Was übrig bleibt

Wieder ein Silvesternachmittag, wieder dieses Nachsinnen und In-sich-rein-hören, wieder diese komische Mischung aus Zuversicht und banger Erwartung, aus Zufriedenheit und Zweifel. Was für ein Jahr war dieses 2014?

Einerseits war es ein Jahr der Konflikte und Waffengänge: Gaza, Syrien, Irak, Ukraine, Mali, Kongo. Das ist eine viel zu lange Liste in der sich Irrationalität und Hass manifestieren. Daraus folgten Entwurzelung, Flucht und unendliches Leid. Die inzwischen schon fast verdrängte Ebola-Katastrophe in Westafrika, Abstürze und Untergänge: All das trägt zu einer bitteren Bilanz bei.

In Deutschland haben wir in diesem Jahr gelernt, wie dünn die Kruste der bürgerlichen Konsensgesellschaft inzwischen ist. Das Aufkommen von AfD und Pegida ist Ausdruck einer von Angst und Dummheit geprägten Debatte, deren Lautsprecher von der unsinnigen Annahme ausgehen, der neoliberale Irrweg, der uns seit dem Kabinett Schröder II immer weiter in die Sackgasse führt, könne schon verfangen, man müsse nur auf die Verratenen und Verkauften feste genug einschlagen. Das wird sich noch ganz bitter rächen.

Und persönlich? Gar nicht so schlecht, was vielleicht auch daran lag, dass heftige Ausschläge nach oben und unten selten waren. Sollte das kommende Jahr für mich wie das letzte werden, würde ich mich nicht beschweren. Ja, das klingt insgesamt wie ein fauler Kompromiss, fühlt sich aber gar nicht so an.

Allen Lesern von „Just Skidding“ wünsche ich ein ganz besonders brauchbares neues Jahr und verabschiede mich bis Januar mit dem besten Moment aus 2014:

Note to self: Vorbestellt, kaltgestellt, festgestellt, alles bestens. Musik: Skidsampler 2014

Advertisements

Nett zwischen den Tagen

Zwar ist der letzte Weihnachtskeks noch nicht gegessen, wobei gewisse Rundungen dank Entenbraten, Semmelknödeln und Lebkuchen begleitet von Weißweinen aus den 90er Jahren und dem diesjährigen Weihnachtswhisky (Connemara, sehr lecker!) bereits zur Formulierung der berüchtigten „guten Vorsätze“ dringenden Anlass geben, doch ist das Fest der Feste inzwischen bereits Geschichte und hat Platz gemacht für die ruhige Beschaulichkeit, die wahrscheinlich für die meisten Menschen das größte Geschenk zum Jahreswechsel ausmacht.

Genau in diese Phase der Entschleunigung haben SATOSA (keine Angst, der Skidman hat immer noch keinen Account beim Gesichtsbuch) den Release ihres ersten Studioalbums hineinplatziert. Und was soll ich sagen: Es war ein extrem gelungener Abend im Wild Rover mit netten, sehr entspannten Menschen und einer fetten Packung auf die von „Stiller Nacht“ und „O Tannenbaum“ malträtierten Ohrmuscheln und Trommelfelle:

SATOSA

Die Musik des Trios lässt sich ganz gut als Stoner Rock 2.0 beschreiben: Fette Basslinien, lautmalerisches Schlagzeug, banddienliche Gitarre und der von Parajubu bereits bekannte, gleichzeitig hypnotische und kraftvolle Gesang von Savas. Die Präsentation des neuen Tonträgers, an dem die SATOSAs unter tätiger Mithilfe von Siro (Nota Falsa) fast ein Jahr gearbeitet haben, war mal wieder ein Glanzlicht in der Aachener Musiklandschaft, die mir zurzeit ein bisschen erschlafft zu sein scheint. Der Autor hatte übrigens das außerordentliche Vergnügen, die Platte seit dem zwoten Weihnachtstag quasi in Dauerrotation probehören zu dürfen. Vielleicht lag es auch daran, dass er während des Auftritts der fleißigste Mitsänger war.

Das Album „Welosthemostofus“ ist -nebenbei bemerkt- auf eine Erstauflage von 200 Stück limitiert. Interessierte sollten also schnell zuschlagen, bevor es vergriffen ist. Geboten wird ein weites Spektrum von flotten Heulern („Poss Off“, „Chiki“) über frickelige Assemblagen („Anno Domini“, „Stop Talking“) bis hin zu Stimmungsliedern im besten Sinne („Husjadaddy“, „Moonlight Queen“) und balladigen Herzerwärmern („CCC“, „Black Oxygen“).

Note to self: Verzweifeltes gegen die Kälte anheizen, da muss etwas geschehen. Musik: SATOSA, Loreena McKennitt, Cattleya.

Abortive selfie

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hat „Lichtgrenze“ zum „Wort des Jahres 2014“ erklärt. Wie bescheuert ist denn das bitte? Wer verwendet dieses Wort, das sich auf die Installation anlässlich des 25. Jahrestages der Maueröffnung in Berlin bezieht? Wer gibt Sätze von sich wie beispielsweise: „Die frühe Lichtgrenze wird morgen um 5 Uhr 23 erreicht, die späte Lichtgrenze um 19 Uhr 17.“ ? Oder etwa: „Beim Überschreiten der Lichtgrenze (Warp 1,1) werden die Raumfahrer nicht älter, sondern jünger und laufen daher Gefahr bei langen Reisen ins pränatale Stadium zurückzufallen.“ Niemand verwendet das Wort, absolut niemand.

Mein persönliches Wort des Jahres lautet „Selfie“. Mag es auch den Verwendern sozialer Netzwerke schon lange bekannt sein, im allgemeinen Sprachgebrauch ist es meiner Ansicht nach erst 2014 angekommen. In den Mund nehmen lässt es sich leicht, dieses Wort, aber ein Selfie anfertigen? So richtig mit dem Smartphone? OK, ich war letztens im „Hobbit“, dritter Teil:

bs

Dachte mir: Mach mal ein Selfie mit der ultraschicken 3d-Brille. Tja. Mal abgesehen von der ziemlich bescheidenen Qualität der in meinem Handy verbauten Kamera, stelle ich fest: Ich bin selfiemäßig völlig hinten dran, denn mein mittelalterliches Gerät verfügt natürlich nicht über eine Kamera auf der Frontseite, daher kann man weder den Bildausschnitt kontrollieren, noch nachprüfen, ob man hinreichend bescheuert guckt. Wenigstens letzteres ist mir dann doch gelungen. Übung macht den Meister.

Soll ich mir also ein neues Smartphone zulegen, damit ich gescheite Selfies produzieren kann? Soll ich wirklich dieses ansonsten völlig ausreichende Gerät in Rente schicken, dessen Verwendung in der Öffentlichkeit jugendliche Mitmenschen entweder zu Tränen rührt oder zu Heiterkeitsausbrüchen Anlass gibt? Das fiele mir schwer, wäre für mich wirklich das Überschreiten einer echten -äh- Lichtgrenze.

Note to self: Nein, bin nicht beleidigt, habe keine schlechte Laune, nö. Musik: Kayo Dot, Etta Scollo, Neil Young, Tommy Guerrero, Concha Buika.

Die Top-Alben 2014 – Teil 2

Bringen wir es hinter uns. Da sind sie, die Plätze 5-1 meiner persönlichen Favoriten des fast vergangenen Jahres:

5

Platz 5: Sólstafir – Ótta
Eigentlich mochte ich die Isländer von Sólstafir nie besonders. Ihre Musik erschien mir überemotional und breiig zu sein, auch wenn ihre bisherigen Platten quer durchs Netz abgefeiert wurden. „Ótta“ hatte ich eine ganze Weile auf dem iPhone und irgendwann, auf einer spätabendlichen Fahrt auf einer Landstraße zündete die Packung dann durch. Wenn man in den letzten Rest der Abenddämmerung starrt, sich gerade fragt, warum das Leben manchmal so verdammt bitter schmeckt und alle Techniken der selbstgemachten verhaltenstherapeutischen Bewältigung versagen, dann ist „Ótta“ genau die richtige Scheibe: Eine melancholische Anklage, ein saures Testimonium der gequälten Seele, ein Abgesang auf die selbst auferlegte Kompatibilität zu all den Funktionierern. So nebenbei: Wunderschön ist diese Musik dann auch noch.

4

Platz 4: Animals As Leaders – The Joy Of Motion
Animals As Leaders bestehen eigentlich nur aus einem Menschen, er heißt Tosin Abasi. Zwar wird er bei Live-Auftritten von einem Gitarristen und einem Schlagzeuger unterstützt, die Studioaufnahmen macht er aber ganz alleine. Es handelt sich um verbastelte Instrumentalmusik mit harten und düdeligen Passagen, die sicher vielen Leuten zu kalt und künstlich ist. Mir nötigt das Projekt gehörigen Respekt ab, nicht nur weil Abasi ein prima Gitarrist ist, sondern weil er unbeirrt seinen Weg geht und so sein inzwischen drittes Album herausgebracht hat. Was er auf dieser Platte an kompositorischer Finesse, Spielfreude und stilistischen Gratwanderungen versammelt hat, krönt sein bisheriges Werk, auch wenn es die Headbanger, die Jazzer und die ewigen Fans des Progressive Rocks der 70er vor den Kopf stößt. Schönes Ding, empfehlenswert zu Hausarbeit und schwierigeren Reparaturen am Rechner.

3

Platz 3: Mayhem – Esoteric Warfare
Dieses Album habe ich bereits in einer ausführlichen Kritik gewürdigt. Ich dachte, es hätte das Zeug, den ersten Platz in 2014 zu belegen. Warum ist das nicht so? Nun, zunächst mal gilt immer noch das damals Geschriebene. Dieses Album ist ein Biest, ein absolutes Biest. Es ist böse, es ist 100% mitten ins Gesicht, es ist kalt wie Kaiser Karls Hintern auf dem Aachener Markt in einer Januarnacht, es ist schwarz wie ein schwarzes Loch. Aber wenn man es über Monate immer wieder hört, dann offenbart es doch Lücken. Manche Stücke sind eben ein wenig gleichförmig, hin und weder fehlt das letzte Quentchen Konsequenz und gerade beim Riffing denkt man sich hin und wieder „Wo ist jetzt der 5. Gang?“ Trotzdem bleibt „Esoteric Warfare“ ein beeindruckendes Statement einer Band, die viele sicher schon lange abgeschrieben hatten.

2

Platz 2: Decapitated – Blood Mantra
Als ich hörte, dass Decapitated ihre Rhythmusgruppe ausgetauscht haben, hielt ich das zunächst für ein Unglück, zumindest bis ich vor ein paar Wochen „Blood Mantra“ das erste Mal hörte. Nach ein paar Takten verwandelten sich meine Bedenken jedoch in ein breites Grinsen. Decapitated kommen aus Polen, ihre Musik ist für mich eine konsequente Fortentwicklung vom Groove-Metal der frühen 90er (Pantera, DevilDriver, Prong) und Djent (Meshuggah, Periphery, Textures), der in den letzten Jahren immer populärer wurde, hin zu einem hochpräzisen, wütenden, giftig brodelnden Cocktail. Gegenüber den letzten Veröffentlichungen haben Decapitated ihren Stil nochmals verfeinert und zeigen auf dem aktuellen Album ihr ganzes Können. Es sind schmutzige Reißer auf der Scheibe, verschachtelte Miniaturen und gnadenlose Draufhauer. Die Polen beweisen vor allem eines: Technischer Metal kann ins Tanzbein gehen, er muss kein kopfiges Gefrickel sein. Für mich war und ist diese Platte eine Offenbarung.

1

Platz 1: Thantifaxath – Sacred White Noise
Eigentlich müsste ich jetzt zwei bis drei DIN A4-Seiten darüber schreiben, wo Black Metal heute steht, was aus dem primitiven Gekloppte der Kirchenanzünder von damals inzwischen geworden ist und warum mich diese Musik so sehr berührt. Keine Bange, ich werde es nicht tun. Thantifaxath kommen aus Toronto, es handelt sich um ein Trio, dessen Mitglieder mir und dem Netz unbekannt sind. Außer ein paar lokalen Buddies weiß gegenwärtig kein Mensch, wer diese wunderbare, hochintelligente Musik eigentlich macht. Mit „Sacred White Noise“ kann man aufstehen, sich die Zähne putzen, chillen, schuften, träumen, ausflippen und sich morgens um halb vier doch noch ein Bier aufmachen. Es ist Musik, die fortlaufend Fragen stellt und gleichzeitig alle beantwortet. Es ist Musik, die Kopfkino geradezu herausfordert und dabei gleichzeitig romantische Komödien und Horrorfilme ablaufen lässt. Die einzige deutschsprachige Rezension dieses Albums, die ich im Netz gefunden habe, ist ein Verriss (sogar ein ganz gut geschriebener). Das ist kein Wunder. Thantifaxath dürften die meisten Metaller gnadenlos überfordern. Das klingt vielleicht überheblich, aber so ist es nicht gemeint. Diese Band wird nie den Geschmack der breiten Masse treffen und hoffentlich nie aufhören, die haarigen, bierseligen „Wacken“-Brüller vor den Kopf zu stoßen. Lassen wir es dabei. „Sacred White Noise“ ist mein Juwel des Jahres, eine gnadenlos, widerwillig anlaufende, schlecht geölte Maschine, eine Azurjungfer in der Morgensonne auf wippendem Schilf, ein Schrei in der Nacht. Und ich habe ihn gehört.

Note to self: Der Bus der gequälten Seelen. Music: Thantifaxath.

Produktivsystem

pr

Und das ist übrigens ein Produktivsystem, will sagen, ein Rechner auf dem die Daten (Buchhaltung, Kundendatenbank, geschäftliche Korrespondenz) eines ganzen Unternehmens gespeichert sind und zwar seit fast 10 Jahren und zwar ohne Sicherung. Nein die Kiste ist nicht defekt, aber wird jetzt durch ein neues Gerät ersetzt. Es sind keine Datenverluste aufgetreten. Manche Leute wissen gar nicht, wie hell ihnen die Sonne aus dem Hintern scheint.

Note to self: Trotz Stress positiv, Du machst das super Alter. Musik: Cannibal Corpse, Die Fantastischen 4, Decapitated, Against Me!

Die Top-Alben 2014 -Teil1

Da müssen wir jetzt gemeinsam durch. Und vielleicht ergibt ja diese Zusammenstellung, vor allem der demnächst folgende zweite Teil, Hinweise zum Verschenken oder für den eigenen Wunschzettel. Hier also die Plätze 10-6 in meiner ganz persönlichen Hitliste der besten Tonträger des Jahres:

10

Platz 10: Hellyeah – Blood For Blood
Zugegeben, originell ist anders. Das 4. Album der Band des ehemaligen Pantera-Drummers Vinnie Paul geht zwar wieder mal etwas weiter weg vom erdigen Southern-Rock und deutlicher Richtung moderner Metal, aber der Sound ist altbewährt: Gated Reverb auf den Drums, viel Sustain auf der Klampfe und Chad Gray grunted und kräht sich durch das Album. Der Grund dafür, warum es diese Platte gerade noch in die Top 10 geschafft hat, liegt im verbesserten Songwriting gegenüber den beiden Vorgängern, und das gilt für brachiale Stücke wie „DMF“, oder „Demons In The Dirt“ genau so wie für die Midtempo-Stadionballaden wie „Hush“ oder „Moth“, allesamt Stücke mit hohem Wiedererkennungswert. Sicher, irgendwie ist „Blood For Blood“ so gesehen auch eine Metal-Schlagerplatte. Seis drum, mir hat sie trotzdem eine Menge Spaß gemacht.

9

Platz 9: Japanische Kampfhörspiele – Welt Ohne Werbung
Grindcore aus Krefeld? Ja, das geht. „JaKa“ hatten sich eigentlich schon aufgelöst, aber wie das so ist: Wenn man nicht mehr zusammen mit den Jungs im Proberaum abhängen und auf der Bühne abgehen kann, dann fehlt was. Das Reunion-Album „Welt Ohne Werbung“ bietet wieder mal das, was man von den Kampfhörspielen gewohnt ist: Extremes Geprügel und Geknüppel, dazu Rumgekreische mit -ähem- äußerst gesellschaftskritischem Inhalt. Entsprechend heißen auch die Stücke: „Gedopte Sklaven“, „Der Neue Hitler“, „Zufriedene Maschinen“, „Naturschutz sucks“. Man mag dem Sextett vorwerfen, dass der erhobene Zeigefinger zu oft durchschimmert, mir ist das egal. „Welt Ohne Werbung“ ist der Soundtrack für das Leben in einer durchkommerzialisierten, nihilistischen, verkommenen Gesellschaft. Ein bisschen mehr Ironie täte hier und da gut und noch mehr Extrem-Blasting auf dem Bonsai-Schlagzeug, so wie früher.

8

Platz 8: Chevelle – La Gargola
Nein, auch 2014 ist das neue Album von Tool wieder nicht erschienen (ob es noch jemals kommen wird?). Was machen wir denn da? Chevelle aus Chicago wurde immer schon eine stilistische Nähe zu dem Kulttrio der 90er und 00er nachgesagt, auch wenn sie technisch und kompositorisch nie an die Mannen um Maynard James Keenan heranreichten. Aber lassen wir solche Vergleiche mal außen vor: Mit „La Gargola“ legen Chevelle wieder mal ein härteres und ambitionierteres Werk vor, als es die Vorgänger waren. Natürlich ist das immer noch radiotauglicher Alternative Rock, aber viele Stücke auf dem Album können noch ein bisschen mehr als gut ins Ohr gehen. Selbst die Single „Take Out The Gunman“ ist ein schönes, erdiges Beispiel für die Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln, „Jawbreaker“ und „Choking Game“ sind ähnlich gut gelungen. Es gibt eigentlich nur einen Totalausfall, nämlich „One Ocean“, eindeutig zu wehleidig.

7

Platz 7: Pet Slimmers Of The Year – Fragments Of Uniforms
Post-Metal aus Peterborough, UK von einer Band, die keiner kennt. Wie zum Teufel schafft es das erste Album dieses Trios in meine Top 10? Vielleicht liegt es daran, dass einige der diesjährigen Releases von Lieblingsbands doch ein wenig enttäuscht haben (s. weiter unten). Ruhige, schwere Instrumentalmusik mit Platz für atmosphärische Schwingungen, das ist Post-Metal. Wer Isis geschätzt hat, wird die Pet Slimmers lieben. Diese Art von Musik lebt nicht so sehr von der Komposition, sondern eher von der Inzenierung: Dynamische Feinheiten, Sensibilität für Arrangements, Liebe zum Detail: All das führen die Pet Slimmers hier in Perfektion vor. Und wenn das Material dann noch so großartig aufgenommen und produziert wird wie auf „Fragments Of Uniforms“, dann kann man in so einem Album regelrecht versinken. Stücke wie „Gathering Half the Deep and Full of Voices“, „Churning of the Sea of Milk“ oder „Mare Imbrium“ sind einfach kleine Meisterwerke.

6

Platz 6: Agalloch – The Serpent & The Sphere
Es sind schon viele Versuche gemacht worden, die Musik von Agalloch in eine Schublade zu stecken, vergebliche Versuche, wenn man mich fragt. Das liegt auch daran, das bislang jede Veröffentlichung der Band eine ganz eigene Charakteristik hatte. Das Quartett aus Portland legt mit „The Serpent & The Sphere“ sein bislang ausgereiftestes Werk vor und knüpft dennoch stärker als auf den letzten Releases an die eigenen Anfänge an. Es handelt sich um eine Platte, die Zeit braucht. Ein ruhiger Winterabend und ein schöner Scotch, sparsame Beleuchtung und dann kann sich die Magie dieses Albums entfalten: Seine schwarzmetallische Kälte, seine nach vorne stürmende Unbeherrschtheit, aber auch seine atmosphärisch dichte Schwere und seine feingliedrige, ausbalancierte Nonchalance. Schon die etwas über 10 Minuten des Openers „Birth And Death Of The Pillars Of Creation“ zeigen, wie großartig Agalloch es inzwischen verstehen, den Hörer in ihren Bann zu ziehen. Und das schönste daran ist: Sie schaffen das ohne jedes aufgesetzte Brimborium, ohne jede Affektiertheit.

Noch ein letzter kurzer Abschnitt: 2014 war für mich im Grunde kein gutes musikalisches Jahr. Sicher, es gibt natürlich einige herausragende Veröffentlichungen, aber auch große Enttäuschungen. Dazu gehören „The Satanist“ von Behemoth und „Omnispresence“ von Origin, Von beiden Platten hatte ich mir viel versprochen und beide scheitern mit dem gleichen Problem: Zu viel gewollt, zu dick aufgetragen, zu abgehoben. Dann gibt es wiederum Alben, die genau das gegenteilige Problem haben: „Sonic Highways“ von den Foo Fighters, „Between The Stars“ von Flyleaf und „War Eternal“ von Arch Enemy sind auf ihre Art schon nett gemacht, aber insgesamt zu glatt und zu oberflächlich ausgefallen. Dann sind da Bands, den man zurufen möchte: Probiert mal was neues, Leute, seid mutig. In diese Kategorie fallen „Lieblingsfarben und Tiere“ von Element Of Crime, „Flesh And Blood“ vom John Butler Trio und auch „Rekord“ von den Fantastischen 4. Positive Überraschungen waren dagegen „In Schwarz“ von Kraftklub (stark für eine zweite Platte nach Monsterdebut) und „Lazaretto“, die zweite Solo-Platte von Jack White. Tja und die Niete des Jahres? Gibts irgendwie nicht. Auch gut.

Note to self: Können und können können zwei paar Schuhe sein, Leute. Musik: All of the above.

Eine Geschichte vom Herrn K

Es gibt liebe Kunden, nicht ganz so liebe Kunden und grausame Kunden. Heute hatte ich wieder mal so einen, nennen wir ihn Herrn K. Herr K generiert in einem durchschnittlichen Geschäftsjahr in dem Laden, für den ich tätig bin, einen Umsatz im zweistelligen Bereich (und das ist irgendwo eine Gnade). Wenn Herr K aber ein Problem mit seinem PC hat, dann muss alles sofort gehen, am besten schon gestern.

Während ich bei einem anderen Kunden vor Ort bin, geht meine Mobilfunke. Herrn Ks Rechner geht nicht an. „Der Ein/Ausschalter ist defekt. Ich muss ihn ungefähr 20mal drücken, bevor der PC startet.“ „Na gut, bringen Sie ihn rein. In einer halben Stunde bin ich im Büro.“ 20 Minuten später, ich sitze im Bus, kaue auf einem mäßigen Streuselbrötchen herum und denke darüber nach, dass der beginnende Winter mir diesmal doch ganz schön zusetzt und ob das am Alter liegt, geht erneut mein Handy. „Ich bin jetzt bei Ihnen, aber es ist ja niemand da.“ „Herr K, geben Sie mir noch 5 Minuten, ich bin auf dem Weg.“ „Gut, ich warte.“

„Ah Herr G (das ist mein Chef, mit dem ich gar keine Ähnlichkeit habe), da sind Sie ja endlich!“ Sagt Herr K 4 Minuten später, ich schließe das Büro auf und setze den PC auf den Werkstatttisch. Dann mache ich Anstalten mich meiner Jacke und der Kopfhörer zu entledigen. „Können Sie sofort danach gucken? Ich erwarte dringende E-Mails.“ „Na klar Herr K!“ sage ich, denke mir im Stillen etwas nicht zitierfähiges und ziehe betont langsam die Jacke aus, wickle das Kopfhörerkabel sorgfältig auf und mache erst mal meinen PC an. Dann schließe ich den Kunden-PC an, betätige den Schalter und siehe da, tatsächlich macht die Kiste keinen Mucks. „Sehen Sie, der Schalter ist kaputt. Dürfte ja eigentlich nicht sein, bei einem fast neuen Gerät.“ Auf dem PC ist vorne ein säuberlich beschriftetes Etikett angebracht, das den Kaufpreis und das Auslieferungsdatum ausweist. Da steht „Februar 2010“. Ach ja.

Ich betätige noch ein paar mal den Knopf, aber der Vogel ist tot. „Schauen Sie doch mal rein, ich warte so lange.“ Genau das hatte ich befürchtet. Vielleicht muss man wissen, dass Herr K, wenn er mit jemandem spricht, immer nah an den Adressaten heranrückt, sehr nah. Zu nah. Dazu kann er seine Hände nicht bei sich behalten, sondern zupft immer an seinem Gegenüber herum und schließlich läuft aus seinem rechten Mundwinkel immer ein dünner Speichelfaden Richtung Kinn (wenn man Glück hat, wenn Herr K in Wallung gerät, und das passiert häufig, ist die Spucke auch schon mal in ganz andere Richtungen unterwegs). Ich halte es ja mit Herbert Knebel („Hat sich keiner selbst gemacht, Hauptsache das Herz ist gut“), aber das Zusammensein mit Herrn K ist mitunter eine schwere Prüfung.

Ich öffne den Rechner, überprüfe die Verkabelung des Frontpanels, nehme die Verkleidung ab, um die Mechanik des Schalters zu checken – alles proper, was ich dem aufgeregt tänzelnden Herrn K umgehend mitteile. „Kriegen Sie es hin, kriegen Sie es hin?“ fragt Herr K und direkt danach „Wie lange wird das dauern?“ „Ich schau mal“ sage ich betont ruhig und bestimmt. Dann zupfe ich die Kabel für den Einschalter vom Header und überbrücke den Kontakt mit einem Schraubenzieher. Nix. „Das ist nicht der Schalter Herr K!“ „Woher wollen Sie das wissen Herr G?“ K klingt leicht überspannt und nestelt an meinem Pullover herum. Jetzt könnte ich einen Schnaps vertragen, dabei ist erst Mittag.

„Ich tippe auf das Netzteil“ sage ich, entwinde mich Ks Belagerung und mache ein paar Schritte zum Regal mit den Ersatzteilen. Ein passendes Netzteil haben wir da. „Ich schließe mal eben ein anderes an, dann wissen wir Bescheid.“ „Herr…, Herr…? Wollen wir nicht lieber auf Herrn G warten (!)? Es ist bestimmt der Schalter.“ „Du kleine miese Kröte“ denke ich mir. „Soll ich das Netzteil mal an deinem Gemächt anschließen? Dance faster, Kasper!“ Laut sage ich „Ach was, das ist eine Sache von 2 Minuten, gar kein Problem.“

2 Minuten später ist das Netzteil provisorisch angeschlossen, der PC startet nun selbstverständlich jedes Mal, wenn der „defekte“ Schalter betätigt wird. Herr K kann es nicht fassen und hebt nun an, meine diagnostischen Fähigkeiten laut und feucht zu lobpreisen. Ich baue derweil das alte Netzteil aus, das neue ein, schließe die Power LED gleich noch richtig an, was meinem Vorgänger, der die Kiste zusammengezimmert hat, nicht gelungen war, binde die Kabel ordentlich zusammen und bringe die Gehäuseverkleidungen wieder an. Herr K ist glücklich, will mir aber jetzt unbedingt noch eine Fehlermeldung zeigen, die ihm sein E-Mail-Programm immer entgegenschleudert. Diese besagt, dass es sich um eine ungültige Lizenzierung der Software handelt. Mit anderen Worten: Das Programm fiel vom Laster. Das versuche ich Herrn K begreiflich zu machen, aber das will er nicht hören. „Ich spreche noch mal mit Herrn G darüber“ sagt er. Ich merke, dass sich hinter meinen Augen etwas schmerzhaft zusammenzieht. „Bitte tun Sie das unbedingt Herr K“ sage ich, fahre den PC herunter, entkable ihn, packe ihn mir unter den Arm und eile zur Tür, ins Treppenhaus auf den eiskalten und bereits ziemlich dunklen Parkplatz. Herr K kommt kaum nach. Dann ist er weg und neben der Erleichterung schleicht sich auch der Triumph in mein Herz, noch einmal davon gekommen zu sein.

Note to self: Kommt durch, kommt nicht durch, kommt durch. Musik: Sharifa & Wordsong, Coldplay, James Blunt, Bonobo, Leftfield.