Ramses‘ Trepanation

RT

Ein Bild und seine Geschichte: In den Geschäftsräumen einer kleinen aber aufstrebenden IT-Firma in der schönen Kaiserstadt gibt es eine improvisierte Werkbank. Eben ein Arbeitsplatz, wo Schraubereien an Rechnern, Druckern und anderer Hardware ausgeführt werden. Und über diesem Arbeitsplatz hängt das oben abgebildete Kunstwerk (Acryl auf Leinwand), das der Große Vorsitzende dereinst auf dem Sperrmüll gefunden hat. Eigentlich hat der Chef nicht nur dieses eine Bild, sondern eine ganze Serie eines ganz und gar unbekannten Künstlers aufgeklaubt und im Büro aufgehängt.

Alle Bilder zeigen gut gebräunte und sparsam bekleidete Männer mit seltsam länglich verformtem Schädel und nahöstlichen Gesichtszügen. Ich halte sie für Ägypter und wenn ich mein aus zahlreichen Fernsehsendungen über jenes Großreich der Antike erworbenes Halbwissen anbringen darf: Der ausgeprägte Turmschädel deutet auf die Ramessiden, insbesondere auf Ramses II., den berühmten Pharao aus der 19. Dynastie des neuen Reichs hin.

Das in Rede stehende Bildnis des Gottkönigs zeigt den Herrscher ziemlich durchlöchert (man könnte auch sagen angefressen) und im Begriff, sich an die Stirn zu tippen. Er wirkt übel gelaunt und in sich selbst versenkt. Von der großflächigen Stirn des Entrückten gehen fadenförmige Geistesblitze aus, oder sind es Dampfschwaden als Folge anstrengender Geistestätigkeit? Die schockierende Wahrheit ist, dass nichts drin ist in diesem Pharao. Dort wo Schädel und Wangen trepaniert sind, zeigt sich das astrale Blau des nächtlichen Himmels, in das sich von Osten der rötliche Schein der Morgendämmerung mischt.

Wenn mal wieder ein Patient mit fehlerhafter Hardware richtig Ärger macht, oder sich ein sorgfältig installiertes Betriebssystem in ein Logikwölkchen auflöst, dann geht mein Blick oft zu meinem altägyptischen Kumpel an der Wand und ich denke mir: „Zum Glück bin ich hier nicht der Einzige mit einem Loch im Kopf.“ Und auch wenn sich Ramses fortwährend an die Stirn tippen will, die unerschöpfliche Nachsicht, die seine in Meditation geschlossenen Augen ausstrahlen, bedeutet mir: „Du bist nicht allein.“

Note to self: Quengelig? Eigentlich nicht, bzw. nur von außen. Musik: Animals as leaders, The Locust, Murder by Death, Carnifex, Thou.

Osperalycus tenerphagus

Es gibt diese Tage: Man wacht auf und denkt zunächst mal: In ein paar Milliarden Jahren wird unser Sonnensystem untergegangen sein. Spätestens dann wird jede stoffliche Signatur, jedes noch so abstrakte Anzeichen für das Vorhandensein der Menschheit zu Sternenstaub zerfallen sein. Also warum aufstehen? Warum sich einreihen in die vertrauten Gesichter an der Haltestelle? Warum dem Busfahrer einen fröhlichen Gruß entbieten (den der eh nicht erwidert)? An diesen Tagen frage ich mich, ob meine Mitmenschen ein Geheimnis besitzen, das sie ums Verrecken nicht mit mir teilen wollen.

Dabei ist es so einfach: Ich mag das, was ich tue „to bring home the bacon“ (sagt der Angelsachse, ich sage immer: Um mich am Kacken zu halten.). Wirklich! Auch wenn ich nicht weiß, wie oft ich in meinem Leben schon irgendein Windows auf irgendeinem Rechner installiert habe, das kümmert mich nicht. Ich mag gerne Computer reparieren und meinen Mitmenschen bei der Lösung ihrer IT-Probleme helfen, auch wenn diese Tätigkeit für nicht Wenige eine primitive Dienstleistung ohne Anforderung an die Kreativität ist (übrigens ein gewaltiger Irrtum, aber das nur nebenbei). Wie komme ich darauf?

Als ich noch die heiligen Hallen meiner Alma Mater bevölkerte, bereits weitgehend haarlos, doch noch mit allerlei Flausen im Kopf was Selbstverwirklichung und so anbelangt, da galt mein größtes Interesse der Zoologie. Verstehen zu lernen, warum Tiere so aussehen, wie sie aussehen, wie sie sich aus der befruchteten Eizelle zum fertigen Organismus entwickeln, wie sie sich verhalten und wie sich ihr (und unser) Schicksal als gleichsam wichtiges und bedeutungsloses Rädchen im Oikos erfüllt, das war mein schönster Studieninhalt und es fasziniert mich bis heute. Wäre also alles glatter gegangen, als es gekommen ist (schöner Satz), dann wäre ich heute Zoologe an irgendeinem Institut. Ein Mensch wie Samuel Bolton[1].

„Ah natürlich! Samuel Bolton, der Entdecker des nordamerikanischen Säbelzahntigers!“ Nein, das war ein anderer. „Sicher, der berühmte Bolton, der während einer Befahrung sämtlicher Nebenflüsse des Amazonas 45 Barscharten neu beschrieb.“ Nö nö, solche Meriten hat Samuel sich bislang nicht erworben. Ich mache es kurz: Bolton wühlte (während einer Kippenpause?) in einem Dreckhaufen in unmittelbarer Nachbarschaft seines Institutes und mikroskopierte die dort gewonnenen Bodenproben. Er fand dies:

OT

OT2

Das ist Osperalycus tenerphagus, ein bislang unentdeckt gebliebener, räuberisch lebender Milbenwurm, der sich durchs Erdreich schlängelt und kaum einen halben Millimeter lang ist. Wenn Samuel unbescheidener wäre, hätte er den Wurm Osperalycus boltoni genannt und wäre der vorgeblichen Ewigkeit ein Stückchen näher gekommen: „Ah gewiss: Der Jedem bekannte Bolton mit seinem großartigen Milbenwurm!“

Jetzt mal ehrlich: Dieser Wurm ist nicht nur winzig, er ist auch ein Ausbund an Hässlichkeit. Die Verteilung der Extremitäten ist unsymmetrisch, die der Borsten erst recht. Der sackförmige Körper wirkt plump und der Gesichtsausdruck ist niederträchtig. Und bevor ich jetzt das Lebenswerk eines jungen und hoffnungsvollen Acariologen vollends runtermache, gehe ich mal schnell ein Windows installieren.

Note to self: Das Zetern der ahnungslosen Mandatschaft. Musik: Bohren & Der Club Of Gore, Alter Bridge, Melvins, Sasquatch.

[1] Samuel J. Bolton, Hans Klompen, Gary R. Bauchan & Ronald Ochoa: A new genus and species of Nematalycidae (Acari: Endeostigmata), Journal of Natural History, Taylor & Francis Online, 2014

Auf der Burtscheider Brücke…

HWD

…mitten im frischen Frühling. Irgendein Nachbar wird wohl für die Aktion verantwortlich sein (Sollte es tatsächlich eine Nachbarin gewesen sein, wäre das Ganze dann schon viel weniger charmant, gell). Ich will die ganzen Gender-Gerechtigkeiten und -Ungerechtigkeiten mal beiseite lassen, auch wenn es schwer fällt und gratuliere herzlich, wenn auch mit eintägiger Verspätung, zum Weltfrauentag. Glückwunsch, Mädels!

Note to self: dgate.exe: no logs, no picts, no service. Musik: dEUS, Alcest, All pigs must die.

Forgarður Helvítis – Gerningaveður

Wenn schon mal Feedback der treuen Leserschaft von Just Skidding an das Ohr des Autors dringt, dann hat diese Kritik meistens damit zu tun, dass man wenig Spaß daran hat, wenn ich in aller Ausführlichkeit obskure Tonträger von obskuren Kapellen verfrühstücke. Was machen wir denn da, wo ich doch so gerne über obskure Tonträger von obskuren Kapellen berichte? Mit diesem Beitrag versuche ich das Ganze mal im beiderseitigen Interesse neu anzugehen und hole deshalb ein bisschen weiter aus:

Man weiss, dass ich gerne die abgedrehten CD-Kritiken auf Deafsparrow lese und mit den jüngsten Umbesetzungen des Personals auf jener Webseite ziemlich unglücklich war. Das hat sich inzwischen ein bisschen gebessert, da sich die Leute wirklich alle Mühe geben. Zwar ist es so, dass der Boss und Herausgeber Stanley Stepanic mit einem Faible für Postmetal und Shoegazing durchweg „zu gut“ bewertet, doch hat sich in den vergangenen Wochen Cole Olson zum heimlichen Star der Seite gemausert. Cole (Ich nenne ihn „der Azubi“) hat offenbar die Arschkarte gezogen und darf all das rezensieren, was die Anderen nicht rezensieren mögen. Ein wirkliches hartes Los. Aber Cole bemüht sich nach Kräften, hat es nicht gern, wenn Non-Native-Speaker beim Absingen englischer Texte scheitern, steht auf eher traditionellen Death und Black Metal und bemäkelt in jeder zweiten Kritik die Lautstärke der Bassgitarre im Gesamtmix, was mich zu der Vermutung bringt, dass der Junge was an den Ohren, oder an den Boxen hat, oder Bassgitarrist ist (wobei das eine mit dem anderen zu tun haben könnte, hm).

In seiner aktuellen Kurzkritik des Albums „Gerningaveður“ der isländischen Grindcore-Formation „Forgarður Helvítis“ (aus dem Jahre 2002, so lang hat es gedauert, bis sich einer getraut hat) hat Cole die schlechteste Wertung vergeben, die ich bislang auf DS gesehen habe, eine „1 von 5“. Er schreibt, dass das Elaborat nur sehr knapp an der „0 von 5“ vorbeigeschrammt ist. Als ich diese vernichtende Bewertung gelesen hatte, wusste ich: Dieses Album muss ich unbedingt anhören.

FHG

Zunächst mal habe ich versucht zu ermitteln, was Bandname und Albumtitel bedeuten. Wozu gibt es Online-Übersetzer? Und selbst wenn die Übersetzung nicht genau hinkommt, kann man doch zumeist auf den Wortsinn schließen:

ISL

Schockierend, nicht wahr? Wenn man die Einzelbegriffe in den Übersetzer eingibt, erhält man „Höllengericht – Wetterinstrumente“ das scheint schon naheliegender zu sein. Doch nun zur Musik: Olson begründet sein Urteil damit, dass der „Gesang“ auf Isländisch und nicht zu verstehen sei, dass die Arrangements und das Songwriting rudimentär seien und dass alle 22 Tracks auf dem Album sehr gleich (also gleich schlecht) seien. Wir wollen uns mal ein Stück anhören:

Naja, ehrlich gesagt habe ich schon Übleres gehört. Ich würde meinen, die Jungs hauen mächtig rein und bringen das rüber, was sie rüberbringen wollen. Der Text handelt, wie alle isländischen Texte, von Drachen, Angst und Dunkelheit. Es gibt insgesamt vier unterschiedliche Parts, der Aufbau ist schnörkellos, überflüssige Längen werden vermieden. Ansonsten ist es halt Grindcore: Roh, elementar, in die Fresse, nicht besonders tight, nicht besonders originell, aber die Richtung stimmt. Man ist halt sehr wütend auf Island. Finanzkrise und so, wissen schon.

Man darf mit Cole Olson nicht zu hart ins Gericht gehen. Der Junge meint es gut, ist noch ein wenig grün hinter den Ohren und trägt karierte Hemden, kann also kein schlechter Mensch sein. Aber wenn man Platten rezensiert, dann sollte man sich schon ein bisschen intensiver mit der Materie beschäftigen, insbesondere dann, wenn man einen heftigen Verriss schreibt. Und auch wenn das für einen Studenten aus Minneapolis wahrscheinlich keine große Rolle spielt: Auf dem Album ist auch ein Stück namens „Eðlislægur Fasismi“ und dessen Text ist nicht über Drachen, Angst und Dunkelheit, geht aber dafür richtig an die Nieren.

Den braven Isländern von „Gericht Ficken“, äh, von „Höllengericht“ rufe ich zu: „Nehmt es nicht schwer, weiter so, ihr macht das schon.“

Note to self: Im (Wolfs)Rudel noch schöner. Musik: Forgarður Helvítis.

Malakow

kk

Der Krimkrieg war die größte und opferreichste militärische Auseinandersetzung des 19. Jahrhunderts. Sollte es bei dieser Aussage bleiben, dürfen wir uns wohl alle glücklich schätzen. Ich will hier nicht zu viel Wikipedia-Wissen nacherzählen, aber die vorgeschobenen Gründe für den Ausbruch dieses Krieges waren nichtig und die tatsächlichen geopolitischen Interessen von damals erinnern schon ein bisschen an die heutige Situation.

Am 8. April 1783 verkündete Katharina die II., die man heute „die Große“ nennt (und die, nebenbei bemerkt, Deutsche war, so weit man damals überhaupt von Deutschland sprechen durfte), dass die Krim, die man gerade annektiert hatte, von nun an und für alle Zeiten russisch sei. Grigori Potjomkin (genau, der mit den Dörfern) baute Sewastopol als Stützpunkt und Heimathafen der Schwarzmeerflotte aus.

Im Jahre 1954 schließlich, und damit wäre der geschichtliche Rundumschlag dann auch fast beendet, verfügte der Ukrainer Nikita Chruschtschow (genau, der mit dem Schuh), dass die Krim fürderhin der Ukrainischen Sowjetrepublik zugehörig sein sollte. In den 90er Jahren des letzten Jahrhundert, als die UDSSR zerfiel, stimmten 54% der wahlberechtigten Einwohner der Krim für die Zugehörigkeit der Halbinsel zum Ukrainischen Staat, allerdings als autonomes Gebilde mit eigenem Parlament, eigener Finanzhoheit und Russisch als einer von drei Amtssprachen (die dritte ist Krimtatarisch, ja es ist alles ein bisschen komplizierter als man in Europa denkt).

Die Eskalation der letzten Tage hat gezeigt, dass Wladimir Wladimirowitsch Putin seinen von Clausewitz sehr gründlich gelesen hat. Und besonders dürfte ihm die Aussage in „Vom Kriege“ gefallen haben, dass der Krieg erst mit der Verteidigung der Angegriffenen beginnt. Dazu kommt eine gewaltige Desinformationskampagne in den gleichgeschalteten russischen Staatsmedien und natürlich, dass die interventionistische Politik Putins Balsam für die zutiefst gekränkte Seele der ehemaligen Supermacht ist, die nur allzu gern dem Plan von der Eurasischen Union als UDSSR2.0 folgen möchte.

Der Westen steht mit leeren Händen da. Das ist vor allem deswegen unfreiwillig komisch, weil noch vor ein paar Wochen Figuren wie Steinmeier, von der Leyen und Gauck bei der Münchener Sicherheitskonferenz herumgeschwafelt haben, Deutschland solle als Europäische Führungsmacht mehr außenpolitische Verantwortung übernehmen. Hat man nicht verstanden, dass die Kontrolle über den Gashahn die Geiselhaft der Ukraine bedingt? Hat man die Interessen der ethnischen Russen in der Ostukraine ausgeblendet? Hat man nicht gesehen, dass Janukowytsch umso mehr dem russischen Druck nachgeben musste, je mieser es um die ukrainischen Staatsfinanzen bestellt war (mit dem schönen Effekt, dass ein Gutteil der russischen Kohle jetzt in der Schweiz ist, aber das nur nebenbei)? Hat man übersehen, dass eben jener Janukowytsch, ein ganz mieser Verräter zweifellos, durch ein Verfahren (Rückkehr zu der bis 2010 gültigen Verfassung) seines Amtes enthoben wurde, das durchaus als Staatsstreich bezeichnet werden kann?

Die Vorstellung, dass die Opposition auf dem Majdan nur aus Freiheitskämpfern besteht, die einen demokratischen Staat nach westlichem Vorbild wollen, ist naiv. Nationalistische, faschistische und oligarchische Interessengruppen sind dort genau so vertreten. Insofern war es kurzsichtig von den EU-Außenministern, nach Kiew zu fahren und dort mit irgendwelchen nicht legitimierten Vertretern zweifelhafte Abkommen auszuhandeln, die wenige Stunden später Makulatur waren. Revolutionen kann man nicht steuern.

Was wird passieren? Ein Bürgerkrieg erscheint mir sehr wahrscheinlich. Von da an ist es nur noch ein kleiner Schritt zu einem Stellvertreterkrieg der jederzeit eskalieren könnte. Ein Referendum über die Spaltung der Ukraine wäre da noch der bessere Weg. Dabei muss eines klar sein: Die Russen werden niemals einem Plan zustimmen, bei dem sie die Kontrolle über die Krim verlieren würden. Fort Malakow wird kein zweites Mal fallen.

Note to self: Schlinge, Hals, usw. Musik: At The Drive In, Carnivore, Carcass, Slayer, Black Sabbath, Brant Bjork.