Den Hass nicht ins Herz lassen

Sommer 2014. Die Welt scheint durchzudrehen. Verschwörungstheoretiker und Scharfmacher beherrschen die sozialen Medien. Es gibt zum Glück Ausnahmen: Menschen, die beschlossen haben, den Hass nicht in ihr Herz zu lassen:

MVor der Niederländischen Botschaft in Moskau

JA#JewsAndArabsRefuseToBeEnemies

JAA
#JewsAndArabsRefuseToBeEnemies

JAAA#JewsAndArabsRefuseToBeEnemies

Note to self: In die Gläser mit den giftigen Substanzen. Musik: Eels, Aborted, Hellyeah.

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Der 4. Stern

4

Ich hatte kein gutes Gefühl. Überhaupt kein gutes. Der Tag bis zum Anpfiff war eine einzige Übersprungshandlung. Was habt ihr heute gedacht, als ihr aufgewacht seid? „Uh Mistwetter.“ Oder „Ich muss pinkeln.“ Oder „Erst mal Kaffee.“? Ich habe gedacht „Heute ist das Spiel.“ Und von Stunde zu Stunde bewegte sich mein Geisteszustand unerbittlich in Richtung Wahn.

Ab dem Anpfiff (Laune völlig im Keller wegen Khediras Wade) hatte ich dann die Grenze zur Unzurechnungsfähigkeit endgültig überschritten. Spätestens nach Kroos Katastrophenkopfball und dem Fehlschuss von Higuain hatte ich mich in ein Häuflein Elend verwandelt und mit jedem Vorstoß der Gauchos wurde es nicht besser. Als Messi den Ball aus dem Fünfmeterraum nicht versenkte und Boateng das Leder ins Aus drosch fielen mir die Alpen vom Herzen. Ganz anders beim Abseitstor der Argentinier, da hatte ich erstens den Durchblick und war mir zweitens sicher, dass das italienische Schiri-Team es ebenfalls richtig gesehen hatte, weil Italiener einfach Spezialisten für Abseits sind.

Es war kein typisches Finale: In der ersten Halbzeit ein temporeiches Klassespiel, in der zweiten Hälfte eine Abnutzungsschlacht (ich hasse eigentlich solche Vergleiche, aber diesmal kommt es hin) und als feststand, dass es eine Verlängerung geben würde, da tanzte das Wort „Italien“ in meinem Kopf. Das wäre der schlimmste aller Albträume: Ein eiskaltes Tor kurz vor Schluss, keine Chance zurückzuschlagen. Davon hatte ich in den letzten Tagen mehrfach geträumt.

Ich habe nie an ein Elfmeterschießen geglaubt, denn Unsere hätten es verloren. Unser diesbezügliches Glück haben wir in den letzten Turnieren aufgebraucht. Ich halte viel von dem Bild, dass Glück wie ein Stück Seife ist, je häufiger man es verwendet, umso kleiner wird es. Die N11 konnte kaum noch laufen, die Argentinier aber auch nicht. Die äußerst bösen Fouls häuften sich entsprechend, Mascherano und Aguero hätten beide mit Gelb-Rot vom Platz gestellt werden müssen. Ich begann zu schimpfen, auch und gerade über Mario Götze, der, obwohl frisch eingewechselt, nicht ganz so gut gegen den Ball arbeitete.

Wenn ich mich an große Spiele erinnere, dann gibt es Szenen, die wie in Zeitlupe in mir ablaufen. Das 4:0 bei der WM 2010 gegen Argentinien ist so ein Moment. Schweinsteiger von links, er legt ihn sich vor, dann noch mal, der Argentinier grätscht vorbei. Schweini schiebt ihn rüber und Friedrich drückt ihn rein. Als Schürrle die letzten Körner mobilisierte und an der Seitenlinie entlang sprintete hielt ich die Luft an. Der Argentinier spekuliert und sieht schlecht aus. Schürrle bringt ihn, eine Spur zu scharf vielleicht. Götze steht gar nicht so gut zum Ball, er dreht sich noch ein bisschen, kriegt ihn sauber auf die Brust, macht den Fuß lang und trifft ihn genau so, wie er ihn treffen muss. Es gibt keine andere Möglichkeit dieses Tor zu machen. An diesen Moment werde ich mich mein ganzes Leben erinnern.

Die Minuten bis zum Abpfiff sind pures Fieber. Der Schiri gibt noch mal zwei Minuten drauf, dann noch mal zwei, weil Schweinsteiger zum hundertsten Mal am Boden liegt. Dann der Pfiff. Meine Fäuste trommeln auf die Tischplatte. Ich brülle. Draußen brüllen auch alle. Vierundzwanzig Jahre, seit dem ist viel passiert, nicht nur auf Fußballfeldern. Der Rest der Nacht ist ein Rausch: Messis leere Augen, als er auf die Tribüne geht und als Spieler des Turniers ausgezeichnet wird. Die Jubelszenen der deutschen Mannschaft. Lahm, der fast zerbrechlich wirkt, als er den Pokal in den Himmel hebt. Irgendwann schalte ich die Glotze aus, draußen reißen sie die Stadt ab. Dann ebbt der Jubel ab. Es ist still. Da sitze ich. Geschafft, als hätte ich selber gespielt. Voller Stolz. Erfüllt von grenzenloser Hingabe an das beste Spiel, das die Menschen erfunden haben.

NED vs. ARG 2:4 (n. E.)

Gesehen: Komplettes Spiel. 18 Spielzerstörer und Neutralisierer sorgen dafür, dass zwei Torhüter nahezu ohne Beschäftigung und Messi und Robben fast ohne Chance sind.

Man of the match: Sergio Romero, der argentinische Keeper. 2 gehalten, nicht rumgemacht, fair geblieben. Bravo.

Depp des Spiels: Wesley Sneijder: Vom Taktgeber und Spielmacher zum Defensivheini und Obermotzer. Seine Flanken und Freistöße waren an der Grenze zur Peinlichkeit.

Szene des Spiels: Mascherano blockt Robbens Schuss in der Nachspielzeit.

Ergebnis gerecht? Ich verweigere die Aussage. Im Grunde hatte das Spiel keinen Sieger verdient.

Sprüche des Spiels: Gerd Gottlob (Sneijder drischt einen Freistoß Richtung Copacabana): „Sneijder. Sehr weit, sehr hoch, sehr aus.“ (Nach Ende der Verlängerung): „Noch mal zusammengefasst: Es war ein armseliges, grausames, miserables Fußballspiel.“

Lustigste Szene: Ein Fan im spanischen Trikot feiert (was eigentlich?). Tja, ich sach ma: Die Kohle für die Karte war irgendwie in den Sand gesetzt.

Skidmans momentaner Weltmeistertipp: Kein Tipp mehr. Nur noch ein Traum.

BRA vs. GER 1:7

Gesehen: Komplettes Spiel. Liebe Leser, so etwas habe ich in den fast vierzig Jahren, in denen ich Fußball anschaue, noch nicht erlebt.

Men of the match: Die phantastisch aufspielende N11. Über dieses Spiel wird man noch lange sprechen. Sehr lange.

Deppen des Spiels: Die tölpelhaft verteidigende Seleçao. Das geht nicht. Wenn man zwei gekriegt hat, dann muss man sich an der Kandare nehmen, muss zur Not grätschen wie ein Schwein, rennen wie blöd, aber man darf nicht aufgeben, nicht in einem WM-Halbfinale zu Hause. Mann!

Szenen des Spiels: a) Der 16. WM-Treffer von Miroslav Klose. Es gibt kaum einen Spieler, dem ich diesen Rekord mehr gönnen würde. Super! b) Die N11 tröstet die Brasilianer nach Abpfiff, ohne Häme. Das war groß.

Ergebnis gerecht? Die schwierigste aller Fragen. Ja, der Sieg war verdient, auch ein deutlicher Sieg war verdient. Der Rest ist unfassbar.

Sprüche des Spiels: Bela Rethy (des Portugiesischen mächtig): „Jetzt gibt es Schmähgesänge gegen Fred, die man nicht übersetzen kann.“ Wenig später: „Man hört nur noch die deutschen Fans, sie rufen *Auswärtssieg*“./p>

Lustigste Szene: Müller weicht erst der Sichel von Luiz aus, muss dann von Boateng und Schürrle vor einer Tätlichkeit bewahrt werden.

Skidmans momentaner Weltmeistertipp: Ich bleibe, jetzt erst recht, bei Holland.

NED vs. CRC 4:3 (n. E.)

Gesehen: Komplettes Spiel. Defensivstarke Mittelamerikaner hatten lange Glück gegen zunehmend ratlose Niederländer.

Man of the match: Tim Krul, van Gaals Elfmeter-Geheimwaffe, der zwei Strafstöße parierte.

Depp des Spiels: Tim Krul, van Gaals Elfmeter-Geheimwaffe, der als Trash-Talker zweimal eine grobe Unsportlichkeit beging (verbale Attacke gegen Costa Ricas Schützen) und vom Platz gestellt gehört hätte. Widerlich.

Szenen des Spiels: Alle Alutreffer von Oranje. Junge, was ein Pech.

Ergebnis gerecht? 100%. Die Niederländer hätten das Spiel in der regulären Spielzeit mit 2:0 gewinnen müssen. Schade, dass van Persie im Italiener-Modus war und ca. 10 Mal ins Abseits lief.

Spruch des Spiels: Oliver Schmidt (verletzter Spieler Costa Ricas wird vom Platz getragen) : „So mancher Spieler wünscht sich, die Wanne wäre eine Eistonne.“ Damit hat Mertesackers Kältebehälter endgültig Eingang ins Fußballdeutsch gefunden./p>

Lustigste Szene: Costa Ricas Trainer durchschreitet nach Abpfiff das Stadion, wie ein Matador, der gerade einen Prachtbullen getötet hat.

Skidmans momentaner Weltmeistertipp: Natürlich Niederlande.

ARG vs. BEL 1:0

Gesehen: Komplettes Spiel. Argentinische Cleverness und Handlungsschnelligkeit schlug die ratlosen Künstler aus dem Nachbarland. Den Belgiern fehlte es an Präzision und taktischer Disziplin.

Man of the match: Gonzalo Higuain, bei dem endlich der Knoten platzte.

Deppen des Spiels: Origi als Offensivdepp. Kein gewonnener Zweikampf, kein Abschluss. Totalausfall. Kompany als Defensivdepp: Wie kann ein so erfahrener Spieler so viele Anfängerfehler machen?

Szene des Spiels: Higuains Sololauf und donnernder Abschluss knapp über den Kasten.

Ergebnis gerecht? 100%. Belgien wurde viel zu spät wach, agierte dann planlos. Die Gauchos routiniert und seriös. Kleine Anmerkung: Erneut wurden die Belgier vom Schiedsgericht nicht unerheblich benachteiligt.

Spruch des Spiels: Bela Rethy : „Das war die Abwehr von Axel Witsel. Eine Mischung aus Kopfball und Nasenball.“/p>

Lustigste Szene: Fellaini erklärt dem 20cm kleineren Schiedsrichter, dass er gefoult wurde und nicht gefoult hatte. Er hatte recht, der Schiri glaubte ihm nicht.

Skidmans momentaner Weltmeistertipp: NED.

BRA vs. COL 2:1

Gesehen: Komplettes Spiel. Das schlimmste Getrete seit Honduras gegen Frankreich.

Man of the match: Fernandinho, ein Defensivmann mit tollem Stellungsspiel und daher ohne hässliche Fouls, wenigstens in diesem Spiel.

Deppen des Spiels: Der Richter Carlos Velasco Carballo und sein Henker Juan Zúñiga.

Szene des Spiels: Luiz Freistoß zur 2:0 Führung für die Seleçao. Neuer hätte ihn gehabt.

Ergebnis gerecht? Ja. Über die Mittel, die Brasilien anwandte, um Couadrado und James Rodriguez aus dem Spiel zu nehmen, wollen wir lieber schweigen.

Spruch des Spiels: Mehmet Scholl: „Diese Brutalos kotzen mich an. Solche Spiele machen den Fußball kaputt.“/p>

Lustigste Szene: Nach Abpfiff: James wird von Luiz tröstend umarmt.

Skidmans momentaner Weltmeistertipp: NED.