There is always a little bit of heaven…

Rainbow

…in a desaster area.

Note to self: Das beste draus machen. Musik: Nouvelle vague, Oscar Peterson, Nneka, Oceansize.

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Ein Kontinent versagt

Ehrlich gesagt, ich habe den Kanal voll. Vor ein paar Tagen habe ich aufgehört, Kommentare zu lesen, die Internetbenutzer unter Artikeln zur Flüchtlingsproblematik hinterlassen haben, einfach weil sich mir regelmäßig der Magen umgedreht hat. Zukünftig werde ich wohl nicht mal mehr die Artikel selber lesen. Sie gehen mir einfach zu sehr an die Nieren, das meine ich ganz physiologisch. In den vergangenen Tagen habe ich all das, was in Fernsehen und Internet zu der Thematik kolportiert wurde wie ein Schwamm aufgesaugt. Meinungsbildung ist mitunter ein schmerzhafter, langwieriger Prozess, aber für gewöhnlich kristallisiert sich dann irgendwann mal ein überdauerungsfähiger Kern heraus, an den man neue Gesichtspunkte anflanschen kann, um ihn zu erhärten. Das ist dieses Mal nicht der Fall. Jeden Tag erspüre ich, wie Mitleid und Empathie, der Glaube an rechtliche Rahmen und die menschliche Vernunft, das Recht des gesunden Egoismus und meine Begeisterung für eine große Idee namens Europäische Union in mir miteinander kämpfen, wie das Pendel mal in die eine, dann wieder in die andere Richtung ausschlägt, wie ich mich selbst Schweinehund und Gutmensch nenne und insgesamt überhaupt nicht weiterkomme.

Zu einer Gegenüberstellung von Argumenten werde ich an dieser Stelle nicht ausholen. Es ist längst alles geschrieben und gesagt und ich ertappe mich dabei, wie ich im Stillen alle die beneide, die sich bereits auf eine Seite geschlagen haben, so lange es sich nicht um Faschistenschweine handelt, die sich nicht entblöden, ihrer Dummheit und ihrem abgestandenen völkischen Dünkel lauthals Ausdruck zu verleihen. Und mit jeder neuen Nachricht, mit jedem frischen und entsetzlichen Bild, das auf mich einprasselt, fühle ich mich zerrissener, ratloser, angefasster.

Könnte es sein, dass es nur die beispiellose Größe der Herausforderung ist, die mich schachmatt setzt? Und wenn es so ist, geht es dann unseren politischen Anführern vielleicht genau so? Geht es vielleicht sogar den Fleischhauers, Herrmanns und den anderen Lautsprechern und Wortergreifern auch so? Haben es vielleicht diejenigen Korrespondenten am einfachsten, die unter den abertausenden Entwurzelten auf Kos, Lesbos, in Budapest, Bicske und Röszke in der sprichwörtlichen Scheiße sitzen, weil sich angesichts des unermesslichen Leids bestimmte Fragen einfach nicht mehr stellen?

Das scheint mir durchaus wahrscheinlich zu sein. Darüber hinaus bleibt aber eines gewiss: Angesichts der beschämenden Vorstellung, die die europäischen Staatschefs bis auf ganz wenige Ausnahmen, und ich nenne mal ganz ausdrücklich die von mir nun wahrlich nicht besonders geschätzte Bundeskanzlerin, abliefern, dürfte sich das Thema „Europa“ vorerst erledigt haben. Was nützen alle Beschwörungen und Gipfeltreffen, wenn im Zweifelsfalle doch nur wieder das Sankt-Florians-Prinzip gilt? So widersprüchlich es auch in mir aussieht, dieser fatale Eindruck wird übrig bleiben und dabei geht es um nicht weniger, als um die Beerdigung eines kompletten Wertekanons, um die Bankrotterklärung eines kompletten Erdteils, um das Ende einer Epoche.

Note to self: Ja, dann feiern wir mal schön. Musik: Between The Buried And Me, Ahab, Milking The Goat Machine, Gorgoroth.