Pauls Hybris

Birne

„Oh nein!“ Paul schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. So heftig, dass es klatschte. In den letzten zwei Stunden hatte er alles dafür getan das perfekte Abendessen zuzubereiten: Die Zutaten feinster Qualität waren in der richtigen Reihenfolge geschält, gewaschen, mariniert, gewürfelt, kaltgestellt, blanchiert, püriert und angebraten worden. Und just in dem Moment, als er neben den Kochplatten, dem Backofen, dem Wasserkocher auch noch den Mixer in Betrieb nehmen wollte, hatte das Schicksal mit voller Wucht und mit Anlauf zugeschlagen: Die Sicherung war geflogen.

Jetzt stand er erstens im Dunkeln und zweitens ziemlich belämmert in seiner stockfinsteren Küche. In zwanzig Minuten würde sein Besuch vor der Tür stehen, oder genauer gesagt, seine Besucherin. Miriam. Mit der hatte er ja mal eine richtig gute Zeit gehabt, vor fast drei Jahren. Letztens war sie ihm in ihrer alten Stammkneipe unverhofft über den Weg gelaufen und hatte gar nicht abgeneigt gewirkt, den guten alten Zeiten eine neue Episode hinzuzufügen. „Komm doch mal vorbei, ich koche uns was.“ Und zu Pauls Verwunderung hatte sie tatsächlich zugesagt.

Jetzt war Mathei am letzten, denn der Sicherungskasten befand sich in der Abstellkammer. Und in der Abstellkammer war seit gestern all das versammelt, was Paul in seiner Wohnung unpassend, peinlich, kindisch, kurz nicht-Miriam-tauglich gefunden hatte: Der genau einmal für fünf Minuten benutzte Crosstrainer, der müffelnde Flokati (aus dem Schlafzimmer!), die Stehlampe mit dem bestickten Schirm, den sie zum Schütteln fand, die umfangreiche Comic-Sammlung, der Standventilator (quadratisch, praktisch, hässlich hatte sie gesagt) und natürlich das alte Mofa, das in der Diele eigentlich schon immer auf seine Restaurierung gewartet, aber bis dahin einen passablen Kleiderständer abgegeben hatte („Davon hast du dich wirklich getrennt?“ hätte sie gefragt und er hätte nur mit den Schultern gezuckt und dabei weltmännisch und erwachsen gewirkt).

Paul liebte, wie alle Männer, deterministische Systeme: Drücke den Schalter für A und A passiert. Mit Akribie hatte er auf diesen Abend hingearbeitet, Musik, Kerzen, Wein, ja sogar die Servietten mit großer Sorgfalt ausgewählt. Er hatte einen formidablen Schlachtplan ausgearbeitet, der in der romantisch beleuchteten Küche beginnen und im flokatifreien Schlafzimmer enden sollte. Und ausgerechnet jetzt machte ihm eine Sicherung, ein sinnreiches, nützliches technisches Element, das sicher schon tausende von Wohnungsbränden verhindert hatte, einen Strich durch die Rechnung. Er war zu perplex, um sich zu ärgern.

Paul hasste, wie die meisten Männer, nicht-deterministische Systeme: Mottoparties, Glücksspiel, Vorstellungsgespräche und Nachtwanderungen in unbekanntem Terrain. Und waren nicht auch Frauen nicht-deterministische Systeme? Und war nicht Miriam im Grunde das beste Beispiel dafür? Miriam, die erst keinen Hunger hatte, dann aber die Hälfte seiner Pommes wegfutterte. Miriam, die immer schon nach Florenz gewollt hatte, aber kurz nach Passage des Brenners (sein armer Skoda!) 10 Tage alpines Wandern durchgesetzt hatte. Miriam, die die Ohrringe in der Auslage entzückend fand, kurz nach ihrem Geburtstag aber dann ihre Nickelallergie wieder entdeckte. Miriam, die in der Abenddämmerung am Flussufer leidenschaftlich wie selten war, aber eine knappe halbe Stunde später unerträgliche Kopfschmerzen hatte. Jetzt begann Paul sich doch zu ärgern.

Es klingelte. Diese Situation konnte man nur aussitzen. Es klingelte noch mal. Dann ging das Handy.

„Ach Miri, grüß dich!“

„Wie, du stehst vor der Tür, aber bei mir ist alles dunkel?“

„Hast du meine SMS nicht gekriegt?“

„Nee, wollte ich verschieben.“

„Mit Timo zum Fußball, er hat noch Karten gekriegt.“

„Tut mir echt leid.“

„Nee, hör mal, aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Ich melde mich, garantiert.“

„Ja, sorry noch mal.“

Ob er den Korkenzieher auch im Dunkeln fände? Käme auf einen Versuch an. Bevor er die Flasche zum Mund führte, dachte er sich „Was bin ich doch für ein gerissenes Kerlchen!“ Dann versuchte er zu grinsen, aber der Versuch misslang.

Frau Pusch goes bonkers

Eigentlich wollte ich zur Absturzkatastrophe von Germanwings 4U9525 nichts schreiben, auch deshalb, weil die Berichterstattung zu dieser unfassbaren Tragödie bis gestern schon einige Tiefpunkte aufwies, die beispiellos sind. Selbst bei Qualitätsmedien wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, waren solche Tiefschläge und Fauxpas zu konstatieren. Vorgestern hat jedoch die feministische Linguistin Luise Pusch in ihrem unsäglichen Blog, das ich hier nicht verlinken werde, den Vogel der Geschmacklosigkeit abgeschossen und die Zeitschrift „Emma“ hatte nichts besseres zu tun, als dieses peinliche Geschreibsel zu übernehmen.

Kernthese des kruden Artikels, der sich ansonsten in Nebenschauplätzen verliert, die dem Leib-und-Magenthema der Autorin, also der gendergerechten Sprache Raum geben, ist, dass Fluggesellschaften das Risiko für „erweiterte Selbstmorde“ von Cockpit-Crews durch die Einführung einer (100%igen?) Frauenquote für Piloten senken könnten, weil sich viermal so viele Männer wie Frauen selbst umbringen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Angesichts von 150 Opfern, ihren trauernden Angehörigen und Freunden und einer Nation im Schockzustand hat Luise Pusch nichts besseres zu tun, als dieses Ereignis für ihren primitiven, männerfeindlichen Feldzug auszuschlachten. Und die Redaktion der führenden feministischen Zeitschrift in Deutschland entblödet sich nicht, dieses Geschmiere auch noch wiederzugeben.

Es sind Äußerungen wie diese, die den nachvollziehbaren Streit von Frauen für ihre Rechte in den Schmutz ziehen und die Protagonistinnen vom Schlage einer Pusch als ignorante, grenzdebile, faschistoide Kretins entlarven. Und es muss denkende Menschen beiderlei Geschlechts bekümmern, dass die Idee der Gleichberechtigung der Geschlechter, die eine zivilisatorische Errungenschaft ist, genau von solchen Rohrkrepiererinnen instrumentalisiert wird, so dass die Auseinandersetzung mit den Speerspitzen der Bewegung einem intellektuell mindestens mittelmäßig Begabten im Grunde nicht zuzumuten ist.

Note to self: Weniger ist mehr, zuviel ist zuviel. Musik: Röyksopp, Natalie Merchant, The Cat Empire.

Opportunity

Ein bemerkenswertes Stück Technik, nämlich der Mars Rover „Opportunity“, hat gestern einen Rekord aufgestellt: In elf Jahren und zwei Monaten schaffte dieses Gefährt eine Strecke von 42,195 Km und somit die erste Marathon-Bestzeit für einen Ort außerhalb unseres Heimatplaneten. Das ist eine spektakuläre Leistung. Niemand, am allerwenigsten die NASA, hätte dem Fahrzeug eine solche Überdauerungsfähigkeit zugetraut.

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Die Abenteuer von Opportunity lesen sich ein bisschen wie ein Roman über Robinson, Scott oder Kolumbus. Diese Perspektive ist Ausdruck der Vermenschlichung unbeseelten Materials, die jeder nachvollziehen kann, der während einer nächtlichen Autobahnfahrt „in the middle of nowhere“ schon mal „Halt durch, Dicker“ zu seinem Auto gesagt hat. Der Autor bekennt sich hiermit zu solchen Anwandlungen und findet deswegen wahrscheinlich auch den nachfolgenden Cartoon ziemlich rührend:

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Note to self: Frieden machen, neue Saiten aufziehen. Musik: Rodrigo y Gabriela, Hellsongs, Photek, Soliquid.

Die Sechs von der Baustelle

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Inzwischen sind sie mir schon fast ein bisschen ans Herz gewachsen, die sechs Bauarbeiter, die seit ein paar Monaten ein neues Haus quasi in meinem Hinterhof errichten: Der leicht verschlagen wirkende Kranmann mit seinem ewig gleichen Kapuzenpulli und Parka, der ältere Bebrillte mit seinem Bart, der auch schon mal laut schimpft, der smarte Flanellhemdträger mit blonder Bürste, der sich nach Feierabend in seine Lederjacke mit Fellkragen wirft, der junge blonde Zuträger mit seiner Nickelbrille, den man nie reden hört und der drahtige Südländer mit seiner verwegenen Mütze.

Ich habe sie bei strömendem Regen und Frost malochen sehen, habe sie beim Herumkraxeln auf wackeligen Gerüstkonstruktionen beobachtet. Ich weiß, wo sie den Schlüssel zu ihrer Baubude verstecken, in die sie sich in den Pausen zurückziehen. Und inzwischen habe ich auch einiges über modernes Bauen gelernt, weiß, dass die Steine heutzutage nicht mehr mit Mörtel, sondern mit Kleber zusammengefügt werden, dass man die Zwischendecken aus Fertigelementen erstellt, in die die Armierung schon eingebaut ist. Ich weiß, wie man es hinkriegt, dass der Beton in nicht zusammenhängenden Verschalungen nach dem Abbinden eine gleichhohe Schicht ergibt. Und ich weiß, dass man nur dann einen Helm trägt, wenn die Bauaufsicht, oder der Architekt oder beide zur Inspektion kommen.

Ein Geschoss und der Dachstuhl fehlen noch. Das Tempo ist eigentlich atemberaubend, aber die Jungs schuften ja sogar samstags und schon ab halb sieben und das mit ruhiger Gelassenheit, Hektik hat es bislang auf „meiner“ Baustelle noch nicht gegeben. Und inzwischen habe ich mich auch an die Geräuschkulisse gewöhnt, Widerstand wäre wohl auch zwecklos.

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Beim gegenwärtigen Stand des Bauvorhabens bleiben für den interessierten Nachbarn dennoch einige Fragen offen: Was wird aus den alten Postgebäuden unmittelbar hinter dem neuen Haus? Werden die als nächstes abgerissen? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man großzügige Balkons an der Rückseite einplant und die neuen Bewohner dann auf die abgestandenen, wenig ansehnlichen Backsteinklötzchen schauen lässt. Andererseits: Hätte man einen Abriss nicht vor dem Rohbau durchgeführt, schon aus praktischen Gründen? Ich werde mich überraschen lassen.

Note to self: 50090! Musik: Basta, Die Ärzte, Deichkind, Shunsuke Mizuno, Roby Lakatos.

Das Loch auf meinem Schreibtisch

Das Verhängnis begann am Mittwoch spätabends, als ich von der Probe heimkehrte und noch schnell E-Mails checken und im Internet was nachschauen wollte. Mein Zweitmonitor, ein Billig-Gerät aus dem Jahr 2009 zeigte plötzlich kein Bild mehr und eine feine Rauchfahne stieg, begleitet von einem widerlichen Schmorgeruch, von der Rückseite des Bildschirms auf. Natürlich nahm ich sofort den Strom weg, stellte sicher, dass nichts vor sich hin kokelte und legte mich hin. Am nächsten Tag wurde das Gerät geöffnet und das fehlerhafte Bauteil identifiziert.

Und wie soll es anders sein? Natürlich kann man das „Powerboard“ nachbestellen, es kostet auch nur 7,50€, aber geliefert wird es aus China, 17€ Fracht kommen dazu, wenn man Luftpost ordert und nicht bereit ist, 4 Wochen zu warten. Für schon 15 € bekomme ich aber genau diesen Monitor komplett mit Gratisversand bei E-Bay. Beide Varianten sind aber auch deswegen keine Option, weil der alte Bildschirm schon lange nicht mehr den Anforderungen entsprechen kann, die man heute, auch an einen Billig-Flatscreen, stellen muss.

Also musste was Neues her. Meine Anforderungen: LED-Backlight, Bildseitenverhältnis 5:4, DVI- und VGA-Buchse. Genau so ein Gerät habe ich dann versucht vor Ort kurzfristig zu bekommen, ohne Erfolg: Mein Lieblingshändler meinte „1 Woche Lieferzeit“, die Konkurrenz konnte auch nicht mehr versprechen und selbst die beiden großen Filialisten („Geil“ und „Blöd“) hatten nix im Angebot. Tja, wie soll ich mich denn von der Online-Krake Amazon, die ihre Mitarbeiter ausbeutet und ausspioniert, lösen, wenn der Einzelhandel kläglich versagt? Also habe ich meinen Wunschmonitor doch wieder bei den Amazonis bestellt und zwar Donnerstag vormittag, die Lieferung per DHL wurde für den heutigen Samstag avisiert, alles gut, auch wenn das Loch auf meinem Schreibtisch mich wirklich nervte.

Nun, als ich Freitag von der Arbeit kam, hatte ich das berühmte Kärtchen im Briefkasten. Die Logistik-Profis hatten voll zugeschlagen und ihre eigene Lieferzeit um 24h unterboten. Ich fluchte tüchtig, denn der frühstmögliche Termin zur Abholung in der Hauptpost, die immerhin nur eine knappe Viertelstunde zu Fuß entfernt liegt, war Samstag, ab 12:30 Uhr. Wer schon mal in der Aachener Hauptpost Samstags 20 Minuten in der Schlange gestanden hat, weil viele arbeitende Mitbürger sonst keine Gelegenheit haben, ihre Sendungen abzuholen, der weiß Bescheid.

Also machte ich mich eben schicksalsergeben auf den Weg, gewappnet mit harter Kampfmusik auf den Ohren. Tja, nur wird die Hauptpost heute von den verd.is bestreikt. Ein lapidarer Aushang (ohne Datum) wies auf die sicher guten Gründe für den Arbeitskampf hin und schloss mit den Worten „…sind wir morgen wieder gerne für Sie da.“ Heftiger kann man den Mitbürgern, deren Solidarität man ja immer wieder einfordert, nicht ins Gesicht schlagen, denn morgen ist bekanntlich Sonntag. Ich wartete ein paar Minuten (worauf eigentlich?) und machte wieder kehrt. Bis zur AM-Treppe kamen mir sicherlich ein Dutzend Leute entgegen, die ebenfalls ein Abholkärtchen in der Hand hatten. Ich sprach sie an und klärte sie auf und einer von ihnen sagte dann diesen Satz zum Einrahmen: „Und da schimpfen immer alle auf die Beamten, heute kämen mir ein paar Postbeamte, so wie früher, gerade recht.“

Wieder zu Hause versuchte ich bei ver.di im Internet die voraussichtliche Dauer des Arbeitskampfes zu ermitteln. Natürlich vergeblich. Einen Mitgliedsantrag hätte ich runterladen können, das wars. Dem Bezirk Aachen/Düren/Erft habe ich gerade per E-Mail mitgeteilt, was ich von seiner Informationspolitik halte. Drecksbande, elende!

Note to self: Mal richtig ausschlafen – ein unfrommer Wunsch. Musik: Liturgy, Audrey Horne, Thou, Deivos, Enslaved.

Mediterrane Schnitzelchen mit verbrannten Kräutern

Neue Serie bei „Just Skidding“: Rezepte, die die Welt nicht braucht. Los geht’s:

Zutaten (für einen sehr hungrigen IT-Dienstleister):

4 Minutensteaks vom Schwein
1 Paprikaschote (Farbe egal)
3 mittelgroße Zwiebeln
125g Langkornreis
Salz, weisser Pfeffer, Rosenpaprika scharf, Oregano, Basilikum, Soja-Sauce, Margarine

Zubereitung:

Paprikaschote und Zwiebeln würfeln, Wasser für den Reis aufsetzen, 3-4 Prisen Salz dazu. Fleisch abtupfen, beidseitig kräftig mit Salz, Pfeffer, Paprika würzen und mit Oregano und Basilikum bestreuen. Reis ins kochende Wasser geben und 15 min garen.

Etwas Margarine in einer Pfanne erhitzen, bis das brutzelnde Geräusch weg ist. Fleisch einlegen und bei großer Hitze von beiden Seiten kräftig anbraten. Dann Temperatur deutlich reduzieren und das Fleisch nochmals 1-2 min auf beiden Seiten durchgaren, dann aus der Pfanne nehmen und warmstellen.

Gemüse in die Pfanne geben, keine weiteren Gewürze zufügen und Deckel drauf, bei mittlerer Hitze ca. 8-10 min schmoren lassen. Dann gut durchmischen und einen kleinen Schuss Soja-Sauce zugeben. Den gegarten Reis untermischen und die Mischung neben den Schnitzelchen anrichten.

Dazu passt ein eiskaltes Pils, oder auch zwei.

Note to self: Schwarz, das Grauen, das muss aufhören. Musik: Napalm Death, Periphery, Swallowed, Doombringer, Primitive Man.