Pauls Katharsis

DA

„Heute kommt die Kiste weg!“ Paul leckte sich einen Rest Nutella von der Oberlippe und klopfte die Brötchenkrümel ab, die das Gesims seines Bauchansatzes wie einen Balkon bevölkert hatten. Er straffte sich, erhob sich entschlossen und tauchte in die Tiefen der Vorratskammer hinab, um den alten PC aus seiner Umklammerung von Putzlappen, Pfandflaschen (aus Frankreich!) und Stapeln alter Zeitschriften zu befreien. Wie schwer die Teile früher gewesen waren! Und was für eine irre Kohle er damals für den Computer auf den Tisch gelegt hatte. Auch wenn er den Betrag eigentlich von seinem immer knausrigen Erzeuger losgeeist hatte, das eine oder andere Weizenbier zwischen zwei Vorlesungen hatte er sich in jenem Spätsommer vor fünf Jahren schon verkneifen müssen. Immerhin sollte es die etwas dickere Grafikkarte sein, damit er bei den abendlichen Quake-Ballereien in der WG mithalten konnte.

Ah, jener Sommer. Versonnen dachte er an seinen Schreibtisch aus Sprudelkästen, an die quietschgelb gestrichene Küche mit dem ständigen Spülberg darin, an die Reihenuntersuchung „Kreatives Kochen mit Dosenravioli“. Und natürlich an Gesa und die Frühstücks- und sonstigen Orgien in seinem oder ihrem Bett. Und die Krümel, die danach an allen möglichen und unmöglichen Stellen scheuerten. Ob sich auf der alten Festplatte noch Fotos aus dieser Zeit befanden? Vielleicht sogar von dem Wahnsinnsurlaub auf Sardinien? Bis heute war es ihm schleierhaft, wie sie damals mit ein paar Euro in der Tasche den Weg vom Mittelmeer zurück geschafft hatten. Sollte er nachsehen? Ach was, immerhin hatte er die Kiste schon eine halbe Treppe herunter geschleppt und der Recyclinghof hatte heute nur vormittags auf.

Paul wuchtete den Rechner in den Kofferraum seines alten Skoda, der danach tatsächlich einige Millimeter tiefer gelegt zu sein schien. Erst da fiel sein Blick auf das aufgeklebte Zettelchen mit der Beschriftung „Diplomarbeit!“. Irgendwas durchzuckte ihn. „Massenspektometrische Isotopenanalysen von kristallwasserfreiem Chrom-III-Nitrat“. Damals für ihn über Monate fast das wichtigste im Leben. Nachher weder für ihn noch für irgendjemanden auf dieser Welt von Bedeutung. Mit einer harten schnellen Bewegung schloss er die Heckklappe. Zwei Tage vor der Abgabe hatte ihm Gesa eröffnet, ihre Frühstücks- und sonstigen Orgien künftig lieber im Bett eines schmallippigen Mediziners mit einer Vorliebe für modalen Jazz abhalten zu wollen. Zum Glück hatte Paul seinen Namen vergessen. Diese 48 Stunden waren alles andere als lustig gewesen.

Von einem Mitarbeiter des Entsorgungsfachbetriebs mit Argusaugen beobachtet packte Paul seinen PC in den Elektronikschrott-Container zu den anderen beigen Gehäusen. „Solche wie dich kenn ich!“ schien der Blick des Angestellten zu sagen: „Hier um halb elf anrücken, mit nicht ganz abgeleckten Nutellaresten in den Mundwinkeln.“ „Solche wie euch kenn ich!“ dachte sich Paul: „Wenn der Container voll ist, geht er nach Ghana, wo Minderjährige dann im Dioxin geschwängerten Rauch das bisschen Kupfer aus den Platinen brennen.“ Egal. Das Teil war Geschichte. Paul startete den Skoda, blinzelte in den blassblauen Himmel. Er schaute nicht zurück. Heute war ein guter Tag.

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Wie man Musik verkauft

Wir schreiben das Jahr 2014. Die Umsätze der Major Labels dümpeln vor sich hin, einerseits, weil jeder Release in den dunklen Kanälen des Internets gratis zu bekommen ist, andererseits, weil auf Bandcamp, youtube, Spotify und anderen Plattformen tausende Kreative alternative Vertriebswege nutzen, um über Werbeeinnahmen und Micropayments einen (meist) bescheidenen Erlös zu erzielen.

Die etablierten Künstler verdienen an den Gebühren, die die Rundfunkanstalten abführen, am Merchandising und über die inzwischen teils unverschämt hohen Ticketpreise bei ihren Tourneen oftmals mehr als an den verkauften Tonträgern und kommerziellen Downloads. Was also tun, um das neue Album doch gewinnbringend zu veräußern? Nun, zumindest eine Band hat gerade vorexerziert, wie so etwas geht.

Apple hat letzte Woche wieder einmal neue iOS-Geräte vorgestellt. Darüber will ich nur schreiben, dass das Wort „Macintosh“ während der gesamten Veranstaltung kein einziges Mal erwähnt wurde. Mehr muss man nicht wissen. Zum Heulen ist das. Anyway: Am Ende der Keynote kam die irische Band U2, wahrlich ein Brontosaurier der Musikindustrie, auf die Bühne und stellte die neue Single vor. Aber nicht nur das: Das neue Album der Kapelle um den Frontman „Bono“, der zwar für so ziemlich jede karitative Aktion auf diesem Planeten die Werbetrommel rührt, aber gleichzeitig ein mieser Steuervermeider ist, wird an alle Benutzer von iTunes kostenlos abgegeben. Die Angabe eines Download-Links spare ich mir an dieser Stelle, wer suchet, der findet. Bis Mitte Oktober ist der Download gratis.

„Ach, das ist aber nett!“ Denkt sich der unbedarfte Konsument und lauscht diesem Gratis-Machwerk (dessen künstlerische Qualität ich hier nicht beurteilen will, nuff said). Doch dann erfährt man, dass sehr wohl jemand für die Musik bezahlt, die eigentlich keiner bestellt hat, nämlich die Firma Apple. Die hat offenbar 100 Mio US-$ abgedrückt, um den Globus mit der Scheibe zu beglücken. Und es ist eine Zwangsbeglückung, denn wer einen iCloud-Account eingerichtet hat, findet die Tracks des Albums plötzlich in seinem Ordner „Einkäufe“, auch wenn er sich eigentlich nur für Gangster-Rap oder Splatter-Metal interessiert.

Dieses Beispiel wird Schule machen: Demnächst bekommen wir die neue Platte von Peter Maffay auf unser Smartphone geladen, während wir mit unserem Auto in der Waschstraße sind, oder das letzte Werk der Randfichten wird auf unser Laptop gespielt, wenn wir einen öffentlichen Hotspot der Deutschen Bahn AG nutzen.

Alle, die jetzt einwenden, dass man einem geschenkten Barsch nicht in den Allerwertesten gucken dürfe, sollten sich mal überlegen, wie sie die wöchentliche Zwangszustellung des in Plastikfolie verpackten Schmierblatts „Einkauf aktuell“ bewerten. Wer sich darüber nicht ärgert, dem ist nicht mehr zu helfen. U2 und Apple im Verbund als digital-musikalische Umweltverschmutzung? Eigentlich ist es noch übler, denn jedes mal, wenn man in Zukunft die iTunes-Funktion „Gekaufte Titel erneut laden“ verwendet, wird der Müll wieder der Bibliothek hinzugefügt, selbst wenn er ausgeblendet ist. Es ist also so, als würde sich „Einkauf aktuell“ fortwährend in eurem Altpapierkarton rematerialisieren, wieder und wieder. Und immer mit der Scheißfolie drumrum. Ja, das ist schlimm.

Note to self: Nicht schonen, mäßig beanspruchen. Musik: Enslaved, Japanische Kampfhörspiele, Nocturnal Breed, Darkthrone.

Ländliche Kleinodien

Morgens, kurz nach sieben in Vossenack. Die Sonne taucht eine Hälfte der pittoresken Szenerie in rötliches Licht. Die Straße entlang, zwischen penibel aufgeräumten Vorgärten, furchtbaren Einfamilienhäusern mit glasierten Ziegeln auf Krüppelwalmdächern (Wer zeichnet so was? Alle halbwegs brauchbaren Baukörper dort sind mindestens 20 Jahre alt. Da hat man sich noch den klassischen Bungalow getraut. Alles neuere ist Verrat an der gepflegten Formensprache. Ganz schlimm!). Linker Hand geht ein Feldweg ab, probiere ich den doch mal.

Ein paar Kühe beweiden hügelige Wiesen. Eine schaut kurz zu mir rüber, hebt den Schweif und scheißt laut pladdernd einen beeindruckend großen Fladen. Meine Aufmerksamkeit wird jedoch trotz dieses akustischen und optischen Reizes von einem blau lackierten Ausstellungsstück wasserbaulicher Ingenieurskunst in Anspruch genommen, das am Rand der Wiese aufgebockt ist. Was ist das?

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Zwar gibt es eine Informationstafel, doch ich will erst mal selbst überlegen, welchem Zweck das Gebilde gedient haben mag. Hm: Seitliche Zu- und Ableitungen münden in einen großen Kolben bzw. führen von ihm weg. Über eine oben angebrachte Zahnstange wird die Längsbewegung in die Drehung einer Achse übertragen, die wiederum mittels eines zweiten Zahnrads die kleineren Kolben an der Seite antreibt? So ungefähr? Eine Pumpe, die mit der Energie des durchfließenden Wassers angetrieben wird? Während ich noch sinniere hebt die Kuh, die eben bereits den Fladen gemacht hat, abermals den Schwanz und entleert nunmehr ihre Blase, wobei sie mich erneut mit prüfenden Blicken mustert. Na gut, ich konsultiere die Informationstafel.

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Aha, soso: Das Ding ist eine Lambachpumpe. Und sie funktioniert genau so, wie ich es mir gedacht habe, nur umgekehrt: Die seitlichen Leitungen transportieren nicht, wie von mir angenommen, das Förderwasser, sondern das Nutzwasser und die kleineren Kolben an der Seite werden aus einer Fallleitung gespeist und setzen so die Welle und damit die Zahnstange in Bewegung. Vier sinnreich angebrachte Rückschlagventile sind der geniale Kern der Konstruktion. Im Unterscheid zu der verlinkten Schemazeichnung waren Förderwasser und Nutzwasser bei der Pumpe in Vossenack vollständig voneinander getrennt: Das Wasser der Kall (Fördermedium) wurde über einen Seitenkanal abgezweigt und transportierte Trinkwasser aus mehreren Brunnen in einen 200m höher gelegenen Behälter, mit dem ganz Vossenack mit Trinkwasser versorgt wurde.

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Genial, oder? Abgesehen davon, dass die Pumpe keinerlei Brennstoff brauchte, arbeitete sie laut Tafel wegen der geringen Hubfrequenz (40/min) auch geräusch- und verschleißarm, bis sie irgendwann vom Perlebachverband außer Betrieb genommen, restauriert und der Gemeinde Vossenack geschenkt wurde. Damit hat mir dieser kleine aber feine Wasserverband, der sonst immer nur wegen seiner Wasserqualitätsprobleme Schlagzeilen macht, den Morgen gerettet, der sonst nur aus einem sich entleerenden Rindviech bestanden hätte.

Note to self: Doch, ich erlebe auch was, danke der Nachfrage. Musik: Enslaved, Deftones, Esbjörn Svensson Trio, Dead Moon.