Bitterschokolade

PCF

Dieser Beitrag ist erst die zweite Plattenkritik auf „Just Skidding“ in diesem Jahr. Im Oktober! Ich bitte die an Musik wenig Interessierten trotzdem schon mal pro forma um Nachsicht. Das hier muss einfach raus.

Gut, die Alben von Primus sind immer Wundertüten. Eine kleine aber fanatische Anhängerschaft fragt sich immer abwechselnd, ob doch noch mal ein wahrhaft epochaler Tonträger wie „Suck On This“ oder „Frizzle Fry“ abgeliefert wird, oder ob die Verschrobenheit von Les Claypool, die er in seinen zahlreichen Nebenprojekten gründlich bewiesen hat, endgültig obsiegt. Die neue Platte weist eindeutig auf letzteres hin.

Die Vorfreude auf das neue Album war auch deswegen so groß, weil nach Ewigkeiten wieder einmal Tim „Herb“ Alexander am Schlagzeug sitzt und somit die eigentliche Primus-Stammbesetzung versammelt ist, wenn auch von einem Percussionisten und einem Marimba-Spieler („The Fungi Ensemble“) begleitet. Vorbehalte waren andererseits angebracht, weil es sich bei dem neuen Werk um ein Konzeptalbum handelt, das als Soundtrack zu dem Buch/Film „Charlie and the chocolate factory“ konzipiert ist.

Ich habe weder das Buch gelesen noch den Film gesehen. Das mag eine erhebliche Lücke in meiner medialen Bildung sein. Wahrscheinlich schränkt es auch meine Befähigung ein, das neue Primus-Elaborat hinreichend zu würdigen. Geschenkt. Ich habe mich mit dem Machwerk nun zweimal auseinander gesetzt und glaube nicht, mir dieses Stück Musik in absehbarer Zeit noch einmal antun zu wollen.

Die Kritik richtet sich gar nicht so sehr gegen das Projekt an sich, sondern gegen das Etikett, unter dem es an den Mann gebracht wird. Dieses Album ist keine Primus-Platte, die Musik hat mit der typischen „psychedelischen Polka“ kaum etwas zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine Art symphonische Dichtung mit wiederkehrenden Themen und kommt insgesamt so rüber, als hätte die Kapelle eines wenig bekannten Wanderzirkus LSD eingenommen.

Ich habe nichts gegen sperrige Platten, im Gegenteil. Musik, an der man sich reiben kann, bringt zumindest meist eine Erweiterung des eigenen Horizonts mit sich. Ein wesentlicher Kritikpunkt an der vertonten Schokoladenfabrik ist der Mangel an Originalität. Kompositorisch finden sich einige wohlbekannte Zutaten aus dem Claypoolschen Baukasten, aber es fehlt eben auch eine ganze Menge: Wechsel in Rhythmus und Tempo, Virtuosität und vor allem Esprit. Diese Platte schmeckt wie die zu lange zirkulierende Süßigkeit in Ephraim Kishons „Schokolade auf Reisen“. Und übrigens: Man hätte statt Herrn Alexander auch irgendeinen anderen Schlagwerker hinter die Trommeln setzten können, sie verlieren sich komplett im Gesamtmix, in dem ständig auf irgendetwas perkusives eingeschlagen wird.

Wäre diese Platte unter dem Label „Les Claypool & the Wonkites“ herausgekommen, hätte man sie schulterzuckend als weiteren spleenigen Einfall des Kaliforniers zur Kenntnis genommen. Die Etikettierung als Primus-Veröffentlichung scheint mir zweierlei zu sein: Beutelschneiderei und ein vergeblicher Kampf gegen die Einsicht, dass die ganz großen Tage von Claypools Karriere einfach vorbei sind.

Note to self: Wenigstens alles sauber. Musik: Primus & the Fungi Ensemble.

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Godspeed Jack

Jack Bruce war ein herausragender Musiker: Ein begnadeter Bassist, der mit Eric Clapton und Ginger Baker bei Cream spielte, ein großartiger Songwriter („White Room“, „Politician“, „The Sunshine of your love“ und viele andere), ein Mann, der mit Lou Reed, Frank Zappa und anderen Größen auf der Bühne stand, bis ihn 2003 der Krebs heimsuchte. Heute ist Jack im Alter von 71 Jahren gestorben.

Für mich wird vor allem sein Stück „Theme for an imaginary western“ übrig bleiben, das ich zuerst in der Version von „Mountain“ auf den Woodstock-Alben kennenlernte, irgendwann Anfang der 80er als alle nur NewWave und NDW hörten, womit ich so gar nichts anfangen konnte. Wahrlich ein großer Song und ein großer Mann.

Note to self: MacBook Pro und blaues Auge. Musik: Jack Bruce.

Kinder betet, Apple lötet

In der vergangenen Woche gab es wieder einmal eine Veranstaltung zur Vorstellung neuer Produkte von Apple und zwar unter dem Motto „It`s been way too long.“ Was durfte man erwarten? Eine Abkehr von der seit Jahren in einer Sackgasse befindlichen Produktpolitik? Ein neues Macintosh-Modell, möglicherweise sogar eine ganz neue Produktlinie, die an das anknüpft, was der Mac einmal war, nämlich der beste Personal Computer der Welt? Ehrlich gesagt habe ich inzwischen den Glauben verloren, dass aus Cupertino irgendetwas kommt, was mich wirklich beeindruckt. Aber schaun wir mal:

Zu den neuen iPads kann ich mich nicht äußern. Mir fehlt ehrlich gesagt der Überblick im Tablet-Markt. Produkte, die ein geschlossenes Ökosystem darstellen, in dem vom Bezug von Software, über die Ablage von Dateien, bis zur Kommunikation mit anderen Geräten und dem Netz alles vom Hersteller kontrolliert wird, reizen mich einfach nicht, mögen sie auch praktisch sein. Die Benutzer dieser Kacheln sollten sich einfach darüber im klaren sein, dass sie wegen des Baseband-Betriebssystems durch und durch gläsern sind. Ihr Aufenthaltsort, ihre Daten, ihre Kontoinformationen und demnächst auch ihr Ruhepuls und ihre Blutzuckerwerte sind jedem halbwegs gescheiten Hacker und erst recht jedem Geheimdienst der Welt stets bekannt. Schlimm genug, dass das erst recht für Smartphones gilt. Wenn ich zu Hause surfe, arbeite, kommuniziere muss ich das nicht auch noch haben. Genug davon.

Zum neuen iMac mit 5k-Auflösung: Sicherlich ist das ein sehr schönes Gerät, das hinsichtlich der Darstellungsqualität Maßstäbe setzt. Wer 2600 € übrig hat, bekommt dafür einen Arbeitsplatz, der kaum Wünsche offen lässt. Und wer sich eine Garantieerweiterung auf 36 Monate dazu kauft, die bei dem aufgerufenen Preis einfach Bestandteil des Pakets sein sollte, der kann mindestens drei Jahre im Apple-Universum glücklich sein.

Bleibt der neue Mac mini. Um diesen beurteilen zu können, sollte man zunächst mal analysieren, was der bisherige Mac mini war: Ein halbwegs bezahlbarer stationärer Computer, den man selbst mit Massen- und Arbeitsspeicher aufrüsten konnte, der an einem bereits vorhandenen Monitor und zur Not mit PC-Tastatur und -Maus betrieben werden konnte, der sich sogar prima als Server für Hobbyanwender und kleine Büroumgebungen eignete.

In den vergangenen Jahren hatte Apple sich Mühe gegeben diesen kleinen Rechner mehr und mehr zu kastrieren: Zunächst strich man das optische Laufwerk, dann flog die dedizierte Grafikkarte aus dem Gerät. Seit letztem Mittwoch gibt es nun auch keine Server-Variante mit zwei Laufwerken mehr.

Der neue Mini präsentiert sich als Nicht-Fisch-Nicht-Fleisch-Mac. Zunächst hat man die Quadcore-Option gestrichen: Das neue Topmodell hat zwar noch einen i7-Prozessor, aber eben nur einen mit zwei Kernen. Und natürlich ist es ein betagter Haswell-Chip, nicht die neue Broadwell-Architektur. Sodann gibt es keine Firewire-Schnittstelle mehr, dafür 2x Thunderbolt 2 (schaut euch einfach mal an, was es dafür für Peripheriegeräte gibt und zu welchem Preis – ein Witz, aber kein guter). Die enthaltene Chipsatzgrafik (Intel HD5000 / Iris) mag mediokren Ansprüchen genügen. Wer mit OpenCL Anspruchsvolleres berechnen will, schaut in die Röhre. Na gut, na, ja. Alles nicht so schlimm? Haltet Euch fest, jetzt kommen zwei Hämmer:

Man kann in einem neuen Mac mini eine selbst ausgesuchte oder schon vorhandene SSD nicht vernünftig nutzen, weil Apple für alle Devices, deren Hardware-Kennung nicht mit „APPL*“ beginnt den Trim-Support abgeklemmt hat. Bislang gab es dafür den Trim-Enabler: Ein kleines Programm, dass die Funktion ins BS hereinhackte, das geht jetzt nicht mehr. Mit Yosemite, dem neuen Betriebssystem, hat Apple das so genannte „Kext Signing“ eingeführt: Jede Kernel-Erweiterung ohne Apple-Signatur wird nicht mehr geladen. Schaltet man nun für den SATA-Treiber das Kext Signing aus, wird der Rechner zwar noch arbeiten, aber beim nächsten Notfallstart (Single User Modus) wird der SATA-Treiber rausgeworfen und der Mac verwandelt sich in einen Ziegelstein. Super oder? Aber es geht noch schlimmer:

Der Arbeitsspeicher im neuen Mac mini ist fest verlötet. Ihr habt euch nicht verhört. Der von Apple dafür angeführte Grund, nämlich Platzprobleme, ist so dreist verlogen, dass ich Herrn Cook am liebsten in den Schritt treten würde. Wer den kleinsten Mini (1,4 GHz i5 mit zwei Kernen, allein das ist schon eine Lachnummer), der ab Werk magere 4 GB besitzt, auf 16 GB aufrüsten möchte, der zahlt dafür 300€. Dreihundert Euro! Zwei 8GB Speichermodule vom Qualitätshersteller kosten zurzeit übrigens ca. 130 €. Miese Abzocke reinvented bei Apple Inc.

Nehmen wir mal an, der Skidman wollte sich heute einen neuen Mittelklasse-PC von Apple kaufen, dann würde er für das Modell mit 2,6 GHz i5 (weniger ist Schwachsinn), mit 8 GB RAM und 1TB Fusiondrive (weniger ist großer Schwachsinn) mit DVI-Adapter (Ja ja) sage und schreibe 948 Tacken abdrücken. 948€ für einen äußerst mittelmäßigen PC! Ich würde wirklich gerne den Idioten kennenlernen, der den Entscheidern bei Apple in den Kopf geschissen hat.

Note to self: Dabei sitzen, schweigen, irrelevant sein. Musik: Fink, Gerry Rafferty, Shakira.

Farewell Beschaulichkeit

kk

Schon heute morgen war es dann endgültig vorbei mit der Ruhe. Hatte man sich bislang damit beschieden Baumaschinen, Container und weiteres Material im alten Telekom-Hof abzustellen, rumorte nun ein munteres Trüppchen Bauarbeiter mit vielen „Hey Jupps“ und „Pass ops“ in meiner Idylle. Als ich dann nach Feierabend nach Hause kam stand es da, das unglaublich große und unglaublich impertinente Kranding. Ach Mist!

Der Lärm in der Frühe war sicher nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was mir in den kommenden Monaten bevorsteht. Ich könnte kotzen. Wird Zeit nach Alternativen zu suchen, oder?

Note to self: Äpfel sind gesund, außer für die Schultern. Musik: Element of Crime, Rory Gallagher, Skunk Anansie.

Unter Räubern

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass in der lokalen Internetpresse über schwere Straftaten berichtet wird, die im Stadtzentrum, um die Ecke sozusagen, begangen werden. Die Zahl von brutalen Raubüberfällen in der Innenstadt hat in den letzten Wochen in beunruhigendem Maße zugenommen. Der Tathergang ist dabei fast immer der gleiche: Die Opfer befinden sich im frühen Morgen und meist nicht so ganz nüchtern auf dem Heimweg. Die Täter fordern die Herausgabe von Mobiltelefon und Geldbörse und scheuen auch vor Messerstichen, Fußtritten und Faustschlägen nicht zurück.

Diese schlimmen Vorfälle rufen mit schöner Regelmäßigkeit anonyme Kommentatoren im Internet auf den Plan, die nicht nur eine verstärkte Polizeipräsenz oder eine Überwachung der Innenstadt mit Videokameras verlangen. Diese Forderungen sind ohne Zweifel nachvollziehbar (und mir als altem Gegner von visueller Überwachung des öffentlichen Raums gehen angesichts von „Prism“, „Echelon“ und „Eikonal“ inzwischen irgendwie die Argumente aus. Wer schon gläsern und Teilen seiner Bürgerrechte beraubt ist, gibt irgendwann einfach auf. Scheiße ist das!) Nein, die Kommentatoren befürworten weitere, teils drastische Maßnahmen zur Gefahrenabwehr, die ich mal im Detail beleuchten will:

Da ist zunächst mal die Selbstschutzfraktion. Tatsächlich hat in Aachen die Nachfrage nach Pfefferspray und Gaspistolen in jüngster Zeit deutlich zugenommen. Manchen reicht das nicht. Sie brüsten sich öffentlich damit, sich im benachbarten belgischen Ausland mit Faustfeuerwaffen ausgestattet zu haben. Zur Bildung von Bürgerwehren wird aufgerufen. Wir haben es hier mit Leuten zu tun, die einerseits einen „starken Staat“ und einen Schutzmann an jeder Ecke fordern, gleichzeitig aber das staatliche Gewaltmonopol aufweichen wollen. Das passt nicht zusammen. Wer in Lüttich eine Walther kauft, der scheint mir den „rechtfertigenden Notstand“ herbei zu sehnen. Und das Führen einer illegalen Waffe ist eben auch eine Straftat.

Die nächste Gruppe sind die Richterschelter: Nicht nur, dass eine Verschärfung der Strafandrohung für Raubdelikte gefordert wird. Jeder jugendliche Täter, der nicht zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wird, gilt als Profiteur einer Kuscheljustiz, die Intensivtäter auf Kosten der Steuerzahler auf Segeltörns im Mittelmeer schickt. Übrigens ist es interessant, dass in den gleichen Kommentaren kritisiert wird, dass die Polizei Geschwindigkeitskontrollen durchführt, faschistische Fußballfans beobachtet, oder rassistisches Mobbing in den eigenen Reihen unnachgiebig verfolgt (Aachener Leser wissen, was ich meine). Für diese Kommentatoren gibt es also „gute“ bzw. „harmlose“ und „schlechte“ Delikte. Um es ganz deutlich zu sagen: Wer Resozialisierung als oberstes Ziel des Strafvollzugs aufgeben will, der kann nicht bei Sinnen sein und die „Experten“ sollten sich ruhig mal mit den so oft bespöttelten Sozialpädagogen unterhalten, die jugendliche Straftäter betreuen. Wenn ich diese Kommentare lese, hoffe ich immer, dass ihre Verfasser keine Kinder haben, die sie schlagen können.

Ja und dann gibt es noch die Gruppe der Deterministen. Ihnen ist gemein, dass sie zu wissen glauben, dass alle diese Straftaten von Ausländern (nein, keine Schweden) oder Menschen mit ausländischen Wurzeln begangen werden. Unausgesprochen zwischen den Zeilen wird den Migranten eine kulturelle Rückständigkeit zugeschrieben, die unveränderlich ist. Böse Menschen kann man aber nur aussondern und abschieben. Besitzen sie einen deutschen Pass, müssen sie in jedem Falle möglichst lange weggesperrt werden. Und jeder, der das genau so sieht, sollte demnächst die AfD wählen. Die würde dann wahrscheinlich auch dafür sorgen, dass potentielle Straftäter qua ihrer Abstammung einer vorbeugenden Behandlung unterzogen und ihre Sympathisanten als vermeintliche Volksschädlinge mit geeigneten Erziehungsmaßnahmen auf Linie gebracht werden.

Einfache Lösungen werden in einer immer komplizierteren Welt scheinbar immer attraktiver, sie helfen aber in den seltensten Fällen weiter. Und noch weniger hilft es, die wenigen Mahner, die maßvolle Zwischenrufe abgeben, als linksgrüne Gutmenschen zu diskreditieren. Das ist nichts weiter als eine verklausulierte Verschwörungstheorie, deren Anhänger Opfer ihrer eigenen Erfindung werden. Die komplizierte Wahrheit lässt sich vielleicht auf diese wenigen Sätze eindampfen:

In einer Gesellschaft, in der Anstand als Wettbewerbsnachteil begriffen wird und der Ehrliche oft genug der Dumme ist, findet eine fatale Werteumdeutung statt. Der sich abzeichnende Kollaps der Bürgergesellschaft spielt sich vor dem Hintergrund der Zementierung sozialer Milieus ab, in denen Chancenlosigkeit keine selbstmitleidige Empfindung, sondern bittere Realität ist. Brutaler Straßenraub ist aber natürlich mitnichten ein Akt der Notwehr und außerdem ungeeignet zur auskömmlichen Bestreitung des Lebensunterhalts. Werden diese Taten also aus Langeweile, Trotz oder Dummheit begangen? Nein. Täter und Opfer sind Teil eines großen Milgram-Experiments und die so genannten Eliten tragen dabei den weißen Kittel. Es ist völlig gleichgültig geworden, ob Schuld zu Strafe führt, denn Strafe kann nicht mehr in Einsicht münden. Das Spiel heißt „Alle gegen Alle“.

Note to self: Gold gehts, wie lange gehts gut? Musik: Red Fang, Ricky Lee Jones, Red Hot Chili Peppers, Decapitated.