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Alle Menschen haben eine Theorie, warum sie hin und wieder von einem grippalen Infekt heimgesucht werden: Hände nicht gewaschen, zu wenig Schlaf, zu leicht angezogen, Überarbeitung, unausgewogene Ernährung, zu trockene Luft, zu feuchte Luft, zu kalte Luft, zu wenig frische Luft, Vollmond, Montag Morgen. Zu diesen begünstigenden Faktoren muss dann natürlich noch ein weiteres hinzutreten, nämlich eine Ansteckungsquelle. Das kann der hustende oder niesende Mitpassagier in öffentlichen Verkehrsmitteln sein, der rücksichtslos virulente Arbeitskollege, oder ein siechendes Familienmitglied. Ich für meinen Teil pflege einen Gutteil meiner Erkältungen von unserem Bassisten zu übernehmen, mit dem ich einmal in der Woche zunächst gemeinsam im Auto in den Nordkreis unterwegs bin und dann in einem ungeheizten Proberaum ein paar Stunden verbringe. So war es schon damals, bei der legendären Römischen Grippe, die der Mitmusikant aus der „Ewigen Stadt“ importiert hatte und es ist gerade wieder einmal so weit.

Gestern nämlich bin ich nach einem späten Kundentermin in Neutral-Moresnet durch den fallenden Schnee zur Heimstatt des viersaitigen Kollegen getrottet, um von diesem mit Röcheln und Schnauben in Empfang genommen zu werden. Während ich einen Kaffee trank, fischte er aus seiner Teetasse einen Zweig Rosmarin, etwas Salbei und zwei große Stücke Ingwer. Er behauptet, dass diese Mischung hilft. Sein beklagenswerter Zustand legte einen anderen Eindruck nahe. Anstatt sich für sein heutiges Konzert zu schonen bestand er darauf, an der gestrigen Probe teilzunehmen und so brachen wir zusammen gen Alsdorf auf.

Spätestens bei der Rückfahrt verspürte ich leichte Ohren- und Kopfschmerzen, eine Schwellung sämtlicher Schleimhäute und einen ziemlichen Hustenreiz. Zu Hause angekommen vertilgte ich eine große rote rohe Paprika, nahm dazu einen ostschottischen Ertüchtigungstrunk (so lange man noch irgendwas schmeckt!), kramte ein zweites Plumeau raus und legte mich alsbald zur Ruhe, geplagt von den dunkelsten Vorahnungen.

Und wie soll es anders sein: Gegen 5 Uhr morgens erwachte ich mit gespaltenem Schädel, Schüttelfrost und zugeschleimter Nase. Was macht man in diesen Momenten, in denen an weiterschlafen nicht zu denken ist? Nun, ich mache mir dann immer eine Kanne Tee, versetze diesen nach dem Ziehen mit frischem Zitronensaft und Propolis und sammle mich. Ich denke an den enormen Zellstoffhaufen, den ich vollrotzen werden, an den Berg durchgeschwitzter Klamotten, überprüfe meine Vorräte an Nasenspray und Aspirin und füge mich in mein Schicksal. Dann lege ich Erkältungsmusik auf, harmloseren Jazz oder was Barockes und lege mich wieder hin um die kommenden Tage in einem Dämmerzustand zu verbringen. Das hilft zwar auch alles nix, aber was soll schon helfen? Skidman: Null. Winzige kleine Mistviecher: Eins. Auswärtssieg!

Note to self: Kümmerer retten die Welt. Musik: Keith Jarrett, Katja Maria Werker, John Butler Trio.

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Reichen

Es reicht! Das könnte der Stoßseufzer eines „Hartzers“ sein der es auch im Januar 2015 wieder mal voraussichtlich bis zur nächsten Überweisung der ARGE schaffen wird, oder die Erleichterung eines schichtarbeitenden Familienvaters, dass es auch in diesem Monat wohl für die Miete langen wird. Es könnte die berechtigte Wut über den Konzern Aldi Süd sein, der eine Flüssigseife aus dem Sortiment nehmen wird, weil auf der Verpackung die Hagia Sofia abgebildet ist, was ein religiöser Konsument nicht „halal“ genug fand. Es könnte schließlich die Empörung darüber sein, dass das sächsische Innenministerium gewisse, für heute Abend angesetzte, Demonstrationen verboten und damit ein durch die Verfassung garantiertes Grundrecht zeitweise außer Kraft gesetzt hat, wobei zunächst mal völlig egal ist, gegen was da demonstriert werden sollte (Meine Meinung dazu dürfte bekannt sein, aber darum geht es in diesem Fall nicht.)

Das „Es reicht!“, um das es in diesem Beitrag tatsächlich geht, soll etwas ganz anderes bezeichnen, nämlich meine Entrüstung ob der Ergebnisse einer Untersuchung der Organisation „Oxfam“, die heute publiziert wurden. Kurzfassung: Im Jahre 2016 wird 1% der Weltbevölkerung so viel besitzen, wie die anderen 99% zusammen.

Zwei Gesichtspunkte können von diesem Ausgangspunkt aus thematisiert werden:
1) Alle, die diesen Beitrag lesen und auch sein Verfasser gehören zu den 99%, sind mithin Opfer einer spätkapitalistischen Wirtschaftsordnung, in der eine Bonzenkaste inzwischen genau weiß, welche Hebel in Politik und Wirtschaft bedient werden müssen, um die gewissenlose Absahnerei auf Kosten der Anderen fortsetzen zu können.
2) Alle, die diesen Beitrag lesen und auch sein Verfasser gehören gleichwohl zu denen, die Teil und Täter in einer Ausbeutungsgesellschaft sind, deren niederste Objekte in einer Lebenssituation dahinvegetieren, die unsere Vorstellungskraft sprengt.

Ich schreibe genau von der Milliarde auf unserem Planeten, die von weniger als 1,25$ pro Tag leben muss. Ich schreibe von Menschen, die schlechter leben als die Schweine in deutscher Massentierhaltung, die Abfälle essen und trinken, sich nicht waschen können, nicht lesen und schreiben können, die noch nie im Leben eine angemessene Toilette gesehen oder benutzt haben. Ich schreibe von Menschen, deren Not zum Himmel stinkt und alle Leser und den Verfasser dieses Beitrags zu Tränen rühren müsste.

Es kann nicht darum gehen alle Menschen gleich oder zu gleichberechtigten Teilhabern zu machen, das ist eine Illusion. Es kann nur darum gehen zu verhindern, dass die Kluft zwischen den Ignoranten und den Müllmenschen immer größer wird. Das ist nämlich möglich: Durch international verabredete Steuerstandards, durch Abgaben auf Großvermögen, durch eine Abkehr von dem Irrglauben, es würde auf dieser Welt schon besser werden, wenn man den besonders Skrupellosen fortwährend Zucker in den Arsch bläst. Fangen wir endlich damit an! Wählen wir das nächste Mal nicht schon wieder diese selbstzufriedenen Handlanger der Weltzerstörer! Wählen wir doch nächstes Mal die bessere Alternative! Bringen wir doch mal ein kleines bisschen Mut auf! Ihr wisst schon.

Note to self: Installiere Wärme, Mittwoch Abend und morgens um 9. Musik: Adriana Varela, Abdullah Ibrahim, Abbey Lincoln.

Sich besser fürchten

„Angst ist, was den Menschen im Innersten zusammenhält“ sagt der Soziologe Heinz Bude. Sie ist das Ergebnis einer fortwährenden sozialpsychologischen Wahrscheinlichkeitsrechnung, bei der auf einer Seite der Gleichung Operatoren, Vorfaktoren und selbst angebliche Konstanten einem ständigen Fluss unterliegen. Sicher ist nur, dass das Ergebnis ungleich Null und positiv ist. „Positiv“ ist in diesem Fall nicht nur als Kennzeichnung des resultierenden Zahlenraums, sondern durchaus als Wertung zu verstehen. Hätte sich Australopithecus afarensis nicht vor Megantereon gefürchtet, wer weiss, ob es uns überhaupt geben würde.

Nun sind die Räuber-Beute-Beziehungen im Pliozän aber um einiges einfacher einzuordnen als die komplexe „Phobossphäre“ in der sich der moderne Mensch aufhält. Entsprechend irrational können die Reaktionen auf das Ergebnis der individuellen Angstkalkulation ausfallen und damit meine ich gerade nicht den Formenkreis der psychischen Krankheiten, die man Phobien nennt. Es lohnt sich, diesen Sachverhalt am Beispiel der Reaktionen in Gesellschaft und Politik auf die jüngsten islamistischen Attentate in Paris zu beschreiben.

Jakob Augstein, der mitunter auch großen Schwachsinn schreibt, hat den zugrunde liegenden Mechanismus heute in einem bemerkenswerten Artikel analysiert. Übrigens ist sein Text wesentlich kohärenter als das Geschreibsel seines Kollegen Jan Fleischhauer, der neulich die begrüßenswerte zunehmende Säkularisierung Mitteleuropas als Ursache für das Fehlen eines kulturellen Kerns in unserer Gesellschaft ausgemacht hat.

Augstein hat recht: Die Angst vor dem Islam ist nicht nur das Ergebnis einer Projektion, sondern einer Autosuggestion. Selbst in den aufgeklärtesten bürgerlichen Salons wird man mit Argumentationsketten konfrontiert, die mit „Taqiya“ beginnen und mit dem Vergleich von Geburtenraten aufhören. Zugrunde liegt eine unzulässige Typisierung und angebliche kulturelle Überlegenheit, die eine ganz einfache Wahrheit verkennt: Religionen sind in erster Linie Vehikel der sozialen Kontrolle und dienen der Befestigung von Machtverhältnissen, dazu nutzen sie selbst das Mittel der systematischen Verängstigung der Gläubigen und Verächtlichmachung der jeweils anderen. Darin ist der Islam ungefähr so erfolgreich, wie das Christentum im Mittelalter. Mögen die Mechanismen des Machterhalts und der Unterdrückung in der westlichen Welt heute auch subtiler sein, sie dienen dem gleichen, sehr menschlichen Zweck.

Können wir lernen uns besser zu fürchten? Ich glaube schon. Über dem Eingang zum Orakel von Delphi stand „Gnothi seauton“, das bedeutet „Erkenne dich selbst“. Demjenigen, der dort Erklärungen des Ungewissen zu erlangen suchte, wurde unmissverständlich ins Stammbuch geschrieben, dass er die Antworten auf seine Fragen im Grunde in sich selbst finden kann.

Übertragen auf unseren eigenen Angstrechner kann das nur bedeuten, dass wir in denen, die wir fürchten, uns selbst suchen müssen und finden werden. Das ist so ziemlich genau das Gegenteil dessen, was die Scharfmacher mit ihrem „Kampf der Kulturen“ herbeireden wollen. Die sehen nämlich in der Besonnenheit der Rationalisten im Grunde das Zwangsverhalten von Alliumphobikern (= Menschen, die sich vor Knoblauch fürchten, das gibt es wirklich) und versuchen ihnen einzureden, dass die Zahl der Vampire zunehme.

Note to self: Es läppert sich, der erste Monat wäre schon mal klargemacht. Musik: Les Têtes Raides, Beirut, Black Rebel Motorcycle Club, Belphegor.