzig, zweiundzwanzig…“ Diesmal blätterte sie schon bei siebenundvierzig. „Die simuliert doch!“ dachte er sich und ertappte sich dabei, wie er an seinem Kinnbärtchen zupfte. Eine furchtbare Angewohnheit und die Übersprungshandlung aller Übersprungshandlungen. Zweimal, so bildete er sich ein, hatte sie bereits zu ihm rüber geblinzelt. Auch wenn er es nicht gerne zugab: Das machte ihm zu schaffen.

Er schätzte sie auf Mitte Dreissig. Alles an ihr war spitz und kantig: Die Nase, das Kinn, die Konturen ihrer Jochbeine über und die der Schlüsselbeine unter dem schlanken Hals, die ihr weit ausgeschnittener Pullover sehen ließ. Sie hielt sich sehr aufrecht und ab und zu strich sie mit ihrer wunderschönen schmalen, nicht beringten Hand die hennaroten Haare zurück, die ihr gar nicht ins Gesicht hingen. Einen ganzen Milchkaffee lang hatte Paul sie mehr oder weniger beobachtet, mit verstohlenen, auffällig unauffälligen Blicken.

Ein Knistern in der Luft? Ach was. Erotische Spannung gar? Nicht doch. Biochemische Wechselwirkungen waren das. Hilflose Moleküle, die taten, was sie mussten. Die Zweigeschlechtlichkeit der Säugetiere, so dachte sich Paul, war im Grunde mehr Last als Lust. Hätte der unermessliche Ratschluss der Evolution für das Menschengeschlecht eine amöbengleiche, rein vegetative Form der Vermehrung vorgesehen, wäre ihm nicht nur eine Menge zweitklassige Literatur erspart geblieben. Süßholzgeraspel, romantische Überhöhungen, Hingabe und Selbstaufgabe in Lied- und Romanform: Paul würde sich nie mehr zum Epigonen ihrer Verfasser herabwürdigen lassen, das hatte er sich vorgenommen. Zwar konnte er sich ins Laboratorium seiner Wünsche begeben, so wie alle anderen, und dort grellbunte Stichflammen erzeugen. Aber er hasste es, die stinkende Asche zusammenzufegen, die dabei übrig blieb. Und auch wenn Frau Wunderbar sicher eine hormonelle Explosion ungeahnten Ausmaßes heraufbeschwören könnte, so würde diese eben auch lediglich energiearme, unansehnliche Reaktionsprodukte und jede Menge heißer Luft zurücklassen.

Frau Wunderbar. Jetzt nestelte sie an ihrem Ohrring herum. „Zum niederknien“ dachte er sich.

„Kriegste noch was Paul?“ Charlotte, die alle Stammgäste nur „Karlchen“ nannten, hatte sich neben seinem Tisch aufgebaut. Eine Hand in die Hüfte gestemmt, während die andere das Tablett hielt, den Kopf leicht schief spähte sie forschend und gleichzeitig mütterlich sanft über den Rand ihrer Brille. Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Karlchen konnte man nichts vormachen. „Du bist im falschen Film Paul. An die kommst du nicht ran, in hundert Jahren nicht. Nicht mal, wenn du einen richtig guten Tag hättest und gestern nicht bis in die Nacht mit den Jungs um die Häuser gezogen wärest.“ All das schien Karlchen ihm an den Kopf zu werfen, so laut, dass alle es hören konnten. Sein Gesicht wurde heiß und sicher auch knallrot.

„Nee lass mal, muss los.“ Er sprang auf, dabei traf sein Knie die Tischkante. „Schreibs auf, ja?“ Er humpelte, um den letzten Rest Würde ringend, Richtung Türe. Und sie? Sah nicht mal auf, blätterte um und strich ihr Haar zurück. Draußen fuhr der Schmerz schneidend in sein Bein. Ihm wurde schwarz vor Augen und er pumpte den nassen, stumpfen Winteranfang in seine Lungen, so tief er konnte.

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Und ich lächelte…

…und ich war froh. Und es kam schlimmer.

Ich wusste, dass dieser Tag kommen würde. Es würde ein furchtbarer Tag werden. Ich wappnete mich innerlich, sprach mir Mut zu. Was ist passiert? Nun, nach wochenlanger Suche und nach gründlichstem Abwägen habe ich mir ein neues Mobiltelefon zugelegt. Der Grund dafür ist simpel: Inzwischen gibt es einige meiner Lieblings-Apps nicht mehr für iOS 6 und damit eben auch nicht mehr für das iPhone 3GS. Ja, lacht nur!

Ich hätte schon viel früher auf eines neues Modell gewechselt, wenn damit nicht eine einschneidende Änderung verbunden gewesen wäre: Die neue Mobilfunke würde nicht mehr mit iTunes 10.7 funktionieren und das ist nunmal die letzte Version dieser Software, die man ernstnehmen kann: Das fängt mit Coverflow an und hört mit einem sinnvollen Workflow beim Hinzufügen neuer Titel auf. So, heute morgen kam mein neues iPhone an. Ich machte noch mal eine manuelle Sicherung des iTunes-Ordners, atmete tief durch und installierte iTunes 12. 3.1.

Die Aktualisierung meiner doch recht umfangreichen Bibliothek, in deren sorgfältige Pflege ich sicher seit 2006 schon einige hundert Stunden investiert habe, ging erfreulich schnell. Dann blendete ich die so genannte Statusleiste ein und erfuhr, dass 63 Titel aus dieser Bibliothek nun offenbar nicht mehr da sind. Entweder hat sich das alte iTunes verzählt, oder das neue hat sich verzählt, oder die neue Version hat diese 63 Titel einfach gefressen. Als ich mich wieder beruhigt hatte, setzte ich mal ein diff auf die alte und die neue XML-Datei ab. Sinnlos: Die 63 Titel sind verschwunden, oder auch nicht.

Die einzige brauchbare Bildschirmdarstellung der neuen Version nennt sich „Wiedergabelisten“. Wenn man ein bisschen tüftelt, kann man sogar halbwegs die Informationen, die bei Version 10.7 leicht und elegant zugänglich waren, in dieser Ansicht darstellen lassen. Die andere, fehlende Hälfte treibt mich mächtig auf die Palme. Warum kann man eine Playlist nicht nach dem Argument „zuletzt gespielt“ ordnen und trotzdem für jeden Titel ein Cover anzeigen lassen? Warum wird in der farbig hinterlegten Titelleiste der Playlist eine winzig kleine Cover-Miniatur angezeigt, die ich zum Beispiel aber auch durch ein beliebiges anderes Bild ersetzen kann? Warum kann man bestimmte Einstellungen für die Spaltenanzeige nur noch global, aber nicht mehr für jede Playlist einzeln vornehmen? Au Möhr (Das ist Oecher-Platt, bedeutet „alte Möhre“ und ist ein Ausruf, der schwere Verärgerung ausdrückt. Daneben gibt es noch „Au Banan!“, das eher Verblüffung und Anerkennung bezeichnet, und „Au Huur“, das im Grunde eine Ehrbezeugung ist, auch wenn es nicht so klingt.)!

Das zentrale Abspielelement in der neuen Version zeigt rechts eine völlig überflüssige Cover-MIniatur in Größe eines Daumennagels. Warum bitte? Was dagegen fehlt, ist der kleine Pfeil, mit dem man früher in die Playlist springen konnte, aus der der gerade laufende Titel stammt. Schade auch. Immerhin zeigt das Interface an jeder möglichen Stelle ein Herzchen an, mit dem ich offenbar meine Zuneigung zu bestimmten Inhalten deutlich machen soll. Au Möhr!

Jetzt wird es bizarr: Ich habe ein Playlist namens „Hier und Heute“ zu der ich die Alben/Titel hinzufüge, die ich hier und heute hören will. Der Inhalt wird gewöhnlich im Shuffle-Modus wiedergegeben. Titel, die bereits wiedergeben wurden, lösche ich irgendwann manuell. Dazu ordne ich die Liste nach dem Argument „zuletzt gespielt“, markiere die Titel, die gelöscht werden sollen, und drücke die Löschtaste. In iTunes 12.3.1 passiert dann… …nichts. Manchmal wird auch ein Titel gelöscht (also genau einer, aber nicht die Auswahl). Aber da gibt es ja noch die Schaltfläche „Wiedergabeliste bearbeiten“, klicken wir doch mal darauf. Wenn ich dann Titel markiere und „löschen“ wähle, werde ich gefragt, ob ich die Titel aus der Bibliothek löschen will. Wer hat sich diese hirnverbrannte Scheiße ausgedacht? Au Möhr!

Wenn neue Titel zu dieser Liste hinzugefügt werden, werden sie ans Ende gesetzt. Früher konnte man durch Klick auf das Shuffle-Symbol die neuen Titel per Zufall in die Wiedergabereihenfolge einordnen. Jetzt wechselt iTunes in der Wiedergabe auf einen zufälligen Titel der Liste. Ich könnte kotzen! Wird ein Titel gespielt und ist die Liste nach „zuletzt gespielt“ geordnet, wurde die Liste früher automatisch aktualisiert, jetzt passiert überhaupt nichts. Stöbert man in der Gesamtbibliothek, während in der Wiedergabeliste zu einem neuen Titel gewechselt wird, springt die Anzeige zu eben diesem Titel. WTF?

So, ich könnte noch 10 Seiten zu den Unzulänglichkeiten von iTunes 12.3.1 schreiben, zu absoluten Basisfunktion eines Abspielprogramms für Musikdateien, die nicht mehr da sind, zum plötzlich verschwundenen Genius, zum lieblos gestalteten und nicht durchdachten Miniplayer, zu iCloud und Apple Music, die sich überall breitmachen. Früher war Software von Apple hinsichtlich GUI-Design und Usability beispielgebend. Seit Jonathan Ive das Software-Design übernommen hat, ist das passé. iTunes 12.3.1 ist eine freche Unverschämtheit, eine absolute Zumutung.

Note to self: Du hast es gewusst. Musik: Ja, aber ich hab grad keine Lust nachzugucken.

Wie Kaninchen vor der Schlange

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Wir kommen nicht mehr hinterher. 170 Hotelgäste in Geiselhaft in Bamako, 1 herrenloser Koffer am Bahnhof Eschweiler, 5000 Schüsse in Saint Denis, 7 Festnahmen in Alsdorf, die erste Länderspielabsage seit Jahren, Grenzkontrollen im Dreiländereck. Immerhin lässt sich der Aachener Polizeipräsident vernehmen, man habe die Islamisten „genau unter Kontrolle“. Damit stösst er ins gleiche Horn wie unser Bundesminister des Innern, dessen Fürsorge so weit geht, dass er uns über Einzelheiten zur Gefährdungslage lieber im Ungewissen lässt. Lautes Pfeifen im dunklen Wald hilft tatsächlich. Sind wir inzwischen im Krieg? Und wenn ja, ändert das was?

Weil die Nachrichten über die Untaten der „Zauselbärte“ (Herr Fleischhauer, Sie haben jetzt Rasierverbot, bis Sie wieder zur Besinnung kommen.) ohne Unterlass auf uns hereinprasseln, fehlt es schlicht an Zeit und Aufmerksamkeit, den islamistischen Komplex wenigstens im Ansatz aufzudröseln. Immerhin gab es letztens eine sehr gut recherchierte Dokumentation zum Zusammenhang des völligen Versagens der US-Amerikanischen Afghanistan- und Irakpolitik, des sunnitisch-shiitischen Konflikts und der Einflussnahme fremder Mächte im nahöstlichen Kampfgebiet. Immerhin brachte die Süddeutsche gestern ein Interview mit einem Psychologen, der den Mechanismus der Radikalisierung sehr junger Leute im Ansatz erklären konnte. Immerhin besteht unter den allermeisten Normalbürgern Einigkeit darüber, dass man besser keine Panzer nach Saudi-Arabien und Katar liefern sollte und dass Flüchtlinge fast ausschließlich Opfer des Terrors und nicht seine Urheber sind (Herr Söder, Sie sind der Ritter von der traurigsten Gestalt).

Ob es uns, abgesehen von militärischen Gegenmaßnahmen und den symbolischen Gesten der bürgerlichen Zivilgesellschaft, gelingen kann, die Mechanismen zu identifizieren und außer Kraft zu setzen, die an den Grundfesten einer Gesellschaftsordnung rütteln, die wir eigentlich als Nonplusultra verbucht hatten? Ich bezweifle das. Das Konzept „Paradies“ ist einfach zu gut und an seine Verwirklichung im Diesseits glaubt wohl niemand mehr.

Gestern: Linie 46, Haltestelle „Alter Posthof“. Ein junger, zauselbärtiger Mann arabischer Herkunft steigt zu. Er hat einen großen Rucksack dabei. Gespräche verstummen, der ganze Bus starrt ihn an, mustert sein Gepäck. Und ich tue das auch. So weit haben sie uns, oder wir sind noch nicht weit genug.

Note to self: Ich kann nichts für defekte Durchlauferhitzer. Wirklich nicht. Musik: Adele, Amy Winehouse, Apollo 44, Al Di Meola, Paco de Lucia & John McLaughlin.

Wenn die Blätter treiben

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Früher war der Herbst meine liebste Jahreszeit: Alles so schön bunt, alles so schön kühl, Grünkohl mit Mettwurst, Sauerkraut mit Kasseler, heisser Kakao und Tee mit Rum und im Stillen zählte man immer die Tage bis Weihnachten. Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher, ob der Herbst wirklich all das halten kann, was er noch vor wenigen Jahren versprach.

Sicher, der köstliche Apfelsaft aus eigenen Früchten, frisch geerntete Wurzelgemüse aus dem elterlichen Garten, dazu schwere, langsame Musik und der Lieblingspulli: All das wartet auf mich, wenn ich mit tropfender Nase und quatschnassen Füßen nach Hause komme. Aber diese ständige Dunkelheit setzt mir inzwischen zu, dazu der braune Brei, der übrig bleibt, wenn die halbe Stadt über frisch gefallene Blätter hinweg gebrettert ist. Der Geruch nasser Klamotten in überfüllten Bussen aus denen man dank beschlagener Scheiben nicht mal nach draußen gucken kann. Verlorene Mützen, Schals und Handschuhe (immer nur einer), die auf dem schmierigen Trottoir liegen. Kurz: In diesem Jahr fällt es mir erheblich schwerer als sonst, wenigstens meinen Frieden mit dem Herbst zu machen, so wie es der unvergleichliche Rainer Maria Rilke dereinst tat: „Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“

Woran das wohl liegen mag? Ob die Jahreszeit des Zerfalls vielleicht doch an Menschen wie mir, die nun mal unzweifelhaft in der zweiten Lebenshälfte angelangt sind, nicht mehr so spurlos und leicht vorbeigeht? Vielleicht, weil sich abzeichnet, dass der einst eingeschlagene Weg inzwischen wie mit Schienen gespurt ist und eine Kalkulation des Möglichen gegenüber dem Wahrscheinlichen immer auch ein Gran Torschlusspanik ausweist? Das könnte schon sein: „Befiehl den letzten Früchten voll zu sein.“ Ob der Sturm, der gerade draußen tobt, eben pünktlich kommt, mir mangelnde Verwurzelung, wenig ausgeprägte Standhaftigkeit aber auch nachlassende Biegsamkeit nachzuweisen, so dass das Selbst keine Wohnung, ja nicht einmal Fassade sein kann? „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ Ob es schließlich daran liegt, dass die gewählte Selbstgenügsamkeit des Singledaseins, dessen eifrigster Apologet ich doch stets gewesen bin, gerade jetzt weder Wärme, noch Halt, noch Trost zu geben vermag? Da hilft auch kein Trotz: „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“

Note to self: Ultimatum: Bis Ende des Monats neue Mobilfunke shoppen. Musik: Ahab, TesseracT, Isis, Taj Mahal & Ry Cooder.

 

Ich war dann mal weg

Der erste richtige Urlaub des Jahres, Ende Oktober, es wurde Zeit. Ob jeder, der eine Reise tut, nachher etwas zu erzählen hat, das sei mal dahingestellt, mir fehlen noch entsprechende Erfahrungen aus den Pauschalurlauber-Ghettos rund ums Mittelmeer, vielleicht sollte ich mal welche sammeln. Aber vom jüngst vergangenen Trip gibt es jedenfalls das eine oder andere zu berichten: Lustiges, Beeindruckendes und auch ein wenig Deprimierendes. Denn man los:

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Eine Stadt in OÖ
Ich war nicht zum ersten Mal in Linz, sondern zum zweiten Mal. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass es nicht mein letzter Aufenthalt in dieser schönen Stadt an der Donau gewesen ist. Wenn man ein Reiseziel bereits kennt, sich nicht mehr unfreiwillig verläuft, sondern die wichtigsten Orientierungsmarken kennt, dann ist zwar weniger Aufregung und Spannung geboten, aber einem pseudo-sessilen Organismus wie mir fällt das Wohlfühlen leichter. Was spricht dagegen, den gleichen Trafikanten wie beim letzten Mal aufzusuchen, bereits bekannte Wege durch die Flussaue zurückzulegen und sich, genau wie beim letzten Mal, darüber zu freuen, dass man auch in diesem Herbst im Kurzarmhemd am sonnigen Donaustrand sitzen konnte, ohne dass es ungemütlich kalt wäre? Sogar das Fotografieren der gleichen Motive finde ich nicht befremdlich, da der Reisende ohnehin stärker als im Alltag der Erkenntnis teilhaftig wird, dass man nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen und diesen folglich auch nicht zweimal auf die Speicherkarte bannen kann. Von gewässermorphologischen Spitzfindigkeiten einmal abgesehen ist das Licht und die Farbe des Wassers doch stets anders, die Verfärbung des Laubs mehr oder weniger weit fortgeschritten und auch der Fotograf sieht Anderes, weil er eben auch nicht mehr der gleiche ist.

Nach dem Ergebnis der letzten Landtagswahlen wird Oberösterreich demnächst von einer blau-schwarzen Koalition regiert. Auch wenn ich die Einheimischen ganz überwiegend als herzliche und aufgeschlossene Leute kennengelernt habe, ertappte ich mich doch des öfteren bei der Frage, ob mein jeweiliger Gegenüber wohl FPÖ gewählt haben könnte. Dazu trugen vielleicht auch die Spannungen bei, die angesichts der aktuellen Migrationsproblematik zwischen den beiden Nachbarländern existieren. Dazu später noch ein bisschen mehr.

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Weil er da ist
Meine bergsteigerischen Erfahrungen beschränken sich auf den heimischen Lousberg, den Hoven auf den Lofoten, das Alplköpferl bei Kleinstockach und einen offenbar namenlosen und ziemlich vernebelten Gipfel in der Telemark. Zwar habe ich im Frühjahr John Krakauers „In eisige Höhen“ gelesen, doch hat dies nicht zum Wunsch geführt, eigene alpinistische Großtaten vorweisen zu wollen. Als meine Gastgeberin eine Tagestour auf den Untersberg bei Salzburg vorschlug, sorgte das Wort „Seilbahn“ denn auch dafür, dass ich ohne zu zögern und gerne zustimmte. Es wurde ein wunderschöner Tag bei bester Fernsicht, das Panorama war wirklich atemberaubend: Kleiner und großer Watzmann, hoher Dachstein und die anderen Gipfel des Hochkönigs und des steinernen Meers waren mindestens ebenso beeindruckend wie die winzig kleinen Klötzchen, die der Karte nach Salzburg, Freilassing und Bad Reichenhall darstellten.

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Wir wanderten von der Bergstation zum Salzburger Hochthron und schon diese im Grunde kurze Strecke zeigte mir, dass es sich lohnen könnte, die eigene Fitness und Ausdauer zu verbessern und die Hangabtriebskraft zu verringern. Und wenn ich daran denke, dass ein naher Verwandter vor kurzem zum Trecking in Nepal war und dort 4000 Meter über dem Meer körperliche Höchstleistungen vollbrachte, dann nötigt mir das angesichts der eigenen Erfahrungen grenzenlose Bewunderung ab.

Meine Begleitung wusste von merkwürdigen und sagenhaften Geschichten zu berichten, die sich um den Untersberg ranken. Zeitphänomen und Bergentrückung kamen darin vor. Und für einen Aachener ist natürlich vor allem bemerkenswert, dass Kaiser Karl unter dem Gipfel darauf warten soll, die Seinen irgendwann zum letzten Gefecht  zu führen, allerdings erst, sobald sein Bart dreimal um einen ominösen Tisch gewachsen ist. Wenn man mich fragt, kann es sich bei dieser Sage nur um ein Nebenprodukt karolingischer Italienpolitik handeln, offensichtlich hat der große Franke auf seinem Weg zur Kaiserkrönung in Rom in den Kalkalpen Station und richtig Eindruck gemacht.

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Hauptplätzlich auf die Löffel
Mein Eindruck ist möglicherweise oberflächlich, aber mir scheint Linz gegenüber meiner etwas größeren Heimatstadt ein sehr viel reichhaltigeres kulturelles Angebot zu haben, jedenfalls was alternative Musik anbelangt. Im Kulturcafé „Alte Welt“, das am Hauptplatz gelegen ist, sollte am Donnerstag ein „Rockkonzert“ stattfinden. Zwar sagte uns der Name der Band nichts, aber laut meiner Gastgeberin war die Kneipe gemütlich und unbedingt einen Besuch wert, also gingen wir hin. Zwar war der Laden bei unserem Eintreffen ziemlich leer, aber das eiskalte Helle wurde in großen Krügen ausgeschenkt, Musik und Mobiliar waren in Ordnung und das Konzert im Gewölbekeller sollte auch erst gegen 20 Uhr anfangen. Wir gingen dann mal runter. Die anwesenden Jungspunde entpuppten sich im wesentlichen als die Protagonisten des Abends, die Dosenbier tranken und das redeten, was junge Leute heute so reden. Wir hoben den Altersdurchschnitt beträchtlich und schienen mehr oder weniger die einzigen zahlenden Gäste zu sein. Die Vorgruppe ungarischer Provenienz, deren Namen ich nicht richtig mitbekommen und auch nachher nicht ergoogeln konnte, absolvierte einen ziemlich liederlichen Soundcheck und ließ uns weiter warten. Als sie dann endlich loslegten lieferten sie den bizarrsten Gig ab, den ich in meinem Leben bislang besucht habe.

Gespielt wurde gerader, minimalistischer, kaum strukturierter Hardcore in unglaublicher Lautstärke und mit -hm- Nebengeräuschen („We have technical problems“). Die Stücke unterschieden sich hauptsächlich in der Länge, diese betrug zwischen 15 Sekunden und 1,5 Minuten, und sie wurden mit dem Rücken zum inzwischen etwas zahlreicheren Publikum vorgetragen. Kurz nach dem dramaturgischen Höhepunkt (Der Sänger und Gitarrist entledigte sich seiner Mütze), meine Fassungslosigkeit war inzwischen der Heiterkeit gewichen, war es dann auch schon wieder fast vorbei. Der Frontmann, der ein bisschen sehr nölig rüberkam und dessen Körperhaltung auf chronische Schmerzen hindeutete, begann nach dem obligatorischen „Danke“ die noch verbleibenden Stücke runterzuzählen. Ich schätze die Gesamtdauer des -hm- Konzerts auf 20 Minuten, über die Schöpfungshöhe will ich mich lieber nicht auslassen, aber immerhin wurde nach der -hm- Präsentation des letzten Werks darauf hingewiesen, dass man sich über reißenden Absatz beim Merchandising („We have T-Shirt“) freuen würde. Also, sollte das die Antwort auf Viktor Orban sein, geht es in Ordnung. Der gute Wille und die Chuzpe zählen ja auch.

Headliner des Abends waren „I Saw Daylight“ aus Ulm. Und wenn man auf „Emotional Hardcore“ a la Defeater steht, dann kam man voll auf seine Kosten. Mich begeisterte neben dem prima Sound, der Hingabe des Frontmanns und den kleinen kompositorischen Schmankerln vor allem die Spielweise der Schlagzeugerin: Sehr eigen und sehr gekonnt. Die Kapelle wirkte gut eingespielt, familiär und sehr sympathisch. Entsprechend beseelt traten wir danach den Heimweg an. Ich wünsche den Ulmern jedenfalls „Alles Gute“ und bleibt dran, da ist was drin. Und weil ich kein eigenes Fotos gemacht habe, hier ein geklautes:

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Reisende dritter Klasse
Schon im Vorfeld meiner Reise hatte ich mir Gedanken gemacht, inwieweit die Heimfahrt per Nachtzug auf dem Endstück der inzwischen so genannten Balkanroute zwischen Wien und Passau von der aktuellen Flüchtlingssituation betroffen sein würde. Ich hätte mir aber nicht träumen lassen, dass die Auswirkungen so drastisch sein könnten. Als ich in Linz einstieg, war der Zug (mit Reservierungspflicht) pickepacke voll, die Flüchtlinge waren eindeutig in der Überzahl. Und auch auf „meinem Platz“ saß bereits ein Mann arabischer Abstammung mittleren Alters. Was tun? Deutsch und Englisch verstand er nicht, ich kein Arabisch. Ich zeigte ihm mein Ticket, er mir seines, das tatsächlich eine Reservierung für eben jenen Platz auswies, allerdings für den Folgetag. Das fiel zunächst nicht mal dem hinzugezogenen Schaffner auf, der also einen Buchungsfehler vermutete, mir aber auch keinen Ersatzplatz anbieten konnte. Ich hatte keine Lust 8 Stunden auf dem Gang zu stehen, daher insistierte ich. Als sich die Sache dann klärte, fühlte sich der Schutzsuchende, der nichts verstand, natürlich übervorteilt. Ein kleiner, sehr müder Mann, der sicher heilfroh war, endlich im Warmen zu sitzen und sein Handy aufladen zu können und ich habe ihn vertrieben. Manchmal hilft es nicht, im Recht zu sein.

Mitten in der Nacht erreichten wir Passau und die Bundespolizei tat wie ihr geheißen. Der Bahnsteig füllte sich, die Beamten bildeten ein Karree in dem Männer, Frauen und sehr viele Kinder eingeschlossen wurden. Die Müdigkeit, das ärmliche Gepäck und die stumpfe Gleichgültigkeit dieser Menschen hat mich sehr berührt. Applaudiert hat in Passau keiner und als die Flüchtlinge dann zu der dem Bahnhof angegliederten Aufnahmestation geführt wurden, war nichts von Erleichterung zu spüren, dass sie nun im gelobten Land angekommen wären. Beeindruckt hat mich die Professionalität und Höflichkeit der dort eingesetzten Beamten, die meinen Ausweis nicht sehen wollten, ich sah deutsch genug aus. Von der Urlaubsleichtigkeit war in diesem Moment nicht mehr viel übrig und als eine Österreicherin in meinem Abteil meinte, jetzt könne sie endlich wieder richtig durchatmen, gab es einen scharfen Einwurf von mir und es entspann sich eine verbissen geführte und teilweise sehr hässliche Diskussion. Ich hätte mir ein anderes Ende des Urlaubs gewünscht.

Note to self: Alles pünklich, alles easy, alles roger. Musik: I Saw Daylight, TesseracT, Ahab.