Menschen, die mir Angst machen

Das Internet ist ein Tummelplatz merkwürdiger und merkwürdigster Gestalten. Die meisten dieser Figuren kann man getrost in die Rubrik „harmlose Spinner“ einordnen. Es gibt aber auch Leute, deren Hirnverbranntheit so obskure Ausmaße offenbart, dass einem Angst und Bange werden muss. Im folgenden ein Beispiel aus dem Usenet, also dem Teil des Netzes, der nicht klickibunti ist (der schon existierte als Facebook noch nicht mal in den Köpfen der Leute war, von denen es Mark Zuckerberg geklaut hat).

Newsgroups
de.soc.politik.misc
de.talk.tagesgeschehen
de.soc.weltanschauung.christentum
de.comp.sys.mac.misc
Subject: Re: Apple: 17 verblüffende Fakten zum wertvollsten Konzern der Welt
From: ISIS-Sklavinnen Import/Export GMBH
Date: Fri, 28 Nov 2014 00:11:54 +0200
Organization: ISIS-Geschäftskontakte Berlin-Charlottenburg
User-Agent: MacSOUP/D-2.8.4 (6da4d6e6d0) (Mac OS X version 10.9.5 (x86))

Fritz wrote:

> »Apple, der größte Konzern der Welt, ist an der Börse
> jetzt 700 Milliarden US-Dollar wert. Das ist enorm.
> Diese Größe ist auch deshalb so bemerkenswert, wenn
> man bedenkt, wie weit es dieses Unternehmen gebracht
> hat.

Ich wundere mich nicht!

Apple ist eine satanische Firma:

– ihr Firmenlogo ist der angebissene Apfel Evas (= Sündenverherrlichung)
– der erste Apple-Computer kostete 666 $ (= Zahl des Antichristen)
– das Betriebssystem OSX basiert auf BSD (= Logo roter Teufel)
– der OSX-Kern wurde von Apple Darwin benannt (= Schöpfungswegleugner)
– Apple boomte durch den Satansanbeter (= Buddhisten Jobs)
– Apple war 1997 ohne Jobs vor dem Zusammenbruch
– 1997 kam der Buddhist und Antichrist Jobs zurück, Apple boomte
– der aktuelle Apple-Chef ist ein Homo

Ergo: Satan läßt Apple boomen, und Millionen fehlgeleitete Menschen kaufen die Produkte und beten sie an.

Ibrahim

Vielleicht noch ein paar Worte der Erklärung. „Ibrahim“ ist sozusagen eine multiple Persönlichkeit. Er tritt unter einem ganzen Haufen unterschiedlicher Pseudonyme auf und überschwemmt immer die gleichen 4 Newsgroups mit seinen fundamentalchristlichen, schwulenfeindlichen Kommentaren, die darauf hinauslaufen, dass alle, die seine abseitigen Einstellungen nicht teilen, dem Fegefeuer anheim fallen werden. Besonders putzig ist es, wenn er mit einem anderen Nickname auf seine eigenen Beiträge antwortet (im Usenet-Jargon: „die Ingrid machen“).

Das perfide an seiner Methode ist, dass man ihn nicht wegfiltern (Usenetjargon: „plonken“) kann, da er sich für jede seiner Kampagnen ein neues Bündel an Identitäten zulegt. Ja, er muss sehr viel Freizeit haben.

Auf eine letzte Absonderlichkeit will ich dann auch noch hinweisen: „Ibrahim“ benutzt zum Lesen und Schreiben im Nutznetz das Programm „Mac Soup“ unter OS X, zumindest ein Teil seiner Persönlichkeit ist nach seiner Diktion folglich ebenfalls zur Höllenfahrt verdammt. Er muss ein furchtbar einsamer, zutiefst verbitterter Mensch sein, obwohl er doch eigentlich schon fast erlöst sein sollte.

Note to self: Gutes tun, es ist einfach. Musik: Edgar Broughton Band, Guts, Black Rebel Motorcycle Club, Florence & the machine.

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Kickende

Intime Kenner von „Just Skidding“ wissen, dass ich die journalistischen Glanzstücke der SPON-Redakteurin Frauke Lüpke-Narberhaus seit einiger Zeit besonders intensiv verfolge. Sie hat heute, an einem Tag an dem die GroKo in Berlin um wichtige politische Leitlinien kämpft, an dem in der Ostukraine der Waffenstillstand weiter bröckelt und in Ferguson, USA einer zutiefst diskriminierenden Gesellschaft der Spiegel brutalst vors Gesicht gehalten wird, eine 15jährige schwedische Nachwuchsspielerin interviewt. Glückwunsch dazu, Frau Lüpke-Narberhaus.

Henrietta Berner, so der Name der kickenden Schwedin, hat durch eine Eingabe beim schwedischen Fußballverband erreicht, dass dieser sich in Zukunft bei Lehrgängen und Veröffentlichungen der so genannten gendergerechten Sprache bedienen wird. Man wird dort also in Zukunft von Spielenden, Übungsleitenden und Schiedsrichtenden sprechen, statt von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern. Bravo Henrietta! Und Frau Lüpke-Narberhaus gratuliert denn auch fleißig.

Damit wir uns richtig verstehen: Die im Artikel genannten Nachteile weiblicher Nachwuchsspielerinnen (Trainingszeiten, Ausbildung der Übungsleiter) sind tatsächlich nicht in Ordnung. Und Henrietta besitzt immerhin so viel Durchblick, dass sie die vorgeblich schlechteren Leistungen von Schülern gegenüber Schülerinnen in Schweden ebenfalls als diskriminierend benennt (da hätten Sie ruhig mal weiter nachfragen dürfen, liebe Frauke). Während wir also auf der einen Seite echte geschlechtsspezifische Diskriminierung haben, handelt es sich bei den Bemühungen um sprachliche Gendergerechtigkeit um einen Torabschluss, der im Seitenaus landet. Ich will das mal begründen:

Das generische Maskulinum ist keine Ausschluss-, sondern eine Einschlussform und ein gewachsenes Charakteristikum unserer Sprache. Linguistisch haben Sexus und Genus in den meisten Fällen überhaupt nichts miteinander zu tun, so werden beispielsweise nicht nur Rüden als „der Hund“ bezeichnet und nicht nur Kater als „die Katze“. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als man begann den grammatischen Aufbau des Deutschen diesbezüglich zu hinterfragen, wurde festgestellt, dass das Genus von Substantiven zumeist völlig willkürlich ist. Bei personenbezogenen Hauptwörtern ist deshalb die Verwendung der maskulinen Form keine Fehlbezeichnung. Selbst bei der direkten Anrede von weiblichen Funktionsträgern („Frau Wachtmeister“, „Frau Staatsanwalt“) handelt es sich nicht um eine androzentrische Konnotation, sondern um die Anerkennung einer geschlechtsneutralen Gleichstellung. Das hat damit zu tun, dass Nomen linguistisch als Ableitung von Namen zu verstehen sind. Man sagt eben „Herr Müller“ und „Frau Müller“ und nicht „Herr Müller“ und „Frau Müllerin“.

Sprache ist ein hochdynamisches Ding und alle Versuche, sie im Sinne der politischen Korrektheit zu kanalisieren sind stilistische und verkomplizierende Versündigungen, egal ob die bei Politikern so beliebte Formel „Bürgerinnen und Bürger“, die Binnenmajuskel oder die personalisierende Partizipform verwendet werden. Sicher gibt es Ausnahmen, nämlich immer dort wo es um die formale korrekte Ansprache geht, beispielsweise in Stellenausschreibungen oder Gesetzestexten. Und es gibt selbstverständliche Sprachzusammenhänge, beispielsweise wenn die Kursleiterin bei der Schwangerschaftsgymnastik „Liebe Teilnehmerinnen“ sagt, auch wenn einige Männer zum Mithecheln erschienen sind.

Henriette Berner hat übrigens inzwischen den Fußball drangegeben und macht jetzt Ballett. Sie wird sich sicher dafür einsetzen, dass in Zukunft dem „Primus Ballerinus“ genau so viel Aufmerksamkeit zuteil wird, wie seinem weiblichen Widerpart. Bravo, bravo, bravissimo!

Note to self: Das Soziale, Alter, Du machst das schon. Musik: Leftfield, Stereolab, Jane`s Addiction, Etta Scollo, Joss Stone, Chris Whitley & The Bastard Club.

Ergonomie

workbench

Wenn man auch zu Hause arbeitet, bringt das eine Menge unheilvoller Implikationen mit sich, zwei liegen auf der Hand: Einerseits ist es schwierig mit dem „Feierabend machen“, denn die Arbeit ist eben nicht im Büro oder in der Werkstatt, sondern ständig direkt vor der Nase. Dieses Problem ist nochmals eine Verschärfung gegenüber der ständigen Erreichbarkeit per Smartphone. Andererseits steht und liegt die Kundenhardware auch noch im Weg herum, jedenfalls, wenn man nicht auf 120 Quadratmetern mit eigenem Arbeitszimmer wohnt und schafft. Darf man sich wirklich etwas Kurzgebratenes zubereiten, wenn 2 Meter weiter ein Laptop für 2000€ auf dem Tisch steht? Geht das gut, wenn man mit dem Kaffeepott durch die Wohnküche läuft, die gerade von zahlreichen PCs bevölkert wird?

Da ich ja gerade Urlaub habe (hüstel) habe ich Ende vergangener Woche ein Projekt begonnen und am Wochenende abgeschlossen, das eine wesentliche Verbesserung meines persönlichen Arbeitsumfelds darstellt. Im Nebenzimmer wurde ein Schreibtisch mit fußballfeldgroßen Ausmaßen aufgebaut. Ein Schränkchen und ein Rollcontainer beherbergen jetzt die Ausstattung meiner kleinen Werkstatt. Dabei habe ich versucht, mir die Rechnerroutine ein bisschen einfacher zu machen: Kein Herumkriechen unter dem Tisch auf der Suche nach einer freien Steckdose, kein Herumkramen in diversen Kisten auf der Suche nach diesem ganz bestimmten Kabel, keine Konkurrenz um die letzte freie Buchse im immer zu kleinen Switch. Alles hat jetzt seinen Platz, alles ist wohl durchdacht und das Arbeiten in diesem Ensemble ist eine Wohltat. Jetzt brauche ich nur noch einen rückenschonenden Bürostuhl.

Note to self: Au. Der peinlichste Fehler und das seit 2012. Musik: Faith No More, Joint Venture, Carcass.

Passt!

Nun habe ich es doch geschafft, den Westzipfel mal für ein paar Tage zu verlassen. Ein verlängertes Wochenende in Oberösterreich erbrachte interessante Einsichten und die Erkenntnis: OÖ ist alles andere als O-Oh.

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Die Nibelungenbrücke vom Schlossberg aus

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Hauptplatz Ostseite

Mobilität:
Ca. 800 Km sind es von Aachen (an Wurm und Pau) bis nach Linz an der Donau. Das ist eine Strecke, die der moderne Mensch für gewöhnlich per Flugzeug zurücklegt, erst recht, wenn der Aufenthalt am Zielort nur ein paar Tage währt. Aus prinzipiellen und ökologischen Erwägungen habe ich mich dann aber doch zur Bahnfahrt entschlossen: Per Nachtzug im Liegewagen. Wer dergleichen noch nicht genutzt hat, dem sei gesagt, dass der stundenlange horizontale Personentransport in einem gefüllten 6er-Abteil den Fahrgast in eine Jugendherberge zurückversetzt: Eine sehr kleine Jugendherberge ohne Jugend freilich.

5 andere wildfremde Passagiere, die erst versuchen sich selbst und ihr mehr oder weniger umfangreiches Gepäck im engen Gelass unterzubringen, dann ihre Schuhe ausziehen, dann die typischen nächtlichen Geräusche von sich geben und schließlich im Liegen das dargereichte Frühstück vertilgen: Das ist vor allem auch ein interessantes sozial-psychologisches Experiment für den Zivilisationsmenschen, der deutlich mehr Privatsphäre gewöhnt ist. In diesem Zusammenhang sei einer mütterlichen österreichischen Zugchefin auf Knien gedankt, die mich auf der Hinfahrt gegen 5 Uhr 30, kurz vor Passau, erlöste, mir ein leeres Abteil mit Sitzen aufschloss, dann nebst Kaffee warme Semmeln und eine Tageszeitung brachte. Eine Wucht, die Frau!

Ansonsten sei zum Thema Mobilität nur noch angemerkt, dass ich in Linz nach einigen Jahren wieder mal Rad gefahren bin. Aber nicht irgendein Fahrrad, sondern ein echtes Unikat mit Holzschutz“blechen“ und hölzerner Rahmenverstärkung, das meine Gastgeberin eigens von einem Kollegen organisiert hatte. Und spätestens als ich die Geheimnisse der modernen Schaltung enträtselt hatte, konnte ich dieser Fortbewegungsmethode im topfebenen Stadtzentrum durchaus etwas abgewinnen.

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Einzelstück unterm Hintern

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Begehbarer Stadtplan im alten Rathaus

Stadt, Land, Fluss:
Es ist kein Geheimnis: Linz ist eine sehr schöne Stadt mit beeindruckenden Bauten aus der KuK-Zeit rund um Hauptplatz und Schlossberg. Aus architektonischer Sicht fand ich vor allem die harten Kontraste von alter Substanz und ultramodernen Bauten interessant, zum Beispiel den modernen Anbau am Schloss oder das Ars Elektronica Center in unmittelbarer Nachbarschaft zur Urfahrter Josefskirche. Die Nachbarschaft von alt und neu findet man aber auch auf dem Pöstlingberg, der Linzer Beletage, wo gelungenes Modernes neben alten Villen steht. Nicht nur dort sieht man, dass Linz im Vergleich beispielsweise zu Aachen eine sehr wohlhabende Stadt ist. Eigentlich habe ich nur ein wirklich hässliches, pseudo postmodernes Gebäude während meines Aufenthalts gesehen: Das neue Rathaus nämlich.

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Ars Electronica Center und Urfahrter Josefskirche

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Mauer und Überbau am Schloss

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Innenhof im Sitz der Landesregierung

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Neues Rathaus

Tja und dann ist da die Donau, die die Stadt in zwei Hälften teilt. Genau wie Köln eine „schäl Sick“ hat, also Deutz, hat Linz Urfahr, das erst im zwanzigsten Jahrhundert eingemeindet wurde, was die Urfahrter bis heute wohl nicht so richtig toll finden. Ganz zweifellos ist es so, dass ein Fluss einer Stadt einen besonderen Charakter gibt. Wenn man die Wege vor und auf den Donaudeichen entlang flaniert, zusammen mit zahlreichen Joggern, Walkern und Hundeausführern, dann macht sich Entspannung breit. Dazu fließt das Wasser grünlich (nicht blau) und träge aus Richtung der Nibelungenbrücke am Museum Lentos und dem Brucknerhaus vorbei nach der Eisenbahnbrücke. Das hat schon was.

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Donauufer Im Gegenlicht

Nördlich der Donau beginnt das Mühlviertel, das nicht wegen Wind- oder Wassermühlen so heißt, sondern wegen den Flüssen (Große Mühl, Steinerne Mühl usw.) die es durchziehen. Nicht nur, dass die sanften Hügel des Mühlviertels zu ausgedehnten Spaziergängen bzw. Wanderungen einladen, von dort kommen auch Rinder, die sich zu einem ausgezeichneten Gulasch verarbeiten lassen und viele andere landwirtschaftliche Produkte, auf die die Oberösterreicher zu recht stolz sind. Ich finde schon, dass es landschaftliche Parallelen zur Hocheifel gibt, wenn auch die Nadelgehölze prägender und die Höhenunterschiede zwischen Berg und Tal deutlicher sind.

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Im Mühlviertel

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An der Rudolfsquelle bei Kirchschlag

Die Ösis:
Zum Bild, das sich der Ausländer von den Österreichern macht, gehört, dass sie zwar passabel Ski fahren, aber bis auf wenige Ausnahmen („I werd narrisch!“) im Fußball nichts zuwege bringen, dass sie penibel und ein wenig steif sind und allem Fremden (vor allem den „Piefkes“) nicht über den Weg trauen. Ehrlich gesagt hat mich die offene Herzlichkeit der Alpinen ausgesprochen positiv überrascht. Zwar stimmt es, dass auf Klingelschildern gerne „Magister“ oder „Ingenieur“ zum Namen hinzugefügt wird, dass fast jedes Grundstück per Schild als „Privatgrund“ ausgewiesen ist, dass das „Anlehnen von Fahrrädern“ an jeder dritten Fassade verboten ist und dass der Österreicher Begriffe wie „Besitzstörungsklage“ im Wortschatz hat, aber die Menschen selbst sind sehr entspannt.

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Auf dem Pöstlingberg

Was die Gleichberechtigung von Mann und Frau anbelangt, üben sich die Österreicher in sprachlicher Gendergerechtigkeit. Das so genannte „Binnen-I“ ist omnipräsent und scheint in offiziellen Broschüren und auf Straßenschildern mandatorisch zu sein. Was ich davon halte, behalte ich mal für mich. Der österreichische Dialekt insgesamt wirkt zwar zunächst befremdlich, passt aber zur zupackenden Vitalität seiner Verwender. Wendungen wie „Passt scho!“, „Ah, geh!“ oder „Schleich Di!“ beginnen sich schon nach wenigen Tagen in den Sprachgebrauch des Reisenden einzuschleichen, oder auf österreichisch: „`S geht sich aus“.

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Binnen-I kennzeichnet gendergerechte Einbahn

Fazit:
Gerne wieder! So könnte meine Zusammenfassung des Kurzurlaubs ausfallen. Das liegt sicher auch an der netten Fürsorglichkeit der Neuösterreicherin, bei der ich Obdach und Zehrung gefunden habe. Die ist übrigens aus der Kartoffelsahara nach Linz gezogen und hat sich, so denke ich, in jeder Beziehung verbessert. Und wahrscheinlich wird sie in kurzer Frist besser Ski fahren als ich Fußball spiele. Das passt dann auch, irgendwie.

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Das Ende von Linz auf dem Pöstlingberg

Note to self: Abgerocktest, aber läuft trotzdem. Musik: Chevelle, Carcass, Joint Venture, Converge, Darkthrone.

Der erste Urlaubstag

6 Uhr 35: Die Tür der Baubude in meinem Hinterhof wird zugeknallt. Man kennt das ja, wenn man von einem Geräusch geweckt wird, das zum Zeitpunkt des Erwachens eigentlich schon vorbei ist, gell. Ich weiß genau, was jetzt kommt. Na? Naaa? Ah, jetzt: Der Seilzug des Krans setzt sich mit dem typischen „zieschumm“ in Bewegung. Kenne ich inzwischen auswendig. OK, ich dreh mich noch mal um. Habe schließlich Ferien.

7 Uhr 15: Nach einigen weiteren „Zieschumms“ gebe ich die Schlafsimulation auf, es bringt nichts. Kaffeekochen, Brot toasten, die neue Scheibe von „Machine Head“ anmachen. Am Horizont zeigt sich ein rötlicher Streifen, wird schönes Wetter geben heute. Ich ziehe mir meine schlumeligste Schlumelhose und einen dicken Pulli über und schlurfe mit meinem Kaffeepott auf den Balkon. Zeit für das Kranratespiel, inzwischen schon ein Ritual: Immer wenn eine Last eingehängt ist und die Kette sich strafft, versuche ich zu raten, was sie diesmal schönes zu transportieren haben: Ein Bündel Armierungseisen? Eine Spiesbütt? Die Kreissäge? Alles falsch, am Haken hängt eine veritable motorisierte Rüttelplatte, die ich durch leichtes Anheben meines Kaffeebechers lässig grüße.

7 Uhr 45: Die Rüttelplatte wird in Betrieb genommen. Ich bilde mir ein ganz kleine Vibrationswellen auf meiner Kaffeeoberfläche (zwote Tasse) erkennen zu können und drehe schicksalsergeben „Machine Head“ ein wenig lauter.

8 Uhr 10: Es klingelt. Vor der Tür steht ein Kerl, den ich noch nie gesehen habe. Kurz angebunden erklärt er mir, dass er heute ein wichtiges Paket erwartet. Ob ich denn zuhause sei und eventuell so nett wäre usw., dann würde er dem Postboten einen Zettel ans Klingelschild usw.. Ich bin so nett. Von draußen erklingt das Knacken des Schekels. „Die Schubkarre“ tippe ich, aber zum Vorschein kommt ein Bündel Bauholz. Mist, noch kein Treffer heute morgen.

9 Uhr 30: OK, der Paketbote war noch nicht da. Das Frühstück und die Morgentoilette liegen hinter mir. Ich spiele das neue Album von Pink Floyd, fürchte aber dabei wieder einzuschlafen und schlecht zu träumen, mein Gott, was für eine üble Mistplatte. Also noch ein bisschen Pat Metheny. Fröhliches Düdeln erfüllt den Raum.

10 Uhr: Hausarbeit: Spülen, Fegen, Saugen, Müll runtertragen, dabei begegne ich dem Paketboten, der meinen Namen auf dem Zettel nicht entziffern konnte und folglich auch nicht bei mir geklingelt hätte. „Schwein gehabt, unbekannter Bursche!“ denke ich mir, während ich den Füllzustand der Altpapiertonnen checke, die natürlich wie immer ganz und gar voll sind.

11 Uhr: Wäsche waschen. 60 Grad. „Buntwäsche/Pflegeleicht mit Taste“. Man ist inzwischen fertig mit der Rüttelplatte, sie schwebt wieder Richtung Bauhof. Das Internet beschäftigt sich mit dem Polizeiruf von gestern, den ich gesehen und doch nicht gesehen habe, weil ich Frachter im Ärmelkanal gejagt habe. Offenbar habe ich nicht viel verpasst.

12 Uhr 30: Aufbruch zur kleinen Runde: Altglascontainer, Bahnhof, Stadtverwaltung, Supermarkt. Als ich zurückkomme ist die Wäsche fertig zum Aufhängen. „Zieschumm“, ich tippe auf eine Spiesbütt, aber es hängt überhaupt nichts am Haken.

15 Uhr 35: Die Bauarbeiter machen sich langsam fertig für den Feierabend. Ich habe alles erledigt, was ich mir für heute vorgenommen habe. Pat Metheny hat auch ausgedüdelt, ich höre ein paar Podcasts, die schon seit Wochen in der Bibliothek vor sich hingammeln. Und wesentlich mehr steht heute auch nicht mehr an: Bisschen was kochen, ein Roter aus Frankreich, dazu die noch fehlende Begegnung vom Zweitligaspieltag. Es lebe das Faulenzertum!

19 Uhr 10: Das Telefon. Einem Stammkunden ist ein alter Powermac um die Ohren geflogen, alle telefonischen Rettungsversuche fruchten nicht. Es hilft nichts: Wichtige Daten, die sich aktuell in Bearbeitung befinden, müssen auf ein anderes System übertragen werden. In einer halben Stunde bringt er mir die Hardware vorbei. Ich beginne alles für die Datenmigration vorzubereiten.

23 Uhr 45: Geschafft! Nach dem Zurücksetzen diverser Kennwörter, Sortierungsversuchen im schier undurchdringlichen Datenwust (der Kunde pflegt eine sehr eigene Ablagekultur. Merke: Wer suchet, der findet.) und ganz langsamen Kopiervorgängen über USB bin ich fertig. Aufräumen, Rechnung schreiben, zum Kochen ist es jetzt zu spät. Damn!

Note to self: Gehemmte Entsackung, 3 oben, zwei unten und alles ist mein. Musik: Machine Head, Pink Floyd, Pat Metheny.

Entsaftung

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Ein wiederkehrendes Ritual, irgendwann im November, wenn die Früchte nicht mehr an den Bäumen hängen, sondern in den dafür vorgesehenen Behältnissen liegen. Über die Begegnung mit der unverwüstlichen eifeligen Naturburschigkeit, mit der ich mich bei dieser Gelegenheit stets konfrontiert sehe, habe ich schon an dieser Stelle berichtet. Dieses Jahr ist alles in bisschen milder: Die Sonne scheint, die Hälfte der auspresswürdigen Äpfel haben wir diesmal zu Hause gelassen (warum?) und unser Termin am „Dürener-Saft-Mobil“ ist so früh morgens, dass ich mich noch vor Morgengrauen auf den Weg gemacht habe (um beim ersten Schritt vor die Tür von einer Politesse gefragt zu werden, ob der Wagen dort vor unserem Haus meiner sei. War er nicht, aber wann schlafen die Exekutivorgane der Parkraumbewirtschaftung eigentlich?)

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Der Rest ist Routine. Gewisse Optimierungen beim Abfüllprozess zu Hause sind der Hüftsteifigkeit und dem Bauchumfang des Oberabfüllers geschuldet. Der muss jetzt nicht am Boden hocken, sondern darf auf einem alten Stuhl platz nehmen, der vor einem ebenso alten ehemaligen Drehstuhl steht, auf dem sich der Kessel mit dem Saft befindet.

Die diesjährige Ausbeute liegt bei ca. 90 Litern, aber wir hätten diese Marke leicht überbieten können. Und zum Geschmack kann ich auch noch nichts sagen, denn probiert habe ich noch nicht.

Note to self: Reiner Tisch, die Uneinsichtigkeit bleibt. Musik: Pat Metheney.

Biermann, Gauck und die Geiferer

Dürfen die das? Darf ein Bundespräsident seiner Sorge über die Befindlichkeit der Partei „Die Linke“ Ausdruck verleihen, weil diese sich gerade anschickt zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik einen Ministerpräsidenten zu stellen? Darf ein Liedermacher anlässlich einer Feierstunde zum 25jährigen Jahrestags des Mauerfalls, sein Missfallen über eben jene Partei zum Ausdruck bringen, so wie er es getan hat?

Kurze Antwort: Ja, sie dürfen es. Lange Antwort: Ja, aber sie werden in vielen Köpfen Fragen aufwerfen. Köpfe, in denen mehr Farben vorkommen als schwarz und weiß und Fragen, die denjenigen, die bevorzugt in schwarzweiß denken, ganz schön unbequem sein können.

Die Geschichte der „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ endete, so weit es den ideologisch-programatischen Kern anbelangt, spätestens am 17. Juli 2005, als sie sich mit der westdeutschen WASG vereinigte. Im formell juristischen Sinne handelte es sich bei diesem Prozess nicht um eine Neugründung. Das hatte vor allem wirtschaftliche Gründe (und in diesem Zusammenhang sollten all die Geiferer mal schauen, wie es beispielsweise bei der CDU und den Liberalen gelaufen ist, wenn es um die Finanzierung des eigenen Ladens ging. Da wird das hohe moralische Ross ganz schnell zum Zwergpinscher.). Und natürlich gibt es Parteimitglieder bei den Linken, die ganz und gar falsche Ansichten zur Schuld der SED am DDR-Unrecht haben und zu einer Bewertung der damaligen Verhältnisse kommen, die man als aufrechter Demokrat nicht teilen kann. Die Frage ist nur, ob dies einen Umgang mit der Partei rechtfertigt, wie ihn Biermann und Gauck vorexerzieren.

In allen Parteien der Bundesrepublik sind Exoten mit verqueren Ansichten anzutreffen. Die SPD hat ihren Sarrazin, die FDP hatte ihren Möllemann, die Union hatte bis in die 60er Jahre hinein den mit Abstand höchsten Anteil ehemaliger NSDAP Mitglieder. Haben diese politischen Irrläufer den Kurs der jeweiligen Parteien im Kern bestimmt? Nein, haben sie nicht. So ist es auch bei der Linken. Aber von der Linken wird fortwährend ein Bekenntnis gefordert, das sie längst abgelegt hat. Warum ist das so?

Die Verächtlichmachung des politischen Gegners war und ist zu allen Zeiten ein Mittel der Auseinandersetzung und des Wettbewerbs um die Wählergunst gewesen. Im Falle der Linken geht man aber noch einen Schritt weiter: Sie soll die ganze Bürde eines politischen Experiments tragen, das in einer unmenschlichen Diktatur endete. Das in dieser Diktatur begangene Unrecht kann aber nicht gesühnt werden. Selbst wenn man alle Apparatschiks verurteilen und einsperren und alle ehemaligen politischen Häftlinge großzügig entschädigen würde, blieben die Opfer Opfer. Das ist übrigens bei allen schweren Verbrechen so. Aus diesem Dilemma gibt es nur einen Ausweg, nämlich den der Versöhnung von Tätern und Opfern.

So und jetzt frage ich mal kackdreist: Haben Biermann und Gauck mit ihren jüngsten Einlassungen diesen Versöhnungsprozess eher befördert, oder ihn eher behindert? Und welche Motive könnten ein Bundespräsident, der niemals Dissident, sondern eher Kollaborateur war, und ein Liedermacher, der nie einen DDR-Knast von innen gesehen hat, haben, um den gewählten Vertretern einer Partei dermaßen vors Knie zu treten? Eines haben die beiden jedenfalls erreicht: Es melden sich die Geiferer zu Wort, die alles, was links der Mitte ist, seit jeher abgrundtief hassen.

Von einer Partei ist zu verlangen, dass sie in die Zukunft denkt, dass sie einen Entwurf präsentiert, wie es sein könnte und keine Beschreibung dessen, was gewesen ist. Von einem Bundespräsidenten ist zu verlangen, dass er die Ergebnisse demokratischer Prozesse anerkennt, deren Produkt er ist. Von einem Liedermacher ist zu erwarten, dass er mehr zu bieten hat, als einen ausgestreckten Zeigefinger. Umso mehr, wenn dieser Finger auf gewählte Mandatsträger zeigt, wohingegen sein Besitzer nur bestellt ist.

Note to self: Morgen noch, dann mal durchatmen. Musik: Abnormality, Aborted.