Tiger und Bettvorleger

Es ist ein offenes Geheimnis, dass unsere Bundesrepublik im Bereich Netzausbau hoffnungslos hinterherhinkt. Im Kreis Aachen gibt es immer noch Flecken, wo mehr als DSL Light mit 384kb im Downstream nicht geht, so weit so schlecht. Besonders bizarr wird es aber, wenn die Kluft zwischen versprochener und tatsächlich realisierter Bandbreite die Ausmaße des Grand Canyons erreicht. Dazu will ich mal eine kleine Geschichte aus der beruflichen Praxis zum besten geben:

Vorspiel: Einer unserer Kunden betreibt sein Geschäft am Rand des Siebengebirges, nicht davor und nicht dahinter. Die Server in zwei Filialen kommunizieren ständig über eine VPN-Verbindung, mithin ist die Geschwindigkeit des Datenaustauschs existenziell für das Business. Nun wird zurzeit in jenem schönen Landstrich der VDSL-Ausbau vom Riesen in Magenta endlich mal angegangen. Als ich vor ca. zwei Monaten begann, für den neuen Standort des Kunden (eine Filiale zieht ein paar Häuser weiter) die Internetverbindung klarzumachen, erkundigte ich mich natürlich sofort danach, ob ein Glasfaseranschluss dort fristgerecht zur Verfügung gestellt werden konnte. Das große T sagte ja, mein Herz war leicht. Auch der versprochene Schalttermin sollte kein Problem sein, beschied mir ein Mitarbeiter der Hotline für Geschäftskunden, sofern ich den Anschlusswechsel ca. 6 Wochen vor dem Umzug beauftragen würde. Ich beauftragte also 8 Wochen vor dem Tag der Tage einen Wechsel von 2x DSL16000 (am alten Standort) auf VDSL50000. Bis dahin war noch alles Brause, was dann folgte hat alle Zutaten für eine klassische Tragödie.

1. Akt: Der Kunde erhielt eine Auftragsbestätigung, allerdings für Mitte Juli, also einen Monat später als verabredet. Das Stichwort im T-Deutsch heißt „Ressourcenmangel“. Ich klemmte mich ans Rohr, machte dem Kundendienstler klar, dass man uns was anderes versprochen hatte und dass unser Kunde im Begriff war, uns einen Kopf kürzer zu machen. Der Kundendienstler hatte ein Einsehen und versprach die Angelegenheit an die Notfallreserve, so eine Art Elite-Taskforce der Telekom, weiterzugeben. Und tatsächlich flatterte dem Kunden wenig später ein weiteres Schreiben ins Haus, das den ursprünglich verabredeten Termin bestätigte, allerdings konnte von Glas und Faser nun nicht mehr die Rede sein. Einen 16000-Anschluss könne man schalten, mehr nicht. OK, ich orderte noch eine zweite Leitung um wenigstens den bisherigen Standard gewährleisten zu können.

2. Akt: Am Tag des Umzugs erschien, leicht verspätet, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein, ein sehr junger Mann im Auftrag eines externen Dienstleisters. Ihm ward der Weg zum verplompten Kästchen gewiesen und er machte sich daran. Natürlich verließen wir uns darauf, dass der Techniker nach der Verrichtung Vollzug vermelden würde, aber mit solchen in der Geschäftswelt etablierten Standards des Umgangs wollte sich der grüne Junge offenbar nicht aufhalten. Er verschwand in den ebenfalls grünen Hügeln des Siebengebirges und ward nicht mehr gesehen. Wir waren inzwischen mit unserem Roll-Out beschäftigt und irgendwann, als man eine Dose auf den Switch patchen wollte, fiel der Blick auf den Router und der hatte gesyncht. Wir waren drin, freuten uns und waren nun sicher, die Internetangelegeneheit noch am gleichen Tag zu einem guten Ende zu bringen.

3. Akt: Kaum war der Server aufgestellt und wieder oben, versuchten wir eine Verbindung zum Partnerserver in der anderen Filiale hinzukriegen. Die kam auch zustande, allerdings tröpfelten die Daten durch die frisch geschaltete Leitung, man hätte sie einzeln mit Handschlag begrüßen können. Zuerst vermuteten wir den Fehler auf unserer Seite, aber dann kam der Chef mal auf die Idee den Datendurchsatz zu messen: Ganze 2,2Mbit up/down. Wir guckten ziemlich blöde aus der Wäsche. Also wieder die Hotline bemüht. Der Gesprächspartner spulte offenbar gerade eine ganz gemütliche Schicht ab und ließ sich auch von  einem verärgerten Wortschwall nicht aus der Ruhe bringe. Irgendwann hatte er den Vorgang tatsächlich auf dem Schirm und erklärte seelenruhig, dass ich ja auch nur zwei 3000er-Leitungen bestellt hätte und angesichts der Länge der Leitung, die von der benachbarten Ortschaft käme, wären die mageren 2200 unter Berücksichtigung der Dämpfung doch gar nicht so schlecht. Also: Nicht nur, dass dieser Kretin uns dreist die Ohren voll log, er trachtete auch danach, den Misthaufen, den sein Verein aufgeworfen hatte, als goldenen Apfel zu verkaufen. Während des Gesprächs, fiel mein Blick durchs Fenster auf die gegenüberliegende Straßenseite. Da standen sie: Zwei nagelneue Schaltkästen, die Vorbereitungen für die Glasfaser.

Nachwort: Inzwischen haben wir es schriftlich. Der neue Standort des Kunden liegt einfach auf der falschen Straßenseite. Offenbar hat niemand beim großen T gemerkt, dass ein tiefer Graben durch die gesamte Ortschaft läuft. Eine Hälfte wird in absehbarer Zeit tatsächlich VDSL erhalten, die andere muss mit einer auf 2-3Mbit gedrosselten 6000er-Leitung leben. Hätten wir das gewusst, wären wir von vorne herein zur Fernseh-Kabel-Konkurrenz gegangen. Ich habe in der Zwischenzeit mit so vielen Mitarbeitern der Telekom telefoniert, dass es mich finanziell ruinieren würde, wollte ich jedem ein Bier ausgeben. Was für ein Glück also, dass alles, was ich am liebsten mit ihnen anstellen würde, mit siedendem Öl, Teer und Federn zu tun hat. Das führende Telekommunikationsunternehmen der Bundesrepublik ist als Tiger abgesprungen und als Bettvorleger gelandet. Daran geht Deutschland kaputt. Und nebenbei: Unser Kunde wünscht uns die Beulenpest an den Hals und wir können gar nichts dafür.

Note to self: Dann also Köln morgen, fängt ja gut an. Ich kotze jetzt schon. Musik: Depeche Mode, Rolo Tomassi, Iwresteledabearonce, Madonna.

Advertisements

Die Hits der 80er, der 90er und das Beste von heute

Nein, früher war nicht alles besser. Auch wenn der alternde Mensch dazu neigt, die Vergangenheit mit einem romantisierenden Schleier zu versehen, aus dem die vermeintlichen Höhepunkte der eigenen Vita von Gloriolen umkränzt herausragen, die Wahrheit ist: Früher waren die meisten Autos Klapperkisten, mit denen man schon aus Vorsicht nicht schneller als 140 fuhr, man benutzte unpraktisch patentgefaltete Stadtpläne und tragbare Kassettenabspielgeräte mit einem Fassungsvermögen von weniger als 40 Titeln, chemische Kameras und Waschmittel mit giftigen Tensid-Cocktails. Und die Musik? Nun ja, man bekam ausschließlich das serviert, was Plattenfirmen für publizierbar und profitabel hielten. Jemand, der wie ich wesentliche Teile seiner musikalischen Prägung in den 80er und 90er Jahren absolvieren musste, weiß wie furchtbar das sein konnte.

So gesehen war es ein schwerer Fehler, dass ich neulich für eine Geburtstagsfete eines Altersgenossen, bei der ich die Ehre hatte, den DJ geben zu dürfen, so einiges an Populärmusik aus eben jener Epoche rauskramte und in meine iTunes-Biblithek integrierte (Nebenbei: Es war auch ein schwerer Fehler dieses ganz bestimmte Album von Mumford & Sons auf mein iPhone zu laden, das mich gerade jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit auf die gleiche Weise anekelt, aber das ist eine andere Baustelle). Aber ich wusste ganz genau, was man sich an jenem Abend vom Mann an den Reglern wünschen würde und so leistete ich vorauseilenden Gehorsam: Talking Heads, The Cure, Depeche Mode, OK, darüber kann man noch reden, aber es kamen ja noch weit größere Grausamkeiten dazu: Duran Duran, Frankie goes to Hollywood, UB40, Ace of Base, Madonna, Prince und dazu als Krönung die Protagonisten der Neuen Deutschen Welle. Dieser ganze Müll befindet sich nun auf meiner Festplatte, garniert mit den Machwerken aktueller Stars wie Rihanna, Katy Perry und Lady Gaga. Und dieses ganze unappetitliche Konvolut muss nun, getreu meiner Vorgaben für den Umgang mit meinen MP3s, auch noch angehört werden. Dazu verwende ich eine „intelligente Wiedergabeliste“, die leider wegen ihrer Steuerparameter eine unschöne Eigenschaft hat: Alles was an interessanten aktuellen Veröffentlichungen hinzukommt, landet eben auch in dieser Liste, die per Zufall abgespielt wird. Und so folgt Gorgoroth auf Kim Wild, TalkTalk auf Iwresteledabearonce und Blondie auf Rolo Tomassi.

Mal abgesehen davon, dass ich erschreckt feststellen muss, wie tief sich dieser Müll, den ich vorwiegend per Radioempfang konsumierte, in mein damals jugendliches Hirn gefressen hat (ich kann immer noch ganze Stücke mitsingen): Wie müssen wir damals drauf gewesen sein, um solche impertinenten Unverschämtheiten wie Visage, Matt Bianco oder die Simple Minds zu ertragen? Warum habe ich damals Platten von Klaus Lage (ja wirklich!) und Bonnie Tyler gekauft, von meinem schmalen Taschengeld? Wo waren sie, die älteren Cousins und väterlichen Freunde, die einem damals den Weg hätten weisen können, hin zu musikalischer Qualität? Denn wenn ich heute das Erscheinungsjahr einiger Kultplatten lese, dann denke ich mir immer: Mann, da warst Du 16, dir hätten schon damals die Augen geöffnet werden können. Aber statt Napalm Death hörte ich Brian Adams, statt Bolt Thrower Elton John und statt Motörhead Bap. Die grausame Wahrheit ist, dass ich ein verwöhntes Spießerchen war, dem alles jenseits des Mainstreams verdammte Angst einjagte.

Wirklich coole Musik hörte ich damals im *Trommelwirbel* Musikunterricht, wo eine äußerst pfiffige Lehrerin die Perlen ihrer Sammlung mitbrachte und in voller Lautstärke abspielte: Pink Floyd, Deep Purple, The Beatles, Frank Zappa: Immer wenn wir nicht auf die berühmten Orff’schen Instrumente einprügelten, kam es zur Verkostung solcher Meilensteine. Und während der Wiedergabe schüttelte besagter Lehrkörper sein wuscheliges Haupthaar, tänzelte in Jesuslatschen ohne Socken und warf seinen Kopf, der auf einem von indianischen Amuletten geschmückten Hals saß, in alle Richtungen. Tja und so einen kundigen Hippie als Musiklehrer wünsche ich auch allen Schülerinnen und Schülern von heute, damit sie erfahren dürfen, dass es abseits der allzuleicht konsumierbaren Massenware noch was anderes gibt. Denn das angeblich Beste von heute ist eben auch nur das Abgestandene, Peinliche von morgen. Und es wird trotzdem in den Hirnen und auf den Datenträgern der Jugend von heute überdauern. Schlimmer noch: Es wird Halbglatzen, Bauchansätze und schmerzende Lendenwirbelsäulen in wohlige sentimentale Schauer versetzen. Wartet es nur ab.

Note to self: Nicht davor und nicht dahinter. Musik: All of the above.

Die Männer des ersten Halbjahrs

Es ist Zeit für eine neue Rubrik in diesem Blog: In Zukunft werde ich einigermaßen regelmäßig Männer präsentieren, die auf dem Glatteis des aktuellen Genderwahns ausgerutscht und somit Opfer der „Political Correctness“ geworden sind. Ihre jeweilige Leidensgeschichte werde ich nicht nacherzählen, sondern auf entsprechende Artikel in der Onlinepresse verlinken. Und da die letzten Monate diesbezüglich besonders ergiebig waren, gibt es zur Premiere gleich drei besonders bedauernswerte Exemplare:

Tim Hunt:
Witze

Paul Nungesser:
Matratzen

Matt Taylor:
Hemden

Note to self: The evil is always and everywhere. Musik: Abstracter, Alanis Morisette, Seasick Steve, Crowhurst.

Die belgische Eifel

Doch, keine Bange, es gibt mich noch. Und weil vor dem nächsten Monsterprojekt wenigstens ein paar Tage Zeit zum durchschnaufen sind, gibt es auch endlich wieder neue Beiträge bei „Just Skidding“. In den letzten Wochen tummelten sich einfach zu viele renitente Laptops, Arbeitsspeicher namens Mr. und Mrs. Bluescreen, widerborstige Etikettendrucker, bröckelnde Festplatten, gefräßige DVD-Laufwerke und bizarre Probleme aus dem Outlook-Exchange-Komplex. Deshalb kam ich nicht dazu, etwas halbwegs Substanzielles zu verfassen. Immerhin habe ich Anfang des Monats die erste Hälfte meines Jahresurlaubs absolviert: 4,5 satte Tage in den Ardennen, da kam Freude auf und darum will ich mal ein bisschen ausholen:

In zahlreichen Beiträgen habe ich bereits dargelegt, warum ich Belgien so mag: Der sinnliche Katholizismus gepaart mit Ist-mir-doch-Wurst-Geisteshaltung, die Lieblichkeit der Landschaft und die vollkommen zersiedelten Ortschaften, Mut zum Kitsch und zu gewagten Outfits, Bierspezialitäten, die ganze Mahlzeiten locker ersetzen und, zumindest in der Wallonie, ein ausgeprägtes Mißtrauen allem gegenüber, was nach Obrigkeit und Autorität klingt. Mit einem Wort: Von Belgien lernen, heißt siegen lernen, mag das Land auch finanziell desolat sein. Und würden unsere kleinen westlichen Nachbarn sich endlich dazu durchringen, ihre maroden Atommeiler wie Tihange und Doel abzuschalten, die keine 100KM von meiner Heimatstadt entfernt liegen, dann könnte ich diesem verrückten, anarchistischen Ländchen stekum verfallen.

Wenn die Deutschen das Wort „Ardennen“ hören, denken sie in der Regel entweder an die letzte große Offensive an der Westfront, an Schinken oder an Radrennen. Wenn ich an die Ardennen denke, dann kommen mir üppige Mahlzeiten, ausgedehnte Wanderungen, ein murmelnder Bach mit revierbildenden Stelzen, ziemlich große Lagerfeuer und vor allem viel Ruhe und Gemütlichkeit in den Sinn. Unsere Aufenthalte südwestlich von Marche en Famenne sind in den vergangenen Jahren gute Tradition geworden, zwar wechselt die Zusammensetzung der Gruppe, aber die Grundrichtung „zurücklehnen und genießen“ ist inzwischen etabliert.

Die diesjährige Auflage des Kurzurlaubs hatte einige programmatische Höhepunkte aufzuweisen: Da war zunächst mal eine Flasche eines 1990 destillierten Macallan Speymalts zu verkosten. Das Ergebnis will ich mal so zusammenfassen: Mir scheint es wenig sinnvoll, einen dreistelligen Betrag in einen Whisky zu investieren. Sicher, das Stöffchen war schon sehr lecker, aber eben nicht so viel leckerer als ein 12jähriger Qualitätsmalt aus der Speyside. Wenigstens ist man um diese Erkenntnis reicher. Ansonsten gilt für den 25jährigen Spitzenwhisky: Viel, viel Sherry, ein bisschen Weihnachten (Zimt, Koriander), die berühmten „dunklen Früchte“ (Rosinen, Trockenpflaumen) und ein gewaltiger Abgang mit einer Spur Honig und Schokolade. Ein weiteres lang erwartetes Ereignis, nämlich eine launige Blindverkostung von Pils und Kölsch erbrachte ernüchternde Ergebnisse: Zwar gelang mir im ersten Anlauf die Identifizierung meines Lieblingsbiers und einer weiteren Marke, allerdings konnte ich die drei übrigen Kandidaten nicht zuordnen: Aus Früh-Kölsch wurde Budweiser Lager, aus Becks Früh-Kölsch und aus Budweiser Becks. Den übrigen Teilnehmern ging es ähnlich. Peinlicherweise konnte ich diese ohnehin schon mäßige Trefferquote in einem zweiten Test nicht bestätigen: Skidman – Zero Points, lag aber vielleicht daran, dass der Gaumen vor lauter Probiererei schon zu ausgeleiert war. Übrigens: Der einzige Teilnehmer, der nicht ausgewiesener Biertrinker ist, erzielte mit drei Treffern die beste Punktzahl. Aus diesen Ergebnissen lässt sich nur eins ableiten: Demnächst gibt’s nur noch Oettinger, Grafenwalder und Karlskrone. Wer jetzt den Eindruck hat, wir hätten in Belgien ohnehin nur gesoffen, der irrt sich aber: Am Freitag war es mit über 30°C zu warm – selbst dafür.

Note to self: Das Zaunprojekt, o Wunder. Musik: Barenaked Ladies, The Hirsch Effekt, Sophie Hunger, And So I Watch You From Afar.