Der große Reinfall

„Der gute Einstieg“ so bewirbt das hiesige Nahverkehrsunternhemen die Dienstleistungen seiner „Roten Flotte“. Ich habe das zweifelhafte Vergnügen, täglich mehrfach auf die Fahrzeuge der ASEAG angewiesen zu sein, meist in der Innenstadt, seltener im Bergland oder in den abgelegeneren Regionen im Westzipfel. Die Qualität des Angebots ist unbefriedigend. Das hat unterschiedliche Gründe, wobei nur ein Teil der Probleme hausgemacht ist. Die Entscheidung beispielsweise, den zentralen Umsteigepunkt „Bushof“ mitten in der Innenstadt anzusiedeln, so dass fast alle Verbindungen eine Strecke nutzen müssen, wo wirklich alle 200m eine schlecht getaktete Lichtzeichenanlage steht, ist zu einer Zeit (frühe 70er) getroffen worden, als jeder Auto fahren wollte und konnte und der Bustakt entsprechend lückenhaft war. Die räumliche Trennung von Fernverkehr (Hauptbahnhof) und Bushof bedingt eben auch, dass man in der Regel das Nadelöhr Hauptpost-Elisenbrunnen-Hansemannplatz passieren muss, auch wenn man eigentlich nach Posemuckel möchte. Das Einzugsgebiet ist andererseits riesig (520 km²!) und die ASEAG ist das einzige ÖPNV-Unternehmen in Deutschland, das eine derart große Fläche ausschließlich mit Bussen versorgt. Daran wird sich nichts ändern, da die Aachener bei einem Bürgerentscheid die Pläne zur Stadtbahn mit satter Zweidrittelmehrheit abgelehnt haben (Ja, wir waren immer schon ein bisschen provinziell und blöde.).

OK, das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren auch einiges richtig gemacht: GPS-gestützte Anzeigen an den Haltestellen der Innenstadt sagen die Ankunftszeit der Busse inzwischen zuverlässig an. Die Ringlinien 3a/b und 13a/b mit ihrem engen Takt haben zu einer Entlastung der oben angesprochenen Engstelle geführt. Durch die Einführung von Doppelgelenkbussen hat man die Kapazität in den Stoßzeit erhöhen können. Wenn man jetzt noch den Fahrern eine Fortbildung in „sozialer Kompetenz“ spendieren würde und die Blockade von Busspuren durch Lieferverkehr unnachgiebig verfolgen würde, könnte man sich schon irgendwie arrangieren. Besonders schön wäre es, wenn man eine Monatskarte tatsächlich auch morgens am jeweils ersten Tag des Monats in allen Verkaufsstellen erwerben könnte. Ich weiß, das ist viel verlangt.

Dieser Artikel soll sich aber mit einem anderen Aspekt des Angebots der ASEAG beschäftigen, nämlich mit ihrer Kompetenz im Bereich „Internet und neue Medien“. So viel vorweg: Ich finde es klasse, dass ich mein Ticket mit meiner Mobilfunke erwerben kann, dass es eine gut funktionierende App gibt, mit der ich meine Lieblingshaltestellen bookmarken kann und mir die möglichen Verbindungen in Echtzeit mit Verspätungen anzeigen lassen kann. Noch viel schöner ist, dass es diese App auch auf meinem uralten 3GS mit iOS 6 noch tut. Die Internetseite der ASEAG sah aber bis vor zwei Tagen extrem altbacken aus, sie war umständlich zu nutzen und spuckte in vielen Fällen keine interaktiven Inhalte, sondern riesige PDFs aus, die man dann selbst durchsuchen durfte. Eine Funktion war aber sauber implementiert und arbeitete flott und zu meiner vollsten Zufriedenheit: Die elektronische Fahrplanauskunft. Seit zwei Tagen hat das Unternehmen sein Angebot optisch aufgewertet (wirklich hübsch!) und auf das CMS „Typo“ umgestellt. Das Ergebnis ist eine Katastrophe.

Die Fahrplanauskunft liefert nun abwechselnd leere Seiten, Datenbank-Fehlermeldungen und benötigt für all das auch noch unglaublich viel Zeit. Die segensreiche Funktion „Autovervollständigen“ gibt es nicht mehr, den Punkt „Spätere Verbindungen“ auch nicht. Offenbar arbeitet man daran: Gestern ging mit Safari nichts, mit Firefox auch nicht viel mehr, heute sieht es etwas besser aus. Mir ist klar, dass man so ein System im Vorfeld nicht sinnvoll testen kann, weil die Systemlast und Kreativität der Benutzer beim Verschreiben nicht zu simulieren ist, aber ich habe mal ein paar Fragen: Warum lässt man die alte Seite nicht einfach im Angebot und bringt einen Auswahlbutton „alt/neu“ an prominenter Stelle an? Und noch eine Frage: Warum hat man die wirkliche grottige Kartenfunktion nicht gleich auch überarbeitet, zum Beispiel das Zoomen vereinfacht und die Haltestellenanzeige modernisiert? Und warum muss die Karte in einem winzigen Fenster dargestellt werden, das man erst umständlich an die Bildschirmgröße anpassen muss? Und warum können Umlaute im Kartenfooter nach wie vor nicht richtig angezeigt werden? Und kann man Linien- und Netzfahrpläne nicht endlich mal internetgerecht aufbereiten (Suchfeld, Zoomen, internes Bookmarking)? Sicher, sehr vieles ist in der schönen neuen Funktion „Abfahrtsmonitor“ enthalten, die wünsche ich mir ganzseitig. Ihr macht das schon.

Note to self: Ein Ende ist abzusehen, noch trau ich dem Frieden nicht. Musik: Crowhurst, Abstracter, Between The Buried & Me.

Was habe ich…

IT-Spezialist

…eigentlich falsch gemacht?

Die letzten Tage: Ein von der Hitze geschreddertes RAID? Solved! Papierstau im Einzugsscanner? Kein Thema! Der Anpressdruck vom Etikettendrucker? Mit links! Javascript mit Nervfaktor? Immer gerne! Den neuen HBA-Ausweis ins System integrieren? Natürlich, natürlich! Schnell noch einen neuen Bildschirm vorbei bringen, es ist ja erst halb Acht? Selbstredend! Nach 14 Stunden Schufterei freundlich, kompetent und analytisch sein? Ja doch! Eine IBM-Workstation durch den halben Nordkreis buckeln? Klar, die Grillparty kann warten. Mein Handy-Guthaben und meine Busfahrkarte für den Betrieb einsetzen? Ich habs ja!

Eigentlich sollte sich so was wenigstens auf dem Konto bemerkbar machen. Eigentlich.

Note to self: Warum bin ich so fröhlich? Musik: The Brand New Heavies, Blur, Third Eye Blind.

Hirnschmelze

Als der Deutsche Wetterdienste gestern automatisierte E-Mails verschickte, in denen vor Schneeverwehungen im Raum Aachen-Düren gewarnt wurde, war das eine technische Panne. Ehrlich gesagt wäre mir so eine kleine kalte Verwehung momentan gerade recht, selbst wenn es nur dafür reichen würde, kurz die Füße hineinzustecken. Stattdessen hatten wir gestern in der Kaiserstadt gefühlte 35°C, für heute sind locker-flockige 37°C angesagt. Ich finde das, mit Verlaub, zum Reihern. Ein Protokoll: Gestern,

10:30: Schon klar, es ist Hochsommer, da sind Temperaturen über 30°C im Grunde normal. Zum Glück muss ich heute erst später ins Büro und kann erst mal von zu Hause aus arbeiten. Mit hitzebedingten Rechnerproblemen bei diversen Kunden ist zu rechnen, aber sie bleiben aus. Ein paar Bestellungen, ein paar Anrufe, sonst ist es ruhig. Mein Balkönchen liegt jetzt im Schatten und es geht ein leichter Wind. Das scheinen auch die Stadttauben zu schätzen, die sich laut gurrend dort niederlassen, sobald ich meinen Platz im Liegestuhl verlasse um mich mit einem frischen Kaltgetränk zu versorgen. Essen? Kein Appetit. Selbst der Kaffee schmeckt nach Batteriesäure. Dösen? Keine Chance, dabei bin ich hundemüde.

12:30: Ich versuche aus der Situation Kapital zu schlagen und werfe die Waschmaschine an. Ein gutes Stündchen Trockenzeit sollte heute ausreichen. In Gedenken an zwei mörderisch heiße Urlaube in Marokko bin ich inzwischen von Wasser/Kaffee auf Minztee umgestiegen, natürlich leider nur beutelbasiert. Die bloßen Füße stecken in einer Bütte mit kaltem Wasser. Ich beobachte die bedauernswerten Bauarbeiter, die gerade die Fassade des um die Ecke gelegenen Neubaus mit Wärmedämmstoffen (Ha!) und Klinkern verkleiden. Sie scheinen gute Laune zu haben, von Schweißflecken ist trotz körperlicher Anstrengung nichts zu sehen. Wie machen die das nur?

16:30: Nach einer kalten Dusche breche ich in die Stadt auf. Sonst mache ich mich immer über Menschen lustig, die auf dem Weg zur Arbeit im Bus Wasserflaschen mit sich führen, heute habe ich auch eine dabei. Gänzlich durchfeuchtet komme ich in der Firma an. An meinem Arbeitsplatz ist ein kleiner USB-Ventilator installiert. Sein Wirkungsgrad geht gegen Null, aber die psychologische Wirkung ist nicht zu unterschätzen. Ein paar Kubikmeter Verpackungsmüll warten auf mich. Styropor und Folien in die Gelben Säcke, die Pappe zerkleinern. Der Elektronikschrott-Haufen muss umplatziert werden. Im Grunde nicht anstrengend, aber obwohl ich betont langsam mache, treibt es mich dreimal in den Sanitärbereich, wo ich den Kopf unter den Wasserhahn stecken kann.

19:30: Auf dem Weg zur Probe fällt mir auf, wie unterschiedlich meine Mitmenschen mit der Hitze klarkommen. Da sind die notorischen Sportler, die selbst bei diesen Bedingungen joggen oder kampfradeln möchten, absolut unfassbar. Andere stellen sich in die Sonne, dabei ist der Schatten nur ein paar Schritte entfernt. Kaum jemand trägt eine Kopfbedeckung, wie kann man da noch denken? Aber natürlich gibt es auch die Vernünftigen, die mit angemessener Bekleidung und angemessenem Tempo unterwegs sind und jeden Schattenfleck ausnutzen. Im Bus bin ich der einzige Mann mit langen Hosen, da ich der Ansicht bin, dass sich das Tragen von Shorts abseits von Badeseen und Campingplätzen für erwachsene Männer nicht ziemt. Den letzten Rest von Würde werde ich mir auch vom Hitze-Hoch „Annelie“ nicht nehmen lassen. Im Probebunker ist es angenehm kühl, ich atme durch.

23:45: Die Innenstadt ist immer noch ein Backofen. Zu Hause angekommen versuche ich es mit fester Nahrung. Ein paar Bissen würge ich herunter, das Bier dazu verkneife ich mir. Ich checke die Temperatur-Werte der Festplatte in meinem kleinen Server, sie sind eigentlich zu hoch. Den Apfelhorst stilllegen, wegen Amelie? Kommt ja gar nicht in Frage. Da müssen wir jetzt gemeinsam durch. Zur Belohnung röhrt die kleine Kiste wie ein Rasenmäher.

Heute, 1:30: Mit einem Auge verfolge ich das Frauen-WM-Halbfinale zwischen Japan und England. Ich würde schon gerne schlafen, aber es ist zwecklos. Die Bettstatt ist in ein Feuchtgebiet verwandelt und diesen Begriff möchte ich ausdrücklich nicht als sexuelle Konnotation a la Charlotte Roche verstanden wissen. Irgendwann scheine ich aber dann doch weggedämmert zu sein. Ich träume vom historischen Jahrmarkt in Kornelimünster: Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Hirnschmelze in vollem Gange ist.

4:30: Mit einem Schlag bin ich wach. Ganz zart kriecht die Morgenröte heran, in meinem Kopf hämmert es. Ich flüchte auf den Balkon, das Außenthermometer zeigt immer noch 24°C. Immerhin signalisiert mein Magen nun Aufnahmebereitschaft. Nach einem Käsebrot lege ich mich wieder hin und schlafe augenblicklich ein.

7:28: Ich wache auf. Die Mobilfunke klingelt: Aha, denke ich mir. Der erste Kundenserver hat die Füße hochgerissen und angesichts der frühen Urzeit kann es sich dabei nur um einen ganz bestimmten Kunden handeln. Aber am Telefon ist ein Kerl, der sich offenbar verwählt hat und mir das in schönstem Öcher-Platt mitteilt. Egal, ich bin auf 180 und würde den Verwähler am liebsten vierteilen. 31°C Innentemperatur. Ich koche mir einen Kaffee und lege mir ein feuchtes Handtuch auf die Birne. Mein Gott und das soll jetzt noch ein paar Tage so weiter gehen? Ich suche nach Leidensgenossen, denen es weit entfernt von meinem Standort vermutlich auch kaum besser geht: Mein Chef (griechische Ägäis): Vorhersage 29°C, da hat er Glück. Mein Bruder (Praia do Forte, Brasilien): 27°C, ja ihr mich auch. Frau Geheimrat (Oberösterreich): 30°C, passt schon. Sascha und Franzi (Bad Salzungen) : 34°C immerhin! Finde ich solidarisch. Und jetzt setze ich mich für den Rest des Tages unter die lauwarme Dusche.

Note to self: Ja, der, der am Freitag da war, undankbare Tante. Musik: Faith No More, The Hirsch Effekt, Calvin Russel.